San Salvador 6-7/2015

 

Der entblockierte Märtyrer

Das Seligsprechungsverfahren für Erzbischof Oscar Romero lag lange Jahre auf Eis – bis Benedikt XVI. den Prozess im Dezember 2012 wieder auf den Weg brachte

 

von Marie Czernin

 

Es gibt Katholiken, die wollen sich in ihrer Treue zum Papst und zu seiner Verkündigung von niemandem überbieten lassen. Bis der Papst über den Islam oder zu Muslimen spricht – dann kommt wie aus der Pistole geschossen die These, davon habe der arme Papst leider keine Ahnung, sei ein wenig naiv oder wenigstens schlecht beraten. Das ging schon Johannes Paul II. so, der in der Begegnung mit der Welt des Islam Maßstäbe setzte, dann Benedikt XVI., der in der Türkei, in Jordanien und im Libanon geradezu mit intellektuellen Sieben-Meilen-Stiefeln im christlich-islamischen Dialog voranschritt. Die gleiche Kritik dürfte spätestens ab seiner Heilig-Land-Reise auch Papst Franziskus treffen, denn er hat bereits im ersten Jahr seines Pontifikats bewiesen, dass er im interreligiösen Dialog und beim Umgang mit dem Islam ganz in der Tradition seiner beiden Vorgänger steht.
In einer sehr persönlich gehaltenen Botschaft zum Ende des Ramadan sprach Franziskus im Juli vergangenen Jahres die Muslime als „liebe Freunde“ an und versicherte sie seiner „Wertschätzung und Freundschaft“. Er sprach von „gewissen Parallelen“ in der familiären und sozialen Dimension des muslimischen Lebens „mit dem christlichen Glauben und der christlichen Glaubenspraxis“ und rief zur „Förderung der gegenseitigen Achtung durch Erziehung“ auf. Schon da wurde deutlich, dass Franziskus – wie das Zweite Vatikanum und seine Amtsvorgänger seit diesem Konzil – die Gemeinsamkeiten in Glaube und Glaubenspraxis thematisiert, sich aber auch appellativ an die Muslime wendet. So schrieb Franziskus in seiner Ramadan-Botschaft: „Was wir bei jedem Menschen respektieren sollen, ist an erster Stelle sein Leben, seine körperliche Unversehrtheit, seine Würde, seine ethnische und kulturelle Identität, seine Vorstellungen und seine politischen Entscheidungen.“
Auch Johannes Paul II. hatte ein solches verbindendes „Wir“ verwendet: Bei seiner Ansprache an die muslimische Jugend von Marokko sprach er 1985 in Casablanca sogar ein langes Gebet, das die Gemeinsamkeit im Glauben von Christen und Muslimen zeigte. Benedikt XVI. verwendete die „wir“-Form bei seinen Reden 2006 im Diyanet in Ankara und 2009 in der Staatsmoschee von Amman. Und auch Franziskus verwendet das „wir“, wenn er an die Muslime gewandt formuliert: „…wir müssen unsere Jugend dazu erziehen, respektvoll über die jeweils andere Religion und deren Anhänger zu denken und zu sprechen, und zu vermeiden, deren Überzeugungen und Gebräuche ins Lächerliche zu ziehen oder zu verunglimpfen“.
Parallel zu den Aussagen Benedikts in Ankara, Amman und Beirut schrieb Franziskus: „Wir alle wissen, dass die gegenseitige Achtung die Grundlage jeder menschlichen Beziehung ist, gerade auch unter Menschen, die einen religiösen Glauben bekennen.“ Ähnlich plädierte schon Benedikt XVI. in Ankara für einen „authentischen Dialog zwischen Christen und Muslimen, der auf der Wahrheit gründet und durch den ehrlichen Wunsch geleitet ist, einander besser kennen zu lernen, unsere Unterschiede zu respektieren und unsere Gemeinsamkeiten zu erkennen“. Das päpstliche Argumentieren für einen wechselseitigen Respekt zwischen Christen und Muslimen ist notwendig, weil der fundamentalistische Islamismus den Christen die Anerkennung als Gottgläubige verweigert, gleichzeitig aber viele Muslime sich durch die westliche Kultur und Politik in ihrem Glauben und ihrer religiösen Kultur missachtet fühlen.
