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Spurensuche

Hoffnungssuche im entchristlichten Frankreich, Folge 8

Frühstück mit Pater André

Gespräche mit Meister Gouzes in der alten Zisterzienserabtei Sylvanès, der Kathedrale in den Wäldern

von Freddy Derwahl

Ich habe ihm beim Friedensgruß ins Ohr geflüstert: „Der Herr liebt Sie“. Wir kannten uns nicht, das machte die Situation spannend. Eine Sekunde zögerte er und schaute dem Fremden in die Augen. Dann brach es aus ihm heraus: „Dich liebt er auch mein Freund“. Ich spürte seine starken Arme, seine Hände. Strahlende Augen, als er zum Nächsten weiter ging. Selten war eine Begegnung während einer Messe so spontan. Pater André Gouzes liebt diese Überraschungen, fast sieht er sie voraus, jedenfalls rechnet er damit und stürzt darauf zu.

Es ist seine Art die Liturgie zu feiern: möglichst ein von Gesängen, Gebeten und Gesten umrauschtes Meisterwerk. Nichts anderes zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort, als ein Fest. Freude und Segen sind keine Exaltationen, sondern in permanenter Schwebe. Sie schallen von den mittelalterlichen Mauern zurück und lassen niemand unberührt, selbst die Steine singen. Barockengel und Posaunen würden sofort einstimmen, doch wollten die Zisterzienser hier nichts als kühne Strenge. Weder Ablenkungen noch Emotionen. Pater Gouzes ist ein diesem Stil ganz zugewandter Zelebrant, Regisseur und Dirigent. Ohne die Chormusik ist er nicht denkbar. Die Eucharistie gerät zum Ereignis. Die Glut von Opfer und Dank fließt ineinander über. Nimmt er Brot und Wein in die Hände, weiß jeder, dass ein Mysterium naht. Der Heilige und das Heilige. Aufbruch und Stille sind synchron, selbst in der Wiederholung immer wieder neu. Ich höre hier die schönen Worte: „Gott blüht durch Überraschungen“.

Foto: freddy derwahl
Die Zisterzienserabtei Sylvanès: romanische und gotische Spuren, Freunde nennen sie „die Kathedrale in den Wäldern von Aveyron“.

Das zisterziensische Sylvanès und der Dominikaner, das sind kontrastreiche Übergänge, überall zwei Seiten: Der Ort des mönchischen Schweigens und die gestikulierende Präsenz des Predigers. Die Einsamkeit in dichten Wäldern und die tausenden Besucher der Festivals sakraler und weltlicher Musik. Die Monotonie monastischer Psalmen und das Crescendo seiner Chöre. Die europaweite Ausstrahlung des Zisterzienserordens und die Anziehungskraft internationaler Kunst-und Kulturtermine. Die spartanische Lebensweise der Beter und Arbeiter und das bescheidene bäuerliche Umfeld im Aveyron.

Sehnsucht nach dem vereinsamten Gott

Das Nest zählt nur 121 Einwohner, ein Tante-Emma-Laden mit Poststation, bei Christophe im ländlichen Gasthof gibt es „Flaune“, ein Käsekuchen der Extraklasse, dazu Wein aus Marcelin. Aber sonst große Stille, blutrote Erde, in der Dämmerung Wildwechsel, Jäger mit geknickten Gewehrläufen. Die Abtei der massive Mittelpunkt. Die frühen Zisterzienser und die modernen Nachfolger des heiligen Dominikus trennen fast tausend Jahre, doch ist das Opus Dei der Genius dieses Ortes geblieben.

Die Freunde der erst 1975 restaurierten Abteikirche haben sie „die Kathedrale in den Wäldern“ genannt. Zwar residierten hier nur fromme Äbte und ihre verweltlichten Nachfolger, doch erhebt das aus dem zwölften Jahrhundert stammende Bauwerk so etwas wie einen Machtanspruch. Markant stehen die Restgebäude in dem abgelegenen Tal. Mit fast fünfzehn Metern ist es die breiteste Zisterzienserkirche Frankreichs, gemessen an ihrer Höhe ähnelt sie mit ihrer mächtigen Orgel einem Saalbau. Tritt man hinein, wird die Stille vor dem Heiligen noch größer, Sylvanès ist eine Halle, zwischen den romanischen und gotischen Spuren muss man den Weg suchen.

