VATICAN-magazin

Editorial

Worauf wir hoffen

von Guido Horst

Bald ist es geschafft. Die Protestanten haben das Jahr des Reformationsgedenkens gefeiert, viele Katholiken hundert Jahre Fatima. Hat das die Christen zumal in den deutschsprachigen Landen nun wirklich verändert? Eigentlich nicht. Auch 2017 ist der stille Auszug aus den Kirchen unverändert weiter gegangen. Und im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ war es nicht anders. Aus einer Volkskirche wird mehr und mehr eine Kirche der „hot spots“, kleiner geistlicher Zentren, einzelner Initiativen und Gemeinschaften, in denen der Glaube weiterlebt wie die Glut unter der Asche. Auf ihnen ruht die Hoffnung, nicht auf Gedenkfeiern und auch nicht auf der in der Kirche sich verbreitenden Sitte, laufend einen „Welttag“ für oder gegen irgendetwas zu begehen.

„Nur durch Menschen, die von Gott berührt sind, kann Gott zu den Menschen zurückkehren.“ Das sagte Kardinal Joseph Ratzinger in seinem letzten Vortrag als Kardinal am 1. April 2005 im italienischen Subiaco. Es war ein Vortrag über die Krise der neuzeitlichen Kulturen – und es drehte sich um die Gottesfrage: Kann man ganz ohne Gott eine humane Gesellschaft errichten und erhalten – und wie soll sich der Einzelne verhalten, der Gott nicht erkennen kann? Und das war der Vorschlag Joseph Ratzingers:

„An diesem Punkt möchte ich in meiner Eigenschaft als gläubiger Mensch den Laizisten einen Vorschlag machen. Im Zeitalter der Aufklärung hat man versucht, die wesentlichen moralischen Normen zu verstehen und zu definieren und hat gesagt, sie seien gültig etsi Deus non daretur, auch in dem Falle, dass Gott nicht existiere.“ Doch die Aufklärung, so der Kardinal weiter, sei mit ihrem Versuch gescheitert, eine Moral ohne Gott zu schaffen, abgeleitet allein aus den Kriterien der menschlichen Vernunft. Die grausamen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts waren der Höhepunkt dieses Scheiterns. Also schlug Ratzinger vor: „Der zum äußersten geführte Versuch, die menschlichen Dinge unter vollständigem Verzicht auf Gott zu formen, führt uns immer näher an den Rand des Abgrunds, zur gänzlichen Zurückstellung des Menschen. Wir müssten also das Axiom der Aufklärer auf den Kopf stellen und sagen: Auch derjenige, dem es nicht gelingt, den Weg der Annahme Gottes zu finden, sollte dennoch versuchen, so zu leben und sein Leben so auszurichten veluti si Deus daretur, als ob es Gott gäbe.

Das ist der Ratschlag, den bereits Blaise Pascal seinen nicht glaubenden Freunden erteilt hat; das ist der Ratschlag, den auch wir heute unseren Freunden, die nicht glauben, erteilen wollen... Was wir in diesem Moment der Geschichte vor allem brauchen, sind Menschen, die Gott durch einen erleuchteten und gelebten Glauben in dieser Welt glaubhaft machen.“

Hans Urs von Balthasar hat in seinem kleinen Büchlein mit dem Titel „Glaubhaft ist nur die Liebe“ zu zeigen versucht, dass das einzige, was die Kirche wirklich glaubwürdig machen kann, die Heiligen sind. Alle Jubiläen, alle Gedenkfeiern, alle Reformen und seien es die der römischen Kurie gingen fehl, wenn es nicht Menschen gäbe, in denen die Liebe Gottes sichtbar wird. Die Heiligen – und nicht nur jene, die von der Kirche offiziell als solche anerkannt wurden – sind Menschen, die sich nicht mit einem Mantel aus religiöser Inbrunst und Tugendhaftigkeit umkleidet als Kultfigur aufdrängen, sondern die der Glaube so verändert, dass sie selber zurücktreten und das göttliche Geheimnis in ihnen erkennbar wird. Was auch heute noch zählt, ist das kraftvolle persönliche Zeugnis eines Menschen, in dem Gott lebendig wird. Sie sind der einzig überzeugende Gottesbeweis.


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