Geheimnisse Italiens 4/2015

 

Die Schatten der Vergangenheit

Immer wieder streifen italienische Polit-Skandale den Vatikan. Zuletzt ging die nie vollständig aufgeklärte Ermordung Aldo Moros erneut durch die Medien – ein Anlass für oft wirre Spekulationen. Das betrifft auch das Verschwinden der Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi. Was damals wirklich geschah, weiß man nicht

von Ulrich Nersinger

 

 

Das Verbrechen, das am 16. März 1978 in der Ewigen Stadt seinen Beginn nimmt, trifft Papst Paul VI. mitten ins Herz. Der Mann, den italienische Terroristen an diesem Tag als Ziel anvisiert haben, ist ein enger Freund: Aldo Moro. Der Christdemokrat und engagierte Katholik, mehrfacher Minister und zweimal Ministerpräsident Italiens, gilt in diesen Tagen als Befürworter des so genannten „Historischen Kompromisses“: der Politiker sieht in einem Solidaritätspakt zwischen der kommunistischen PCI und der Democrazia Cristiana die einzige Möglichkeit, das Land aus der Wirtschaftskrise herauszuführen.
Am Morgen des genannten Tages wird Aldo Moro auf der Fahrt von seiner Wohnung zum Parlament entführt. Bei dem brutalen Überfall werden der Fahrer Moros und vier Leibwächter getötet. Zu der Tat bekennen sich die „Brigate Rosse“, eine kommunistische Untergrundorganisation, die seit 1970 in Italien agiert. Die „Roten Brigaden“ stellen an den italienischen Staat Forderungen, bei denen schnell klar wird, dass die Regierung sie unmöglich erfüllen kann. Und so machen die Brigadisten dem ehemaligen Ministerpräsidenten den „Prozess“.
Am 3. April wendet sich Paul VI. in einer Ansprache persönlich an die Entführer und bittet um die Freilassung Aldo Moros. Der Papst hat erkannt, dass sein alter Freund von Italien nichts zu erwarten hat. Er entschließt sich zu handeln. Gefängnisgeistliche werden von ihm gebeten, im linksextremen Milieu vorzufühlen, ob der Politiker mit einer hohen Geldsumme von den „Roten Brigaden“ freigekauft werden kann. Sowohl der Papst als auch die Familie Moro bemühen sich, Priester als Mittelsmänner zu den Terroristen einzusetzen.
Der 20. April bringt eine neue Entwicklung – der Papst erhält einen Brief Aldo Moros, in dem ihn dieser bittet, sich für seine Freilassung einzusetzen und die Regierung zu einem Nachgeben zu überreden. Paul VI. will nun den Entführern einen handgeschriebenen Brief zukommen lassen. Der Aufruf des Papstes wird im Fernsehen und über Rundfunk ausgestrahlt und in fast allen Zeitungen des Landes veröffentlicht. Vergeblich, am 9. Mai wird Aldo Moro tot aufgefunden, er liegt im Kofferraum eines Autos, in der Via Caetani, nur wenige Schritte entfernt von den Parteizentralen der Kommunisten und Christdemokraten.
In der Lateranbasilika findet der Trauergottesdienst für Aldo Moro statt, der als offizieller Staatsakt abgehalten wird. Moros Witwe weigert sich, an der Feier teilzunehmen: „Wie könnte ich unter den Mördern meines Mannes Platz nehmen!“ Sie sieht Spitzenpolitiker der Regierung und der Opposition in die Ermordung ihres Mannes verwickelt. Eine Untersuchungskommission des italienischen Senats kommt später zu der Einschätzung, dass an der Entführung die Geheimdienste Italiens und der Vereinigten Staaten beteiligt sind, vielleicht sogar die Fäden gezogen haben.
In den Fokus des Interesses geriet vor kurzem der Apostolische Nuntius in Großbritannien, Erzbischof Antonello Mennini. Als junger Priester hatte der Geistliche in der Pfarrei Aldo Moros gewirkt und war dort der Beichtvater des Politikers gewesen. 1980 war Mennini erstmals von der Justiz vernommen worden. Als späterer Vatikandiplomat schützte ihn die Immunität vor weiteren Nachforschungen. Nachdem diese kürzlich wieder aufgenommen wurden, stimmte Papst Franziskus, der aktiv zur Aufklärung des Falles beitragen wollte, einer neuerlichen Befragung Menninis vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission in Rom zu.
Mennini bestätigte, dass ihn die „Roten Brigaden“ als Mittelsmann in Anspruch genommen hatten. Drei Mal habe er Briefe Moros an dessen Familie überbracht, die von den Entführern an einer verabredeten Stelle in Rom hinterlegt wurden. Er bestritt jedoch, den entführten christdemokratischen Politiker im Versteck der Terroristen besucht und ihm die Beichte abgenommen zu haben.


