VATICAN-magazin

Spurensuche

Hoffnungssuche im entchristlichten Frankreich, Folge 9

Kreuzweg mit Jean Vanier

Das Lebensglück mit Behinderten auf einem Bauernhof in der Picardie – Der Gründer der „Arche“, ein stiller Prophet

von Freddy Derwahl

Der alte Mann hat das milde Lächeln eines Riesen. Fast zwei Meter groß, leicht gebückt, das weiße Haar vom Wind durchweht. Schritt für Schritt betritt er die Kapelle, bei Stufen muss er sich helfen lassen. Über dem karierten Hemd trägt er eine blaue Arbeitsjacke, als käme er gerade vom Holzhacken. Den Stuhl lehnt er ab und stützt sich auf die Tischkante. Er spricht frei, manchmal eine Handausgabe der Bibel streichelnd. Seine Stimme kommt aus der Tiefe, leise rollend. Dann und wann erübrigt sich das Zuhören, dann hebt er ab mit seinen langen Armen, die Finger gespreizt, vornüber gebeugt, oder auf das große Kreuz an der Rückwand weisend. Wie ein zerklüfteter Fels, der abzustürzen droht. Wenn er sich wiederholt, geschieht es in dramaturgischen Pausen. Er möchte keine Geschichten erzählen, weder Exkurse noch Pointen. Nichts anderes als auf die blutige Realität hinweisen: „Der wehrlose Christus“. So sprechen Mystiker. Er erschöpft sich dabei, nach 45 Minuten Totenstille. Dann schleppt er sich zurück, so still wie er gekommen ist.

Der 88-jährige Jean Vanier lebt seit Jahrzehnten auf einem Bauernhof in Trosly-Breuil in der Picardie. Keine dörfliche Idylle, das Kaff zwischen Compiègne und Soisson ist unansehnlich. Weder Kirche noch Kulturerbe. Nichts anderes als eine lange Durchfahrt der Nationalstraße 31 mit anspruchslosen Fertigbauten, Wäschedrähten und Ziergärtchen. Da und dort die Kunststoff-Hallen kleiner Unternehmen neben rostigem Industriemüll. Die Dorfkneipe mit Lotterie- und Zeitungsstand schließt um 20 Uhr. Jenseits davon Wälder, eine andere verborgene Welt. Sehenswert allein die Bäckerei, bereits in der Frühe um 6 Uhr stehen die ersten Kunden am Eingang. Baguettes, Brötchen und Croissants in allen Formen. Geruch von heißem Brot und Kaffee. Laden und Backstube in einem, jeden Tag ist offene Tür.

Foto: Xpress
In den siebziger Jahren war Vanier viel in Indien unterwegs und arbeitet auch mit Mutter Theresa an gemeinsamen Projekten.

Jean Vanier kam Weihnachten 1963 erstmals in dieses Dorf. Es war der überraschende Ankunftsort einer langen abenteuerlichen Reise. Trosly bedeutete noch nichts, doch stand alles offen. An solch existenziellen Nahtstellen liegt seine Stärke, an der brisanten Wende, an den Übergängen des Lebens kommt er in Form. Fast noch ein Kind entschied sich der Dreizehnjährige für eine harte Ausbildung in der Marine, wo er vor dem Ertrinken gerettet werden musste und es zum Offizier brachte. Eine verheißungsvolle Karriere vor Augen, nahm er seinen Abschied und wandte sich dem Philosophie-und Theologiestudium zu. Er las nicht mehr Logbücher sondern Therese von Avilà. Sein Lebensmittelpunkt wechselte von Kanada nach Frankreich. Priester werden war nicht sein Weg. In der Trappistenabtei Cîteaux und der Kartause von La Valsainte lag nicht seine Zukunft. Die Doktorarbeit schrieb er über Aristoteles. Den „Visiting Professor“ für Ethik an der Uni von Toronto zog es in ein elendes Asyl für geistig Behinderte in die französische Provinz. Immer wieder neue Aufbrüche, neue Reisen, neue Begegnungen, neue Fragen. Immer wieder Einsamkeit und in den Taschen keinen Sous. Die einzige Konstante, die ihm jedoch alles bedeutet, ist Jesus, der sich verletzen lassende Christus. Wohin Jean auch kam, er wusste immer zuerst, wo sich eine Kirche befand. Der Kerl von einem Baum kniete tagtäglich in der heiligen Messe. Er war ein Verliebter.

Die Begegnung mit dem „ganz Anderen“

Die beeindruckende körperliche Größe von Jean Vanier entsprach seiner Herkunft. Der Vater George Vanier ein verwegener Kriegsheld mit nur noch einem Bein, Diplomat beim Völkerbund in Genf, Gesandter im Rang eines Ministers in London, schließlich Generalgouverneur von Kanada. Seine Mutter eine nicht minder imponierende Persönlichkeit, die mit höchsten Orden ausgezeichnete first lady. Es herrschte das Regime sehr vornehmer Familien, die Kinder wurden einer „Nanny“ anvertraut, in besten Internaten ausgebildet und früh an ein Leben in der Selbstständigkeit gewöhnt. Manchmal sah man sich nur in den Ferien. Und doch war in diesem mondänen Milieu nichts wichtiger, als der innere Zusammenhalt. Selbst wenn sich die Wege trennen, findet die Familie Vanier immer wieder zusammen.

