VATICAN-magazin

Literatur mit Geist und Seele

Scharfsinn im subtilen Plauderton

Humorvoller Apologet: Gilbert Keith Chesterton

von Stefan Meetschen

Foto: Xpress
Vom Papst bekam er posthum einen Ehrentitel verliehen – spätere Seligsprechung nicht ausgeschlossen. Bis heute fasziniert der britische Journalist und Autor G. K. Chesterton (1874–1936), der mit Ende vierzig zur katholischen Kirche konvertierte, Generationen von Lesern weltweit, obwohl selbst eingefleischte Fans zugeben, dass seine Geschichten und Romane („Der Mann, der Donnerstag war", „Kugel und Kreuz") nicht ohne Schwächen auskommen. Zu genialer Topform lief der Mann mit der kräftigen Gestalt immer dann auf, wenn er mit Verstand und sardonischer Lust an Paradoxien die Irrtümer des Heidentums und der Moderne kommentieren durfte und zu dem Ergebnis kam: Die Wahrheit des Katholizismus ist unschlagbar. Das Gemälde zeigt den Schriftsteller. Der englische Künstler Edwin Swan hat es rund vier Jahre nach dem Tod Chestertons um 1940 gemalt.

Lang ist die Liste derjenigen, die er mit seinen Büchern und Gedanken fasziniert hat. Sie reicht von Hannah Arendt bis zu T.S. Eliot, von Mahatma Gandhi bis zu Franz Kafka. Selbst in der Gegenwart sind sich renommierte Schriftsteller wie Martin Mosebach und Michel Houellebecq nicht zu schade gewesen, G. K. Chesterton ihre Reverenz zu erweisen. Warum? Vermutlich, weil der 1874 in London geborene Chesterton, der nie ein Studium abschloss und fast die Hälfte seines Lebens als Journalist arbeitete, zu den scharfsinnigsten und vielseitigsten Intellektuellen zählt, die das gute, alte Abendland hervorgebracht hat. Nicht nur ein in der Praxis noch zu erprobendes Ökonomie-Konzept, der sogenannte Distributismus, zählt zu Chestertons Verdiensten; als blitzgescheiter Denker und phantasievoll einfühlsamer Schriftsteller schuf er mit den berühmten Pfarrer Brown-Geschichten eine geradezu archetypische Gestalt der modernen Detektiv- und Kriminalliteratur, deren anhaltende Popularität sich an den zahlreichen Verfilmungen, Neuauflagen und Übersetzungen der Storys messen lässt. Nicht zu vergessen Chestertons Leistungen als humorvoller Apologet des Glaubens und der Kirche. Diese geistreichen Reflexionen brachten ihm nicht nur den posthumen Ehrentitel „Defensor fidei“ durch Papst Pius XI. ein, sie können auch den Gläubigen, den Suchenden und den suchenden Gläubigen der Gegenwart als unkonventioneller Glaubenskompass dienen.

Besonders ein Werk, das Chesterton bereits 1908, also viele Jahre vor seiner Konversion zur katholischen Kirche (1922) publizierte, die autobiographisch gefärbte Selbstverteidigungsschrift „Orthodoxie“, sticht dabei heraus. In diesem Buch beschreibt Chesterton im subtilen Plauderton, wie bei ihm, dem Langzeit-Agnostiker, im Laufe seines Lebens die „Zweifel am Zweifel“ immer größer wurden, sodass sich die christliche Wahrheit im Rahmen eines religiös-philosophischen Erkenntnisprozesses einen Weg bahnen konnte.

„Unsere heutige komplizierte Welt beweist die Wahrheit der Religion viel schlagender als eines der schlichten Probleme aus den Zeiten des Glaubens. In Nottingham und Battersea ging mir auf, dass das Christentum wahr ist. Eben darum hält der Glaube an jenen kunstvoll ausgefeilten Dogmen und detaillierten Lehrsätzen fest, die allen nichtgläubigen Bewunderern des Christentums so sehr zu schaffen machen. Wer etwas glaubt, ist stolz auf die Komplexität seines Glaubens (so wie Wissenschaftler stolz sind auf die Komplexität der Wissenschaft). Sie zeigt, welche Fülle von Entdeckungen er enthält.“

