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Weg von der Finsternis – hin zum Licht!

In Fatima hat Maria mit dem großen Sonnenwunder im Oktober 1917 ein strahlendes Finale ihrer Erscheinungen dargeboten, das die Kraft hat, das Dunkel in der Welt bis in die heutigen Tage hinein zu erhellen

von Bernhard Müller

Originalfoto: Staunende Menschen während des Sonnenwunders am 13. Oktober 1917 in Fatima
Foto: foto: página oficial santuário de fátima

Die Menschen brauchen das Licht. Die Menschen suchen das Licht. Als letzte Worte des deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang Goethe ist der flehende Bittruf überliefert: „Mehr Licht!“ Tausende Menschen zünden Tag für Tag – nicht nur in Fatima, sondern an den Marienaltären aller Kirchen und Kapellen Kerzen an –, und entzünden ein Licht, um einen Ausweg aus den Finsternissen ihres Lebens zu finden. In politischen Krisenzeiten werden Friedenslichter durch die Straßen getragen. Wenn in einem Gottesdienst eine Kerze aufleuchtet, spüren die Menschen etwas, was sich mit Predigtworten kaum vermitteln lässt.

In Fatima offenbarte sich Maria mit dem Sonnenwunder den Gläubigen als Lichtbringerin. Sie war die erste, die in den drei entscheidenden Augenblicken der Schöpfungsgeschichte Gott nicht enttäuschte. Luzifer, als Lichtträger Gottes der vornehmste seiner Engel, hat sich gegen ihn erhoben. Die ersten Menschen, Adam und Eva, glaubten dem Verführer mehr als ihrem Schöpfer. Maria jedoch gab dem Erzengel Gabriel, der ihr die schwere Aufgabe der Gottesmutterschaft antrug, das uneingeschränkte JA. „Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort!“

Wenn man die Geschichte vom größten Lichtwunder der Welt erzählt, die sich vor hundert Jahren in Fatima abspielte, klingt das fast wie eine Legende aus dem Mittelalter. Und doch ist alles wahr und von nahezu siebzigtausend Zeugen bestätigt. Maria hatte bei ihren vorgehenden Erscheinungen den drei Hirtenkindern Lucia, Jacinta und Francesco für den 13. Oktober ein besonderes Zeichen versprochen, das die Echtheit ihrer Erscheinungen bestätigen sollte.

Menschen aus allen Teilen Portugals, Neugierige, Geistliche, Bauern, Journalisten, selbst offene Kirchengegner waren gekommen. Letztere meinten, es werde ein Leichtes sein, das Ganze als Schwindel zu entlarven. Doch selbst sie gingen in die Knie.

Den ganzen Vormittag strömte der Regen. Um die Mittagszeit besserte sich plötzlich das Wetter, die dichte Masse der Wolken brach auseinander und die Sonne erschien im Zenit wie eine silberglänzende Scheibe. Sie begann sich rasend zu drehen wie ein Feuerrad, nach allen Seiten warf sie Lichtflammen und Feuergarben in den Farben des Regenbogens aus. Danach stand sie wieder still, um das gewaltige Schauspiel ein zweites und drittes Mal zu wiederholen. Plötzlich schien sie sich vom Himmel zu lösen und auf die Erde zu stürzen, was einen tausendstimmigen Schreckensschrei unter den Anwesenden auslöste.

Künstlerische Darstellung des Sonnenwunders von Susanne Scholz
Foto: Fe-Medienverlag
Künstlerische Darstellung des Sonnenwunders von Susanne Scholz

Der Bischof von Leira, der damals für Fatima zuständig war, schrieb einige Jahre später über das Sonenwunder: „Dieses Phänomen, das keine Sternwarte registrierte und das demnach nicht natürlich war, wurde von Personen aller Berufe und sozialen Schichten, von Gläubigen und Ungläubigen beobachtet. Selbst von Personen, die kilometerweit entfernt waren, ein Umstand der jede Erklärung einer Massensuggestion unmöglich macht.“

Als die Sonne nach etwa zehn Minuten wieder an ihren Platz zurückgekehrt war, zeigte sich als unmittelbare äußerliche Wirkung, dass die völlig durchnässten Kleider der Menschen danach trocken waren. Aber auch die innere Erschütterung der siebzigtausend wurde wahrnehmbar. Laute Jubelrufe: „Ein Wunder, ein Wunder!“, „Ave Maria!“ und „Gott ist groß, jetzt glaube ich!“ waren zu hören, Menschen knieten betend und weinend nieder.

Weil Maria Wort hielt und das versprochene große Zeichen am letzten Erscheinungstag über Fatima eintrat, kam es zum vielleicht gewaltigsten Eingriff der Transzendenz in der Neuzeit.

Natürlich war Fatima mit seiner Botschaft von Anfang an ein Zeichen, dem widersprochen wurde. Schon während des Erscheinungsjahres wurden die drei kleinen Hirtenkinder, denen Maria erschien, Verhören durch den Pfarrer und die staatlichen Behörden ausgesetzt. Im August wurden sie sogar für einige Tage verhaftet. Selbst die Eltern mochten ihnen anfangs nicht glauben.

