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Die Zeichnung von Anton Dietrich zeigt Konrad von Marburg, den 1231 von Gregor IX. eingesetzten päpstlichen Inquisitor von Teutonia“.

Zander-Filets

Streik bei der Heiligen Inquisition

Ein weiteres Kapitel der Kirchengeschichte, worin wir lernen, wie aufrechte Demokraten die grausamsten Verfolger werden

von Hans Conrad Zander

Was würden Sie sagen, wenn heute im Radio folgende Nachricht käme: „Köln. Das Bundesamt für Verfassungsschutz ist in den Streik getreten. Mit ihrer spontanen Arbeitsniederlegung wollen die Beamten gegen Korruption und Misswirtschaft protestieren.“

So ist das gewesen im Jahre 1249. Wie ein Lauffeuer ging durch die Christenheit die Kunde: „Die Heilige Inquisition hat die Arbeit niedergelegt.“ Und nicht etwa irgendeine Inquisition.

Das Zentrum und Haupt der Ketzerverfolgung, die Inquisition gegen die Katharer, die Heilige Inquisition von Toulouse, war in den Streik getreten. Aus Solidarität mit ihren streikenden Kollegen legten kurz danach auch die Inquisitoren in Paris, ja im ganzen heutigen Frankreich, ihre Arbeit nieder. In Toulouse selber hatten die Inquisitoren sogar ihr Gefängnis aufgesperrt. Zahlreiche verhaftete Ketzer ließen sie laufen mit der Begründung, sie seien nicht mehr bereit, auch nur einen einzigen Irrgläubigen zu verfolgen, solange nicht endlich die Voraussetzungen geschaffen würden für eine korruptionsfreie, streng legal arbeitende Inquisition. Dass nämlich Inquisition sein müsse, das war für das Mittelalter so selbstverständlich, wie es für uns heute selbstverständlich ist, dass wir ein Bundesamt für Verfassungsschutz brauchen. Der katholische Glaube war ja im dreizehnten Jahrhundert nicht einfach irgendeine Konfession, sondern genau das, was heute die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist: das grundsätzliche Bekenntnis, das die gesamte Gesellschaft im Kern zusammenhält.

Und wie wir es heute gut finden, den Feinden der Demokratie das Handwerk zu legen mittels Verfassungsschutz, so fand es das dreizehnten Jahrhundert gut, Ketzern das Handwerk zu legen mittels Inquisition. Die Frage war nur, was für eine Inquisition.

Bislang waren es bischöfliche Gerichte gewesen, die die Ketzer verfolgten. Das waren lokale Gerichte, damals ohne jede päpstliche Aufsicht. Bei den Verfahren wegen Ketzerei herrschte ein unbeschreibliches Maß an Schlamperei und Bestechung. Wenn überhaupt, dann wurden die Falschen verbrannt.

In einer päpstlichen Reform der Ketzerverfolgung sah Papst Gregor IX. die Chance, Macht und Ansehen des Heiligen Stuhls zu stärken. Auf Kosten der Ortsbischöfe. Nur ihm, nur dem Papst selber sollte sie verantwortlich sein, die neue, zentrale, streng legale Inquisition. In Deutschland sollte die Reform beginnen. 1231 ernannte der Papst den Beichtvater der heiligen Elisabeth von Thüringen, den Weltpriester Konrad von Marburg, zum Inquisitor für ganz „Teutonia“.

Es war eine personelle Fehlentscheidung schlimmster Art. Wohl galt Konrad von Marburg als unbestechlich und als unerschrocken gegenüber weltlichen Behörden. Aber schon als Beichtvater der heiligen Elisabeth zeigte er merkwürdige Regungen. „Usque ad camisiam – bis aufs Hemd“ ausgezogen, musste sich die 18-jährige Heilige zu seinen Füssen niederwerfen, worauf Konrad sie persönlich auspeitschte oder sie durch seine Knechte prügeln ließ, während er selber genussreich den Bußpsalm Miserere sang. Es lag in der Logik eines solchen Charakters, dass ihm die neue Würde eines Inquisitors für Teutonien wahnsinnig in den Kopf stieg. Statt, wie ihm der Papst aufgetragen hatte, eine korruptionsfreie Gerichtsbarkeit gegen die Ketzer aufzubauen, raste Ketzermeister Konrad in einem wahren Amoklauf quer durch Deutschland. Von allen Kanzeln hetzte er das abergläubische Volk mit der Botschaft auf, der Satan bedrohe die Christenheit in Gestalt eines riesigen schwarzen Katers, dem die Ketzer bei ihren nächtlichen Versammlungen den Arsch küssten. Ein Spießgeselle Konrads, der „Einäugige Hans“, der von sich behauptete, er könne jeden Ketzer sofort am Blick erkennen, setzte sich nach solchen Predigten an die Spitze des entfesselten Volkes. Und so ging es, Ketzer mordend, Ketzer brennend, quer durchs deutsche Land. Bis endlich, am 30. Juli 1233, ein paar couragierte Edelleute – durchaus fromme katholische Laien – den amoklaufenden Inquisitor packten und ihn, wohl in der Nähe von Marburg, totschlugen. Durch ganz Deutschland ging, wie stets in solchen Fällen, der Aufschrei der Erleichterung: Nie wieder so etwas! Nie wieder Inquisition!

