Heiliges Land 5/2015

 

An die Fersen des Gottmenschen geheftet

150 Jahre biblische Archäologie in Israel und Palästina haben die Heimat Jesu zu einer Region gemacht, deren Zustand zur Zeit des Neuen Testaments bestens erforscht ist

von Johannes Zang

 

Es ist den Archäologen gelungen, die wichtigsten Orte des Heilsgeschehens wissenschaftlich fest zu machen“, behauptet der Theologe Karl-Heinz Fleckenstein. Seit 1994 gräbt der Deutsche bei Latrun, zwischen Jerusalem und Tel Aviv, nach dem biblischen Emmaus. Das nehmen auch zwei andere Orte für sich in Anspruch: Abu Ghosh sowie das palästinensische Qubeibe, das die Franziskaner als Emmaus verehren.
„Emmaus Nikopolis“ heißt die Grabungstätte Fleckensteins. Bisher haben er und sein finnischer Kollege versiegelte Gräber aus dem zweiten bis dritten Jahrhundert mit Grabbeigaben wie goldenen Ringen und Tränen-, Parfüm- und Kosmetikgläschen entdeckt. Mosaikfragmente gaben einen Hinweis auf eine Kirche des fünften Jahrhunderts. Unter der dreischiffigen byzantinischen Basilika tauchte ein Mosaikstück mit geometrischen Mustern auf. Da fragte sich Fleckenstein, ob der Bau zur Erinnerung an den Emmaus-Gang der beiden Jünger errichtet wurde. Dank einer Magnetometer-Untersuchung wurden Hohlräume unter der Erde geortet – eine frühchristliche Begräbnisstätte kam ans Tageslicht, am Ende der Treppe ein Rollstein. „Die Funde sprachen eine eindeutige Sprache“, erklärt Fleckenstein. Zu Tage kamen 31 unversehrte byzantinische Öllampen mit christlichen Symbolen und der Inschrift „Das Licht Christi möge allen leuchten“. Außerdem fand Fleckenstein Ossuarien, Gebeinskästen, für ihn sind sie „mögliche Indizien für die frühe christliche Gemeinde von Emmaus, die im Glauben an den Auferstandenen dort ihre Toten bestattet hatte.“
Für den seit über dreißig Jahren in Jerusalem lebenden Deutschen ist die Frage nach der biblischen Archäologie eng „mit der Tatsache verbunden, dass sich Gott in seiner großen Liebe zu den Geschöpfen durch seinen Sohn in dieser Welt gezeigt hat“. Das sei nun einmal in einer ganz bestimmten Zeit, in einem ganz bestimmten Land und in einem ganz bestimmten Volk geschehen. Die biblische Archäologie will also nichts anderes, als sich „an die Fersen dieses Gottmenschen heften, seine Spuren an den Orten entdecken, an denen er Zeichen seiner göttlichen Macht und Barmherzigkeit gesetzt hat“.
Professor Wolfgang Zwickel vom Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie der Universität Mainz ist mit seinen Aussagen vorsichtiger als Fleckenstein. Was beispielsweise die heiligen Stätten um den See Genesareth angeht, gesteht er offen: „Ob die Orte in neutestamentlicher Zeit tatsächlich dort waren, wissen wir nicht.“ Dabei gehört für ihn, der jahrelang oberhalb Tabgha am Tell el-Oreme gegraben hat, die Region um den See zu den besterforschten Gebieten des Landes. Und überhaupt: „Kein Land der Welt ist archäologisch so gut erforscht wie Israel. “
Nach Ansicht seines Kollegen Dieter Vieweger erfordert die archäologische Arbeit im Heiligen Land eine doppelte Qualifikation: in Archäologie und Theologie. Die wissenschaftliche Herausforderung – zugleich Problem – bestehe in der „Verknüpfung von exegetischer mit landeskundlicher und archäologischer Forschung“, schreibt er in seinem Werk Archäologie der Biblischen Welt.
