Ukraine 4/2014

 

Zerrissen zwischen Ost und West

Das Schicksal der Ukraine ist bestimmt von seiner Grenzlage zwischen Ost und West, zwischen Russland und Europa. Hier überschneiden sich der katholische und der orthodoxe Kulturkreis

 

von Staphan Baier

 

Wie ein roter Faden scheint sich die Zerrissenheit zwischen Ost und West durch die Geschichte der Ukraine zu ziehen. Nicht zufällig wird der Name Ukraine etymologisch als „Grenzland“ gedeutet. Grenze oder Brücke zwischen den Kulturen wie auch den Konfessionen zu sein, zwischen Russland auf der einen Seite und auf der anderen dem „Westen“, der heute Europa heißt und früher Polen, Litauen oder Österreich-Ungarn hieß, scheint das Schicksal dieser Region zu sein. Aus ihrer Randlage befreien wollte sie bereits vor mehr als einem Jahrtausend Großfürst Wladimir (Volodymyr), der im zehnten Jahrhundert durch den Zusammenschluss mehrerer Waräger-Herrschaften die Kiewer Rus schuf. Seine Großmutter, Fürstin Olga, hatte sich bereits 957 in Konstantinopel taufen lassen, aber aus dem Westen – von Kaiser Otto I. – einen Bischof erbeten. Als sich ihr Enkel Wladimir nun im Jahr 988 und die Bevölkerung seines Reiches in der Pocajna, einem Nebenfluss des Dnjepr, taufen ließ, war dies nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische und kulturelle Weichenstellung.
Die Legende sagt, Wladimir habe Priester aus Rom und Konstantinopel kommen und vor seinen Augen die Messe zelebrieren lassen. Die Liturgie, der der päpstliche Gesandte vorstand, beeindruckte ihn schwer, doch bei der Messe im Ritus des Ostens habe er sich „wie im Himmel“ gefühlt. Wladimir nahm das Christentum von Konstantinopel an, unterhielt aber auch Beziehungen zu Rom. Das war noch vor dem Großen Schisma von 1054. Mit der Annahme des Christentums als Staatsreligion stieß der Großfürst die Tore nach Europa auf, denn es war das Christentum, das am Ende des ersten Jahrtausends die Reiche Europas miteinander verband. Mit der Taufe wurde die Kiewer Rus ein Glied des abendländischen Kulturkreises, reihte sich unter die großen Reiche des Mittelalters ein und eröffnete sich den Zugang zur hohen Kultur von Byzanz.
Im Jahr 1223 fielen die Tataren, die schon China, Persien und Westturkestan erobert hatten, in der ukrainischen Steppe ein. Klöster und Kirchen wurden geplündert und zerstört. 1240 fiel Kiew in die Hand der Tataren. Zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts gerieten die westlichen Teile des einstigen Rus-Reiches unter die Oberhoheit Polens und des Großfürstentums Litauen, während sich im Osten vor allem ab Mitte des siebzehnten Jahrhunderts die Herrschaft Moskaus ausdehnte. Nun aber war die Christenheit längst geteilt: Polen-Litauen gehörten dem katholisch-lateinischen Kulturkreis an, Moskau dem orthodox-byzantinischen. In ihrem jeweiligen Herrschaftsbereich drückten sie dem Land, der Kultur, der Religiosität ihren Stempel auf. Während im Westen die Gläubigen des byzantinischen Ritus diskriminiert und parallele lateinische Strukturen begründet wurden, das Land zugleich polonisiert und latinisiert wurde, begann im Osten jenes Raumes, der heute die Ukraine bildet, die Russifizierung. Die Metropoliten „von Kyjiv und der ganzen Rus“ hatten nämlich stets den Kontakt zum Westen gesucht, mit Gesandten an den Konzilen von Lyon 1245 und Konstanz 1418 teilgenommen, doch hatte sich Moskau 1448 von Kiew unabhängig (autokephal) erklärt und 1589 den Status des Patriarchats erlangt. Moskau sah sich seit dem Fall Konstantinopels als „drittes Rom“, als ewiger Hüter und Verteidiger des wahren, orthodoxen Glaubens.
Im Gegensatz dazu suchte ein Großteil der Kiewer Metropolie Ende des sechzehnten Jahrhunderts die Union mit Rom, unterstellte sich 1596 in der „Union von Brest“ dem Papst unter der Bedingung der Beibehaltung des byzantinischen Ritus, ihrer eigenen Hierarchie und kulturellen Identität. Als aber nach der ersten Teilung Polens 1772 schließlich auch die rechtsufrige Ukraine an Russland fiel, begann eine Zeit der brutalen Zwangsbekehrungen. Für Moskau beziehungsweise Petersburg flossen orthodox-konfessionelle und national-imperiale Ambitionen ineinander. Die Rückholung der mit dem Papst „Unierten“ in den Schoß der Orthodoxie schien dem Moskauer Patriarchat ebenso heilige Pflicht wie dem Zaren die „Sammlung der russischen Erde“. Also unterstellte der Zar die Kiewer Metropolie dem Patriarchen von Moskau. Die unierten Ukrainer wurden in großen Teilen zur Konversion gezwungen. Zarin Katharina II. löste alle unierten Diözesen und viele Klöster auf, verbot die ukrainische Sprache und unterwarf die gesamte Kirchenverwaltung dem Synod in Moskau.
