Alexander Kisslers Hausrezepte 5/2013

 

Der virtuelle Papst

 

 

In einer seiner letzten öffentlichen Äußerungen sprach Benedikt XVI. über das Zweite Vatikanische Konzil. Die Kirchenversammlung, so Benedikt, habe unter dem Bann einer zweigeteilten Rezeption gestanden. Auf der einen Seite gab es „das Konzil der Väter, das wahre Konzil“, und daneben das „Konzil der Medien“. Dieses sei „fast ein Konzil für sich“ gewesen. Als „Konzil der Journalisten“ habe es ein geistliches Ereignis umgebogen zum „Machtkampf zwischen verschiedenen Strömungen“. Einen solchen Machtkampf brauchten die Journalisten, damit sie selbst für die ihrer Welt am meisten zugewandte Seite optieren konnten. Indirekt, ließe sich sagen, machten die Journalisten durch dieses strategische Manöver sich zu Konzilsteilnehmern, denn es war so ihre eigene Sache geworden, ein Medienkonzil, das man der Kirche entwand.
Benedikt zufolge war das medial verzerrte Konzil wirkmächtiger als das Zweite Vatikanum selbst. Zu den Konzilsberichten, nicht zu den Konzilsbeschlüssen nahm Zuflucht, wer sich öffentlich äußerte, zustimmend wie ablehnend, rühmend oder fordernd. „Mir scheint“, schloss der Papst, „dass wir fünfzig Jahre nach dem Konzil sehen, wie das virtuelle Konzil zerbricht, sich verliert und das wahre Konzil mit all seiner geistlichen Kraft zum Vorschein kommt.“
Noch ist nicht ausgemacht, ob diese Hoffnung sich erfüllt. Die Zeichen stehen immerhin besser als jene, dass das neueste Produkt der globalen Medienindustrie rascher zerfällt: der virtuelle Papst. Von Benedikts Nachfolger kursieren stabile Deutungsschablonen, die sich ebenso stark gegen die authentische Verkündigung immunisieren wie die Passepartouts des letzten Konzils. Er wird uns präsentiert als Mut- und Wettermacher, dessen Worte grundsätzlich „neuen Wind“ bedeuten, als unverdrossener Lächelpapst und Bruderpapst, als Reformator von Kurie, Disziplin und Dogma. So soll ein medial konsensfähiges Bild entstehen: Mit Papst Franziskus zögen Moderne und Urchristentum in den Vatikan. Benedikt, heißt das, stand für diese beiden Prinzipien nicht, Franziskus sei Exorzist des ratzingerschen Geistes: welch ein Unsinn.
Bezeichnend sind immer die Auslassungen. Was nicht in Schablonen passt, wird abgeschnitten, fertig ist das Wunschweltbild. In der Chrisam-Messe Ende März wandte sich Papst Franziskus gegen die priesterliche Versuchung, sich als „Antiquitäten- oder Neuheitensammler“ zu verstehen, „anstatt Hirten mit dem ,Geruch der Schafe’ zu sein“. Deutlich klang ein Leitmotiv des Pontifikats an, die Warnung vor einer verweltlichten Kirche, die nach allem grabscht, was die Welt gerade im Angebot hat, seien es Antiquitäten, seien es Novitäten.
Der Weg der Kirche, heißt das, kann weder auf den Pfaden der Nostalgie gefunden werden noch im Nachplappern des jeweiligen „dernier cri“. In welcher Form aber wurde dieser doppelte Gedankengang von den Agenturen zusammengefasst? Priester dürften nicht zu „Antiquitätensammlern“ verkommen. Ende der Durchsage. Die ebenso wichtige Wendung wider das Sammeln von Neuheiten fiel unter den Redaktionstisch. Gut ist in den Augen der Welt, wer das Alte kritisiert, das Neue hat Dogmenrang.
Papst Franziskus sprengt die Schablonen. Seine Verkündigung setzt die Lehre Benedikts fort. Und warum? Nicht weil die beiden Männer dieselben Bücher lesen oder derselben Generation entstammen – nein, Benedikt verkündete nicht, was Joseph Ratzinger sympathisch fand, Franziskus wirbt nicht für das, wofür Jorge Mario Bergoglio schwärmte. Wie ihre Vorgänger und Nachfolger lehren Benedikt und Franziskus in je eigener Gestalt, was die Kirche zu lehren vorgibt in Schrift, in Tradition, in Person. Unter eschatologischem Blick – beide Päpste sind große Eschatologen – kennt der Fluss der Zeit Stauungen und Wirbel, aber keine Brüche, kennt er das eine große Ziel, aber keine Zwecke auf dem gemeinsamen Weg dorthin. Es sind immer wir Gegenwartsmenschen, die zu gegenwärtigen Zwecken Schablonen fabrizieren.

 

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