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Päpstliche Wasserspiele

Der trockene Sommer 2017 führte in der Vatikanstadt zu einer „Umweltkundgebung“, die einmalig in der Geschichte des Kirchenstaates ist – aber auch einlädt, einen Blick auf die beeindruckende Brunnenlandschaft der Päpste zu werfen

von Ulrich Nersinger

Rom, wie auch ganz Mittel- und Süditalien, litt in diesem Sommer unter einer beispiellosen Trockenheit. In der Ewigen Stadt drohte das Wasser knapp zu werden; sogar eine Rationierung wurde erwogen.

Der Vatikan entschloss sich medienwirksam zu einer demonstrativen Geste. Die Verwaltungsbehörde des Kirchenstaates ließ die beiden monumentalen Fontänen auf dem Petersplatz wie auch die hundert übrigen Brunnen in der Vatikanstadt abschalten. Man begründete diesen ungewöhnlichen – und vermutlich nicht notwendigen – Schritt mit dem Eintreten des Heiligen Vaters für die Umwelt. Franziskus hatte in seiner Enzyklika „Laudato Si'“ sauberes Trinkwasser als Gut ersten Ranges bezeichnet, das unerlässlich für das menschliche Leben und die Aufrechterhaltung der Ökosysteme zu Land und Wasser sei.

In den vergangenen Jahrhunderten waren es die Päpste gewesen, die sich um die Versorgung Roms mit Wasser verdient gemacht hatten. Von ihnen wurde das imponierende Netz, das der Stadt bereits in der Antike die Wasserzufuhr sicherte, erneuert und perfektioniert. So ließ Papst Paul V. (Camillo Borghese, 1605–1621) eine aus dem See von Bracciano kommende antike Wasserleitung wiederherstellen, die seitdem seinen Namen trägt. Die „Acqua Paola“ wurde auch für die Residenz der Päpste zur Lebensader. Bei der Villa Carpegna zweigte eine Nebenleitung ab, in der eine Wassermenge von 1050 römischen Unzen (243 Liter) in der Sekunde zum Vatikan floss, wo sie auf die Brunnen in den päpstlichen Gärten und auf dem Petersplatz verteilt wurden.

1929, fast sechs Jahrzehnte nach dem Ende des alten Kirchenstaates, entstand der souveräne „Staat der Vatikanstadt“. Dieser sollte nach dem Willen Pius’ XI. (Achille Ratti, 1922–1939) zu einem mustergültigen Staatswesen werden – mit einer effizienten Wasserversorgung.

Der Pontifex ordnete ein hochmodernes Verteilungs- und Drainagesystem an. Auf dem höchstgelegenen Terrain der Vatikanstadt entstand eine drei Millionen Liter Wasser fassende, aus dem Lago di Bracciano gespeiste Zisterne, die durch ein 85 Kilometer langes Verteilungsnetz die Bewässerung der gesamten Gartenanlage und ihrer Brunnen garantiert. Bei der Palazzina Leos XIII. wurde eine weitere Zisterne mit einem Fassungsvermögen von vier Millionen Liter Trinkwasser errichtet, um die Versorgung aller Büros und Wohnungen in der Vatikanstadt zu gewährleisten. Die in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorgenommenen Arbeiten sind noch heute substantiell für die Wasserversorgung des Vatikans.

Im Laufe der Jahrhunderte haben die Päpste im Schatten von Sankt Peter eine einzigartige Brunnenwelt geschaffen. Die kleinen und großen „Fontane“ waren Trinkwasserquellen für Mensch und Tier, ermöglichten eine vielfältige Pflanzenwelt, verschafften dem Papst, seinem Hofstaat und auch der Bevölkerung Orte der Erholung und Muße – darüber hinaus illustrierten sie auf ganz außergewöhnliche Weise und in einer aussagestarken Symbolik die Rolle der Nachfolger Petri in der Geschichte.

Der Bienenbrunnen in der Vatikanstadt.
Foto: archiv nersinger
Der Bienenbrunnen in der Vatikanstadt.

Mitten in den päpstlichen Gärten, ganz in der Nähe des Alterswohnsitzes von Benedikt XVI., präsentiert sich die „Fontana dell’Aquilone“. Der Adlerbrunnen ist der größte der Vatikanstadt. Er huldigt dem „Wasserbringer“ Roms, Paul V., und wurde von Jan van Santen (Vasanzio) angelegt. Hoch oben über einer künstlichen Grottenlandschaft erhebt sich ein mächtiger Adler, und zwei Greifen speien Wasser in ein ovales Becken. Adler und Greif sind die Wappentiere des Hauses Borghese. Dass ein Papst aber auch für geistliche Nahrung zu sorgen hat, zeigt ein weiterer Brunnen Pauls V., der Brunnen des Allerheiligsten Sakramentes. Das Wasser schießt strahlenförmig aus dessen Mitte, eine Monstranz imiterend, hervor.

