Christsein im Heiligen Land 10/2014

 

Investition in den Frieden

„Für jeden zerstörten Baum werden wir zwei neue pflanzen.“ Weitere Hürden für das palästinensisch-christliche Projekt „Zelt der Völker“ bei Bethlehem

 

Wir weigern uns, Feinde zu sein.“ Das steht auf einem Stein im Eingangsbereich der palästinensisch-christlichen Begegnungsstätte „Zelt der Völker/Dahers Weinberg“ bei Bethlehem. Der Direktor Daoud Nassar hält weiterhin an diesem Motto fest, auch nach dem neuesten Hemmschuh der israelischen Besatzungsmacht. Im April wurde seine Familie vor weiteren Aktiviäten auf ihrem Grundstück gewarnt, da es sich um „Staatsland“ handele. Wieder musste Daoud Nassar seinen Anwalt einschalten, der Einspruch einlegte. Während des laufenden Verfahrens zermalmten dann im Morgengrauen des 19. Mai israelische Bulldozer fünfzehnhundert Weinstöcke, Apfel- und Aprikosenbäume, ein Teil der Bäume wurde unter der Erde begraben. „Von Gesetzes wegen ist, wenn Einspruch eingelegt ist, bis zu einem rechtskräftigen Gerichtsurteil keine Zerstörung oder Entfernung erlaubt“, erklärt Daoud Nassar. „Diese Tat ist auch nach den drakonischen Militärgesetzen vor Ort illegal.“
Rupert Neudeck von den „Grünhelmen“, der das Projekt 2008/2009 mit einer Solaranlage ausgestattet hat, bekennt, damit nicht gerechnet zu haben. „Kein Platz in der von Israel besetzten C-Zone im West-Jordanland stand so stark unter deutschem Schutz wie das Anwesen von Daoud Nassar.“ Nicht nur viele Kirchengemeinden in Deutschland hätten seit Jahren ein Auge auf das Begegnungszentrum sechs Kilometer südwestlich von Bethlehem gehabt, auch der deutsche Vertreter in Ramallah, der deutsche Botschafter in Tel Aviv, sogar das Kanzleramt. Dieses wurde in den letzten Monaten um Hilfe gebeten, ebenso Ministerien und Bundestagsabgeordnete. Freunde und Unterstützer aus der ganzen Welt schrieben ebenfalls an ihre Parlamentarier. Allein Martin Indyk, der zu diesem Zeitpunkt noch die Aufgabe des Sondergesandten der US-Regierung für die israelisch-palästinensischen Verhandlungen innehatte (wovon er Ende Juni zurücktrat), erhielt etwa vierzehntausend Emails und Briefe.  
Was bezweckt Israel mit diesem Schlag gegen ein Friedensprojekt? Kann man sich als Israeli überhaupt einen besseren Nachbarn wünschen als den palästinensischen Christen Nassar? Für Professor Rolf Verleger, vermutlich die kritischste jüdische Stimme Deutschlands, steht die Antwort fest: „Man fragt sich, warum der Staat Israel seinen Jüdischen Nationalfond überall Bäume pflanzen lässt, aber die Bäume, die schon gepflanzt sind, herausreißt.“ Beide Maßnahmen, behauptet das ehemalige Mitglied des Zentralrats der Juden, dienten letztlich dem Ziel: „Wie kriegen wir am besten die Araber weg?“
Daoud Nassar kommen solche Gedanken auch immer wieder in den Sinn. Trotzdem hat er vor über zehn Jahren das 42 Hektar große Familien-Grundstück zu entwickeln begonnen. Das Gelände, das dem Großvater Daher zu Ehren auch „Dahers Weinberg“ heißt, sollte zu einem Treffpunkt für Völker und Religionen werden. Der Großvater, und das ist in dieser Geschichte von Bedeutung, hatte das Land 1916 von einem palästinensischen Bauern aus dem im Tal gelegenen Dorf Nahalin gekauft. Später zog Daher mit seiner Familie dorthin, sie lebten in einer Höhle und bebauten das Land.  Doch seit genau 23 Jahren muss man sich auf dem Weinberg Sorgen machen. Seitdem geht sein Enkel Daoud bei Rechtsanwälten ein und aus, hatte vor dem israelischem Militärgericht und mittlerweile auch dem Oberstem Gericht auszusagen, hat diese oder jene Forderung der Militärbehörde zu erfüllen. Insgesamt sechs Mal musste er sein Land vermessen lassen. Immer wieder werden ihm Abrissbefehle ausgestellt – für Tierpferche, Zisternen oder Zelte, die er angeblich ohne Baugenehmigung errichtet hätte. Das Problem: Im C-Gebiet des West-Jordanlandes dürfen die Palästinenser nur auf einem Prozent der Fläche bauen – mehr erlaubt Israel nicht. 140 000 US-Dollar hat den sympathischen Palästinenser der juristische Kampf bislang gekostet.
Eine weitere Sorge sind Siedlerangriffe. Vor allem in den 1990er Jahren und während der zweiten Intifada setzten nationalreligiöse und ultrarechte jüdische Siedler dem Begegnungsprojekt zu: Einmal rissen sie frisch gepflanzte Ölbäume aus und zerstörten Wassertanks, ein andermal versuchten sie, mit Bulldozern eine Straße durch das Grundstück zu planieren. Daouds Mutter hielten sie eine Pistole an die Schläfe. Mit dem Ende der Intifada ebbte auch die Siedlergewalt ab. Seitdem konnte der Vater dreier Kinder zusammen mit seinen Geschwistern und ausländischen Freiwilligen relativ unbehelligt am Traum der Begegnungsstätte weiterbauen. Da Daoud Nassar nicht auf der Erde bauen darf, baut er unterirdisch – und hat Höhlen zu Versammlungs- und Schlafräumen sowie zu einer Kapelle ausgebaut. Mit der Hilfe ausländischer Voluntäre sind zudem mittlerweile fünfzehn Zisternen geschaffen worden. Während um ihn herum die Lichter ausgingen, hat der Mittvierziger ein Licht aufgesteckt und sein Projekt des Dialogs begonnen. Er wollte und will das erlebte Böse nicht mit Bösem vergelten. Gewaltlos will  er weiterhin reagieren. „Wir haben gelernt, diesen Schmerz in eine positive Kraft zu kanalisieren“, bekennt er. Er bleibt nicht bei der dunklen Nacht stehen. „Die Israelis können uns nicht zum Hassen zwingen“, versichert er. Und schon erklärt er die Vision seiner Begegnungsstätte: „Man muss auch an Wunder glauben“, versichert er mit einem Lachen und weiter: „Eines Tages wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen.“
Ein zweites Licht steckt seit Jahren seine Frau Jihan auf: Mit Computer-, Handarbeits- und Englischkursen, die sie in Nahalin, dem einzigen palästinensischen Dorf weit und breit, anbietet, hat sie jungen Frauen eine kleine Tür aus ihrer mittelalterlich anmutenden Dorfgesellschaft hinaus in die Welt eröffnet. Daoud träumt auch von einer Mini-Berufsschule, die er irgendwann bauen will. „Wir investieren in Frieden“, erklärt der Familienvater. Er und seine Familie wollen auch nach dieser weiteren Hürden weitermachen. Und sein Bruder Tony versichert: Für jeden zerstörten Baum werden wir zwei neue pflanzen.

Siehe auch: www.tentofnations.org. Literatur: Zelt der Völker, Dahers Weinberg bei Bethlehem, AphorismA Verlag, Berlin, 2. Auflage, 5 Euro (www.aphorisma.de)

 

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