Kirche in Not 11/2016

 

In der Hölle von Budapest, nur mit dem Rosenkranz bewaffnet

Beim Ungarn-Aufstand vor sechzig Jahren organisierte Pater Werenfried van Straaten die Hilfe der europäischen Katholiken

 

von Volker Niggewöhner

 

Am 23. Oktober 1956 versammelten sich auf den Straßen Budapests 250.000 Demonstranten, darunter tausende Studenten, um vor dem Parlament friedlich für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Im Laufe des Abends wandelte sich die friedliche Demonstration zum Straßenkampf. Aus den Reihen der Staatssicherheit war in die Menge geschossen worden. In den folgenden Tagen weiteten sich die Demonstrationen zu Kämpfen in ganz Ungarn aus. Die Bilanz: über zwanzigtausend Tote, zweihunderttausend Verletzte und etwa eine halbe Million Flüchtlinge.
Die 1947 von Pater Werenfried van Straaten gegründete Ostpriesterhilfe, heute „Kirche in Not“, hatte sich bis dahin nur um die aus dem Osten vertriebenen Deutschen gekümmert. Als Pater Werenfried vom Aufstand der Ungarn hörte, handelte er schnell.

 

Am 26. Oktober 1956 gegen 22.00 Uhr, meldete das Radio, dass die ersten 250 Verwundeten an die österreichisch-ungarische Grenze gebracht wurden. Sofort machte Werenfried sich auf zum Berater der ungarischen Abteilung des Hilfswerks und beriet mit ihm, wie man dort helfen könne. Noch in derselben Nacht startete eine beispiellose Aktion für die aufständischen Ungarn.
Gegen Mitternacht fuhr Pater Werenfried von seinem belgischen Prämonstratenser-Kloster aus nach Brüssel und begann mit sechzig Freunden der Ostpriesterhilfe in den Straßen den Rosenkranz zu beten. Sie zogen vor das Gebäude der ungarischen Botschaft und beteten für die Menschen in Budapest. Dasselbe wiederholten sie vor den Gesandtschaften von Bulgarien, Polen und der Sowjetunion. Es war eine spontane Initiative, die einen Gebetssturm entfachte, an dem sich hunderttausende Menschen in Belgien beteiligten.
In der Zwischenzeit wurden, wie von den Demonstranten gefordert, die ungarischen Grenzen geöffnet. Dadurch konnten Medikamente und Hilfsgüter der Ostpriesterhilfe eingeführt werden. Pater Werenfrieds Organisationstalent und Einfluss hatten es ermöglicht, dass bereits am nächsten Morgen ein Flugzeug mit Blutplasma und zweieinhalb Tonnen Medikamenten Richtung Ungarn abheben konnte. Auch aus anderen Ländern schickten Mitarbeiter der Ostpriesterhilfe Hilfspakete mit Flugzeugen und Autos.


Treffen mit dem Primas im umkämpften Budapest

Pater Werenfried beschloss, nach Ungarn zu reisen – ohne gültigen Reisepass und ohne Visum, aber mit seinem Rosenkranz, wie er in seinem Lebensbericht betonte. Er nahm das Flugzeug nach Wien und reiste mit österreichischen und ungarischen Kollegen weiter nach Budapest.
Zeitgleich kündigte sich die Freilassung des Kardinals Jozsef Mindszenty an. Der Bischof von Esztergom und Primas von Ungarn galt als Gallionsfigur des Widerstandes gegen den Kommunismus und war 1949 in einem Schauprozess wegen „Umsturzes und Spionage“ zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Am 30. Oktober erreichten Pater Werenfried und seine Freunde Budapest. Die Stadt bot einen entsetzlichen Anblick. Ausgebrannte russische Panzer und zerstörte Häuser gaben Zeugnis von den erbitterten Kämpfen in der Hauptstadt. Während sie noch unterwegs waren, wurde Kardinal Mindszenty freigelassen. „Drei Stunden nach seiner Befreiung stand ich mit dem Präsidenten des österreichischen Caritasverbandes und einigen anderen in einem kleinen Zimmer bei Kardinal Mindszenty. Wir waren die ersten Priester aus dem freien Westen, die er zu Gesicht bekam. Es war noch vollauf die Revolution ...“, notiert Pater Werenfried van Straaten in seinem Buch „Sie nennen mich Speckpater“.
Er berichtete dem Kardinal von der geistlichen und materiellen Hilfe der Ostpriesterhilfe und sagte der katholischen Kirche in Ungarn weitere Unterstützung zu. Der sichtlich bewegte Primas veranlasste, dass die karitative Hilfe der westeuropäischen Kirche über ganz Ungarn verteilt werden sollte. Er schrieb einen Dankbrief und bat Pater Werenfried beim Abschied: „Herr Pater, wenn Sie jetzt in den Westen zurückkehren, sagen Sie bitte Ihren Freunden, dass sie uns nicht vergessen. Sagen Sie Ihnen, dass sie beten, viel beten, noch mehr beten ... denn ein schwerer Kampf steht uns noch bevor.“
Nach seiner Rückkehr ließ Pater Werenfried den Dankbrief des Kardinals übersetzen und in der Presse veröffentlichen. Durch die Aktion „Fonds Mindszenty“ kamen acht Millionen D-Mark zusammen, mit denen auch den ungarischen Flüchtlingen in Westeuropa geholfen wurde.