Die Mauern gehen in die Wälder über, als sei es selbstverständlich, dass diese Kirche nur hier erbaut werden konnte. Selbst in der Verlassenheit, im Niedergang als Ruine hat sie den vereinsamten Gott nicht preisgegeben. „Raum ist Sehnsucht“, schrieb der Architekt Dominikus Böhm in der Nachfolge von Romano Guardini. Hier, ohne Säulen und Gestühl, ist diese „Sehnsucht“ besonders groß. Starke Einfälle für gebündeltes Licht, das Gewölbe aus Tuffstein gewährt eine einmalige Akustik, fast zu viel Platz zum Beten.

Nur Glas, Balken und Bücher. Die Zelle, das chaos des Künstlers.

Einzige Ornamente sind Glas-und Wandsymbole, Maria und die zwölf Apostel, verschlungene Details von Pflanzen, Blättern und Wasserläufen, die in dieser Wüste aus Kalkstein nur spärlich fließen, wie im Versteck ein triumphierender Christus. Wohin man blickt, herrscht radikale Reinheit. An das klösterliche Regime erinnert allein die steile Treppe, die vom Schlafsaal der Mönche direkt in den Chor führt. Schlug um 2.30 Uhr die Glocke, eilten sie von ihren Strohsäcken zum Nachtoffizium. Es war der kürzeste Weg, ihre ersten Worte: „Gott, komm mir zur Hilfe“. Das Flehen gilt immer noch.

Der heilende Ort für zerrissene Herzen

André Gouzes ist ein großer, kräftiger Mann mit unverkennbarer Stimme. Als er in den frühen siebziger Jahren Sylvanès entdeckte, war es wie eine Rückkehr zu seinen Ursprüngen. Das Aveyron ist seine Heimat, 1943 wurde er in Brusque geboren, dieser Name bedeutet „plötzlich, jäh, abrupt“; betrifft es eine Person, hat das Wort einen heftigen, vorwärts drängenden Klang. Da ist etwas von seinem Naturell: Aufbruchstimmung. Sie erinnert auch an den räuberischen Gründer des Ortes, Pons de l´Heras, die hier zu Gott zurück fand. Ebenso resolut entschied sich Gouzes für den Dominikanerorden, er wollte zu den Menschen gehen, sie aufrütteln, sie nicht allein lassen, mit ihnen musizieren.

Nach Aufenthalten in Toulouse und Kanada gerät der Dreißigjährige in eine schwere Krise: Die Flügelkämpfe um Theologie und Liturgie haben ihn zermürbt. Er denkt ernsthaft daran, den Orden und sein Priestertum zu verlassen. Sylvanès ist seine Rettung. Obwohl nur noch Scheune, Schafstall und Geräteschuppen stehen, obwohl ohne Strom und Wasser, ist der verirrte Mönch von dem Ort fasziniert. „Eine Unterkunft wie für Clochards“, nennt er dieses Verlies. Er findet zu seiner Berufung zurück und hält in der Restkirche Gottesdienste ab. Sein Orden, dem zu diesem Zeitpunkt so abenteuerliche Köpfe wie Congar, de Lubac, Schillebeeckx oder Bruckberger angehörten, gewährte ihm eine unbegrenzte Sabbatzeit.

Foto: freddy derwahl
Pater André Giuzes: Sonntags wechselt er Jeans und T-Shirt mit dem weißen Habit der Dominikaner.

