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Streitfragen

Gott lässt Prüfungen zu

Nicht ändern, aber erklären: Warum die sechste Vaterunser-Bitte „...und führe uns nicht in Versuchung“ nicht neu übersetzt werden muss

von Walter Kardinal Brandmüller

Juan de Flandes „Die Versuchung Jesu“, Ausschnitt, um 1504, National Gallery of Art, Washington, D.C.
Foto: Visipix

Wer an heilige Texte mit der Absicht herantritt, sie anzupassen, zu berichtigen, der begibt sich auf glattestes Eis. Zu sehr sind die heiligen Worte in das Innerste der Menschen eingesenkt, eingewurzelt, als dass ein Eingriff in ihr Gefüge nicht verwirren, verwunden müsste. Als man jedoch im Ave Maria statt „Weiber“ „Frauen“ sagte, leuchtete das ein. Auch als im Vaterunser das „Übel“ durch „erlöse uns von dem Bösen“ ersetzt wurde, hatte das einen guten, sogar tieferen Sinn. „Von dem Bösen...“ konnte in der Tat „das Böse“ meinen, aber auch „den“ – real existierenden – „Bösen“.

Und nun also: „...führe uns nicht in Versuchung“! Kann das wirklich so stehen bleiben? Setzt diese Bitte nicht einen Gott voraus, der sein Geschöpf geradezu hinterhältig in Versuchung führen kann? Und: Was ist „Versuchung“? Darüber zerbrach sich vor kurzem alle Welt die Köpfe. Es lohnt sich indes, genauer hinzusehen.

Um Versuchung geht es also – und wer denkt da nicht an die Verlockungen, die von Dingen ausgehen, die Genüsse, Geld, Macht und Ehren versprechen. Dinge, an die auch Satan gedacht hat, als er Jesus in Versuchung führen wollte. In der Tat wird Versuchung im Neuen Testament durchaus als Verlockung zur Sünde verstanden.

Auch wenn Jesus vom „Ärgernis“ spricht und sagt: „...wenn deine Hand dich ärgert, dann hau sie ab“, dann meint er damit, wenn sie dich „in Versuchung führt“.

Wenn aber an anderen zahlreichen Stellen der Heiligen Schrift von „Versuchung“ die Rede ist, dann hat dieses Wort eine besondere Bedeutung. Da geht es um die Existenz des Jüngers Jesu in dieser dem Bösen verfallenen, ihm feindlichen Welt. Da geht es darum, wie der Christ den Herausforderungen standhalte, vor die er sich in „dieser Welt“ gestellt sieht. Im 2. Petrusbrief heißt es etwa, der Herr könne die Frommen aus der Versuchung retten, und als Beispiel dafür wird auf den frommen Lot verwiesen, der die Sünde der Leute von Sodom und Gomorrha vor seiner Haustür Tag um Tag ertragen musste – und, so die Heilige Schrift: „...das quälte diesen Gerechten“. Das war die „Versuchung“ für Lot. Eine andere Art von „Versuchung“ bereitet dem Christen der Widerstand, die Feindseligkeit, die er seitens seiner ungläubigen Umgebung erleiden muss. „Dadurch soll sich eure Standfestigkeit im Glauben herausstellen“ (1 Petr 1,6).

Foto: Xpress
„Die Versuchung Jesu“ ist auch Thema der Mosaike aus dem 12. Jahrhundert im Markusdom in Venedig.

Da diese Prüfung hart sein kann, folgt die Mahnung: „Geliebte, lasst euch durch die Feuersglut, die zu eurer Prüfung über euch gekommen ist, nicht verwirren.“ An beiden Stellen steht im Griechischen für „Prüfung“ das gleiche Wort wie für „Versuchung“: Peirasmos. Und wieder eine apostolische Ermahnung: „Nehmt es voll Freude auf, wenn ihr in mancherlei Versuchung geratet. Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt…“.