Der Westen hat wieder beten gelernt

Doch der kostbarste Beitrag für die Unterstützung der Ungarn „war die Sturmnovene des Rosenkranzes, die monatelang die Gewissen wachgehalten und trotz des äußerlichen Scheiterns des Aufstandes zweifellos Wunder der Gnade und des Segens in Ungarn verursacht hat“, schrieb Pater Werenfried. Von Brüssel aus weitete sich das solidarische Gebet auch auf andere belgische Städte und schließlich auf weitere europäische Länder aus.
In seinen Erinnerungen zog Pater Werenfried eine Gesamtbilanz des Ungarischen Volksaufstands: „Der ungarische Aufstand mit seinem Gefolge von Zehntausenden von Flüchtlingen hat ganz sicher Unzähligen die Augen und Herzen für das Leid der verfolgten Kirche geöffnet. Der christliche Westen hat wieder beten gelernt für die sechzig Millionen unterdrückten, von einem teuflischen Regime geschundenen (…) Brüder in Ungarn. (…) Die Tatsache des ungarischen Aufstandes war zwar eine Blamage für den Kommunismus, aber deshalb noch nicht die Bestätigung der einen lebendigen Gemeinschaft der Kirche. Denn Ost und West sind einander entwachsen. Es war die Proletarier-Elite der ungarischen Volksdemokratie, die im Namen der Freiheit, der menschlichen Persönlichkeit und der sozialen Gerechtigkeit gegen die marxistische Lügendiktatur revoltierte. (…) Diese jungen Konterrevolutionäre sind unsere Brüder, die der Kirche geraubt wurden oder vielleicht niemals zu ihr gehörten, die aber dennoch bei uns zu Hause sind und die wir unaufhörlich in unser Gebet und unsere Liebe einschließen müssen. Machen wir uns keine Illusionen! Was nach dem Kommunismus kommt, kann nicht ohne weiteres von der Kirche annektiert werden. (…) Zuerst müssen wir qualitativ besser werden! (…) Millionen Rebellen in Osteuropa haben den Marxismus innerlich überwunden. Wir können nur in Wahrheit mit ihnen wiedervereinigt werden, wenn wir unseren Materialismus überwinden.
Der Aufstand ist gescheitert. Die Bresche im Eisernen Vorhang ist wieder geschlossen. Aber mitten unter uns leben Flüchtlinge, viele junge Menschen, die uns am eigenen Leib zeigen, wie der Mensch aussieht, der durch die Schule des Kommunismus gegangen ist. (…)
Lasst uns oft beten für unsere Brüder im Osten, dass der Herr sie bald befreien und in Frieden zu uns führen möge. Aber lasst uns auch beten für uns selbst, dass der Herr uns reinigen und dass unsere Unchristlichkeit der Wiedervereinigung mit den in Leid Geläuterten und nach Wahrheit Suchenden nicht im Wege stehen möge.“
Obwohl die Begegnung mit Kardinal Jozsef Mindszenty nur kurz war, prägte sie Pater Werenfried nachhaltig. Sie war nicht nur der Anfang für eine umfangreiche Ungarnhilfe, sondern auch der Beginn einer engen Freundschaft mit dem Kardinal. Nach dessen Tod im Jahr 1975 durfte er auf der Beerdigung Mindszentys sogar die Grabrede halten.

 

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