Seit 32 Jahren ein
ungelöstes Rätsel

Der Kriminalfall Moro berührt den Vatikan; ein anderes Verbrechen jedoch holt ihn in die Mitte des Geschehens. Entführungen sind Anfang der achtziger Jahre in Italien keine Seltenheit. Fast jeden Monat berichten die Zeitungen des Landes davon. Der Fall Orlandi aber wird durch seine besonderen Umstände Berühmtheit erlangen und bis in die Gegenwart immer wieder aufs neue für Diskussionen sorgen.
Am Mittwoch, dem 22. Juni 1983, beendet die fünfzehnjährige Emanuela Orlandi gegen 19 Uhr ihren Flötenunterricht im päpstlichen Musikkonservatorium „Ludovico da Victoria“ an der Piazza San’Apollinare. Aus dem Haus kommend plaudert sie lebhaft mit einer Freundin. Kurze Zeit später glaubt ein Polizist, der vor dem Palast des Senats Dienst hat, Emanuela zu sehen, wie sie mit einem dunklen, eleganten, gut aussehenden, etwa 35 bis 40 Jahre alten Mann spricht. Dann verschwindet sie, ohne eine weitere Spur zu hinterlassen. Der Vorfall besitzt eine besondere Brisanz. Denn Emanuela Orlandi ist eine der wenigen Personen, die von Geburt her die vatikanische Staatsbürgerschaft besitzen. Ihre Familie wohnt im Kirchenstaat; der Vater ist ein Angestellter der Präfektur des Päpstlichen Hauses.
Schon bald ist man sich sicher, dass die Bürgerin des Vatikanstaates entführt worden ist. Der Vatikan erhält aus einer bis heute ungenannten Quelle Informationen, die den Papst dazu veranlassen, sich persönlich einzuschalten. Johannes Paul II. geht am 3. Juli an die Öffentlichkeit. Insgesamt acht Mal wird sich der Papst für Appelle zu Gunsten einer Freilassung Emanuela Orlandis entscheiden.
Am 5. Juli erhalten sowohl die Familie Orlandi als auch das Päpstliche Staatssekretariat Anrufe eines Unbekannten, der die Freilassung des Papstattentäters Ali Agas fordert. Im Gegenzug, so verspricht er, werde die Vatikanbürgerin ihre Freiheit wiedererlangen. Am 17. Juli verlangt der Anrufer vom Vatikan die Einrichtung einer Telefonleitung, die nur er durch einen Code frei schalten kann. In den folgenden Tagen wird von dieser „sicheren“ Telefonverbindung mehrfach Gebrauch gemacht. Im Monat August meldet sich darüber hinaus eine ominöse Organisation, die sich „Turkesh“ („Türkische Antichristliche Befreiungsfront“) nennt, auch sie verlangt die Freilassung Alis und eines Anführers der rechtsextremen türkischen „Grauen Wölfe“.
Die italienische Politik „wünscht“ von der Justiz, die Ermittlung in diese Richtung zu führen. Jedes Mal, wenn der ermittelnde Richter Zweifel an der „türkischen“ Spur äußert, wird er abgelöst. Die römische Untersuchungsrichterin Adele Rando, seit Anfang des Jahres 1990 mit dem Fall des verschwundenen Mädchens betraut, möchte den Fall nicht zu den Akten legen. Über die italienische Botschaft beim Heiligen Stuhl stellt sie 1993 ein Rechtshilfeansuchen an den Vatikan mit der Bitte, hochrangige vatikanische Würdenträger als Zeugen vernehmen zu dürfen: den Privatsekretär des Papstes, Monsignore Stanislaw Dziwisz, den Präfekten des Päpstlichen Hauses, Bischof Dino Monduzzi, den Substituten im Staatssekretariat, Erzbischof Giovanni Battista Re, Kardinal Achille Silvestrini, Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano und dessen Vorgänger, Agostino Casaroli. Dem Ansuchen wird nicht stattgegeben.
1994 bereichert der damals achtzigjährige Kurienkardinal Silvio Oddi das Szenario. Im Gespräch mit Journalisten erwähnt er Gerüchte, Ercole Orlandi habe vor der Entführung seiner Tochter im dritten und vierten Stock des Apostolischen Palastes jemanden gesehen, der dort nichts verloren gehabt habe. Als die italienischen Zeitungen mehr von Oddi erfahren möchten, macht der Kardinal, ansonsten für seine Unerschrockenheit bekannt, einen Rückzieher. Der Presse gibt der Kardinal zu verstehen, das Päpstliche Staatssekretariat habe ihn eindringlich darum gebeten, nicht mehr über den Fall Orlandi zu sprechen.