Irgendwo bei Marburg schlugen sie ihn tot.

Ein zweites Fiasko dieser Art konnte sich Papst Gregor IX. nicht leisten. Noch im selben Jahr 1233 übertrug er die neue Inquisition in fast allen christlichen Ländern, vor allem aber an ihrem wichtigsten Sitz, in Toulouse, dem Orden der Dominikaner. Ausgerechnet den Dominikanern – einem Orden, der zwei Jahrzehnte zuvor gegründet worden war, nicht um Ketzer zu verbrennen, sondern um, im Gegenteil, die Ursachen der Ketzerei zu bekämpfen, nämlich das grauenhafte Ausmaß an Dummheit und Korruption im katholischen Klerus. Gleich seine ersten Brüder schickte der heilige Dominikus zum Studium an die Universitäten von Paris und Bologna. Das ist etwa so, wie wenn er sie heute nach Berkeley schicken würde und nach Cambridge in Massachusetts. Und da der Orden auch die Armut Jesu radikal praktizierte, da er sich überdies, nach dem Vorbild der italienischen Städte, eine demokratische Verfassung gab, zog er wie ein Magnet die Elite der Christenheit an, die Jungen, die Gebildeten, die Fortschrittlichen. Ausgerechnet den Dominikanern, den liberalen katholischen Intellektuellen jener Zeit, übertrug jetzt Papst Gregor IX. die Inquisition.

Es war die Zwangsvorstellung der Heiligen Inquisition, über alles, was sie tat, Buch zu führen. Diese „Register“ sind in Toulouse erhalten. So ist es möglich, sich ein Bild von den Männern zu machen, die im Jahre 1233 bereit waren, ein solches Amt zu übernehmen. Da sind zum Beispiel die Protokolle über den Einkauf von Kleidern. Für ihre Schreiber kauften die neuen Inquisitoren Tuch der besten Qualität, für sich selber nur grobes und billiges Tuch. Ebenso bei den Lebensmitteln: für die Knechte Fleisch und Wein, für die Inquisitoren selber meist nur „potagium“, Suppengemüse.

Und obwohl es für die Inquisitoren lebensgefährlich war, zu Fuß durchs Land der Ketzer zu ziehen, wollten sie keine Pferde. Nein, arm und selbstlos wollten die neuen Verfolgungsbeamten sein, arm und selbstlos wie Jesus. Und demokratisch. An die Spitze jeder örtlichen Inquisition stellten die Dominikaner nicht etwa einen „Großinquisitor“ – das ist eine späte Erfindung der Spanischen Inquisition –, sondern zwei gleichrangige „socii“, das heißt auf deutsch „Genossen“, die alle Entscheidungen kollegial fällten. Damit nicht Willkür herrsche, sondern Gerechtigkeit.

Der Historiker Jean-Pierre Dedieu, der die Register der Inquisition statistisch ausgewertet hat, kommt zum Schluss, dass die Dominikaner in Toulouse, auch in Toledo übrigens, neun von zehn Verfahren noch während der Untersuchung wieder einstellten, weil ihnen die Beweise unsicher, die Zeugen unzuverlässig schienen. Nicht einmal ein Prozent der Angeklagten in Toulouse, nicht einmal zwei Prozent der Angeklagten später in Toledo endeten auf dem Scheiterhaufen; so gewissenhaft waren diese Inquisitoren bemüht, nur ja keinem Unrecht zu tun. Waren sie allerdings sicher, dass der Angeklagte wirklich ein Ketzer war, und zwar ein unbussfertiger, dann betrachteten sie es als ihre heilige Pflicht, den religiösen Verbrecher verbrennen zu lassen. Denn dann war diese Strafe ja, nach Thomas von Aquin, „gerecht“.

