VATICAN-magazin

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Foto: Barbara Wenz

Jede Bekehrung ist schiere Gnade und jeder Mensch, der zum christlichen Glauben und in die katholische Kirche findet, besitzt eine ganz eigene, unverwechselbare Geschichte mit Gott, mit Jesus Christus, mit der Heiligen Schrift oder auch mit der Jungfrau und Gottesmutter Maria. Manchen erscheinen sie in nächtlichen Träumen, anderen in Visionen am hellen Tag und wieder andere werden durch die Person und das beispielhafte Vorbild eines Christen in ihrem näheren Umfeld oder auch unbekannterweise vom Glauben überzeugt. Wieder andere gelangen nie über den heiligen Schrecken hinaus, wie ihn Rudolf Otto in seinem maßgeblichen Werk „Das Heilige“ nennt: Jenes „mysterium tremendum“, jenes Erschaudern und in der Tiefe Angerührtsein, das man zuweilen beim Anblick der überwältigenden Majestät eines Gebirges, des Glanzes eines Sonnenuntergangs oder der kosmischen Pracht der Milchstraße in einer Sternennacht im Gebirge oder am Meer empfindet – das doch manchmal den Grundstein für eine Beschäftigung mit Gott legt, wo vorher Gleichgültigkeit der Schöpfung gegenüber herrschte.

Die britische ehemalige Krankenschwester und Literaturschaffende Sally Read, bekannt vor allem in der englischsprachigen Autorenszene und 2001 mit dem Eric-Gregory-Preis ausgezeichnet, wurde 1971 in Suffolk geboren, arbeitete vor allem in psychiatrischen Abteilungen und wurde dort mit unermesslicher menschlicher Verlorenheit, Isolation, psychischem wie physischem Leiden sowie scheinbar völlig sinnlosem Sterben konfrontiert. Ihr Vater hatte sie als strenge Atheistin erzogen, das Dasein ende mit dem Tod, eine Seele gebe es nicht. Die zehn Jahre alte Sally wusste, dass Religion nur Opium für das Volk sei, dass sie vor niemandem knien sollte und als junge Frau mokierte sie sich über die – angeblichen – Widersprüchlichkeiten und Absurditäten in der Bibel und zitierte Christopher Hitchens, den ebenso berühmten wie fanatischen englisch-amerikanischen Autoren und Religionskritiker.

Als ihr im Verlauf ihrer Ausbildung eine irische Nonne zum ersten Mal zeigt, wie man einen Toten wäscht und zurechtmacht und diese inmitten all der Krankenhausroutine im Sterbezimmer zu Sally sagt: „Und jetzt müssen wir noch das Fenster aufmachen, damit seine Seele gehen kann“, ist die junge Ausbildungsschwester noch völlig davon überzeugt, dass es keinen Gott gibt und so etwas wie der Gedanke an eine Seele „längst außer Mode geraten“ ist, wie sie in ihrer Bekehrungsgeschichte schreibt.

Sie bringt ihre Ausbildung hinter sich und beginnt als Twen, Gedichte zu schreiben: Über Menschen, denen sie begegnet, die sie betreut – Holocaustüberlebende, Drag Queens, pflegebedürftige Bettlägrige mit Geschwüren, die so tief sind, dass die blanken Knochen in den klaffenden Wunden schimmern, Demente mit kotbeschmierten Fingern, die nicht einmal mehr ihren eigenen Namen kennen. All diese Anblicke und Schicksale rechtfertigen, so findet sie, jedes Recht auf einen selbstbestimmten und assistierten Suizid. Gott ist ein Konstrukt der Menschen, weil diese das Wissen um die Unausweichlichkeit des eigenen Todes nicht ertragen können.