1998 gewährt das italienische Parlament den Justizbehörden keine Verlängerung der Ermittlungen mehr. „Die Untersuchungen zur Entführung Emanuela Orlandi sind beendet, abgeschlossen, versperrt. Kein Richter, kein Ermittler, niemand, aber auch niemand wird weiternachforschen“, klagt eine bedeutende italienische Zeitung. Für den Journalisten Max Parisi droht die Entführung Emanuela Orlandis zu einem der „maledetti misteri d’Italia“, der „verdammten Geheimnisse Italiens“, zu werden.
Das neue Jahrtausend bringt weitere neue „Erklärungen“ und Hypothesen. Als völlig absurd werden im Vatikan die Behauptungen von Don Gabriele Amorth angesehen. Der Geistliche, von den Medien zum „Chefexorzisten des Vatikans“ hochstilisiert, hatte behauptet, das Verschwinden der 15-jährigen Vatikanbürgerin sei „ein Verbrechen mit sexuellem Hintergrund“; im Vatikan habe es fragwürdige Feste – regelrechte Sexpartys –  geben. Im Apostolischen Palast sah man in den Äußerungen den geschmacklosen Versuch Gabriele Amorths, für sein jüngstes Buch die Werbetrommel zu rühren.
2009 wird der Name des römischen Unterwelt-Bosses Enrico De Pedis ins Spiel gebracht. Der Chef der berüchtigten römischen Verbrecherorganisation „Banda della Magliana“ habe im Namen „mächtiger Persönlichkeiten“ die Tochter des Vatikanangestellten entführt, um den Heiligen Stuhl wegen diverser Finanzgeschäfte der Vatikanbank zu erpressen. Später kam die Behauptung auf, der Leichnam der jungen vatikanischen Staatbürgerin sei in dem Grab Enrico De Pedis versteckt worden. Im Mai 2012 wurde die Grabstätte De Pedis’ geöffnet – man fand einzig und allein die sterblichen Überreste des ermordeten Bandenchefs.
Die italienischen Ermittlungsbehörden waren und sind davon überzeugt, dass Orlandi als Faustpfand für irgendeinen wie auch immer gearteten politischen Deal missbraucht werden sollte. Dass Mitglieder westlicher Geheim- und Sicherheitsdienste und der Staatsschutzabteilung der vatikanischen Polizei in dem Fall aktiv wurden, gab vielen zu denken und sorgte in der Öffentlichkeit weiterhin für Spekulationen. Dabei dürfte die Erklärung hierfür relativ einfach ausfallen. Nach heutigen Erkenntnissen hatte es in dieser Zeit eine ernsthafte Bedrohung für die Töchter des Kammerdieners des Papstes, Angelo Gugel, und des vatikanischen Sicherheitschefs, Camillo Cibin, gegeben. Möglicherweise wurde Emanuela Orlandi mit einem der beiden Mädchen verwechselt oder ihre Entführung war für die Täter leichter zu bewerkstelligen gewesen.
Pietro Orlandi, der Bruder Emanuelas, lässt nicht locker. Er will das Schicksal seiner Schwester aufgeklärt wissen. Als Papst Franziskus kurz nach seiner Wahl im März 2013 der Pfarrkirche des Vatikans einen Besuch abstattete, konnte er dem Papst sein Anliegen vortragen. Seitdem versuchen er und seine Freunde, bei den allwöchentlichen Generalaudienzen Franziskus mit Spruchbändern und Plakaten auf den „Fall Orlandi“ hinzuweisen. Die italienische Justiz jedenfalls ist geneigt, den Fall neu aufzurollen – und wünscht sich eine Kooperation des Kirchenstaates.
Insider des Vatikans sind sich sicher, dass sich eines – vermutlich nicht allzu weiten – Tages auch die „Vatileaks“-Affäre als nicht gelöst, sondern als ein weiteres der „maledetti misteri“ Italiens erweisen wird, das nach einer seriösen Aufklärung verlangt.

 

 

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