VATICAN-magazin

kostenlose Leseprobe

aus dem logbuch des schiffs petri

Aufgeschnappt hinter dem Sant’Anna-Tor

Caro Dottore,

seien Sie aufrichtigen Herzens versichert, dass der Heilige Vater keiner unmittelbaren Bedrohung seines Lebens ausgesetzt ist, auch wenn das weltliche Hoheitsgebiet Seiner Heiligkeit vor kurzem durch neugierige und unerwartete Blicke auf wunderbare Weise erfasst wurde. Ein seltsam anmutendes Fluggerät, Drohne genannt, hatte in unserer beschaulichen Vatikanstadt vielerlei Beunruhigung und Sorge ausgelöst. Nach der Landung des erstaunenswerten Wunderwerks moderner Technik in einem Häusergewirr unweit der Mauern der päpstlichen Residenz machten sich die erfahrenen Polizeikräfte unseres Nachbarlandes in einem Großeinsatz tapfer und mutig auf die Suche nach dem unbekannten Flugobjekt und wurden bei diesem Unternehmen sogar von einem Helikopter eifrig unterstützt. Doch hochoffiziellen Angaben zufolge gelang es nicht, des geflügelten Spions habhaft zu werden.

In unserer bescheidenen Behörde kam Unverständnis und Unbehagen auf, ist doch die Vatikanstadt und das Viertel, das sie unmittelbar umgibt, wie keine andere Region der Ewigen Stadt durch eine beeindruckende Vielzahl von Videokameras Tag und Nacht unter gestrenger Beobachtung. Ohne Unterlass wird die geringste und unbedeutendste Bewegung im Licht und Schatten von Sankt Peter aufgezeichnet. Monsignor Sottosegretario gab zu bedenken, dass das Fluggerät vielleicht noch nicht einmal ein feindliches gewesen sei. Und eine Bedrohung des Heiligen Vaters durch von Leidenschaft gepackte Söhne und Töchter des Propheten von innerhalb seines eigenen Territoriums könne wohl kaum erfolgen, da ja der Vatikan vermutlich eines der wenigen Länder Europas sei, auf dessen unmittelbaren Staatsgebiet kein einziger Flüchtling oder Migrant anzutreffen sei; die wenigen, denen sich der Apostolische Stuhl durch Laienorganisationen angenommen habe, befänden sich in vatikanischen Immobilien weit außerhalb der Nähe und Umgebung des Pontifex.

Vielleicht diente der verbotene Aufklärungsflug über vatikanischen Gefilden aber auch ganz anderen Zwecken – der Erkundigung des Lebens im pulsierenden Herzen der katholischen Christenheit. So erhob unsere Ehrwürdige Schwester Maria Misericordia Perpetua ihre nur selten zu vernehmende Stimme und gab uns mit frommem Augenaufschlag ihre Erkenntnisse weiter, die sie durch das beharrliche Durchblättern und Lesen von Boulevardblättern und Frauenzeitschriften gewonnen hatte. Der Internet-Streaming-Dienst „Netflix“ (unser junger Minutant klärte mich sachkundig und in einfachen Worten über diese technische Modernität auf) plane eine neue aufsehenerregende Papstserie unter dem Titel „The Pope“.

In dem filmischen Geschehen solle es um die Wahl Papst Benedikts XVI., dessen Amtsverzicht und die Erhebung Kardinal Bergolios zum jetzigen Heiligen Vater gehen. Für die Rolle des Alt-Papstes sei der hochgeschätzte Oscar-Preisträger Sir Anthony Hopkins, der auf der Leinwand im „Schweigen der Lämmer“ als Dr. Hannibal Lecter brilliert hatte, vorgesehen. Die Verkörperung des glorreich regierenden Heiligen Vaters Franziskus sei dem bekannten Schauspieler Jonathan Pryce anvertraut worden, der sich nebst einer Rolle in dem Abenteuerfilm „Pirates of the Caribbean“ vor allem in der Kultserie „Games of Thrones“ als der „High Sparrow“ („Hoher Spatz“), der energische und unnachgiebige Führer einer Glaubensgemeinschaft, einen Namen gemacht habe.

Der Schutz des kirchlichen Lebens in Ihrer verehrten Heimat scheint uns in vielfacher Hinsicht nicht mehr geleistet. So gehen im Westen Ihres geschätzten Landes einst katholisch gesinnte Bistümer in den Schulen einen gemeinsamen Religionsunterricht mit einer Konfession an, deren Vertreter nicht einmal mehr Bruchstücke des christlichen Glaubens kennen und ihr eigen nennen. Auch die in früher treukirchlichen Gegenden verankerten katholischen Schützenverbände scheinen Wege eingeschlagen zu haben, die nicht mehr das Seelenheil ihrer Mitglieder als erstrebenswertes Ziel haben. Der Glaube an den einen Dreifaltigen Gott, eine Lebensführung gemäß der Natur und dem Willen des allmächtigen Schöpfers und auch die heilsame Verwurzelung in der christlichen Identität der eigenen Heimat sind einem gefälligen und bequemen Mainstreaming (ein Ausdruck, den ich von unserem Minutanten übernommen habe) geopfert. Monsignor Sottosegretario empfahl, die Fahnen der Bruderschaften, die bei Aufzügen und Gottesdiensten mitgeführt wurden, Museen zu überlassen, denn den auf ihnen aufgestickten Werten „Glaube, Sitte und Heimat“ würde man nur noch mit den Füßen und nicht mehr mit dem Verstand und Herzen folgen.

In steter Ergebenheit und der Freude der Liebe

Ihr Monsignore Origlio alle Porte

Ehrenprälat Seiner Heiligkeit


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