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zwischen euphrat un nil

Ein Volk ohne eigenen Staat

Die Kurden im Norden des Iraks wollen frei sein. Fast alle sind dagegen – nur Israel nicht. Aber dessen Unterstützung gilt im Nahen Osten als Todeskuss. Die Christen in der Region sind vorsichtig. Sie wissen, dass der Islamismus auch im sunnitischen Kurdistan Anhänger hat

Skizzen eines Orient-Reisenden – Das Tagebuch von Oliver Maksan

Kurdistan will frei sein: Wer wissen will, welche mobilisierende Wucht das Streben nach Unabhängigkeit entfalten kann, der soll sich die Kundgebungen ansehen, die derzeit den Norden des Irak elektrisieren. Das Ergebnis des Referendums, das Kurdenführer Barzani Ende September durchführen ließ, kann wenig überraschen. 92 Prozent der Wähler wollen einen eigenen Staat. Es wird für Barzani schwer werden, diesen Geist zurück in die Flasche zu locken.

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Ein freies Kurdistan bewegt aber nicht nur Kurden in der Region. Vor ein paar Jahren kam ich in Frankfurt zufällig an einer Veranstaltung der kurdischen Diaspora vorbei. Aus den Lautsprechern plärrten Lieder – vorgetragen von Männern mit enormen Schnauzbärten –, in denen von Männermut, Todesverachtung und Heldentum die Rede war. Der Kontrast zum Weltbild einer deutschen Fußgängerzone hätte größer wohl nicht sein können.

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Tatsächlich ist die kurdische Frage ungelöst. Aus dem Ersten Weltkrieg und seiner auch den Nahen Osten in den Blick nehmenden Nachkriegsordnung gingen die Kurden mit leeren Händen hervor. In die Pariser Vorortverträge schaffte es kein Kurdenstaat. Heute sind die Kurden ein über den Irak, den Iran, Syrien und die Türkei verteiltes Volk von vierzig Millionen.

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Und die Nachbarn wollen, dass das so bleibt. Die Reaktionen auf das Referendum waren fast unisono negativ. Die Vereinigten Staaten wollen den Kampf gegen den IS nicht gefährdet sehen und keine weitere Destabilisierung des Irak. Ankara und Teheran wollen kein Signal an ihre kurdischen Minderheiten gesendet sehen. Dabei verfolgt Barzani ausdrücklich keine pan-kurdische Agenda, sondern beschränkt sich auf den Norden des Irak. Bagdad will die erdölreichen Autonomiegebiete auf keinen Fall ziehen lassen. Israel wiederum unterstützt die Unabhängigkeit Irakisch-Kurdistans. Das Kalkül: Ein tendenziell westlich orientierter, nicht-arabischer Kleinstaat kann nur im Interesse Israels sein. Doch in der Welt des Nahen Ostens ist Unterstützung aus Israel ein Todeskuss. Netanjahu täte Kurdistan und seinen Zielen deshalb einen Gefallen, wenn er in Washington stille Lobbyarbeit machte und ansonsten schweigen würde.

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Die Kurden sehen ihre Unabhängigkeit auch als Preis für die Bekämpfung des IS, die ohne sie nicht möglich wäre. Ich erinnere mich an einen Besuch nahe Mossul unmittelbar nach der Eroberung der Stadt durch den IS . Zusammen mit dem chaldäischen Patriarchen Louis Raphael I. Sako besuchten wir die entstandene Frontlinie. Hohe Vertreter der Peschmerga, der den Tod verachtenden – so die wörtliche Übersetzung – Kämpfer der Kurden begleiteten uns. Der ranghöchste Offizier fiel mir wegen seiner martialischen Ausstrahlung auf. Ein paar Wochen später war er tot. Gefallen im Kampf gegen den IS. So wie ihm ging es vielen Kurden, die ihre Heimat gegen den IS verteidigten.

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Bei jenem Treffen des Patriarchen mit Peschmerga-Führern ging es übrigens vor allem um den Schutz der christlichen Orte in der Ninive-Ebene. Die Peschmerga sicherten ihre Hilfe zu. In der Nacht vom 6. auf den 7. August dann zogen die kurdischen Truppen aber ohne Ankündigung ab. Angesichts der Wucht des IS galt es, die Kräfte zur Verteidigung des Kernlandes zu bündeln. Als 120.000 Christen merkten, dass zwischen ihnen und den Dschihadisten nichts war als das flache Land der Ninive-Ebene, ergriffen sie panisch die Flucht. Jahre der Flüchtlingsexistenz in Zelt und Caravan folgten. Erst seit diesem Jahr ist mit der Vertreibung des IS an Rückkehr zu denken.

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Die Christen Kurdistans verhalten sich derzeitig vorsichtig. Sie wissen nicht, wo das Wasser hinläuft. Gewiss, sie leben besser und sicherer in Kurdistan als im Rest des Irak. Der Norden hat viele Christen aufgenommen, als es nach 2003 für Christen in Bagdad und dem Rest des Landes lebensgefährlich wurde. Auch fand der Großteil der aus der Ninive-Ebene vertriebenen und geflüchteten Christen Aufnahme in Irakisch-Kurdistan. Aber viele Christen wollen durch einseitige Parteinahme nicht zwischen die Mühlen von Kurden und Zentralregierung kommen. Außerdem beobachten sie, dass der Islamismus nicht nur von arabischen Muslimen vertreten wird, sondern auch im sunnitischen Kurdistan seine Anhänger hat.

Foto: Xpress
Eine Kundgebung der Kurden im Norden des Iraks.

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