VATICAN-magazin

Disputa

Wenn die Wahrheit zur Machtfrage verkommt

Wir machen uns mal selbst zum Thema: „Disputa“. Debatten führen ist eine Kunst, die die mittelalterliche Scholastik von der antiken Dialektik übernommen und zu einer sehr hilfreichen Disziplin entwickelt hat. Wo sie verkümmert, werden Fragen, über die man unterschiedlicher Meinung sein kann, nur noch nach dem Gesetz des Stärkeren entschieden. Die Suche nach der Wahrheit verkommt zur Machtfrage. In der Politik soll der Souverän, das heißt das Volk, über den Kurs entscheiden. Das ist das Prinzip der freiheitlichen Demokratien des Westens. In der Kirche sieht das anders aus. Es gibt geoffenbarte Wahrheiten, die sind ihr vom eigentlichen Souverän, das heißt Gott, vorgegeben. Aber dennoch verlangen die großen Zeitfragen Entscheidungen, für die sich im Evangelium keine Gebrauchsanweisungen finden lassen, sondern die der Glaubenssinn erwägen muss. Was bedeutet, dass man mit einander reden (und beten) muss. Hätten die Apostel nicht miteinander geredet, wäre es nicht zum Apostelkonzil gekommen, wo gestritten, aber auch eine Lösung gefunden wurde. Sprechunfähigkeit führt dagegen zu Spaltungen, wie sie auch die katholische Kirche derzeit erlebt, wo sich zwei Lager gereizt gegenüber stehen. Höchste Zeit, die alte Kunst des Disputierens wieder zu entdecken.

Persönlichkeiten aus der Geschichte, von der Redaktion retuschiert und „sprachlos“ gemacht: Der Bußprediger Girolamo Savonarola auf einem Portrait von Bonvicino Alessandro Moretto aus dem Jahr 1524.
Foto: Xpress

Seht, wie sie sich streiten

Eine Kirche, die verlernt, saubere Debatten zu führen, bietet der Welt ein trauriges Bild

von Guido Horst

Es war eine gute Regel bei den theologischen Disputen des Mittelalters, in einer ganz bestimmten Streitfrage zunächst einmal das Argument oder den Standpunkt des „Gegners“ zusammenzufassen und dann die eigene Position zu entwickeln. Der heilige Thomas von Aquin hat das vorgeführt. Die Universitäten der Dominikaner pflegten diese aus der antiken Dialektik abgeleitete scholastische Methode genauso wie die meisten Hochschulen des Mittelalters. Dabei war die These der Gegenseite zunächst so wiederzugeben, dass diese sich in dieser Zusammenfassung tatsächlich wiedererkennen, sie also unterschreiben konnte. Und dann erst wurde die „ratio“ der eigenen These dargelegt.

Nun sind theologische Dispute oder Streitgespräche über geistige Inhalte mittlerweile völlig außer Mode gekommen. Das hat vor allem zwei Gründe: Die von Kardinal Joseph Ratzinger diagnostizierte „Diktatur des Relativismus“ hat auch in der Kirche Einzug gehalten. Wichtig ist nicht mehr die Wahrheit, wichtig ist eher, wie man miteinander umgeht, welche Autoritäten man als Kronzeugen für die eigene Position anfführen kann oder wem es gelingt, den Ruf zu erwerben, der fortschrittlichere oder aufgeschlossenere zu sein.

Foto: Visipix
Leonardo da Vincis Mona Lisa entstand im Jahr 1503 und ist heute im Louvre in Paris zu bewundern.

Der andere Grund: die Medien. Debatten werden heute in den Printmedien geführt, in Talkshows oder – auf rhetorische Hammerschläge verkürzt – in den Sozialen Medien ausgetragen. Eine ausgewogene Darstellung unterschiedlicher Positionen, geschweige denn eine Zusammenfassung der Argumente einer Partei, bevor dann die These der anderen Partei dargestellt wird, ist den schnelllebigen Nachrichtenmedien von heute zu langatmig, das heißt langweilig. Ein gutes Beispiel für die im Geist der mittelalterlichen Disputationes objektive, ja sogar würdigende Darstellung der Argumentation der Gegenseite ist die 1984 von der vatikanischen Glaubenskongregation veröffentlichte Instruktion über einige Aspekte der „Theologie der Befreiung“. Das unter dem damaligen Präfekten Kardinal Ratzinger erarbeitete Dokument stellt zunächst ausführlichst das Anliegen der vor allem in Lateinamerika verbreiteten theologischen Schule dar, unterschied dann aber die einzelnen Wurzeln der Strömung, würdigte deren biblischen Grundlagen, kritisierte jedoch die marxistischen beziehungsweise utopistischen Tendenzen der Befreiungstheologie und „rettete“ dennoch die sich aus dem Evangelium ergebende „Option für die Armen“ als Grundauftrag der kirchlichen Diakonie. Für die meisten Medien war das einfach zu kompliziert. Für sie war die Instruktion ein Paradebeispiel für das Vorgehen der römischen Inquisition und das später folgende Lehrverbot für den Befreiungstheologen Leonardo Boff schlicht und einfach ein Maulkorb der römischen Zentrale. Für – zumal kirchenferne – Medien mag das bezeichnend sein. Aber auch innerkirchlich hat sich in der Bewertung der Befreiungstheologie dieses Schwarz-Weiß-Denken bis in die heutige Zeit gehalten. Ein Zeichen dafür, dass die Fähigkeit, Debatten zu führen, in denen differenziert wird und auch die Argumente der jeweiligen Gegenseite „gewogen“ werden, eben dem fernen Mittelalter angehören.

