Sancta Polonia 4/2016

 

Mit der eigenen Taufe fing alles an – und hielt bis heute

Von 966 bis 2016: Polen feiert in diesem Jahr das 1050. Jubiläum seiner Existenz – Ohne den katholischen Glauben und die römische Kirche wäre das Land nicht denkbar 

 

von Stafan Meetschen

 

 

Dass Polen, unabhängig davon, wer sie gerade regiert, stolz auf ihre Nation sind, hat sich herumgesprochen. Jedes polnische Schulkind wächst mit den Namen der wichtigsten polnischen Herrscher auf und lernt dabei auch gleich, dass das eigene Land – dank der Union mit Litauen – im sechzehnten Jahrhundert, was die Fläche betrifft, das größte in Europa war. Im neunzehnten Jahrhundert geriet die Heimat dann unter die Räuber (Preußen, Österreich, Russland), und im zwanzigsten Jahrhundert schien das Licht aufgrund der Besatzungen durch die Nazis und Kommunisten fast ganz auszugehen, wären nicht der heroische Primas, Kardinal Stefan Wyszyński, die Arbeiter der Lenin-Werft in Danzig und der heilige polnische Papst Johannes Paul II. aufgetreten und hätten die Bösen besiegt und das Land befreit.
Zu diesem Geschichtsnarrativ, das nicht nur Kindern einleuchtet, gehört es auch, die Entstehung der polnischen Nation gebührend zu würdigen. Und so überrascht es nicht, dass die Gründung Polens, die im Jahr 966 – also vor genau 1050 Jahren – mit der Taufe des Piasten-Fürsten Mieszko I. stattfand, in diesem Jahr angemessen gefeiert wird. Zahlreiche Ausstellungen und wissenschaftliche Panels stehen auf dem Jubiläums-Programm, dazu kommen im April kirchliche Würdenträger und Politiker zu den offiziellen Feierlichkeiten zusammen. Aus gutem Grund. Schließlich gäbe „es ohne die Taufe Polens keinen polnischen Staat, keine polnische Geschichte und Kultur und letztlich auch keine Polen“, wie Stanisław Gądecki, der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz und Erzbischof von Posen gegenüber dem VATICAN-magazin erklärt. Er muss es wissen. Befindet sich das Taufbecken Mieszkos (oder das, was davon übriggeblieben ist) doch im Kellergeschoss der Kathedrale von Posen. Wobei Mieszko und seine Anhänger sich vermutlich in der Nähe von Gnesen taufen ließen.
Fest steht, dass Mieszko, der 965 die Tochter des böhmischen Fürsten Boleslav, Dobrawa, geheiratet hatte, auf Initiative seiner gläubigen Gattin in die Taufe einwilligte. Dobrawa ließ ihren Gatten nach der Vermählung nämlich zunächst ein wenig zappeln, wie der Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg (975-1018), festhielt. „Sie willigte ein, in der Überlegung, dann werde er in anderer Hinsicht leichter auf sie hören. (…) Hatte sie sich um die Bekehrung ihres Gemahls bemüht, so erhörte sie ihr Schöpfer in seiner Güte (…) die häufigen Mahnungen der geliebten Frau ließen ihn das des angeborenen Unglaubens ausspeien.“ (zit. nach: Felix Escher/Jürgen Vietig: Deutsche und Polen, S. 17f.)  
Doch die Tauf-Entscheidung Mieszkos hatte natürlich auch machtpolitische Gründe. Von diesem Moment an waren die Polanen, die „Leute von den offenen Feldern“, wie man die Mitglieder des slawischen Stammes nannte, der sich an den Ufern der Warthe nahe der heutigen Stadt Posen niedergelassen hatte und aus dem die Piasten hervorgingen, sozusagen in Europa integriert. Galt das christliche Bekenntnis doch als der Mitgliedsausweis im damaligen kirchlichen und politischen System Europas.