Das also war, nach dem Fiasko in Deutschland, die neue, saubere, wahrhaft heilige Inquisition. Von Anfang an geriet sie in die schlimmsten Schwierigkeiten. Die korrupten örtlichen Behörden, die bisher die Ketzer verfolgt hatten und die sich diese Pfründen nicht wegnehmen lassen wollten, sabotierten die Arbeit der neuen päpstlichen Inquisitoren nach Kräften. Sie weigerten sich zum Beispiel, das beschlagnahmte Vermögen verurteilter Ketzer seinem legalen Zweck zuzuführen, nämlich der Finanzierung der neuen Inquisition. In den Protokollen der Dominikaner von Toulouse wimmelt es von Notizen folgender Art: Schon wieder habe man bereits dingfest gemachte Ketzer laufen lassen müssen, weil das Gefängnis nicht repariert werden könne „propter defectum cimenti“, weil das Geld fehle für Zement.

Das Schlimmste war die Sabotage aus Rom selbst: Päpstliche Beamte, sogenannte Pönitentiare, kamen regelmäßig nach Norden gereist, um bereits überführten und verurteilten Ketzern gegen viel Geld römische Freisprüche zu verkaufen. 1249, nach sechzehn Jahren redlichem Bemühen, wurde es den Dominikanern von Toulouse zuviel. Sie traten in den Streik. Sofort griff der Streik auf „la France“ über, das heutige Nordfrankreich.

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Das Gemälde Cristiano Bantis von 1857 zeigt Galileo Galilei, der sich vor dem Inquisitionsgericht, dessen Vorsitz einige Dominikanermönche haben, verantworten musste.

Was die deutschen Inquisitoren betrifft, so brauchten sie gar nicht in den Streik zu treten. Sie waren regelrecht ausgesperrt. Wohl hatte der Papst aus den Dominikanerklöstern von Straßburg, Salzburg und Köln neue Inquisitoren für Deutschland bestellt. Nach dem Amoklauf Konrads von Marburg schlug ihnen jedoch ein solcher Hass entgegen, nicht nur aus dem Volk, sondern auch aus den staatlichen Behörden, dass sie keinen Finger mehr gegen die Ketzer rühren konnten. Der neue Generalmagister der Dominikaner, Johannes Teutonicus, wie der Name sagt, ein Deutscher, vertrat die Ansicht, der Orden insgesamt solle lieber die Finger lassen von diesem undankbarsten aller kirchlichen Geschäfte. Sechs Jahre dauerte der Streik der dominikanischen Inquisitoren. Mehr als einmal schien es, als löse sich die ganze Verfolgungsbehörde endgültig auf.

Dann, im Frühjahr 1255, geschah das Unvorstellbare: Der Papst gab nach. In einer Reihe von Erlassen gestand er der Inquisition jene weitgehenden Sonderrechte zu, die die streikenden Dominikaner verlangten, um endlich gewissenhaft, sauber und gerecht arbeiten zu können. So sauber und gerecht, dass die Inquisition schon bald danach in allen lateinischen Ländern den Beinamen „Sanctum Officium“ bekam, „le Saint-Office“: das „Heilige Büro“.

Konrad von Marburg bekam derweil von der Nachwelt den Beinamen „der deutsche Ketzermeister“. Als solcher steht er noch heute im Bilderbuch der Vorurteile. Kaum ein Deutscher, der sich nicht den „typischen Inquisitor“ so vorstellt wie ihn; als einen bösen, alten, perversen Wüterich. Schön wär’s. Aber wahr ist leider das Gegenteil.

Am Amoklauf des „deutschen Ketzermeisters“ wäre die Inquisition fast zugrunde gegangen. Gerettet wurde sie durch eine neue, junge Generation von hochgebildeten, fortschrittlichen und demokratischen Verfolgungsbeamten. Erst mit jenen Dominikanern von Toulouse und Paris, die bereit waren, für eine saubere Ketzerverfolgung sogar gegen den Papst zu streiken, erst mit ihnen senkt sich über das späte Mittelalter die neue, schon höchst moderne Schreckensherrschaft des „Heiligen Büros“.


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