Drei Beispiele sollen das erläutern und zugleich zeigen, wie nötig es wäre, zu innerkirchlichen und nicht nur im strengen Sinne theologischen Debatten zurückzukehren, in denen man auch in der Lage ist, die Positionen der Andersdenkenden richtig dazustellen und bis zu dem Punkt zu würdigen, an dem dann die eigene, davon abweichende Auffassung einsetzt.

Alte und neue Liturgie

Das erste Beispiel betrifft die Liturgie. Auf’s Ganze gesehen feiert die katholische Kirche ein und denselben Gottesdienst, vom Papst über die Bischöfe bis hin in die Pfarreien und geistlichen Gemeinschaften. Es gibt ein römisches Messbuch und der Gläubige aus Europa, der einmal um den halben Globus reist, wird auch im fernen Pazifik in einer Messfeier alles wieder erkennen, was er aus seiner Heimat kennt. Nur die Sprache mag eine andere sein. Aber es gibt eine kleine Minderheit, die an dem alten, 1970 abgeschafften römischen Messbuch festhält und von Rom, der weisen Mutter, nicht exkommuniziert, sondern unter den Schutzmantel genommen wurde. Geistliche Gemeinschaften, die nach dem abgeschafften Missale zelebrieren, haben in der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“ einen festen Bezugspunkt und vor zehn Jahren hat Papst Benedikt XVI. das von seinem Vorgänger Paul VI. aus dem Verkehr gezogene Messbuch wieder zugelassen – in der Hoffnung, dass sich in Zukunft beide Riten – der ordentliche und der außerordentliche – gegenseitig befruchten mögen. Geschieht das?

Genau das Gegenteil ist der Fall. Nach wie vor stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber, Misstrauen beherrscht das Feld: Die Anhänger der nachkonziliaren Messe vermuten bei den Freunden der tridentinischen Liturgien restaurative Tendenzen, die Konservierung eines Kirchenbilds, wie es bis zum Zweiten Vatikanum gültig war, und die Beibehaltung einer Zweiklassen-Gesellschaft, die im Gottesdienst klar zwischen den zelebrierenden Klerikern und dem gläubigen Volk unterscheidet. Umgekehrt sehen die „Traditionalisten“ im neuen Ritus einen Hort der liturgischen Missbräuche, einer Protestantisierung des katholischen Messopfers und ganz generell eine Form des kultischen Feierns, bei der nicht mehr Gott, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht – die Gemeinde feiere sich selbst.

Was man so gut wie nie hört: Dass einmal ein überzeugter Verfechter der Liturgiereform die Würde und sakrale Strahlkraft der lateinischen Messformulare heraushebt, die das Konzil von Trient nochmals bekräftigt hat, die aber zuvor schon jahrhundertelang in Gebrauch waren. Und ebenso vergeblich ist die Suche nach einem Anhänger der alten Messe, der einmal ein gutes Wort für die Aufwertung der Heiligen Schrift in den heute üblichen Gottesdiensten finden würde oder anerkennt, dass in vielen Klostergemeinschaften, Bischofskirchen und auch Pfarreien Messen gefeiert werden, die nicht nur ganz und gar das katholische Eucharistieverständnis zum Ausdruck bringen, sondern auch erhebende Augenblicke des kirchlichen Lebensvollzugs sind. Wer das konnte und auch tat, war Joseph Ratzinger, als Theologe, Kardinal und schließlich als Papst. Darum war er auch in der Lage, mit „Summorum pontificum“ eine Brücke zwischen altem und neuem Ritus zu schlagen. Doch über diese Brücke will keiner gehen. Der Graben scheint unüberquerbar zu sein.