„Die Taufe im Jahr 966 führte unsere Nation in die Welt der lateinischen Kultur hinein und machte unsere Vorfahren zu Bürgern der Gemeinschaft der christlichen Völker Europas“, sagt denn auch Erzbischof Gądecki. Und tatsächlich: Der katholische Glaube ermöglichte es dem neuen, jungen Staat „Polska“, vertiefte Beziehungen mit anderen Ländern des christlichen Europas, besonders mit dem relativ frisch gegründeten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (962-1806) aufzunehmen. Beziehungen, die Mieszko nach dem Tod seiner ersten Frau sogar noch vertiefte, indem er Oda, die Tochter des sächsischen Markgrafen Dietrich, heiratete. Für den getauften Polen-Herrscher verließ Oda das Kloster.
Wobei es anfangs, wie der britische Historiker und Polen-Experte Norman Davies hervorhebt, durchaus „starke Reibungen wegen des unklaren Verhältnisses der Piasten zu den deutschen Kaisern“ gab, von denen einige, wie etwa Otto III., durchaus tolerant und wohlgesonnen auftraten, während andere darauf schielten, die Reichsoberhoheit durchzusetzen (vgl. Norman Davies: „Im Herzen Europas. Geschichte Polens“). Insgesamt ging es mit der neuen, frisch getauften Nation aber aufwärts. „Bei diesem allmählichen Aufstieg des piastischen Polen aus vorgeschichtlichem Dunkel zu mittelalterlichem Glanz muss die Rolle der römischen Kirche als entscheidend betrachtet werden“, wie Davies weiter ausführt.
Orthodoxe Missionare hatten die slawischen Vorfahren und Verwandten von Mieszko schon früher erlebt, doch die „offizielle Annahme des römisch-katholischen Christentums“ war Davies zufolge „das bedeutendste Ereignis der polnischen Geschichte“. Zumal Mieszko, der bereits geistliche Schreiber an seinen Hof geholt hatte, sein Land – kurz bevor er starb – dem Heiligen Stuhl überließ. Damit war die Verbindung Polens mit Rom in einer Weise etabliert, die auch Erb- und Machtstreitereien unter den Adeligen und andere Fehden solide überstehen sollte. „Der Klerus erhielt schon früh die uneingeschränkte Jurisdiktion über seinen riesigen Landbesitz und trat als erster unabhängiger gesellschaftlicher Stand hervor“, schreibt der Brite Davies.
Wieso die polnische Bevölkerung den Glauben und die Vormachtstellung der Kirche, die das Bewusstsein des europäischen Menschen des Mittelalters natürlich auch außerhalb von Polen sehr stark prägte, so ergeben akzeptierte, lässt sich machtpolitisch aber nicht vollkommen erklären. Natürlich wollte man möglichst unabhängig sein vom großen Nachbarn im Westen, dies allein kann das Phänomen der schon früh auftretenden polnischen Frömmigkeit aber auch nicht erklären. Die Deutung von Davies – so geistreich sie klingt: „Gewöhnlich sagt man, das piastische Polen habe das Christentum angenommen. Vielleicht sollte man richtiger sagen, dass die katholische Kirche Polen annahm“ – ebenfalls nicht.
Wie dem auch sei. Stets bildete die Kirche das Herz der polnischen Kultur, Sprache und Geschichte. Den „Hort der polnischen Identität“, den „Garant des Polentums“, wie es der Autor und SZ-Journalist Thomas Urban in seinem Polen-Buch formuliert hat. Eine Festung – in dunklen und in hellen Tagen. Wie selbstbewusst und siegessicher es in dieser Festung trotz Leid und Verfolgung zuweilen zugehen konnte, verkörpert – wie vermutlich kein anderer polnischer Geistlicher und Bischof der Neuzeit – der langjährige Primas Kardinal Stefan Wyszyński, der 1953 von den kommunistischen Machthabern verhaftet wurde, weil er sich geweigert hatte, dem Staat ein Recht auf Einmischung in innere kirchliche Angelegenheiten zu gewähren.
