Heiliges Land 6-7/2014

 

Wo die Weisheit der Päpste in Demut besteht

Die Wiege des Christentums gibt heilsgeschichtliche Rätsel auf. Für die Nachfolger Petri ein Grund, dort nicht als Richter aufzutreten, sondern Gott um seinen Frieden zu bitten

 

von Guido Horst

 

Es war eine demütige Pilgerfahrt, die Franziskus ins Heilige Land geführt hat. Er küsste in der Grabeskapelle Jesu die Hand des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios – und in Yad Vashem küsste er Überlebenden des Holocausts die Hand. Der Papst wusste aber auch, dass er keinen der religiösen, politischen und kulturellen Konflikte lösen kann, die aus der Wiege des Christentums ein wahres Pulverfass machen. Die Präsidenten Schimon Peres und Mahmud Abbas lud er nicht in den Vatikan ein, um dort Friedensverhandlungen zu führen, sondern den Frieden von Gott zu erbetteln. Vor, während und nach dem Besuch von Franziskus im Heiligen Land war jetzt viel von Impulsen, Signalen und Zeichen der Hoffnung die Rede. Mehr war einfach nicht drin. Man wird später bilanzieren können, ob sich mit der Reise die Stellschrauben einiger offener Fragen vielleicht um wenige Millimeter bewegt haben: im Verhältnis Roms zum Staat Israel und zu den Palästinensern, in der Ökumene mit der Orthodoxie, in einigen ganz praktischen Fragen der Bewegungsfreiheit und Rechtssicherheit für die Christen der Region. Zur Erinnerung: Schon der Besuch von Johannes Paul II. hatte hohe Erwartungen geweckt. Doch noch im gleichen Jahr 2000 brach die zweite Intifada aus und alle Hoffnungen auf Frieden waren dahin.
Die beiden muslimischen Heiligtümer Felsendom und Al Aqsa-Moschee, die auf dem wiederum den Juden heiligen Tempelberg liegen, auf dem Salomon vor dreitausend Jahren den ersten Tempel errichtete hat, wie auch neuerdings der von ultraorthoxen Juden angezettelte Streit um den Ort, wo sowohl das Grab Davids wie auch der Abendmahlssaal Christi verehrt werden, zeigen beispielhaft, wie im Heiligen Land Schicksalsfragen der Menschheit auf unheilige Weise und unentwirrbar miteinander verwoben sind. Sie haben heilsgeschichtliche Ausmaße und sind damit auch geheimnisvoll: Im Nahen Osten wurde der abrahamitische Glaube an den einen Gott geboren – und ist dort wieder auseinandergebrochen: Es ist, dem heiligen Paulus folgend, katholische Auffassung, dass das jüdisch-christliche Schisma erst am Ende der Zeiten überwunden wird. Aus diesem Schisma ist der für Christen und Juden häretische Islam entstanden, irgendwo im arabischen Raum vor anderthalbtausend Jahren. Erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also fast zweitausend (!) Jahre nach Entstehung des Christentums, hat die katholische Kirche überhaupt eine gemeinsame und verbindliche Sprache und Begrifflichkeiten gefunden, um mit diesen heilsgeschichtlichen Gräben umzugehen – nicht mit Feuer und Schwert, sondern mit Geist und Verstand. Doch die Frage, warum Gott das jüdisch-christliche Schisma und die islamische Häresie denn überhaupt zugelassen hat, kann die Kirche auch heute nicht beantworten. Nimmt man jetzt noch die innerchristlichen Zerwürfnisse hinzu, wie sie etwa im – was die Zuständigkeiten angeht – Flickenteppich der Jerusalemer Grabeskirche augenfällig sind, mag einem das Heilige Land wie ein religionsgeschichtliches Knäuel vorkommen, das der Mensch nicht lösen kann. Das mag der letzte Grund für die Demut sein, die Franziskus im Heiligen Land gezeigt hat.
Aber in diesem Knäuel gibt es goldene Fäden. Anfang des dreizehnten Jahrhunderts besuchte Franz von Assisi den Sultan und sein Orden erhielt die Erlaubnis, im Heiligen Land eine Kustodie zu errichten. Das trägt bis heute. Jetzt kam wieder ein Franziskus. An der Seite sein Freund, der Rabbi aus Buenos Aires, und auch ein Muslim aus Argentinien gehörte zum päpstlichen Gefolge. Der Papst legt Zeugnis dafür ab, dass die Kirche nach bitteren Jahrhunderten gelernt hat, Spannungen friedvoll auszuhalten. Genau dieses Zeugnis braucht der Nahe Osten.
Auch gegenüber dem Staat Israel sind die Päpste und ist der Vatikan in einer gewissen Weise demütig geworden, wie zum Beispiel eine Erklärung des Direktors des Vatikanischen Presseamts zeigt, die der Rom-Fachmann Reinhard Raffalt in seinem 1973 erschienenen Buch „Wohin steuert der Vatikan?“ festgehalten hat. Es ging damals – vor über vierzig Jahren, was aber für die vatikanische Diplomatie auch keine Ewigkeiten sind – um einen Besuch der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir bei Paul VI. Die Audienz fand am 15. Januar 1973 statt und im unmittelbaren Anschluss daran ließ der Vatikansprecher in einer Verbalnote verlauten: „Was den Besuch von Frau Golda Meir beim Papst betrifft, muss beachtet werden, dass es sich nicht um eine Geste des Vorzugs oder der Exklusivität handelt. Paul VI. empfing den König Hussein von Jordanien und andere Persönlichkeiten höchsten Ranges aus der arabischen Welt und arabischen Ländern. Der Heilige Stuhl pflegt herzliche Beziehungen zu Ägypten, dem Libanon, Syrien und unterhält diplomatische Beziehungen zu Tunis, Algerien, Kuwait und dem Irak.