Syrien in Not 11/2014

 

Warten auf die Auferstehung

Der Bürgerkrieg hat das normale Leben in Aleppo völlig zerstört. Einer von denen, die an die Zeit des Wiederaufbaus denken, ist der griechisch-katholische Erzbischof der Stadt, Jean-Clement Jeanbart


Viele Muslime scheuen sich jetzt, sich als Moslems zu bezeichnen. Ich habe mehrere Muslime sagen hören: ‚Ich schäme mich. Ich verstehe nicht, dass der Islam so ist.‘ So denke ich, dass es jetzt Zeit ist für einen wirklichen Dialog. Ich meine, dass dies vielleicht der Tag des Herrn ist. So muss ich mein Kreuz in die Hand nehmen, auch wenn ich schon 70 bin, und meine Mission neu beginnen – und ich fühle mich dabei wie ein Mann von 45 Jahren.“ Mit diesen Worten umriss der griechisch-katholische Erzbischof von Aleppo, Jean-Clement Jeanbart, während eines Besuches des internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ sein Engagement für diejenigen, die er „seine Leute“ nennt.
Der Krieg in Syrien ist nun drei Jahre alt. Das Leid ist unbeschreiblich, die Verwüstungen schrecklich. Hunderttausende Familien sind in Trauer, Millionen Flüchtlinge wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Sie verstecken sich zu Hause und kämpfen Tag und Nacht, um ihre Kinder ernähren zu können. Erzbischof Jeanbeart erklärt, dass eine barbarische Politik der verbrannten Erde auf dem Durchzug nichts unberührt gelassen hat: Tausende Unternehmen wurden beschädigt, Zigtausende Schulen, Krankenhäuser und Krankenstationen zerstört. „Alle Strukturen, die gesamte Infrastruktur, das Kulturerbe, die gesamte Industrie – sie haben jegliche Einkommensquelle dieser Menschen zerstört. Die Menschen haben keine Möglichkeit, in den Städten zu leben. Auf dem Land sind die Leute natürlich Bauern und können leben, aber in den Städten? … Aleppo hat 1400 Wirtschaftsbetriebe verloren, was für ein Leid!“
Auch die christliche Bevölkerung blieb nicht verschont. Vor dem Krieg waren es etwa 150.000 Christen, und Aleppo war die Heimat zahlreicher Kirchen. Sie dienten einer christlichen Gemeinde, die bereits seit dem dritten Jahrhundert in der Stadt bestand. Heute sind etwa hunderttausend Christen geblieben, die um das Überleben kämpfen. Bei einer Inflation von zweihundert Prozent kann man mit einem kleinen Einkommen nur wenig kaufen, und die Kirche verteilt Lebensmittelkörbe. Vierzehnhundert Familien erhalten jeden Tag Brot, Öl, Zucker, Reis, Butter, Nudeln, Tee und Süßigkeiten. „Alles, was wir verteilen, steht in Verbindung mit dem Brot, da es am nahrhaftesten ist“, sagt Erzbischof Jeanbart. Mit der Zerstörung der Industrie in Aleppo wurden Tausende Väter arbeitslos und verloren ihr Einkommen, das auch nur die minimale Versorgung ihrer Familien gewährleisten würde. „In dieser Situation leisten wir Nothilfe in Form einer monatlichen Summe, die einem halben Monatsgehalt entspricht. Es ist nicht viel, aber vierhundert Familien profitieren von dieser finanziellen Unterstützung. Wir hoffen, dass wir sie mit Gottes Hilfe fortsetzen können, bis die Familienväter wieder Arbeit finden.“   
Erzbischof Jeanbart erklärt, dass die kirchlichen Strukturen ebenfalls zur Zielscheibe wurden. Mehr als achtzehn Bomben haben die Kathedrale getroffen und beschädigt, das Haus des Bischofs selbst befindet sich weniger als dreihundert Meter von der Demarkationslinie in der Altstadt entfernt. Die Kirche Sankt Michael wurde von zwei Raketen getroffen, die Demetrius-Kirche, die in einem Stadtviertel an der Demarkationslinie steht, war das Ziel mehrerer Mörsergranaten und im Dorf Tabaka liegt die Kirche in Trümmern.