Privat geht sie oft auf Parties, auf denen viel getrunken wird und sie pflegt die eine oder andere unverbindliche Beziehung zu Männern, die sich genau so wenig festlegen wollen wie sie selbst und eigentlich alle Leute ihres Alters um sie herum. Schreiben wird für Sally zu einer Art von Ersatzreligion, im Nachhinein beschreibt sie ihre Haltung zum Verfassen von Gedichten so: „Künstler sind die wahren Schöpfer und Erlöser, die sich und ihren Themen Schönheit, Bedeutung, Unsterblichkeit schenkten; ich war abgöttisch mit der Poesie, indem ich sie als Weg der Erlösung, als Rettung vor der Trümmerhalde der Sterblichkeit sah. Der Glaube an Gott müsse dieselbe Motivation haben, dachte ich, nur dass es eben keinen Gott gab, sondern die Menschen Tod und Vergänglichkeit nicht hinnehmen konnten. Natürlich habe ich damals noch nicht erkannt, dass hinter mir, der Mutter und Schriftstellerin, dass da dieser höchste Schöpfer und Dichter stand und ich nur versuchte, Ihn zu imitieren.“

Das Bedürfnis, zu Gott zu beten und das eines Dichters, ein Gedicht zu verfassen, darin erkennt Read zwar eine starke Verbindung, doch während „die Kunst“ wahr, gut und kraftvoll ist, ist es falsch, autoritätenhörig und repressiv, zu Gott zu beten. Sie liest Sylvia Plath, John Keats, François Mauriac und Jean Rhys und ihr Ehrgeiz wächst immer weiter, ein wirklich gutes, echtes Poem zu verfassen.

Doch dann erfährt ihr geliebter Vater im Alter von 56 Jahren, dass er noch drei Monate zu leben hat. Als konsequenter Atheist lehnt er jede Form von Abschiedszeremonien ab; er möchte nach seinem Tod verbrannt werden, keine Ansprachen, keine Rituale, schon gar keine Gebete natürlich, einfach ein Knopfdruck – und … das war es dann. Das absolute Ende, der Fall ins alles verschlingende Nichts. In Sallys Trauer mischt sich eine tiefe Depression, für einen totalen, völlig sinnlos erscheinenden Verlust gibt es eben kein Quäntchen Trost, ja, es ist fast, als habe sie sich selbst verloren, ein Gefühl, wie von einer Klippe zu stürzen, ohne jemals unten aufzuprallen. Und doch hat sie den Eindruck, in tausend Fetzen zerrissen zu werden. Irgendwann in dieser Zeit – ihr langjähriger Liebhaber hat die Mittzwanzigerin ebenfalls verlassen – sitzt sie in ihrem Apartment und sagt laut zu sich selbst: „Das ist die Hölle. Ich bin in der Hölle.“

Foto: Xpress
Aus der Vogelperspektive malte Salvador Dalí 1951 den gekreuzigten Jesus in dem Gemälde „Christus des Heiligen Johannes vom Kreuz“. Kelvingrove Art Gallery und Museum, Glasgow.

In ihrem Buch über ihre Konversion mit dem Titel „Night‘s Bright Darkness“ schreibt sie über diesen Punkt ihres Lebens, sie habe die Abwesenheit Gottes so ohrenbetäubend laut empfunden, dass es ihr im Nachhinein tatsächlich als ein Beweis seiner Existenz erscheine. „Seine Unendlichkeit umfasst unsere Endlichkeit“, schreibt sie weiter im Rückblick auf das erste Keimen des Gottesgedankens in ihrer Seele. Und sie verfasst ihr erstes „richtiges“ Gedicht. Von jetzt an ist sie eine Dichterin.

In ihrer Bekehrungsgeschichte gibt es nach dem Tod ihres Vaters und dem inneren Aufruhr, dem sich Read ausgesetzt sieht, einen zeitlichen Sprung. Im zweiten Kapitel treffen wir sie wieder, inzwischen sind einige Jahre vergangen, sie hat einen Italiener geheiratet, ist mit ihm zunächst nach Sardinien, dann nach Latium gezogen. Sie wurde schwanger mit einer Tochter und dies ist zunächst eine Erfahrung, die sie in ihrem Atheismus zunächst noch bestärkt: Religion, das Bedürfnis nach Gott, scheint aus dem Trauma der Trennung von unserer Mutter zu stammen, die wir als eine Art Gottheit wahrnehmen, wenn wir noch klein sind. Doch während der weiteren Entwicklung ihres Lebens – die Kleine kommt gesund zur Welt –, wird sie später erkennen, dass sie es ist, die Mutter und Dichterin, die in den Dingen, die sie „erschafft“, nur eine Imitation des großen, des wahren Schöpfers aller Dinge ist, mehr noch als das: „Gott ist der Dichter aller Dinge“, wird sie einmal sagen können.

