Heiliges Jahr 8-9/2015

 

Die Straße der Versöhnung

Die Pilger im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit werden die Via della Conciliazione in Rom als eine Fussgängerzone erleben. Die Umwidmung der Verkehrsader zu einer autofreien Straße ist nicht weniger umstritten als ihre Entstehung in der ersten Häfte des zwanzigsten Jahrhunderts

 

von Ulrich Nersinger

 

In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen in Rom die Arbeiten zum Bau der Via della Conciliazione. Für die neue Prachtstraße, die vom Tiber zum Vatikan führt, wurde der Borgo, das historische Viertel bei Sankt Peter, neugestaltet. Paläste, Kirchen und Wohnhäuser fielen der Spitzhacke zum Opfer und veränderten das durch Jahrhunderte gewohnte Bild von der Vorstadt der Residenz des Papstes.
Die Geburtsstunde der Via della Conciliazione lässt sich auf den Tag genau datieren. Ein Großprojekt seiner Stadterneuerung war für Benito Mussolini die Freilegung und die Renovierung der Engelsburg gewesen. An dem Tag, an dem der faschistische Diktator den Park beim Castel Sant’Angelo der Öffentlichkeit übergab, es war der 21. April 1934, ging er nach der Einweihungsfeier mit seiner Begleitung bis zu der Ufermauer des Tibers, die gegen Sankt Peter blickt. Von dort sah er nur einen Teil der Kuppel des Doms. Alles Übrige wurde durch die Häuser zwischen dem Borgo Vecchio und dem Borgo Nuovo verdeckt. Spontan teilte er den beiden Architekten Marcello Piacentini und Attilio Spaccarelli mit, dies könne so nicht bleiben. Schon in kürzester Zeit lagen Pläne für ein radikales Straßenprojekt vor. Der Vatikan konnte sich dem von Mussolini mit Geschick vorgetragenen Ansinnen einer „Versöhnungsstraße“ kaum verschließen. Die Bezeichnung „Via della Conciliazione“ (Straße der Versöhnung) erhielt sie jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Vorschlag des Journalisten Franco Franchi hin.
Ein erster konkreter Entwurf der beiden Architekten – Piacentini und Spaccarelli hatten sich unmittelbar nach dem „Aufruf“ des Duce an die Erstellung detaillierter Pläne herangewagt – sah ein „nobile interrompimento“ (eine „edle Unterbrechung“) vor, das als Prachteingang zum Petersplatz und zum Bezirk der Basilika dienen sollte. Gian Lorenzo Bernini hatte ursprünglich eine dritte Kolonnadenreihe für die Öffnung zwischen den beiden schon vorhandenen Kolonnadenarmen entworfen. Die Idee der Architekten, die das Berninische Thema des Abschlusses des Petersplatzes wiederaufnahm, rief heftige Auseinandersetzungen hervor. In kämpferisch geführten Diskussionen trat das eigentliche technische Problem in den Hintergrund. Es wurde vielmehr die grundsätzliche Frage erörtert, ob es in architektonischer, ästhetischer, religiöser und politischer Hinsicht ratsamer sei, die Straße ganz offen zu lassen oder aber sie abzuschließen.
So präsentierten Piacentini und Spaccarelli die Variante einer offenen Straße, die dem Wunsch entsprach, das grandiose Bild der Basilika und der Kuppel Michelangelos ohne jedes Zwischenstück in seiner ganzen Größe zu sehen, um so den Anblick des Ganzen und jeder Einzelheit ungehindert genießen zu können. Die Befürworter machten geltend, dass die Trennung der beiden Bezirke, des der Kirche und des der Stadt, nicht einmal einem religiösen Bedürfnis entspräche, sondern dass vielmehr die gegenseitige Durchdringung einer gesunden christlichen Auffassung entsprechen würde.  
Die Verfechter der Trennung der beiden Bezirke wiesen dagegen darauf hin, dass „Trennung“ nicht „Absonderung“, sondern „Unterscheidung“ und zugleich „harmonische Verbindung“ der beiden Bezirke, des kirchlichen und des städtischen, bedeute, da eine großstädtische Verkehrsader, die unmittelbar in den Bezirk des größten Gotteshauses der Christenheit wie auf irgendeinen beliebigen Platz ausliefe, nicht denkbar sei. Man trete daher für die Notwendigkeit ein, den Bezirk des Gotteshauses „abzuschließen“ und berief sich dabei auf die Idee des „Tempelvorplatzes“, der eine gesammelte, feierliche, andächtige Stimmung schaffe. So entstand der Gedanke eines „interrompimento“, eines „Grenzzeichens“ zwischen den beiden Bezirken.