Womit nicht nur deutlich wird, dass die Welt – was heute gern verdrängt wird – schon zu Chestertons Lebzeiten von kritischen Beobachtern als kompliziert wahrgenommen wurde, sondern auch, dass die kirchlichen Dogmen und Lehrsätze durchaus einen Charme entfalten können, wenn man ihnen mit ehrlicher Neugier und Offenheit entgegentritt – und natürlich mit einer Portion gesunden Menschenverstands und weiteren Portionen Mut und Standfestigkeit, was die Kirche aus Sicht des Ratio-Freundes Chesterton auch stets gemacht hat. In seinen Worten: „Es wäre leichter gewesen, die irdische Macht der Arianer zu akzeptieren. Es wäre leicht gewesen, im calvinistischen siebzehnten Jahrhundert in die bodenlose Grube der Prädestination zu fallen. Es ist leicht, ein Verrückter, und leicht, ein Häretiker zu sein. Es ist immer leicht, der Epoche ihren Kopf zu lassen; schwer ist es, den eigenen zu bewahren. Es ist immer leicht, ein Modernist zu sein – genauso wie ein Snob. (...) Fallen ist immer einfach; es gibt unzählige Punkte, wo man fällt, aber nur einen, wo man steht.“

Foto: Xpress
Chesterton im Gespräch mit dem jüdischen Autor Zangwill nach einer Parlamentssitzung am 24. September 1909.

Dabei sah Chesterton hellsichtig die Gefahren, die mit „Zielsetzungen“ verbunden sein könnten, welche „die Theologie liberalisieren wollen“, jedoch „ganz und gar illiberale Auswirkungen auf die soziale Praxis hätten“. Chesterton geht sogar so weit zu behaupten: „Fast jeder heutige Versuch, Freiheit in der Kirche zu stiften, ist letztlich ein Versuch, Tyrannei in die Welt zu bringen. Denn Befreiung der Kirche meint heute nicht einmal, sie in ausnahmslos jeder Richtung zu befreien. Sie meint nichts anderes als die Befreiung nur jener Dogmen, die man im weiteren Sinne die wissenschaftlichen nennt: Monismus, Pantheismus oder Arianismus oder das Dogma der Notwendigkeit. Jedes dieser Dogmen (...) entpuppt sich beim näheren Hinsehen als natürlicher Verbündeter der Unterdrückung.“

Als „Garant aller neuen Demokratien“ betrachtete Chesterton hingegen „die als besonders altmodisch verschriene Lehre“, weil diese die „Erbsünde“ und die „Wunder“ als der Wirklichkeit zugehörig verteidigt und das Christentum als „Schwert, das scheidet und befreit“ auffasst. Was – folgt man diesem Gedankengang weiter – durchaus Konsequenzen für das Seelenheil wie auch die Gesellschaft hat. „Wollen wir, dass die europäische Zivilisation ein rettendes Floß ist, so werden wir eher darauf verweisen, dass die Seelen in echter Gefahr sind, als daran festhalten, dass es diese Gefahr eigentlich gar nicht gibt. (...) Vor allem werden wir, wenn wir den Armen Schutz gewähren wollen, uns für feste Regeln und klare Dogmen aussprechen. Bei jedem Verein kommen Regeln im Zweifelsfall dem armen Mitglied zugute, während die Dinge treiben zu lassen nur dem reichen Mitglied nützt.“

Der traditionelle katholische Glaube war für Chesterton, der 1936 starb und somit das Zweite Vatikanische Konzil nicht mehr miterlebt hat, also nicht mit einem sacrificium intellectus verbunden. Dafür war dieser großgewachsene und körperlich robuste Mann auch viel zu sehr verliebt in das Leben und seine Geschichten. Deshalb passt es, dass Chesterton nicht nur dem heiligen Thomas von Aquin eine Biographie verpasst hat, sondern auch dem zuweilen etwas jonglierend im Leben stehenden heiligen Franziskus, „Bruder Feuer“, der ihn schon in jungen Jahren fasziniert haben soll. „Aber der heilige Franziskus“, darauf legte Chesterton Wert, „mögen seine Sprünge noch so wild und romantisch erscheinen, hing mit einem unsichtbaren und unzerreißbaren Faden stets an der Vernunft.“


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