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Editorial

Die missbrauchte Kirche

von Guido Horst

Sie missbrauchen die Kirche, um sich Schutzbefohlene zuführen zu lassen, die sie dann vergewaltigen – um sich selbst ein wenig zu erfreuen, während sie ihren oft sehr jungen Opfern unermesslichen seelischen Schaden zufügen: die Missbrauchstäter im Klerus und in kirchlichen Einrichtungen. Als Kardinal Joseph Ratzinger bei der Meditation zum Kreuzweg am Karfreitag des Jahres 2005 im Kolosseum harte Worte über den Zustand im Inneren der Kirche wählte, wusste er genau was er sagte: „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? Wie wenig achten wir das Sakrament der Versöhnung, in dem er uns erwartet, um uns von unserem Fall aufzurichten?“ Wenig später leitete er als Papst die Wende bei der Behandlung von Missbrauchsfällen ein, wie er in den Jahren zuvor schon die Mauern des Schweigens um den Ordensgründer Marcial Maciel niedergelegt hatte, die von hochkarätigen Kurienkardinälen um diesen Priester gezogen worden waren, der seine Legionäre Christi und die Kirche mit einem Doppelleben betrogen hatte.

Seither ist alles nicht besser geworden. Die jüngste Reise von Papst Franziskus nach Chile und Peru war dafür der beste Beleg. Der Fall des Fernando Karadima Farina, dessen Pfarrei in Santiago de Chile ein geistliches Zentrum war, ist keine Personalie am Rande. Durch die „Schule“ des als charismatische Figur verehrten Priesters sind viele spätere Politiker und Kirchenführer gelaufen, auch vier Bischöfe, von denen einer, Juan de la Cruz Barros Madrid, jetzt zum Streitpunkt in Chile wurde. Eigentlich waren die vatikanische Bischofskongregation und der Apostolische Nuntius in Chile 2015 übereingekommen, Barros um den Rücktritt zu bitten, da die Gerüchte nicht verstummen wollten, dieser habe von den Untaten seines geistlichen Ziehvater gewusst, diese aber verschwiegen. Tatsächlich hat Barros zwei Rücktrittsgesuche im Vatikan eingereicht, einen als Militärordinarius, einen weiteren, nachdem ihn Franziskus trotz der Vorwürfe zum Ortsbischof von Orsono ernannt hatte. Aber der Papst gab diesen nicht statt. Am Rande des Besuchs im chilenischen Iquique redete Franziskus erregt auf lokale Reporter ein und verteidigte seine Entscheidung. Das Video läuft im Internet wie ein verirrtes Schrapnell. Auf dem Rückweg nach Rom bestand das Gespräch des Papstes mit den mitfliegenden Journalisten über weite Strecken aus Erklärungen und Rechtfertigungen. Auch eine Entschuldigung brachte Franziskus an: Vor den Reportern in Iquique hätte er nicht sagen sollen, dass es keine „Beweise“ gegen Bischof Barros gebe, sondern keine „Evidenzen“, denn Missbrauchsopfern falle es schwer, richtige Beweise vorzulegen. Offen hatte sich der Vorsitzende der Päpstlichen Kinderschutzkommission, Erzbischof Seán Patrick O’Malley von Boston, von den Worten des Papstes gegenüber den Reportern distanziert.

Aber es war ja nicht nur der Fall Karadima. In Peru lagen die Schatten um den Gründer des „Sodalitium Christianae Vitae“, Luis Fernando Figari, über dem Besuch. Figari, ein Laie, genoss früher hohes Ansehen im Vatikan und hat an zwei römischen Bischofssynoden teilgenommen. Jetzt hat der Papst das Sodalitium unter die Aufsicht eines Kommissars gestellt. Schlimm steht es in Australien, wo eine staatliche Untersuchungskommission Missbrauchsverbrechen durch Kleriker in einem Ausmaß zusammengetragen hat, dass es selbst den amtierenden Bischöfen des Landes den Atem verschlug. Stellvertretend für viele muss sich Kurienkardinal George Pell in einem Prozess den antikirchlichen Ressentiments stellen, die die Verbrechen von Klerikern in Australien in den Medien und in der Öffentlichkeit hervorgerufen haben. Die Aufregungen des Jahres 2010, etwa in Deutschland und Irland, waren keine Höhepunkte des Missbrauchsskandals, sondern eher die Spitze eines Eisbergs.


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