“ Zutreffend kommentiert Raffalt diese Note: „Niemals bisher war es vorgekommen, dass der Vatikan einem Regierungschef, der den apostolischen Palast noch kaum verlassen hatte, schon die ganze Phalanx seiner politischen Feinde und deren Freundschaft mit dem Heiligen Stuhl öffentlich vorhielt. Von solchem Tonfall bis zur unverhohlenen Feindseligkeit war nur noch ein Schritt.“ Offensichtlich, so der Buchautor weiter, sei dieses Dokument in seiner „brutalen Nichtachtung der Form“ an die Adresse der arabischen Länder gerichtet gewesen. „So fiel das vatikanische Bronzetor im Rücken von Golda Meir krachend ins Schloss“, beschreibt Raffalt den Sinngehalt der Vatikanerklärung, ohne den Hinweis auf arabische Medien zu unterlassen, die das Kommuniqué bejubelten und den Papst als Mann von Prinzipien feierten.
Zu den Prinzipien der Päpste und der vatikanischen Diplomatie hatte es von Anfang an gehört, dem Gedanken an einen Judenstaat, an eine Heimstatt in Palästina, jegliche Unterstützung zu verweigern. Am 26. Januar 1904 hatte Theodor Herzl dem später heiliggesprochen Pius X. den Plan vorgetragen, Juden wieder in Palästina anzusiedeln. Der Papst antworte freundlich, aber mit entschiedener Ablehnung: „Wir können die Bewegung nicht gutheißen. Wir können Juden nicht daran hindern, nach Jerusalem zu gehen, aber unterstützen können wir das niemals.“ Das Land von Jerusalem sei durch das Leben Jesu Christi geheiligt worden. Er, als Oberhaupt der Kirche, könne nichts anderes sagen. „Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, darum können auch wir das jüdische Volk nicht anerkennen.“ Diese nicht antisemitische, aber eindeutig antijudäische Haltung blieb bestimmend für das Verhältnis des Vatikans zum schließlich 1948 gegründeten Judenstaat – auch über die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Judentum hinaus. Als Paul VI. vor fünfzig Jahren als erster Papst den Judenstaat betrat, nahm er das Wort „Israel“ nicht ein einziges Mal in den Mund. Ein Mann von Prinzipien eben.
Die Wende in der vatikanischen Israel-Politik kam erst mit Johannes Paul II., der als Pole aus einer Nation stammte, die unter der Nazi-Diktatur wie die Juden zu den Opfer-Völkern gehörte. Karol Wojtyla wollte die Aussöhnung mit den Juden. Dass er 1986 als erster Papst überhaupt die römische Synagoge besuchte, Rabbiner Elio Toaff umarmte und gemeinsam mit ihm betete, hatte zwar nichts mit Israel zu tun, beendete aber die Sprachlosigkeit zwischen Vatikan und dem Judenstaat. In nur sieben Jahren arbeiteten beide Seiten einen Grundlagenvertrag aus, der 1993 in Kraft trat. Man tauschte Botschafter aus und es begann eine Zeit der Begegnungen und des Dialogs, die in der Reise von Johannes Paul II. ins Heilige Land im Jahr 2000 ihren Höhepunkt fand: Der bereits von Alter und Krankheit gezeichnete Papst deponierte mit einer in der ganzen Welt Aufsehen erregenden Geste die Vergebungsbitte gegenüber dem jüdischen Volk, die er zuvor in Rom im Rahmen der Feier des Heiligen Jahres hatte sprechen lassen, in Jerusalem in der Klagemauer. Der Ausbruch der zweiten Intifada nach dem Besuch Johannes Pauls II. in Israel beendete jedoch die Hochphase in den Beziehungen zwischen Rom und Israel. Besonders die israelische Siedlungspolitik und den Bau der Sperrmauer um Bethlehem lehnt die katholische Kirche – von der örtlichen Hierarchie im Heiligen Land bis hin zur vatikanischen Diplomatie – entschieden ab.
Grundsätzlich anerkennt der Vatikan das Existenzrecht Israels, plädiert im Zusammenhang der Koexistenz des jüdischen und des palästinensischen Volkes in der Region für eine Zwei-Staaten-Lösung und sieht in der Jerusalem-Frage das größte Hindernis für eine dauerhafte Befriedung des Nahen Ostens.
Seit der Friedensprozess ins Stocken geraten ist, ist auch die Lösung der Frage nach dem Status von Jerusalem in die Ferne gerückt. Nicht in weiter Ferne liegt der Abschluss eines bilateralen Vertrags zwischen dem Vatikan und den palästinensischen Autonomiegebieten, der Ausführungsbestimmungen zu einem bereits bestehenden Grundlagenabkommen enthalten soll.
Die Reise des Papstes hat die diplomatischen Positionen des Vatikans gegenüber Israel und den Palästinensern in allen Punkten bestätigt und bekräftigt – in den Ansprachen wie in den Gesten. Auch als sich Franziskus dem Betonring bei Bethlehem wie einer zweiten Klagemauer näherte und den Kopf an sie lehnte, war das wie eine Verneigung vor den Leiden der palästinensischen Bevölkerung, die unter der Zerschneidung und Einkesselung ihres Territoriums leidet, was der Vatikan nicht gutheißen kann. Aber auch für die Anerkennung Israels als Heimstatt der Juden fand Franziskus eine eindeutige Geste: Am Denkmal für Theodor Herzl, dem Vater des Zionismus und Vordenker des Judenstaats, legte der Papst 110 Jahre nach der Audienz Herzls bei Pius X. einen Kranz aus Blumen nieder.

 

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