Beides dürfte Papst Benedikt XVI. im Blick gehabt haben, als er in der jordanischen Staatsmoschee sagte: „Gerade wegen der Bürde ihrer gemeinsamen Geschichte, die so oft von Missverständnis gekennzeichnet war, müssen Muslime und Christen bestrebt sein, als Gläubige erkannt und anerkannt zu werden, die treu beten, die bemüht sind, die Gebote des Allmächtigen zu halten und ihnen gemäß zu leben, die barmherzig und mitfühlend sind, die konsequent alles Wahre und Gute bezeugen, die stets den gemeinsamen Ursprung und die Würde aller Menschen bedenken, die der Höhepunkt des göttlichen Schöpfungsplans für die Welt und die Geschichte bleiben.“
Weil aber Respekt nie nur eingefordert werden kann, sondern zunächst entgegengebracht werden muss, appellierte Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“, gegenüber dem Islam „gehässige Verallgemeinerungen zu vermeiden“. Tatsächlich haben solche „gehässige Verallgemeinerungen“ über die Muslime spätestens seit 2001 im Westen Hochkonjunktur: Seit 9/11 ist die Zahl der Islam-Experten explosionsartig gewachsen. Zeitgenossen, die nie ein islamisch geprägtes Land bereisten, keine Moschee von innen gesehen und allenfalls vom Islam konvertierte Ex-Muslime gelesen haben, wissen mit hochrotem Kopf zu referieren, was „Dschihad“ und „Taqiyya“ bedeuten, nämlich dass Muslime immer auf dem Kriegspfad gegen alle Andersgläubigen seien und von ihrem Glauben her lügen dürften. Gegen solches Ressentiment hilft weder der Hinweis auf den türkischen Gemüsehändler am Bahnhof, bei dem man sich am Sonntag friedlich mit Lebensmitteln eindecken kann, noch das Argument des koptisch-katholischen Bischofs Antonios von Gizeh: „Wenn auch nur ein Prozent der Muslime weltweit Terroristen wären, gäbe es auf der Erde überhaupt kein Leben mehr.“
Papst Franziskus hat sich seit seinem Amtsantritt oft und intensiv mit den Vertretern der Kirchen des Orients konsultiert und kennt deren Nöte mittlerweile gut. Er reagiert auf die wachsende Bedrängnis der Christen in den islamischen Mehrheitsgesellschaften jedoch nicht mit Vorwürfen an den Islam, sondern schlägt die gegenteilige Strategie ein: Er fordert die Christen auf, „die islamischen Einwanderer, die in unsere Länder kommen, mit Zuneigung und Achtung aufzunehmen“, ja „Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam“ zu zeigen. Das klingt fast wie eine Zitation Johannes Pauls II., der in Kasachstan seinen „Respekt vor dem authentischen Islam“ bekundete.
Franziskus sieht, wie er in „Evangelii gaudium“ darlegt, den interreligiösen Dialog als „eine notwendige Bedingung für den Frieden in der Welt“, und dies ausdrücklich „trotz der verschiedenen Hindernisse und Schwierigkeiten, besonders der Fundamentalisten auf beiden Seiten“. Es geht ihm um die „Pflicht für die Christen wie auch für die anderen Religionsgemeinschaften“, wider alle Fundamentalismen der Gerechtigkeit und dem Frieden in der Welt zu dienen. Das erinnert stark an Papst Benedikts Appell im Diyanet zu Ankara 2006: „Als religiöse Männer und Frauen sind wir herausgefordert durch den weit verbreiteten Wunsch nach Gerechtigkeit, Entwicklung, Solidarität, Freiheit, Sicherheit, Frieden, Verteidigung des Lebens, Schutz der Umwelt und der Ressourcen der Erde.“