Die mit dem Stuhl Petri verbundenen ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus konnten ihren Glauben nur mehr in den habsburgischen Gebieten, vor allem im österreichischen Galizien, frei entfalten. In der galizischen Me-tropole Lemberg (Lviv) gab es darum vor einem Jahrhundert drei katholische Erzbischöfe nebeneinander: für den lateinischen, für den byzantinischen und für den armenischen Ritus. Daneben bestand auch eine Synagoge und eine so vitale jüdische Gemeinde, dass Kaiser Franz Joseph bei einem Besuch in Lemberg ausgerufen haben soll: „Jetzt weiß ich, warum ich ‚König von Jerusalem‘ heiße.“
Als am Ende des Ersten Weltkriegs die alten Reiche fielen, zunächst 1917 das russische Zarenreich und dann 1918 das österreichische Kaiserreich, wurde die Ukraine neuerlich zum Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen: zwischen Lenins Bolschewiken und den Weißen Truppen, zwischen Polen und Kosaken-Atamanen. Lemberg war kurzzeitig Hauptstadt einer Westukrainischen Republik, bevor es von Polen erobert wurde. Die kurze Phase der ukrainischen Eigenstaatlichkeit war für das Selbstbewusstsein der Ukrainer wesentlich, doch bald erwürgte Stalin das Ukrainertum mit einer bis dahin unbekannten Brutalität. Hunderttausende Kulaken, nicht nur Großbauern, sondern alle, die sich der Zwangskollektivierung widersetzten, ließ der Diktator ermorden. Die künstliche Hungersnot, die darauf folgte, der „Holodomor“, war ein Genozid, der rund neun Millionen Todesopfer forderte und bis heute die Gesellschaft belastet und spaltet. Historiker schätzen, dass in der Ukraine im Lauf des blutigen zwanzigsten Jahrhunderts durch Willkür und Gewalt insgesamt siebzehn Millionen Menschen das Leben verloren, doch in der Sowjetunion waren solche Themen völlig tabuisiert. Bis heute gibt es in Russland und sogar in manchen Teilen der Ukraine den „homo sovieticus“, der in der Geisteswelt der Sowjetpropaganda gefangen bleibt und die ab 1991 bekannt gewordenen Gräueltaten der Kommunisten einfach nicht wahrhaben will.
Zur ukrainischen Identität, die Stalin zu brechen entschlossen war, zählte auch die griechisch-katholische (unierte) Kirche, die durch ihren Ritus östlich und durch ihre Union mit dem Westen verbunden ist. 1943 hatte sich das orthodoxe Moskauer Patriarchat mitten im Weltkrieg mit Stalin arrangiert. 1944 eroberte die Rote Armee die West-Ukraine zurück. Und sogleich begann die gezielte Propaganda gegen die angeblichen „Nationalisten“, „Faschisten“ und „Kollaborateure“ unter den Unierten – eine Propaganda, an die Wladimir Putins demagogisches Fußvolk in unseren Tagen anknüpft.
Diese Diffamierungskampagne setzte 1944 ein, unmittelbar nach dem Tod des vom Volk tief verehrten Metropoliten Andrej Scheptyzkyj, der seine Kirche fast ein halbes Jahrhundert geführt hatte, und dauerte bis zum Untergang der Sowjetunion 1991. Im April 1945 ließ Stalin das neue Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Metropolit Josyf Slipyj, alle unierten Bischöfe und mehr als achthundert Priester verhaften und deportieren. Unter der Regie der Sowjetführung und des Moskauer Patriarchats erklärte eine kleine Gruppe eingeschüchterter Priester im März 1946 die „freiwillige Selbstauflösung“ der griechisch-katholischen Kirche und ihre „freiwillige Rückkehr in den Schoß der Russisch-Orthodoxen Kirche“. Von Freiwilligkeit konnte gar keine Rede sein: Laien und Priester, die sich dieser stalinistischen Zwangsökumene widersetzten, wurden schikaniert, verhaftet und gefoltert. Von den elf Bischöfen überlebte nur Metropolit Slipyj die Arbeitslager. Die Kirchen der „Unierten“ wurden der russischen Orthodoxie übereignet, zerstört oder zu Museen „für Atheismus und Religionswissenschaft“ umfunktioniert.