Schon während er im Gefängnis saß, schrieb er den Text für die große Gebets-Novene („Treue zu Gott, zum Kreuz, zum Evangelium, zur Kirche und ihren Hirten“), mit der sich bald nach Wyszyńskis Freilassung 1956 das ganze Land unter seiner Führung auf die Tausend-Jahr-Feier der Taufe im Jahr 1966 vorbereitete. Neun Jahre lang. Die Millenniums-Feierlichkeiten selbst, die in Tschenstochau stattfanden, wurden zu einem Triumph. Für die geschundene Bevölkerung und die Kirche. Die Menschen erfuhren neu, wie sehr ihre nationale und katholische Identität zusammengehören und dass diese geistig stärker waren als die Ideologie, welche die Kommunisten ihnen mit Gewalt und Dummheit aufzwingen wollte.  
Fünfzig Jahre später, im Jahr 2016, feiert man das Jubiläum der Taufe Polens in einem freien und demokratischen Land. Diesmal finden die zentralen Feierlichkeiten in Posen, Gnesen und Ostrów Lednicki statt. Also an den Orten, die mit der Taufe von Mieszko in Verbindung gebracht werden. Ein „Jubiläums-Triduum“, das vom 14. bis 16. April stattfindet. Anders als vor fünfzig Jahren, als die kommunistische Regierung eine alternative, atheistische Feier aus Anlass der tausend Jahre der staatlichen Existenz Polens organisierte, bei der die Kirche nicht stören sollte, ist das Band der Harmonie zwischen Kirche und Staat bei aller gebotenen Distanz nun wieder hergestellt. Doch ganz ohne Sorgen wird man nicht zusammenkommen.
„Wenn wir in diesem Jahr Gott besonders für die Taufe unseres Landes danken, so schließt dies Fragen und Bitten nicht aus: Wie wird das zukünftige Polen aussehen? Wie wird es um die Kirche in unserer Heimat bestellt sein?“, fragt Erzbischof Gądecki gegenüber dieser Zeitschrift, um selbst zu schlussfolgern: „Die Antworten wissen wir nicht. Doch im Zeichen des Kreuzes Christi finden wir Hoffnung und das Zeichen des endgültigen Sieges.“
So sah es auch Papst Johannes Paul II., der während seiner Pilgerreise nach Polen im Jahr 1979 in Warschau die Taufe Polens zum Thema machte, als er sagte: „Man kann die Geschichte Polens ohne Christus nicht verstehen (…). Man kann die Geschichte der polnischen Nation – diese große, tausendjährige Gemeinschaft, die mich und jeden von uns so tief prägt – nicht ohne Christus verstehen. Wenn wir diesen Schlüssel zum Verständnis unserer Nation ablehnen würden, würden wir uns Missverständnissen aussetzen. Wir würden uns selbst nicht verstehen. Man kann nicht diese Nation, die eine solch großartige und gleichzeitig so schrecklich schwierige Vergangenheit hatte, ohne Christus verstehen.“
Wie faszinierend ein solches, geradezu sakrales Geschichtsverständnis auch im Zeitalter der Postmoderne wirken kann, gerade auf der katholischen Kirche fernstehende Personen, hat der deutsche Kabarettist und Polen-Versteher Steffen Möller („Viva Polonia“, „Expedition zu den Polen“) ausgedrückt: „Polen war lange vor Deutschland eine geschlossene, homogene Nation (…). Die polnische Geschichtskontinuität ist für uns Deutsche beeindruckend. Polen setzen den Beginn ihrer Geschichte im Jahr 966 an, mit der Taufe von Fürst Mieszko I. Geschichte wird als eine tausendjährige Linie empfunden (…).“ Genauso ist es. Viva Sancta Polonia!

 

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