Im Gleichnis vom Sämann spricht Jesus von einem Hörer, der „das Wort“ freudig aufnimmt, in Bedrängnis und Verfolgung jedoch gleich zu Fall kommt... So bei Matthäus und Markus. Lukas indes nennt hier statt Bedrängnis und Verfolgung einfach „Versuchung“. Das heißt, dass es beide Male um die Versuchung zum Abfall von Jesus geht. Diese aber ist die Versuchung schlechthin. Eben darauf bezieht sich Johannes in Offenbarung 3,10. An die Kirche in Philadelphia: „...werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über die ganze Erde kommen soll, um die Bewohner der Erde auf die Probe zu stellen“.

Von besonderer Aussagekraft ist jedoch, was der Apostel Paulus an die Christen in Korinth schreibt (1 Kor 10,11ff). Er weist darauf hin, dass es sich bei dieser „Versuchung“ um ein für die Endzeit der menschlichen Geschichte charakteristisches Element handelt. Endzeit – das ist eine Zeit, die mit dem Kommen Christi beginnt und mit seinem Wiederkommen enden wird: Er schreibt an „uns, die das Ende der Zeiten erreicht hat. Wer aber zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht falle. Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft versucht werdet. Er wird euch mit der Versuchung auch einen Ausweg schaffen, so dass ihr sie bestehen könnt.“

Damit ist eindeutig auf die endzeitlichen Bedrängnisse hingewiesen, in denen der Christ Standhaftigkeit und Treue zu beweisen hat.

Wie aber ist es zu verstehen, wenn gebetet wird, der Vater im Himmel möge uns „nicht in Versuchung führen“? Im ganzen Zusammenhang gesehen meint die Bitte, Gott möge verhüten, dass wir in eben jene Situationen geraten, in denen die Gefahr droht, vom Glauben abzufallen. Darum gilt es in der Tat zu beten. Wer dächte da nicht an jene ägyptischen Christen, denen die Mörder des IS die Kehle durchgeschnitten haben, da sie sich weigerten, Christus zu verleugnen. Vor einer solchen Prüfung bewahrt zu werden: Darum darf man wohl beten. Das meinte auch der heilige Cyprian von Karthago, der in seiner Auslegung des Vaterunser die sechste Bitte so übersetzt: „Et ne nos patiaris induci in tentationem – lass nicht zu, dass wir in Versuchung geführt werden“. Fast mit gleichen Worten erklären auch Tertullian († ca. 200 n. Chr.) und mit ihm andere frühchristliche Autoren – sogar der Irrlehrer Markion (†160 n. Chr.) – die sechste Vaterunser-Bitte.

Keine Frage, dass die Erfahrung der Versuchbarkeit in vielerlei Form zum Lebensalltag des Christen gehört. Wenn aber der Bischof Cyprian inmitten der Verfolgung, in der er selbst das Martyrium erlitt, diese Sätze schrieb, dann meint er mit Versuchung gewiss nicht irgendetwas Alltägliches. Da ging es ihm um Leben und Tod.

Und zum Schluss: Im ganzen Vaterunser komm das Wort „ich“ nicht ein einziges Mal vor. Das verbietet eine vorwiegend auf die je eigene Person des Beters bezogene Auslegung. Es ist die Gemeinschaft der Jünger, die Kirche bittet als ganze für die gesamte Kirche. Auch darum, dass sie – und natürlich jedes ihrer Glieder – von der äußersten „Versuchung“, Prüfung ihres Glaubens und ihrer Treue verschont bleibe. Eben dieser Zusammenhang verbietet eine individualistische Auslegung der sechsten Vaterunser-Bitte.

Sollten wir also deren Text ändern? Nein! Gewiss nicht! Nicht ändern, sondern erklären. Eingriffe in heilige Texte bei der Übersetzung in – sich kontinuierlich wandelnde – moderne Sprachen sind wie Operationen am offenen Herzen. Und: Wollen wir wirklich wieder ein eigenes „katholisches“ Vaterunser? Sollten wir nicht dankbar dafür sein, dass wir wenigstens das Gebet, das der Herr uns zu beten gelehrt hat, mit den anderen Christen deutscher Sprache gemeinsam beten können?


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