VATICAN-magazin

kostenlose Leseprobe

Literatur mit Geist und Seele

„Katholisch, das sollten und wollten wir doch bleiben“

Heinrich Böll: Der Vielschichtige

von Stefan Meetschen

Drei Faktoren waren es aus Sicht von Marcel Reich-Ranicki, die dazu führten, dass der Schriftsteller Heinrich Böll (1917–1985) nach dem Zweiten Weltkrieg zum weltweit verehrten Repräsentanten des „neuen Deutschland“ werden konnte: Erstens „seine leicht zugänglichen Romane und Geschichten“ mit ihren „stets unheroischen Helden“, zweitens sein Wirken „als moralische Instanz“ in zahlreichen Reden und Interviews und drittens sein Charisma. „Das Fluidum, das von Bölls Person ausging und das in der privaten Sphäre ebenso spürbar war wie in seinen öffentlichen Auftritten und natürlich auch auf dem Fernsehschirm, diese den Schauspielern gern nachgerühmte ,Ausstrahlung‘ hat ihm oft den Weg geebnet und schließlich zur Verbreitung seines Werks beigetragen.“ („Letzter Abschied“, in: Marcel Reich-Ranicki: Mehr als ein Dichter. Über Heinrich Böll, 1994)

Drei Faktoren, die mehr als dreißig Jahre nach Bölls Tod und hundert Jahre nach seiner Geburt seltsam fremd und verschwommen wirken. Natürlich, seinen Namen hat man – gerade im Jubiläumsjahr – nicht vergessen. Wenigstens ein paar seiner satirischen Geschichten wie „Dr. Murkes Gesammeltes Schweigen“ oder „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ liest man als moderne Klassiker weiterhin. Doch ansonsten? Die zeitgeschichtlichen Fragen und Probleme, welche das Leben und Denken von Böll prägten, scheinen einer weit entrückten Epoche anzugehören. Die Trümmer des Krieges, der trügerische Friede des Wirtschaftswunders, das Suchen nach Gerechtigkeit und Wahrheit umgeben von linkem Terrorismus, Springer-Kampagnen und pazifistischer Nachrüstungsangst – „tempi passati“.

Zeitlos und hochgradig aktuell scheint hingegen ein anderer, vierter „Faktor“ des Kölner Schriftstellers zu sein, der viele konservative Katholiken und progressive Linke in Deutschland zu seinen Lebzeiten irritierte: seine religiöse Haltung, sein Glaube, der stets etwas Geheimnisvolles und gleichzeitig Anarchisches hatte. Aus gutem Grund. Waren es doch radikale katholische Schriftsteller wie Leon Bloy und Georges Bernanos, Evelyn Waugh und Gilbert Keith Chesterton („unser großer, jahrelanger Favorit“), die den jungen Böll anzogen und ihm eine „ungeheure Befreiung“ ermöglichten aus dem „etwas muffigen Katholizismus“ der rheinländischen Provenienz. Wobei schon der junge Böll („Katholisch, das sollten und wollten wir doch bleiben“) schon früh eine gewisse Ambivalenz gegenüber der Institution Kirche entwickelte, wie Klaus Schröter in seiner vorzüglichen Böll-Biographie aufzeigt. So blieb Böll nach 1933 Mitglied einer Marianischen Jugendkongregation, doch „die komplette Heuchelei und Verkennung der menschlichen Sexualität durch die katholische Kirche“ behagten ihm schon damals nicht ebenso wenig wie der Baustil mancher Kölner Kirchen, inklusive des Doms. Böll bevorzugte die romanische Schlichtheit, die gut zu seinem bescheidenen Wesen passte, zu seiner leisen, aber nicht immer ruhigen Stimme.

Foto: Xpress
Das nach dem Krieg völlig zerbombte Köln, die Heimatstadt von Heinrich Böll.

Doch so früh Böll sich auch literarisch gegen einen alltagsfernen Gebrauch der kirchlichen Sakramente aussprach – sie blieben ihm stets, ebenso wie die heilige Messe, ein wichtiges Fundament seines Lebens. So schreibt der Soldat Böll aus Frankreich am 30. August 1942 in einem Brief: „Heute war ein hoher Festtag für mich, ich bin überaus glücklich, obwohl ich nun schon Tage fast ohne Schlaf und unsagbar müde bin; glücklich bin ich, weil ich eine Messe gehört und kommuniziert habe; ach, niemals im Leben hätte ich gedacht, dass mir eine Messe so kostbar werden könnte …“. Im Jahr 1956 bei einem Besuch in Warschau wurde Reich-Ranicki persönlich Zeuge der Zielgerichtetheit des Böll’schen Katholizismus. So erinnert sich der Literaturkritiker in seiner Autobiographie „Mein Leben“, dass Böll unmittelbar nach seiner Ankunft in der polnischen Hauptstadt nur einen dringenden Wunsch verspürte: „...Böll (war) an Sehenswürdigkeiten nicht interessiert. Vielmehr wollte er unbedingt und sofort zur Messe gehen.“

