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aus dem logbuch des schiffs petri

Bergoglios Provokationen

Die Regierungen müssen die Frage der Flüchtlinge mit Besonnenheit lösen

Vor Journalisten im Flugzeug auf der Rückreise von Kolumbien nach Rom am 10. September:

Foto: dpa

Frage: Heiliger Vater, im Namen der italienischen Gruppe möchte ich Ihnen eine Frage über die Migranten stellen, vor allem über die Tatsache, dass die italienische Kirche kürzlich – sagen wir – ein gewisses Verständnis gegenüber der neuen Politik der Regierung zum Ausdruck gebracht hat, den Aufbruch aus Libyen und damit die Ankunft in Italien einzudämmen. Es ist auch geschrieben worden, dass es dazu ein Treffen zwischen Ihnen und dem Ministerpräsidenten gegeben hat. Wir wüssten gerne, ob bei dieser Begegnung wirklich über dieses Thema gesprochen worden ist, ob es dieses Treffen gegeben hat und dieses Thema behandelt wurde, und vor allem was Sie über diese Politik denken, den Aufbruch zu verhindern, auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Migranten, die dann in Libyen bleiben – wie Untersuchungen ergeben haben – unter unmenschlichen Bedingungen in sehr, sehr prekären Verhältnissen leben. Danke.

Papst Franziskus: Zunächst einmal: Die Begegnung mit Premierminister Gentiloni war persönlicher Art, und dieses Thema wurde nicht behandelt. Das Treffen hat stattgefunden, bevor das Problem ein paar Wochen später – fast einen Monat später – aufgekommen ist. Es hat vorher stattgefunden. Zweitens: Ich fühle mich Italien und Griechenland gegenüber zur Dankbarkeit verpflichtet, weil sie den Migranten ihr Herz geöffnet haben. Doch es reicht nicht, sein Herz zu öffnen. Natürlich ist das Problem der Migranten zunächst immer, ein offenes Herz zu haben. Es ist auch ein Gebot Gottes, sie aufzunehmen, „denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,34), so heißt es in der Bibel. Doch eine Regierung muss dieses Problem mit der Tugend der Regierenden lösen: der Besonnenheit. Was heißt das? Erstens: Wie viele Plätze habe ich? Zweitens: Sie nicht nur aufnehmen, sondern auch integrieren. Sie integrieren. Ich habe – hier, in Italien – wunderbare Beispiele der Integration gesehen. Als ich die Universität Rom III besucht habe, haben vier Studenten mir Fragen gestellt; eine, die letzte, die mir eine Frage gestellt hat, habe ich angesehen [und gedacht]: „Das Gesicht kenne ich doch …“. Es war eine Studentin, die vor etwas weniger als einem Jahr aus Lesbos mit mir im Flugzeug nach Rom gereist war. Sie hat die Sprache gelernt, und da sie in ihrer Heimat Biologie studiert hatte, hat sie sich das anerkennen lassen und hier weiter studiert. Sie hat die Sprache gelernt. Das heißt „integrieren“. Bei einem anderen Flug – ich glaube, als wir aus Schweden zurückkamen – habe ich über die schwedische Integrationspolitik als Modell gesprochen, doch auch Schweden hat – mit Besonnenheit – gesagt: „Die Zahlen sind die; mehr geht nicht“, denn sonst besteht die Gefahr der Nicht-Integration. Drittens: Das, von dem Sie gesprochen haben, ist ein humanitäres Problem. Nimmt die Menschheit diese Lager zur Kenntnis? Die Verhältnisse, die Sie erwähnt haben, in der Wüste? Ich habe Bilder gesehen… Dort gibt es Schinder… Sie haben über die italienische Regierung gesprochen: Sie vermittelt mir den Eindruck, dass sie alles tut, um humanitäre Hilfe zu leisten und auch das Problem zu lösen, das nicht von ihr abhängig ist…

Jedenfalls [zusammenfassend]: Das Herz immer offen, Besonnenheit, Integration und menschliche Nähe.

Und dann möchte ich noch ein Letztes sagen, und das gilt vor allem für Afrika. In unserem kollektiven Unterbewusstsein steckt eine Devise, ein Grundsatz: „Afrika muss ausgebeutet werden“. In Cartagena haben wir heute ein Beispiel für Ausbeutung – von Menschen in diesem Fall [dem der Sklaven] – gesehen. Und ein Regierungsoberhaupt hat diesbezüglich eine schöne Wahrheit gesagt: „Diejenigen, die vor dem Krieg fliehen, das ist ein anderes Problem; doch für viele, die vor dem Hunger fliehen, sollten wir dort investieren, damit sie wachsen können.“ Aber im kollektiven Unterbewusstsein ist verankert, dass, wenn entwickelte Länder nach Afrika gehen, dann, um es auszubeuten. Wir müssen hier eine Wende herbeiführen: wir sind Afrika in Freundschaft verbunden und müssen ihm helfen zu wachsen. Die Kriege gehören zu einem anderen Problemkreis. Ich weiß nicht, ob ich das damit klar gemacht habe.


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