Entscheidendes Bindeglied war ihr katholischer Glaube, der allen Herausforderungen standhielt. Kein Idyll feiner Herrschaften aus der Noblesse staatlicher Elite, sondern Mut und Fähigkeit zu einem couragierten Leben auf hohem Niveau. Selbst in der Verlassenheit seiner unruhigen Wanderjahre blieb Jean, der ehemalige Marine-Offizier, nicht ohne Kompass. Er glaubte zu ahnen, was er wollte, hatte es jedoch noch nicht genug erkannt. Um nichts in der Welt ließ er sich auf bescheidene Kompromisse ein. An sich wartete er auf eine Begegnung mit einem „ganz Anderen“. Da war ein außergewöhnliches Gottvertrauen am Werk.

Foto: Xpress
Jean Vanier gemeinsam mit behinderten und nichtbehinderten Bewohnern einer Arche-Hausgemeinschaft.

Sein Wegbegleiter und geistlicher Vater wurde für lange Jahre der Dominikaner Pater Thomas Philippe, eine Experte der „Summa theologica“ des heiligen Thomas von Aquin. Mit 36 Jahren unterrichtete er an der Ordenshochschule Angelicum in Rom und wurde dann vom berüchtigten „Heiligen Offizium“ in heikler Mission zum apostolischen Visitator für das Studienzentrum Le Saulchoir ernannt, um den mit seiner „Neuen Theologie“ in Verdacht geratenen Direktor Pater Marie-Dominique Chenu OP abzulösen. Es war die unruhige Zeit vor dem Aggiornamento. Chenu stand schon seit 1942 auf dem Index. Teilhard de Chardin SJ war ins Exil verbannt. Yves Congar OP und der Henri de Lubac SJ, beide später von Papst Johannes Paul II. zu Kardinälen berufen, traf ein Redeverbot. Papst Johannes XXIII. hat sie alle rehabilitiert, ihre Arbeiten sollten das bald beginnende Konzil maßgeblich beeinflussen.

Der „Aufpasser“ Pater Philippe war in diesem brodelnden Milieu nicht willkommen, doch entdeckte er einen dritten Weg und gründete 1947 die Einrichtung „L´Eau vive, lebendiges Wasser“, ein Haus der Weisheit, eine Schule des Herzens. Eine Erfolgsgeschichte, die auch Jean Vanier anzog. Eine dramatische Freundschaft entstand. Der überall aneckende Predigermönch, ein komplizierter Mystiker, wurde bald seiner Ämter enthoben und in die Einsamkeit entlassen. Sein Schüler, der 24-jährige Kanadier, übernahm das Ruder und entdeckte in Jahren der Ungewissheit, die ihn zu Jacques Maritain und in das Trappistenkloster Bellefontaine führten, seine eigentliche Berufung: das Alles-Loslassen für die Ärmsten der Armen, ein gemeinsames Leben mit Behinderten wie in einer Familie. Von ihnen, den Hilflosen, lieben lernen.

Ein prägendes Erlebnis: Jean begegnete der Mutter eines behinderten Jungen, der von einem Angehörigen beleidigt und ausgelacht worden war. Als die Frau in Tränen ausbrach, nahm das Kind ihre Hand und stotterte: „Sei nicht traurig Mama, Gott liebt mich so, wie ich bin“. Damit war alles gesagt. Die „Arche“ war geboren und wurde ein Welterfolg, unzählige Gemeinschaften in allen Kontinenten. Jean Vanier nicht nur ihr mit allen Aufgaben geforderter Leiter, sondern auch zunehmend ein spiritueller Meister des weltoffenen Christentums. Er fand den Namen „Arche“ schön, nicht nur wegen der Rettungsgeschichte von Noah aus dem Buch Genesis, sondern auch als Hinweis auf die von den Kirchenvätern verehrte „Arche der Allianz“: Maria, die in ihrem Leib den Erlöser trug. Hier liegt der tiefe Grund des Siegeszuges der „Arche“, sie ist keine Bewegung, sondern eine Gemeinschaft gesunder und behinderter Brüder und Schwestern, ganz getragen vom Gebet ihrer Tausenden Mitglieder. Die Arche das Schiff, das Gebet der Strom.