Pater Gouzes, der bei Kerzenschein in der eiskalten Kirche singt und Orgel spielt, ist ein Musikgenie. Die verängstigten, trostlosen Liedchen der Nachkonzilszeit kann er nicht mehr hören und beginnt sein bis heute nicht abgeschlossenes Opus: „Liturgie chorale du peuple de Dieu“. Das mitreißende Meisterwerk für das Volk Gottes gelingt. Vergessene Gesänge der West- und Ostkirche fließen darin ein, uralte gregorianische und byzantinische Traditionen leben wieder auf, und helfen, ihn wieder mit der angeschlagenen Kirche zu versöhnen. Seinem Freund, dem orthodoxen Theologen Olivier Clément, vertraut er an, dass die östliche Liturgie seinen Glauben und seine christlichen Wurzeln gerettet hat, sie ist „der heilende Ort für zerrissene Herzen“.

Zusammen mit seinem polnischen Weggefährte Michel Wolkowitzky schaffte er ein musikalisches, kulturelles und spirituelles Gesamtkunstwerk, das Menschen aus aller Welt nach Sylvanès lockt. Die großen geistlichen Strömungen fließen zusammen. Die Besucher beten wieder, die vermeintlich Ungläubigen horchen auf und singen mit.

Selbst staatlich-laizistische Sponsoren haben Pater Gouzes geholfen, vier Kilometer entfernt in den Wäldern ein Anwesen zu errichten, das sie „La Grange“, die Scheune, nennen. Ein Unikum für einsame Sucher, eine Bleibe für fünfzig Gäste, eine zweigeschossige Bibliothek, ein Kreuzgang mit ständiger Ausstellung, Arbeitstische, Schlafsäle, überall Instrumente. Kartäuserkloster und Kulturzentrum zugleich. Nur einige Schritte entfernt entstand eine orthodoxe Holzkirche, eine Liebeserklärung an die Ökumene. In dieser Lichtung der Künste und des Glaubens hat sich André, wie ihn hier alle nennen, zurückgezogen. Hieronymus im Gehäuse, nur Glas und Balken. Eine kleine Zelle mit Leiter hinauf zu seinem Schlafplatz. Künstlerchaos, Bücher, Kassetten, Stiefel, Papierhaufen. Sonntags wechselt er Jeans und T-Shirt mit dem weißen Dominikaner-Habit, braust mit dem Moped zur Abtei und fällt all den Menschen, die auf ihn warten, in die Arme.

Ein Abenteurer im Orden der Freiheit

Der Zufall hat mich auf Umwegen hinauf zur Scheune geführt. Ein Fremder in der Fremde, keine Verabredung, nur etwas neugierig. Als ich die Türe öffne, schallt eine bekannte Stimme: „Da kommt jemand, den ich kenne“. Es ist der Meister selbst, André, der musikalische Magier. Sein Kuss, seine packende Hand. „Lass uns zusammen frühstücken“. Unter der Lampe eine englische Literatur-Studentin und ein polnischer Pianist. Sie fast noch ein Kind, er schlank, blass, slawisch. „Nimm starken Kaffee“, sagt André, auf dem Tisch Bauernbutter, Landbrot, Schafskäse, Töpfe mit Aprikosen- und Pflaumenmarmelade. Im Kamin brennen Holzscheite, er steht in der Mitte des Raumes nach allen Seiten offen, das Rohr führt zum Dach, ringsum ein Dutzend Sitzplätze. Hier ist alles Musik und Feuer. Auch Pater Gouzes, der es liebt, vor der Glut bis in die Nacht zu diskutieren, vorzugsweise über Kompositionen und die französische Kirche.

Zunächst stellt er klar: Er ist ein Gegner von Institutionen, die Charisma ersticken, in denen denunziert und verboten wird. Er sagt es den Bischöfen schmunzelnd-sarkastisch. Er ist traurig, wenn die Obrigkeit die Herzen enttäuscht. Den Bedenkenträgern im Orden hält er entgegen: „Weshalb kommen kaum noch Jugendliche?“ Kein Wunder, dass er im Konvent nicht zu halten war, aber die Nachfolger des heiligen Thomas von Aquin sind kluge Brüder, sie ließen ihn ziehen, ohne dass er sie verlassen musste. Das sagt auch er: „Ich kenne großartige Männer bei uns, wir sind der Orden der Freiheit“.