Die Architekten schufen zunächst die Voraussetzungen, dass eine Wahl zwischen den beiden Lösungen freigestellt blieb – obwohl ihre Präferenz eindeutig einem „interrompimento“ galt. Attilio Spaccarelli bemerkte, dass die nach dem Petersplatz hin offene Straße, falls man zu dieser Lösung gelangen sollte, nur mit parallelen Seiten denkbar sei. Er hob hervor, dass der Borgo Vecchio parallel zur Achse von Sankt Peter verlaufe, und merkte an, dass die Abweichung auf der Seite gegen den Borgo Nuovo leicht dadurch beseitigt werden könne, dass man das Gebäude zwischen der Kirche der Traspontina und dem Palazzo Giraud-Torlonia nach vorne rücke und die anschließenden Gebäude in die gleiche Linie bringe. Um auch bei dieser Lösung eine Kenntlichmachung der beiden „Bezirke“ zu verdeutlichen, schlugen die Architekten vor, dort wo die Piazza Rusticucci (die heutige Piazza Pio XII beim Petersplatz) begann, zwei kräftige, stark vorspringende Baukörper monumentalen Charakters aufzustellen, die sich jedoch dem „Straßenmilieu“ anpassen sollten.
Die andere Lösung plädierte für ein „nobile interrompimento“ – bestehend aus einem hohen Portikus, der mit den beiden seitlichen Baukörpern verbunden würde. Dieser Portikus, dessen Aufgabe es dann sei, einen „Prachteingang zum Tempelbezirk“ zu schaffen, sollte in dem selben Geist gehalten sein wie die Kolonnaden Berninis, bestehend jedoch aus gekoppelten Pfeilern, wie sie Bernini in den beiden Verbindungsarmen zwischen der Basilika und den Kolonnaden und auch in den Kolonnaden selbst verwendet hatte. Die Mitte des Portikus läge auf der Achse des Petersplatzes und könne so als Durchgang für Prozessionen und Pilgerzüge dienen.
Das Mittelstück der neuen großen Straße würde in der Linie dieses Haupteingangs einen Läufer aus Travertin erhalten, der auf demselben Niveau läge wie die Straße selbst und gleichsam wie ein großer Teppich die Zone bezeichne, auf der sich die Prozessionen und Pilgerströme bewegen könnten. Für den Verkehr der Fußgänger und der Fahrzeuge wären die beiden Durchgänge und Durchfahrten seitlich des Haupteinganges bestimmt.
Besondere Beachtung musste beim Verlauf der Straße auf deren Höhenunterschiede gelegt werden. Die Straße verlief nämlich ungleichmäßig: Von der Piazza Pia beim Tiberufer her senkte sie sich, dann stieg sie wieder bis zur Piazza Rusticucci an und verdeckte auf diese Weise den Sockel des Obelisken auf dem Petersplatz, der ungefähr zwei Meter tiefer lag. Die Straße sollte nun derart nivelliert werden, dass der Sockel des antiken Monuments frei sichtbar würde. Ein weiterer Höhenunterschied bestand zwischen den beiden Seiten der Straße, dem Borgo Vecchio und dem Borgo Nuovo. Dieser Unterschied betrug über einen Meter. Er sollte dadurch ausgeglichen werden, dass die Straße zum Borgo Nuovo hin um einen Meter tiefer gelegt würde.
„Ströme von Tinte“ seien in den polemischen Auseinandersetzungen geflossen, hieß es in einem Zeitungskommentar aus dem Jahre 1937. Vor allem die Vernichtung historischer Bausubstanz erregte die Gemüter. Zum Abriss der Gebäude, die der neuen Straße den notwendigen Platz verschaffen sollten, schrieb Giulio Tardini in der „Illustrazione Vaticana“: „Was den Abbruch betrifft, der noch bis in die letzte Zeit hartnäckige Gegner gefunden hat, so sehen heute alle ein, dass es nichts mehr zu diskutieren gibt. In dieser Anhäufung von Häusern gibt es nichts, das aus zwingenden historischen oder künstlerischen Gründen erhalten bleiben müsste.“ Die Kritiker, die sich Tardinis beschönigenden Worten nicht anschließen wollten, fanden kein Gehör. Ein Journalist, der in einer römischen Zeitschrift beschrieb, wie sehr sich doch in vergangenen Zeiten für den Besucher der Ewigen Stadt die Peterskirche erst dann in ihrer ganzen Majestät erschloss, wenn er sich ihr durch die engen und dunklen Gassen des Borgo genähert hatte, entging nur knapp einer Kündigung durch seine von der Kommune bedrängten Arbeitgeber.
Bedingt durch den Zweiten Weltkrieg sollten die Bauarbeiten an der Via della Conciliazione erst im Heiligen Jahr 1950 ihren Abschluss finden. Schwierigkeiten bei der Finanzierung und die politischen Umstände bewirkten ein Verzicht auf den umstrittenen „nobile interrompimento“. Dessen Baupläne und Modelle fanden zur Erleichterung der Kritiker den Weg in die tiefstgelegenen Magazine der römischen Stadtverwaltung.

 

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