Die Wehrhaftigkeit der Bischöfe von Rom bezeugt die „Fontana della Galera“ beim Palazzetto del Belvedere. In diesen Brunnen wurde die Nachbildung eines päpstlichen Galeerenschiffes positioniert. Die Kanonen der Miniatur aus Blei schießen statt Kugeln Wasserstrahlen aus ihren Rohren. Eine am Brunnen angebrachte Inschrift verdeutlicht, dass sich der Vatikan vor allen Verteidiung und der Erhaltung des Friedens verpflichet sah: „Die päpstlichen Kriegsschiffe speien keine Flammen, sondern süsses Wasser, in dem das Feuer des Krieges erlischt.“

Von ganz anderen „Kriegsspielen“ erzählt der Bienen-Brunnen beim Sant’Anna-Tor zu Beginn der Via del Pellegrino. Um seine „Vaterschaft“ stritten sich zwei weltberühmte Künstler. „Der Bienen-Brunnen ist das Werk meiner Hände, aber Gian Lorenzo hat sich das Verdienst dafür zugeschrieben“, klagte Francesco Borromini in einem heftigen Streit. Für gewöhnlich wird das Werk ausschließlich Bernini zugeschrieben; und nachweislich hat er zwar einen Entwurf geschaffen, doch die bildhauerische Arbeit dürfte tatsächlich Borromini übernommen haben, der damals als Steinmetz in der Werkstatt seines Kontrahenden wirkte. Der Brunnen entstand auf Geheiß Urbans VIII. (Maffeo Barberini, 1623–1644). Seinen Namen hat der Brunnen vom Familienwappen der Barberini: drei Bienen auf blauem Grund. Sein Wasser entströmte ursprünglich den steinernen Honigbereitern, die ihn schmückten; heute fließt es aus einem Bronzespeier.

Am 5. Juni 2010 weihte Benedikt XVI. beim Platz vor dem Governatoratspalast den hundertsten Brunnen der Vatikanstadt ein. Er ist nach dem heiligen Josef, dem Taufheiligen des Papstes, benannt und zeigt auf Tafeln Episoden aus dem Leben des Nährvaters Jesu. Für Benedikt XVI. erinnert er so „symbolisch an die Werte der Einfachheit und der Demut bei der täglichen Erfüllung des Willens Gottes“.

Papst Franziskus ist noch kein eigener Brunnen gewidmet worden. Doch die Brunnen des Vatikans begleiten ihn tagtäglich. Jedesmals, wenn er sein Domizil im päpstlichen Gästehaus verlässt, sieht und hört er die kleine „fontana“ auf der Piazza S. Marta.

Auch ohne den Vatikan zu betreten, kommt man – nur wenige Schritte vom Palast der Glaubenskongregation entfernt, auf der Höhe der Via di Porta Cavalleggeri – in den Genuss von päpstlichen Trinkwasser. An der wehrhaften Mauer des Vatikans bietet ein Brunnen Labung. Hier standen einst Kaserne und Reitstall der leichten Kavallerie des Papstes – übrig geblieben ist heute nur der Wasserspender des Areals. Ihn, so verrät eine lateinische Inschrift, ließ Pius IV. (Giovan Angelo Medici, 1599–1565) „zum öffentlichen Nutzen und zur Zweckmäßigkeit der berittenen Leibgarde“ errichten. In unseren Tagen steht er noch immer in Diensten, jedoch mit dem Vorteil, dass ihn sich heute Mensch und Tier nicht mehr teilen müssen.

Auf der Via della Conciliazione, beim Palazzo della Rovere, dem heutigen Hotel Columbus, kann man sich aus dem Maul eines „Dragone“ (Drachen), des Wappentiers Pauls V., mit einem kühlen Schluck Wasser erfrischen. Wer von der Engelsburg aus durch den Borgo Pio zum Vatikan hinaufschlendert, trifft auf halber Höhe den letzten im alten Kirchenstaat errichteten Brunnen. Pius IX. (Giovanni Maria Mastai-Ferretti, 1846–1878) hatte seinen Bau noch in dem Jahr, als die Truppen des italienischen Königs in die Ewige Stadt einmarschierten (1870), angeordnet und erlebt. Heute steht der Brunnen, was Erfrischungen angeht, mit einer nahegelegenen Eisdiele im Wettbewerb.

Und beim Passetto, dem historischen Fluchtgang vom Vatikan zur Engelsburg, zollt sogar Italien der päpstlichen Sorge um das Wasser in der Ewigen Stadt seinen Respekt. Der mit drei Tiaren (Papstkronen) geschmückte Brunnen wurde von der römischen Stadtverwaltung errichtet, als sich der Heilige Stuhl und Italien im Februar 1929 aussöhnten und der Vatikanstaat entstand.


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