Zweitens erhofft sich Papst Franziskus vom respektvollen und sachkundigen Dialog, für den „eine entsprechende Bildung der Gesprächspartner unerlässlich“ sei, eine ganz praktische Verbesserung der Lage der bedrängten Christen in islamischen Mehrheitsgesellschaften. Hier agiert der Papst als Anwalt der ihm unmittelbar Anvertrauten, ja er wendet sich in seinem Apostolischen Schreiben direkt an die „Länder islamischer Tradition“, und zwar mit einer Bitte, nicht mit einer Drohung, Belehrung oder Rüge: „Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können.“ 2006 hatte Benedikt XVI. zunächst in seiner viel missverstandenen und fehlinterpretierten „Regensburger Rede“ aus Sure 2 des Koran zitiert: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“, und sich dann in Ankara an die Welt des Islam gewandt: „Wir sind zur Zusammenarbeit aufgerufen, um so der Gesellschaft zu helfen, sich dem Transzendenten zu öffnen und Gott, dem Allmächtigen, den ihm zustehenden Platz einzuräumen.“ Die Gottgläubigen haben also eine gemeinsame Verantwortung, die nicht nur geozentrisch (sozial oder pazifistisch) ist, sondern theozentrisch.
In „Evangelii gaudium“ zeigt sich Papst Franziskus davon überzeugt, dass „durch das Hören auf den Anderen beide Seiten Reinigung und Bereicherung empfangen“. Das könnte man als eher praktische Aussage abtun, schreibt Franziskus doch auch, dass der interreligiöse Dialog „zuallererst ein Dialog des Lebens“ sei. Da scheint es in multireligiösen Gesellschaften und einer zunehmend multikulturellen, globalisierten Welt naheliegend, „die anderen in ihrem Anderssein, Andersdenken und ihrer anderen Art, sich auszudrücken, anzunehmen“. Das ist angesichts globaler Migrationsströme und wachsender konfessioneller Vielfalt wohl nur vernünftig. Das Gegenteil würde die sozialen Spannungen steigern und in manchen Ländern auch zu Terrorismus und Bürgerkrieg führen.
Doch schon Johannes Paul II. bezeichnete den Dialog zwischen Christen und Muslimen 1985 in Marokko auch als Konsequenz aus „unserer Treue zu Gott“, weil Christen wie Muslime „Gott durch den Glauben zu erkennen wissen und ihn in Wort und Tat in einer immer mehr säkularisierten und oft sogar atheistischen Welt bezeugen“. Benedikt XVI. knüpfte genau zwanzig Jahre später daran an, als er bei einer Begegnung mit Muslimen am Rande des Weltjugendtags in Köln 2005 sagte: „Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.“
Auch Franziskus geht über das bloß Pragmatische und Politische hinaus, wenn er dem interreligiösen Dialog „eine Haltung der Offenheit in der Wahrheit und in der Liebe“ verordnet. Tatsächlich kann Offenheit in bloßer Wahrheit (aber ohne Liebe) kalt, überheblich und verletzend wirken und so das Gegenüber auf Abwehr programmieren statt gewinnend zu wirken. Umgekehrt kann eine Offenheit in bloßer Liebe (aber ohne Wahrheit) im interreligiösen Dialog als Kapitulation, Feigheit, Anbiederung oder Aufgabe der eigenen Identität interpretiert werden und somit das christliche Zeugnis mehr verdunkeln als verteidigen. Genau dagegen wendet sich Papst Franziskus aber vehement: „Ein versöhnlicher Synkretismus wäre im Grunde ein Totalitarismus derer, die sich anmaßen, Versöhnung zu bringen, indem sie von Werten absehen, die sie übersteigen und deren Eigentümer sie nicht sind.“ Es geht also nicht um eine plumpe Aufgabe des genuin Christlichen, um ein Absehen von der Wahrheitsfrage oder um eine Einigung auf kleinstem gemeinsamen Nenner. Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger hatte dies 1997 in weit weniger scharfen Worten auf den Punkt gebracht: „Begegnung der Religionen ist nicht durch Verzicht auf Wahrheit, sondern nur durch ein tieferes Eingehen in sie möglich.“
