VATICAN-magazin

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Ach Nee, Kinder ...

In memoriam Klopferis

von Alexandra Maria Linder

Gerade bin ich aus dem Haus zur Chorprobe, da klingelt schon das Handy: „Mama, Klopfer ist gerade gestorben!“, schluchzt C-Kind. Wir hatten schon seit Wochen damit gerechnet. Am Nachmittag, als er, vornehm in ein weiches Handtuch auf den Arm gekuschelt (er liebte das, und es hatte den Vorteil, Kinder- und Mamaklamotten vor Flecken und strengen Gerüchen zu bewahren), in seinen Pirk (sauerländisch für eingezäunte Freilauffläche im Garten) sollte, atmete er schwer und pfiff wörtlich aus dem letzten Loch. Schon seit Tagen lag er meistens herum und fraß nicht mehr viel, nicht einmal mehr seine geliebten Blüten des heimischen Spitzwegerichs. Ja, früher, als er noch ein junger Spund war, da tobte er mit Kumpel Chili umher, dass die Streu nur so durch den Flur staubte. Tragen ließ er sich gar nicht gern, mit Vergnügen strampelte er wild vor sich hin, hüpfte vom Arm und genoss es, mit lautem Getöse und Kindertrara auf Nachbars Wiese, wenn es ihm genehm war, wieder eingefangen zu werden.

Seine erste Reise machte er im Bollerwagen von Wilde Wiese nach Weuspert. Selbiger war eigentlich für C-Kind auf der langen Wanderung reserviert. Vor Ort im Gasthof entdeckten A- und B-Kind den Hasenstall – „wie süüüüßßßß!!!!“ Lauter kleine Kaninchen. „Den da muss ich haben! Den schwarzen!“ „Und ich den mit den Flecken!“ Der elterliche Widerstand (das hatten wir schon mal), torpediert von enkelaffinen Großeltern, brach schon nach Minuten, so dass das entzückte C-Kind den Bollerwagen auf dem Rückweg mit Klopfer und Chili teilte.

Natürlich hatte Mama Linder zwischenzeitlich die meiste Arbeit mit dem Karnickelvieh, zum Glück Vierbeinern gleichfalls zugeneigt. Ja, es ist wirklich total sinnvoll, Kindern ein Tier anzuvertrauen. Und Hoppel und Krümel, die Vorgänger der Bollerwagen-Besatzung, hatten die ABC-Pflege auch lange überlebt. Gelegentlich aber hätte Mama L. am liebsten auf die ganze Sinnhaftigkeit gepfiffen und sich des Viehzeugs einfach entledigt: Die Hasen? Ach tut mir leid, die sind durch ein Loch im Zaun entfleucht. Vermutlich hätte es keine zwei Stunden gedauert, bis einer der Füchse oder Marder sich über die unerwartet leichte Mahlzeitbeute hergemacht hätte. Nein, das konnte ich ihnen nicht antun. Also ab in den Garten und Essen sammeln – na gut, auf dem Land ist das zwischen April und Oktober nicht so schwierig. Giersch und Löwenzahn standen auf der Speisekarte ganz oben.

Klopfer hatte ein aufregendes Leben: Er reiste in Autos und in Schuhkartons, wurde in Kinderbetten gekuschelt. Er entging, im Gegensatz zu vielen Nachbarkarnickeln, der Myxomatose und der Chinaseuche und streckte sich am liebsten draußen in einem schattigen Eckchen zwischen Gras, Klee und Löwenzahn aus. Als er allein war, wollten wir ihn in Gesellschaft zu zwei anderen, jüngeren Hasen geben. Unser Senior fühlte sich dort aber nicht wohl und wollte lieber nach Hause, seine Ruhe haben.

Auf seine uralten Tage, als er seine Kumpels schon längst methusalemig überlebt hatte, musste er wegen nässender Augen doch einmal zum Tierarzt. Dieser ging derart rüde mit ihm um, dass Klopfer kurz vor dem Herzinfarkt stand und wir beschlossen, ihm keinen weiteren Arztbesuch mehr zuzumuten. Einige Wochen später stieß abends unser Nachbar, Herr Rotmilan, kurz vom Himmel, in der Hoffnung auf einen Nachtsnack, verfehlte sein Ziel aber ein wenig, so dass Klopfer nur eine kleine Wunde auf dem Rücken davontrug.

Foto: Xpress

Fliegen konnte er auch: A-Kind, zu Besuch, sonnte sich auf dem Dach des Carports und holte sich ihren alten Hasen als Gesellschaft. Dieser, inzwischen ziemlich blind und taub, hoppelte munter los und kippte über die Brüstung. Die Fallhöhe von knapp drei Metern steckte er weg wie nix, schüttelte sich, stellte plötzlich fest, dass er wieder einmal frei war und stolperte abenteuerlustig weiter.

Sein Name war übrigens Programm: Wenn ihn etwas störte oder ärgerte, klopfte er laut mit einer Pfote auf den Käfigboden. Gerne nachts um drei.

C-Kind hat, ohne pädagogisch wertvolle Vorbereitung, an Klopfers Todestag viel gelernt. Sie hat es, als empathischstes Mitglied der Familie, als Erste geahnt und war dabei. Sie hat gelernt, dass Tiere sich zum Sterben zurückziehen und nicht gestreichelt werden wollen. Und sie hat Klopfer gemeinsam mit Papa würdig auf unserem reichhaltig gefüllten Tierfriedhof im Garten bestattet. Neben Hoppel, Krümel, Mümmel, Chili, diversen Vögelchen, die aus dem Nest gefallen waren, und anderem auf unserem Grundstück verstorbenen Getier.

Immer noch ertappe ich mich dabei, wie ich morgens aus dem Büro komme, um Kaffee zu holen oder Wäsche aufzuhängen, und zum Käfig hinüber „Na, Klopfer, wie ist die Lage im Hasenstall?“ rufe oder eine andere Konversation mit dem Vierbeiner beginne. Wir vermissen ihn. Immer noch fallen mir große Löwenzahnblätter sofort ins Auge und die Bohnenspitzen muss ich unbedingt verwahren.

C-Kind hat kürzlich verkündet, dass sie unbedingt zwei neue Exemplare wünscht, natürlich nur aus tierischen Gründen – einer wäre zu einsam. Na denn.

Die Autorin ist Mutter von drei Kindern und genießt die Freuden des elterlichen Daseins im schönen Sauerland.


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