Seit Charles W. Wilson ab 1865 das Gebiet von Beirut bis Jerusalem durchstreifte, wird im Heiligen Land gegraben. Er entdeckte die nach ihm „Wilson-Bogen” benannte herodianische Bogenkonstruktion, die laut Geschichtsschreiber Josephus Flavius die Oberstadt Jerusalems mit dem Tempelbezirk verband. Im selben Jahr gründete sich der „Palestine Exploration Fund“. In der Folgezeit errichteten auch Frankreich, England, Italien und die Vereinigten Staaten weitere Organisationen und Institute, die Deutschen 1877 den Deutschen Verein zur Erforschung Palästinas, 1898 die Deutsche Orient-Gesellschaft sowie das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEI). Heutzutage werden staatlicherseits die archäologischen Belange durch die „Israel Antiquities Authority“ (IAA) beziehungsweise das „Palestinian Department of Antiquities“ in Ramallah geregelt.
Die Mitarbeiter all dieser Einrichtungen haben in den letzten 150 Jahren vieles zu Tage gefördert, oft mit Hilfe ausländischer Studenten und Freiwilliger: Das Petrushaus in Kafarnaum etwa oder Spuren von 73 Mönchssiedlungen, die der verstorbene Yitzhak Hirshfeld in der judäischen Wüste erforschte. Derzeit wird unter mexikanischer Leitung Magdala ausgegraben; angeblich hat man dabei bereits eine Synagoge aus dem ersten Jahrhundert gefunden.
Kollege Zufall ist jedoch auch immer wieder zur Stelle. Da ragt der Fund der Qumranrollen 1947 durch Beduinen heraus, für Professor Vieweger ein „Jahrtausendfund“. Doch auch in heutiger Zeit vermelden Medien in Israel und Palästina Zufallsfunde. Aufsehen erregten beispielsweise 1986 der Fund eines antiken Bootes durch zwei Fischer vom Kibbuz Ginnosar, vor etwa zehn Jahren die Entdeckung eines Mosaiks aus der vielleicht ältesten Kirche des Landes im Gefängnis von Meggido oder der Neun-Kilo-Goldmünzenfund aus fatimidischer Zeit durch Hobbytaucher bei Cäsarea Maritima vor drei Monaten.
Decken sich die Ergebnisse der Archäologie mit biblischen oder außerbiblischen Texten oder Inschriften? Professor Vieweger, der seit Jahren den jordanischen Tell Zera’a ausgräbt, bekennt: „Es ist immer das Gleiche: Texte und archäologische Befunde passen (meist) nicht zusammen. Beide sind Geschichtsquellen, haben aber einen gänzlich unterschiedlichen Charakter und sprechen auf verschiedene Weise zu uns. Um die Quellen zum Reden zu bringen, müssen sie interpretiert werden. Dies ist aber nie objektiv, sondern von den Überzeugungen und Interessen der Forscher abhängig.“
Einer, der im Sinne Viewegers kritische Archäologie betrieb, war der 2013 verstorbene Jerome Murphy O’Connor, der sich mit den Fischerdörfern am See Genesareth beschäftigte. Zu Betsaida, aus dem Jünger Jesu stammten, erklärte der irische Dominikanerpater: „In einem der Häuser fand man Fischerutensilien wie Netze und Haken. Dieses Haus war etwa ein Drittel größer als alle anderen Häuser des Dorfes.“  Für ihn war das ein Beweis für den Wohlstand der Fischer sowie der Tatsache, dass Fisch die Haupteiweißquelle in der Antike war. Mit welchen Folgen? „Ein Fischer war ganz wichtig in der örtlichen Wirtschaft. Jeder brauchte Fisch. Fischer waren also weder arm noch dumm, sondern gehörten zur oberen Mittelklasse.“ Pater Jerome beschrieb die Motivation der Jünger so: „Diese Geschäftsleute gaben eine wertvolle Existenzgrundlage auf, zugunsten von etwas, das ihnen besser erschien. Das sagt viel über ihren Glauben.“ Sie seien keine gewesen, die Dinge erfunden hätten, um ihnen Wichtigkeit zu verleihen. Über die Adressaten der Botschaft Jesu meinte der Geistliche: „Jesus musste sich an die Mittelklasse wenden, denn die Armen hatten gar keine Zeit, sie mussten von früh bis spät arbeiten, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.“ Jesus habe sich also an die Betriebsinhaber gewandt, denn die konnten sich einige Tage freinehmen. „Und Petrus hatte Geschäftspartner und Angestellte.“  
Auf solche Einzelheiten habe man bislang kaum geachtet, aber nun passten sie mit den Funden der Archäologie zusammen. Aber bei allem gilt für Pater Jerome: „Die Steine sprechen nicht. Sie müssen interpretiert werden.“

 

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