Der Streit um die „Freude der Liebe“

Dieselbe Sprechunfähigkeit und denselben Mangel an Nachdenklichkeit zeichnet derzeit die Kontrahenten im Streit um „Amoris laetitia“ aus – das zweite Beispiel, das umso schwerer wiegt, weil es bis in die Spitzen der Kirchenführung hineinreicht. Denn es geht um den Papst und um zwei Bischofssynoden, in deren Verlauf die Lagerbildung ihren Anfang nahm. Von Anfang an, gleich nach dem die Startphase des synodalen Prozesses prägenden Grundsatzreferat von Kardinal Walter Kasper bildeten sich Zirkel heraus, in denen sich Befürworter und Gegner der sofort zum Zankapfel erhobenen Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten in bestimmten Einzelfällen zusammenschlossen und die Gegenseite mit Verdächtigungen überhäufte. Getrennt kam man in kleinen Kreisen zusammen, zu Buchvorstellungen und Tagungen, vor allem aber waren und sind es die Sozialen Medien, die Blogs und Online-Dienste, die zur Bühne des Schlagabtauschs wurden.

Foto: Xpress
Das so genannte „Armada Portrait“ fertigte ein unbekannter englischer Maler von Königin Elisabeth I. um das Jahr 1588 an. National Portrait Gallery, London.

Zwar hatte Papst Franziskus zu Beginn der ersten Familiensynode zu einer freien Aussprache eingeladen, aber als er zu Beginn der zweiten Synode 2015 einen Brief von dreizehn Kardinälen erhielt, die darin ihre Sorge um einen ausgewogenen Fortgang der synodalen Beratungen formulierten, reagierte der Papst ärgerlich. In einer zweiten, nicht öffentlich gemachten Ansprache warnte er in der Synodenaula davor, nicht einer „konspirativen Hermeneutik nachzugeben, die sozilogisch schwach ist und geistlich nicht weiterhilft“. So schrieb es zumindest sein Vertrauter Antonio Spadaro, Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift „Civiltà cattolica“ in einem Tweet aus der Synodenaula.

Und nachdem das abschließende Synodalschreiben „Amoris laetitia“ nicht auf ungeteilten Zuspruch fiel, schien ein wirkliches Gespräch über die strittigen Punkte gänzlich unmöglich geworden zu sein. Weder hat Franziskus zum Beispiel die vier Kardinäle, die ihm später den Brief mit den „dubia“ geschrieben haben, zu sich gerufen und eine Brücke gebaut, etwa indem er gesagt hätte, dass er ihre Sorge verstehe und man gemeinsam daran arbeiten müsse, für eine Interpretation von „Amoris laetitia“ zu sorgen, die dem Evangelium und der kirchlichen Lehre nicht widerspreche. Umgekehrt ist aber auch kaum ein Kritiker des nachsynodalen Schreibens bekannt, der einmal öffentlich das eigentliche Anliegen des Papstes dargestellt hätte, auch die Menschen in der Seelsorge zu begleiten, die sich in einer irregulären Lebenssituation befinden. Stattdessen gipfelte (vorerst) die Verdachtskultur in einem im Internet kursierenden Brief von Bloggern, Theologen und Publizisten, die Franziskus der Häresie bezichtigen. Die siebzig Unterzeichner aus aller Welt, und ihre Zahl steigt noch, können sich dabei nicht auf konkrete Aussagen berufen, sondern leiten sieben schwere Irrlehren aus ihrer Interpretation von „Amoris laetitia“ sowie Gesten und Unterlassungen des Papstes ab. Das Klima ist vergiftet. Ein Gespräch scheint nunmehr unmöglich zu sein.

Flüchtlinge und Migration

Das dritte Beispiel reicht weit in die Politik hinein: die Flüchtlingsfrage. Wieder dasselbe Szenario: Mit offenen Armen soll man die Migranten empfanden, die Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen könne nur eine Bereicherung für die aufnehmenden Gesellschaften in Europa sein. So die eine Seite. Und die andere will Mauern bauen, schickt Panzer an den Brenner und verbindet die Sorge über eine mögliche Entfremdung mit der Angst vor islamistischen Terror. Der Streit geht quer durch die politischen Landschaften und die Gesellschaft, er hat auch die Kirche erfasst. Er kann hier gar nicht nachgezeichnet werden, so komplex ist die Gemengelage. Aber wieder dasselbe Phänomen. Kaum einmal schafft es jemand, die Motive und Erwartungen der jeweils anderen Seite zumindest sauber darzustellen, um dann seine eigene Meinung dem gegenüberzustellen. Es ist die Stunde der Populisten – in der Politik, auch in manchen Medien und nicht zuletzt im katholischen Milieu.

Der Papst könnte in dieser Situation ein „pontifex“, ein Brückenbauer sein. Franziskus ist es von seinem Naturell her nicht. Also müssen andere dafür sorgen, die Kunst des Disputierens in die aufgeregten Debatten zurückzubringen. Sonst wird aus Lagerbildung Feindschaft und Feindschaft gebiert den Hass. Der große Verwirrer hätte dann sein Ziel erreicht.


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