Die Zeit der Verfolgung neigte sich erst 1989/90 mit dem Niedergang der Sowjetunion und dem Wiedererstehen einer unabhängigen Ukraine dem Ende zu. Überlebt hatte die unierte Kirche im Exil und im Untergrund. 1991 kehrte Slipyjs Nachfolger als Großerzbischof, Kardinal Myroslav Lubachivsky, von Rom nach Lemberg zurück. Die griechisch-katholische Kirche erstand kraftvoll aus den Katakomben. Sie überlebte dank ihres Nationalbewusstseins, aber mehr noch dank ihrer unerschütterlichen Treue zum Nachfolger Petri.
Es war der Papst aus Polen, der sie 1988 – in einem Schreiben zur Tausendjahrfeier der Kiewer Rus, „Magnum baptismi donum“ – dem Vergessen entrissen hatte: „Die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche sollte von niemandem als unvereinbar mit dem Wohl des eigenen Vaterlands und mit dem Erbe des heiligen Wladimir angesehen werden. Mögen die Scharen Eurer Gläubigen sich echter Gewissensfreiheit und der Beachtung ihrer religiösen Rechte in der Abhaltung des öffentlichen Gottesdienstes nach ihrer vielfältigen Tradition und ihrem Ritus sowie mit den eigenen Hirten erfreuen“, schrieb Johannes Paul II. damals. Dreizehn Jahre später strömte mehr als eine Million unierter Ukrainer in das Hippodrom von Lemberg, um mit dem Papst aus der geografischen Nachbarschaft die Messe im byzantinischen Ritus zu feiern.
Die „Divisionen“ des Papstes (um Stalin zu zitieren) hatten den Kommunismus überwunden, nicht aber die Ressentiments zwischen Ost und West. Mit der Wiederauferstehung der griechisch-katholischen Kirche begann auch das Ringen um Kirchengebäude und Gläubige. Das Moskauer Patriarchat giftete gegen die „Unierten“, die Orthodoxie in der Ukraine zerbrach. Heute ist die „Ukrainische-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ mit 72 Bischöfen und rund zehntausend Geistlichen die größte von drei orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Sie betreibt hunderte Zeitschriften und ein Dutzend Radios und Fernsehstationen. Unter Präsident Wiktor Janukowitsch wurde sie besonders gefördert, weshalb sein Sturz die Orthodoxen des Moskauer Patriarchats in der Ukraine in eine Zerreißprobe geführt hat. Von Moskau getrennt hat sich 1991 die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats“ unter dem früheren Statthalter Moskaus in Kiew, Filaret, der in der Regierungszeit von Julia Timoschenko im Strom der staatlichen Gnaden war. Obwohl die Orthodoxie des Kiewer Patriarchats in ihrer Autokephalie von der Weltorthodoxie nicht anerkannt ist, verfügt sie in der Ukraine über rund dreitausend Geistliche und fast ebenso viele Kirchen. Eine dritte orthodoxe Denomination, die „Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche“, hat ihre Wurzeln im ersten ukrainischen Staat nach dem Ersten Weltkrieg und verfügt heute über mehrere hundert Priester und Kirchen.
Unabhängig von Politik und Staatlichkeit ist aufgrund ihres ekklesiologischen Selbstverständnisses wie durch ihre jahrhundertelange Leidensgeschichte die katholische Kirche. Sie existiert in der Ukraine als römisch-katholische Kirche – unter dem Lemberger Erzbischof Mieczyslaw Mokrzycki – mit rund neunhundert Pfarreien und etwa sechshundert Geistlichen, und als griechisch-katholische Kirche unter Großerzbischof Sviatoslav Schevtschuk mit rund 3.500 Pfarreien und 2.300 Geistlichen. In den Tagen der Bürgerproteste gegen das Janukowitsch-Regime auf dem Kiewer Maidan kam es zu einer bemerkenswerten Ökumene: Mit Ausnahme von Teilen der Orthodoxie des Moskauer Patriarchats standen die Kirchen und Religionsgemeinschaften – einschließlich der jüdischen und der muslimischen Gemeinden – auf der Seite der Demonstranten gegen die korrupte Kleptokratie Janukowitschs. Und ebenso klar wirbt der „Gesamtukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften“ für die Unversehrtheit und Integrität des ukrainischen Staates – für eine Freiheit und Unabhängigkeit, die in der gesamten Geschichte des ukrainischen Volkes stets umkämpft und nie selbstverständlich waren.

 

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