Doch noch fehlt das entscheidende Ereignis, das sie auch zu seinem Sohn führen wird, nachdem sie, unter den Widersprüchlichkeiten ihrer bisherigen ablehnenden Einstellung gegenüber Gott und der neuen Gewissheit, die immer stärker in ihr wächst, zusehends leidet, alles, auch sie selbst, ist ihr fremd geworden, je stärker die Erkenntnis von Gottes Existenz in ihr aufscheint. Sie kann nicht mehr schlafen, die Tochter kränkelt, ihr Mann ist überarbeitet – an einem Tag im Jahr 2010 ist das Maß voll und Sally setzt sich in eine kleine Karmeliterkirche, in der Nähe der Schule ihrer Tochter. Nicht, um zu beten, sie weiß immer noch nicht, wie das eigentlich geht, sondern um nachzudenken. In einem Interview mit mir schildert Read, was dann geschah:

„Also saß ich weinend da und schaute auf, da war diese schlichte Abbildung des Antlitz Jesu auf bemaltem Glas. Ich sagte zu Ihm: ‚Wenn du da bist, dann musst du mir helfen!‘ Und dann geschah das Unfassliche: Ich spürte, wie eine Präsenz zu mir hernieder kam und mich fast körperlich erhob. Ich hörte auf zu weinen. Als ob ich unter einer Amnesie gelitten hätte und nun jemand zu mir kam, den ich von früher gekannt hatte – und der mich mir selbst wieder zurückgab. So habe ich es in meinem Buch beschrieben. Ich wusste, es war Jesus Christus. Ich war im Frieden. Ich erkannte die Attribute Gottes – die Vergebung, die Barmherzigkeit, die Liebe. Als ich aus der Kirche herausging, war alles anders geworden.“

Tatsächlich, alle ihre Vorbehalte gegenüber der katholischen Kirche lösen sich kurz nach dieser mystisch zu nennenden Erfahrung auf – und das, obwohl wir das Jahr 2010, also das Jahr des großen Missbrauchsskandals, der die katholische Kirche erschüttert, schreiben. Sally ist Jesus begegnet und es ist ihr schnell klar, dass sie katholisch werden möchte, um ihn tatsächlich auch in der heiligen Kommunion empfangen zu dürfen.

Ihre Lektüre richtet sich, auch nach den Empfehlungen ihres Seelenführers, Father Gregory Hrynkiw, immer mehr geistlich aus: Sie liest die Evangelien, vor allem liest sie Johannes vom Kreuz, dessen „Dunkle Nacht der Seele“ sie nicht nur zu ihrem Buchtitel „Night‘s Bright Darkness“ inspiriert: „Erst als ich Gott als majestätisch, unergründbar und verborgen in der Dunkelheit wahrnahm, konnte ich anfangen, zu glauben. Natürlich, in dieser Dunkelheit, durch die wir reisen, da ist auch immer Licht, dem wir entgegen gehen, und das uns begleitet: die Person Jesu. Dies wollte ich mit dem Bild vom Schimmer und Glanz in der Nacht ausdrücken.“

Nun, da sie zuerst den Vater und dann den Sohn erkannt hat, erscheint es ihr – im Gegensatz zu vorher – völlig logisch, dass ein Priester ein Mann sein müsse und keine Frau sein könne. Auch die Lehren der Kirche zu Verhütung und Homosexualität gehören zu den ersten Hürden, die auf dem geraden Weg, den sie nun eingeschlagen hat, einfach fallen. Sie bereitet sich noch einige Monate unter der Führung von Father Gregory vor, dann wird sie im Vatikan in die katholische Kirche aufgenommen. Sie bemerkt es erst, als sie schon in der Messe sitzt – es ist der 14. Dezember, der Festtag des heiligen Johannes vom Kreuz, dessen Schriften sie so sehr inspirierten.

Die wunderbar geschriebene Geschichte ihrer Bekehrung, „Night‘s Bright Darkness“, liegt bis jetzt leider nur auf Englisch bei Ignatius Press vor. Sally Read arbeitet derzeit an einer Erzählung mit dem Titel „Die Madonna im Banyan-Baum“, denn seit ihrer Bekehrung, so sagt sie, dichte und schreibe sie allein zur größeren Ehre Gottes.


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