Als Folge des großen Sonnenwunders war es fast zwingend, dass in Fatima ein neuer Gnadenort entstand. Die damals kirchenfeindliche Regierung Portugals tat freilich alles Erdenkliche, um die Wallfahrt dorthin zu unterbinden. Immer wieder wurden die von Gläubigen aufgestellten Lichter abgeräumt und der Erscheinungsbaum, eine Eiche, über der die Kinder die Muttergottes insgesamt sechs Mal von Mai bis Oktober 1917 gesehen hatten, wurde gefällt und gestohlen. Doch dieser Schaden blieb gering, denn die Holzhacker und Diebe hatten die falsche Eiche umgehauen. In der Nacht des 6. März 1922 legten Unbekannte fünf Bomben unter die inzwischen erstellte kleine Kapelle und den Erscheinungsbaum. Die Kapelle flog in die Luft, die Eiche blieb stehen. Trotz der Angriffe wuchs der Pilgerstrom stetig an.

Heute, hundert Jahre nach den Erscheinungen in Fatima, ist der Ort einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der Welt. Obzwar die letzten Päpste alle nach Fatima pilgerten, zuletzt Papst Franziskus im Mai dieses Jahres, meinen viele moderne Gläubige und fortschrittliche Theologen, keine Stärkungen durch solche Glaubensmotive und Ereignisse wie dergleichen Wunder nötig zu haben. Sie lehnen Fatima nicht nur für sich persönlich ab, sondern stellen Wallfahrten überhaupt in Frage – wie schon Martin Luther über die Pilgerreisen zum Grab des Apostels Jakob spottete. Gott kann und soll sich ihrer Meinung nach seine Wunder sparen. Sie glauben an das Sichtbare. Dabei hat Gott in Fatima gerade seine unsichtbare Schöpfermacht überragend sichtbar gemacht wie nirgendwo sonst.

Die drei Seherkinder von Fatima (von links): Lucia, Francesco und Jacinta
Foto: Archiv
Die drei Seherkinder von Fatima (von links): Lucia, Francesco und Jacinta

Die Botschaft von Fatima, die von den Menschen eine neue Hinwendung zu Gott verlangt, bleibt gerade durch die Bestätigung, die sie mit dem Sonnenwunder erfuhr, deshalb für heute hochaktuell. Maria verlangt, Gott nicht mehr zu beleidigen, der schon so viel beleidigt wurde. Das heißt für jeden: umkehren, umdenken, demütiger werden. Als Gebet hat Maria in Fatima den Rosenkranz empfohlen zur Rettung der Welt und der Seelen.

Was uns heute not tut, ist der Gehorsam des Syrers aus dem Morgenland, der von Elisäus gesagt bekam: „Wasche dich sieben Mal im Jordan, so wirst du gesund!“ Das war eine überraschend einfache Verordnung. Der Syrer konnte sagen, und er hat es zuerst gesagt: „Gibt es nicht auch in meiner Heimat Ströme genug? Musste ich deshalb kommen? Wasche ich mich nicht auch sonst?“ Aber als er gehorsam Folge leistete, wurde er gesund.

Auch in der Botschaft von Fatima sind ganz einfache Dinge von uns verlangt, nichts, was nur Gebildeten vorbehalten ist. Aber wenn wir diese einfachen Dinge im Gehorsam tun, werden wir gesund, kommt Licht in das Dunkel der Welt, wird Friede möglich, erleben wir unser „Sonnenwunder“.

Was Maria von uns erbittet, ist ein radikaler Wandel in unserer Grundhaltung. Es geht um ein Wendemanöver. Wir sollen, das meint auch die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens, selber zu marianischen Menschen werden. Zu Nachahmern Mariens, die Gott selbst unter ihrem Herzen trug, das nachher dafür („zum Lohn“) von Schmerzen wie von sieben Schwertern durchbohrt wurde. Maria war voll Liebe, feinfühlig für fremde Nöte, sie war geduldig, nachsichtig, hingebend, opferbereit, verschwiegen und treu. All das, was Maria verkörperte und vorlebte, sollen wir im eigenen Leben anstreben.

Die beste Übung dafür ist, das hat Maria in Fatima gelehrt, das Rosenkranzgebet. Im Laufe eines einzigen Rosenkranzes wenden wir uns mehr als fünfzig Mal mit den flehenden Worten an die Gottesmutter: „Heilige Maria, Muttergottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen.“

Im Blick auf das Versprechen Mariens in Fatima, dass am Ende ihr unbeflecktes Herz siegen werde, sagte schon Papst Paul VI. 1971 in seiner Osterbotschaft: „Die Sache des Menschen ist keineswegs verloren, sondern steht zu seinem sicheren Vorteil.“

Fatima ist ein Weckruf an die Welt, untermauert mit einem fulminaten sonnenstrahlenden Finale, aber es ist keine Drohbotschaft. Die Rosenkranzbeter von Fatima gleichen David, der nur mit einer Schleuder ausgerüstet war und so den Riesen Goliath bezwang mit den Worten: „Du kommst zu mir mit Schwert, Lanze und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn der Heerscharen.“ Der Rosenkranz ist die „Davidsschleuder“, die uns mit den ermutigenden Worten Mariens in Fatima furchtlos und zuversichtlich macht: „Habt keine Angst!“


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