André Gouzes liebt sein Land, die Erde, die Heimat. Er weiß, dort, wo den Zisterziensern die Einsamkeit und das Wasser reichte, wo die Templer stürmten und Banditen die Pilger nach Santiago di Compostella ausraubten, ist die Nachbarschaft spannend. In Albi wurden Ketzer und Katarer hingerichtet. In Béziers rief Arnaud Amaury, der Päpstliche Legat und Abt von Cîteaux, den Landsknechten zu: „Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen“. 1791 vertrieben „freie und brüderliche“ Revolutionäre die wehrlosen Mönche und rissen alles nieder. Das Baukunstwerk geriet zum Steinbruch. Der Glaube war jedoch den kleinen Bauern nicht auszutreiben und hat später den Meister in seinem Glauben an einen Neubeginn bestärkt. Es entstanden Freundschaften fürs Leben. Betritt er die Kirche, wird es handgreiflich, für jeden ein Wort, eine Hand, ein Lachen. Es ist eine Vertrauensgeschichte, jeder packt für den anderen an. Sylvanès, das heißt die Wälder. Ohne André hätte kein Mensch je von diesem Ort gesprochen. Jetzt kommen sie aus Toulouse und Montpellier zur Sonntagsmesse. Festtage, Vesper und Vigil werden wieder gefeiert. Er in der Mitte, sein Chor dreißig, vierzig Männer und Frauen, einfach und kräftig, sie reißen alle mit.

Beide Fäuste fest auf dem Herzen

Dann zeigt er mir seine Scheune, streichelt Bücher, Notenblätter und Instrumente. Im leeren Speichersaal spielt der junge Pianist Schubert, Impromtu N°3, allegretto. Die Tannenzweige reichen bis ans Fenster. Im Kreuzgang Brunnenwasser und die Werke polnischer Künstler. Die Statue Johannes des Täufers entstand unter dem Einfluss des Krakauer Erzbischofs Sapieha, einem geistlichen Vater des heiligen Johannes Paul II. Die Stimme des Rufers in der Wüste, der erhobene Arm, beide Fäuste fest auf dem Herzen. Der letzte Prophet, sagt André, der Vorläufer: „Es wird ihm den Kopf kosten“.

Foto: freddy derwahl
Steine und Gewölbe: Die Besucher beten wieder, die vermeintlich Ungläubigen horchen auf und singen mit.

Die Bücher, die Wälder, die Musik. Er spricht über die Schönheit Gottes und geht weit bis in die ersten Zeilen der Genesis zurück: „Denn er sah, dass es gut war“. Wie könnten wir leben, wenn sich diese Schönheit nicht jeden Tag über die Hässlichkeit der Sünde und des Unglücks erheben würde? Er liebt „Orte der Anfänge“, deren stille Schönheit in die Transzendenz führt. „Die Kirche spricht in der Schönheit… sie weckt in uns die Nostalgie nach dem Unendlichen…“. Doch treibt er keine Schönfärberei, der von der Schönheit berührte Mensch ist zugleich zerrissen und zerbissen. In den Briefen von Van Gogh hat er gelesen: „Mit meiner Arbeit riskiere ich mein Leben und meinen Verstand“. Auch er, der Meister, weiß wovon er spricht: „Die Schönheit ist der Sieg des Menschen über die Nacht.“

Das Drama von Sylvanès: André Gouzes ist krank, die Demenz hat begonnen. Wenn er zögert und zittert, will er es sich nicht anmerken lassen. Er möchte mir noch dringend seine neuen Kompositionen vorspielen und kehrt nicht zurück. Während der Messe muss ihn ein Helfer auf Schritt und Tritt begleiten. Lächelnd lässt er zu, dass man ihm die Seiten wechselt. Während der Predigt verliert er den Faden und sagt, er sei nicht mehr der Jüngste. Dem von ihm entworfenen Choral zu folgen fällt ihm schwer. Nach dem Gottesdienst braucht er Ruhe. Noch ein gutes Wort, ein strahlendes Lachen, dann verschwindet er hinauf in den Wald.


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