Drei Einkehrtage in der Scheune

Einkehrtage mit Jean Vanier nennt man auf dem Bauernhof von Trosly „temps fort, starke Zeit“. Monate zuvor muss man sich anmelden, viel mehr als fünfzig Betten stehen nicht zur Verfügung. Umso stärker die starke Zeit, wenn sie in der Karwoche stattfindet und dem „wehrlosen Christus“ gewidmet wird. Im überfüllten Haus sind es Tage großer Stille, nur unterbrochen von den zwei Mal täglichen Vorträgen von Jean. Wie soll man sie eigentlich nennen? Konferenzen, Predigten, Ansprachen? Sehr schnell wird greifbar, dass es sich im Grunde um Fortsetzungen seiner Gebete handelt. Seine Worte markieren, die Stille wird noch größer. Man könnte auch kniend zuhören. Doch spricht da kein Entrückter, der große alte Mann steht mit beiden Beinen auf dem Boden der ehemaligen Scheune. Da ist etwas bodenverbundenes Bäuerliches. Die Behinderten mit Krücken, in Rollstühlen oder an der Hand eines Helfers, kennen seine Stimme, seine Gesten, sein Nicken. Die Gekrümmten und Zitternden leben auf. Leuchtende Augen und Beifall mit gekrümmten Händen. Die vermeintlich Gesunden beschämt es ein wenig, bevor es sie tief berührt. Da steht jemand, der sich auch im hohen Alter noch schlägt für die Größe der Verlassenen und angeblich Unnützen in einer tobenden Welt. Dann seine Worte der Gewissheit, jedem tief ins Herz geflüstert: „Du bist viel schöner, als du zu glauben wagst“. Wenn er spricht, spricht er Schlussworte, den Tränen nahe.

Foto: Templeton Prize, Paul Hackett
Nach der Verleihung des mit 1,1 Million Pfund Sterling dotierten Templeton-Preis an Jean Vanier im Mai 2015 wurde in der Londoner Saint Martin-in-the-Fields Kirche noch kräftig gefeiert.

Immer wieder geht es ihm um die Schwäche, die Verletzbarkeit. Er nennt sie „ein Geheimnis“. Als der heilige Paulus um eine Erklärung flehte, erhielt er die grandiose Antwort: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit… Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2Kor 12, 9–10). Jean pocht auf dem Bild aus der Apokalypse, wenn der Herr an die Tür klopft: „ Es ist der menschgewordenen Gott, der die Türe unseres Herzens berührt. Es ist die enorme Zerbrechlichkeit und Demut Gottes. Wenn wir Jesus einlassen, erhalten wir eine größere Liebe“.

Die Fußwaschung und der Schmerzensmann

Draußen im Garten findet die Fußwaschung statt. Fast fünfzig Menschen barfuß im Kreis, Jean neben einem Gelähmten, die Wasserschüssel mit den Handtüchern geht rund, er nennte es „die liebende Demut“, Jesus tief zu unseren Füßen. Auch zu denen von Judas, seine dreißig Silberlinge schon in der Tasche. Jean und die Helfer wollen realistische Szenen. Am Morgen des Karfreitags zieht der Kreuzweg zwischen den Bäumen. Die Geißelung, Metallstücke an den Riemen, der nackte Gott, der Menschensohn und Schmerzensmann. Ein bärtiger junger Mann, unser Jesus-Darsteller, stürzt ins Gras, ein Scherge schlägt auf ihn ein. Die Frauen verbergen ihr Gesicht im Schleier, Veronika hält das Schweißtuch. In der Nachbarschaft kräht ein Hahn. Ein Behinderter hat die Rolle des Simon von Cyrene übernommen, sie haben ihm ein Kleid in den Farben eines KZ-Häftlings übergezogen, der Kopf des Nervenkranken zuckt hin und her, die Strähnen in der Stirn. Hinauf zur Schädelstätte wird das Spiel echt, Szenen wie bei Hieronymus Bosch. Jean lässt nicht locker, auch seine Worte kommen wie Hiebe. Nur die Vögel zwitschern in den blühenden Forsythien.

Am Nachmittag geht jeder allein, auch Jean ist im Wald verschwunden. Auf dem Friedhof des Nachbardorfes Cuises-la-Motte künstliche Blumen und rostende Kreuze. Gestürzte Säulen, eine Eidechse zwischen offenen Grabplatten. In der Todesstunde dringt die Sonne durch den Wolkenhimmel. Passion und Agonie. „Mein Volk, was tat ich dir, womit habe ich dich betrübt?“ Jean hatte vor der zwölften Kreuzweg-Station auf „das Letzte“ verwiesen: Auf den, der bis zuletzt aushielt; auf das Allerletzte, was ihm die Menschen zugemutet haben; auf die letzten Worte des Sterbenden, die Bitte um Verzeihen und dieser schreckliche Schrei in die Nacht der Zeiten.

In Trosly ist am Abend die Karfreitagskapelle leer. Verlassen, geplündert sieht sie aus, selbst des Kreuzes beraubt. Der Tabernakel auf einem Holzstumpf steht offen wie eine Schatztruhe. Tausende verwaiste Kirchen im entchristlichten Frankreich stehen noch leerer. Kalt und verschlossen, wo sich einst das Volk drängte und Kerzen brannten, hält sich Gott in der Leere bereit. In einem Seitenraum unserer Scheune der im Dunkel glühende Christus. Hier spricht alles dagegen, dass die Kirchen nichts als leer sind. Ein Vaterhaus wird nie ganz leer, weil es das Haus des Vaters war. Der Herr ist geblieben. Gott wartet.


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