Es geht also – und das zeigt Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ – um Werte, deren Eigentümer wir nicht sind, um eine Gabe, die auch wir Christen empfangen haben und die uns nun in die Pflicht nimmt. Die päpstliche Bereitschaft zum interreligiösen Dialog darf darum nicht mit einem verharmlosenden Weltethos-Pathos à la Hans Küng verwechselt werden. Franziskus schreibt: „Eine diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden, nützt uns nicht, da dies eine Art und Weise wäre, den anderen zu täuschen und ihm das Gut vorzuenthalten, das man als Gabe empfangen hat, um es großzügig zu teilen.“ Ganz in diesem Sinn hatte Kardinal Ratzinger 1997 geschrieben: „Der Dialog der Religionen sollte immer mehr zu einem Zuhören auf den Logos werden, der uns die Einheit mitten in unseren Trennungen und Widersprüchen zeigt.“
Wenn der Appell zur Mission im Mittelpunkt des ersten Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus steht, also offenbar das Kernanliegen des aktuellen Pontifikats bildet, dann ist es doch aufschlussreich, dass der Papst der These, der interreligiöse Dialog auf Augenhöhe habe die Missionsbestrebungen früherer Zeiten abgelöst, ausdrücklich widerspricht: „Die Evangelisierung und der interreligiöse Dialog sind weit davon entfernt, einander entgegengesetzt zu sein, vielmehr unterstützen und nähren sie einander.“
Franziskus spricht von einer „wesentlichen Bindung zwischen Dialog und Verkündigung“, also nicht von einer phasen- oder fallweisen, zufälligen oder möglichen. Wesentlich kann die Verbindung zwischen dem interreligiösen Dialog und der Verkündigung Christi aber nur sein, wenn der Christ im nichtchristlichen Gesprächspartner nicht einen Feind, Konkurrenten oder Gegner sieht, sondern einen von Gott geschaffenen und zur vollen Gotteskindschaft berufenen Menschen. Die vom Papst empfohlene „Zuneigung zu den authentischen Anhängern des Islam“ beruht zunächst auf diesem Blick, der hinter jeder Fassade des Sünders das Abbild Gottes sieht. Wenn Papst Franziskus schreibt, „der wahre Islam und eine angemessene Interpretation des Korans stehen jeder Gewalt entgegen“, ist das kein historisches, soziologisches oder politisches Urteil, sondern derselbe Blick, der im Sünder das Abbild Gottes sieht und in jeder Religion das Ausstrecken des Menschen nach seinem Schöpfer, und damit nach seiner eigenen Wahrheit.
Papst Franziskus steht ganz in der katholischen Lehrtradition von der natürlichen Gotteserkenntnis, wenn er diesem Bemühen des Menschen um Gottes-, Selbst- und Wahrheitserkenntnis höchste Wertschätzung entgegenbringt und schreibt, „die Nichtchristen können, dank der ungeschuldeten göttlichen Initiative und wenn sie treu zu ihrem Gewissen stehen, durch Gottes Gnade gerechtfertigt“ werden. Diese Einsicht entlastet nicht nur den Christen in seinem missionarischen Eifer von der Illusion, Bekehrungen selbst machen zu können oder zu müssen. Es erinnert zugleich daran, dass das Heil stets ein Geschenk der Gnade Gottes bleibt. Als Bote dieser Botschaft bereist der Papst aus Argentinien Ende Mai das Heilige Land, das schwierigste Parkett der Weltpolitik und den Prüfstein des interreligiösen Dialogs. In welcher Haltung er diese Reise antritt, deutete er selbst in seiner Botschaft zum Ende des Ramadan 2013 bereits an, in der er den Muslimen erklärte, warum er sich als Papst den Namen Franziskus erwählte: „...den Namen eines hochberühmten Heiligen, der Gott und alle Menschen so sehr liebte, dass er den Beinamen ,Bruder aller‘ erhielt“.

 

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