„Ich bin hier, weil meine Leute leiden“, sagt Erzbischof Jeanbeart, und seine müde Stimme bricht. Es steht schlecht um die Elektrizität und die Wasserversorgung. „Wir haben einige Brunnen. Bei der Kathedrale haben wir zum Beispiel einen Brunnen wieder in Betrieb genommen, der hundert Jahre alt ist, und verteilen das Wasser an die Bevölkerung. Wir müssen tun, was wir können, um zu helfen.“
Die katholische Kirche hilft auch muslimischen Familien, und die Muslime haben die Nächstenliebe der Christen bemerkt. „Es gibt viele Muslime, die sagen: ‚Schaut, die Priester sind diejenigen, die arbeiten.‘ Dies ist ein schönes Zeugnis, und sogar Muslime bitten uns, uns für sie einzusetzen, damit sie Hilfe vom Roten Kreuz oder dem Roten Halbmond erhalten – sie verstehen, dass wir ein Bezugspunkt für Nächstenliebe und Barmherzigkeit sind.“
Der Glaube des siebzigjährigen Bischofs war nicht immer so unerschütterlich. „Ich bin seit achtzehn Jahren Bischof. Ich habe alles getan, was ich konnte, um unseren Leuten zum Bleiben zu verhelfen. Vor zwei Jahren hatte ich Depressionen, es ging mir sehr schlecht. Aber der Herr hat mir geholfen, alles in einem anderen Licht zu sehen, was mir erlaubte, meinen Mut und meine Hoffnung wieder aufzunehmen und gegen die Flucht der Christen zu kämpfen. Mir wurde bewusst, dass das, was geschieht, nicht von uns abhängt. Selbst wenn nur ein kümmerlicher Rest bleibt, werde ich ihnen helfen zu wachsen und die Menschen zu sein, die wir brauchen, um Zeugnis abzulegen. Mir wurde klar: Es ist die Zeit zu arbeiten, Zeit zu kämpfen. Alle diese Jahre lang warte ich auf den Tag der Freiheit, der es uns Christen gestatten wird, Zeugnis für Christus abzulegen.“
Langsam und nur in einigen größeren Städten wird ein gewisser Grad an Sicherheit erreicht. Nach Angaben des Erzbischofs hat die Armee der Regierung auf ihrem Vormarsch Sicherheitszonen eingerichtet. In Aleppo werden nach und nach die Checkpoints entfernt. Erzbischof Jeanbart schaut mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft und macht bereits Pläne: „Die armen Leute, die christlichen Arbeiter, werden keine Arbeit finden, wenn der Frieden kommt. Sie werden vielleicht ein oder zwei Jahre arbeitslos sein. Aus diesem Grund habe ich ein Ausbildungsprogramm für Arbeiten auf dem Bau ins Leben gerufen.“
Christen, die sich immer stärker auf Bildung konzentriert haben, haben in der Geschichte nie im Baugewerbe gearbeitet. Erzbischof Jean-Clement Jeanbart erkennt dies als Schwäche angesichts der Tatsache, dass der unmittelbar wichtigste Arbeitssektor der Wiederaufbau und die Restaurierung der Gebäude sein wird. „Alles ist komplett zerstört oder gestohlen. Wenn der Krieg zu Ende geht, beginnt sofort der Wiederaufbau der Häuser. Wir müssen uns jetzt darauf vorbereiten, dass Christen in dieser Branche Arbeit finden. Ohne Arbeit werden die jungen Leute auswandern.“ Mit Hoffnung und mit Projekten in der Hand legt der Erzbischof seine Pläne dar: „Ich bitte ‚Kirche in Not‘ darum, weiterhin ein Partner in diesem Kampf zu sein. Ich möchte, dass Sie in diesen sehr schweren Momenten an unserer Seite sind, wenn es darum geht, den Menschen zum Bleiben zu verhelfen, denn auch Sie haben dieses Ziel. Wir sind hier schon seit zweitausend Jahren. Die Kirche wuchs in Syrien heran. Die Kirche wurde am Kreuz geboren, aber sie lebte nicht in Jerusalem, sondern die Christen kamen nach Syrien, nach Damaskus. Der heilige Paulus fand in Jerusalem keine Christen vor, die er festnehmen konnte. Er musste nach Syrien gehen, um sie zu fassen. Dies bedeutet, dass die Kirche zwei Jahre nach der Auferstehung in Syrien lebte.“ Auch der Erzbischof erwartet diese Auferstehung.

 

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