Dass Böll in Interviews gern mit seiner distanzierten Haltung gegenüber kirchlichen Würdenträgern kokettierte, ist bekannt. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es dem Menschenfreund Böll gerade nicht darum ging, Priester und Bischöfe als Menschen zu verurteilen. Er unterschied lediglich den Rang und die Würde. Der äußerliche Rang bedeutete ihm nichts, die Würde alles. Was ihm an kirchlichen Würdenträgern besonders imponierte, war der Abstand zu politischen Parteien, Organisationen und Machthabern. Diesen Abstand sah er in Polen verwirklicht. Jedenfalls antwortete er 1957 auf die vom „Kölner Stadtanzeiger“ gestellte Frage, mit welchem Menschen er sich gern vertrauensvoll unterhalten würde: „... mit dem Primas von Polen, Kardinal Wyszynski“, weil er „seine außerordentliche Klugheit bewundere, die Strenge und den Ernst seiner Entscheidungen“. (Vgl. „Heinrich Böll und Polen“, hrsg. von der Heinrich Böll-Stiftung, 2004) Im berühmten „Brief an einen jungen Katholiken“ (1961) machte Böll deutlich, dass „die Fast-Kongruenz von CDU und Kirche verhängnisvoll“ sei, „weil sie den Tod der Theologie zur Folge haben“ könne; es sei „doch einfach nur peinlich, nichts anderes als peinlich, wenn man Stellungnahmen von Theologen zu politischen Fragen liest; das ist stramm auf Bonn gezielt und man spürt hinter jedem Satz einen Eifer, der auf das Schulterklopfen wartet.“

Als engagierter Schriftsteller hielt Böll allerdings auch selbst nicht immer Abstand zur Politik, mochte er sein Engagement für den SPD-Kanzlerkandidaten Willy Brandt auch damit rechtfertigen, dass dies ein Einsatz für Brandt und nicht für die SPD sei.

Foto: Xpress
Kannten und verstanden sich, auch wenn sie lange nicht in allem einer Meinung waren: von links nach rechts Heinrich Böll, Günther Grass und Bundeskanzler Willy Brand.

Zu Beginn der 1970er Jahre entschied sich Böll, keine Kirchensteuer mehr zu zahlen. „Die Verankerung, die die Kirchen in der Bundesrepublik haben via Kirchensteuer, habe ich noch keinem Ausländer erklären können, weil es keiner versteht, weil keiner glaubt, dass es wahr ist, dass nämlich die Kirchen zehn Prozent der Einkommenssteuer oder der Lohnsteuer per se bekommen, automatisch. Das ist gesetzlich geregelt, da gibt's keinen Pardon. Das gibt ihnen Einkommen und eine Basis wie einem Großunternehmen ... Diese Basis halte ich ohne jede Einschränkung für kriminell...“. (zit. nach Schröter, S. 111). Vier Jahre nachdem er den Nobelpreis erhalten hatte, trat Böll („ich glaube nicht, dass der deutsche Katholizismus regenerierbar ist“) aus der Kirche in Deutschland aus – wobei er betonte, dass er lediglich „aus der Körperschaft (...) ausgetreten“ sei; dem „Körper“ fühlte er sich „noch zugehörig“. (ebd. S. 112)

Eine deutliche Anspielung auf den universalen mystischen Leib, den die Kirche jenseits von deutschen Steuerkassen bildet. Völlig im Einklang mit dieser Haltung des Gläubigen steht, was die Literaturwissenschaftlerin und Theologin Elisabeth Hurth im Jahr 2010 in einem Artikel in der „Herder-Korrespondenz“ konstatierte: „Bölls Theologie war in mancher Hinsicht vorkonziliar ausgerichtet, vor allem die Liturgiereform des Zweiten Vatikanums lehnte er in weiten Teilen ab.“

Heinrich Böll war vielschichtig – als Mensch, als Schriftsteller, als Katholik.


Sie lesen die Vorschau

e-paper-abo

Schließen Sie jetzt ein E-Paper-Abo ab, um vollen Zugriff auf alle Artikel zu erhalten

Abonnieren

print + e-paper-abo

Schließen Sie jetzt ein Printabo ab mit E-Paper-Zugriff auf alle Artikel.

Abonnieren

einzelausgabe

Kaufen Sie diese Ausgabe als E-Paper-Einzelheft und bezahlen Sie bequem per PayPal.

kaufen

Sie lesen die Vorschau

abonnieren

Schließen Sie jetzt ein E-Paper-Abo ab, um vollen Zugriff auf alle Artikel zu erhalten

Abonnieren

einloggen

einzelausgabe

Kaufen Sie diese Ausgabe als E-Paper-Einzelheft und bezahlen Sie bequem per PayPal.

kaufen