Tagebuch des Mauerfalls 10/2014

 

Aus Angst wird Mut

Wie alles geschah, als vor einem Vierteljahrhundert das Land des real existierenden Sozialismus in die Brüche ging

 

Die Fälschung der Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 durch die regierende SED läutete den Anfang vom Ende der DDR ein. Nur wusste das noch niemand. Doch schon viel früher, am 16. Oktober 1978, begann mit der Wahl des Polen Karol Wojtyla zum Papst die Mauer zwischen Ost und West, der „antifaschistische Schutzwall“, zu wanken. Von Anfang an ahnten die Parteifunktionäre, welche Gefahr für den Totalitarismus jeglicher Prägung vom Christentum und besonders von diesem Mann ausging, den sie mit ihrem Hass verfolgten.
Im folgenden Auszüge aus den Tagebüchern 1989 unserer Autorin Sigrid Grabner aus Potsdam, die damals die Ereignisse aus persönlicher Sicht dokumentierte.

 

 

Oktober 1989


1. Oktober
In der Nacht die ersten Züge von Prag via DDR in die BRD mit Besetzern der Prager BRD-Botschaft (zuletzt waren es über dreitausend). Route über die DDR deshalb, um das Gesicht zu wahren (als ob es noch ein Gesicht zu wahren gäbe).


2. Oktober
Der Himmel verfinstert sich, Wind kommt auf. Bricht nach diesem lähmenden Sommer das Unwetter los?
Sicherheitskräfte verhinderten gestern in Berlin die Gründung einer neuen Oppositionsgruppe — Demokratischer Aufbruch 89 (vorwiegend Theologen). In einem Ausweichquartier in Pankow fanden sich nur dreißig Leute ein.
Die Gefahr macht sensibler, liebevoller, solidarisch. Man spürt, wie man einander braucht, und sorgt sich umeinander.

3. Oktober
Schon wieder mehrere tausend DDR-Bürger in der Prager Botschaft. Trotz Absperrung durch die tschechische Polizei mit Knüppeln im Anschlag. Frauen und Kinder traten in die ersten Reihen, da gaben die Polizisten nach. Die Flüchtlinge kletterten über den Zaun, sie rannten, sie fielen schreiend vor Panik in die BRD-Botschaft – Bilder des gestrigen Tages – nur einen Tag nach der Ausreise von 5.400 DDR-Bürgern! Auch in Warschau wieder mehrere hundert Flüchtlinge. Über Ungarn gestern 700.
Gestern Abend in Leipzig Demonstration von der Nikolaikirche (Montagsgebet) zum Hauptbahnhof. Die Zahlenangaben über die Menge schwanken zwischen zehn- und fünfundzwanzigtausend. Verlangten Zulassung des Neuen Forums, riefen „Wir wollen bleiben!“ „Reformen!“, vereinzelt auch „Gorbi“-Rufe.  ...


4. Oktober
Gestern Grenzen zur ČSSR geschlossen. In und vor der BRD-Botschaft in Prag mehr als 10.000 DDR-Flüchtlinge. Sie verbrachten eine eiskalte Nacht im Freien, viele kleine Kinder. Abtransport (zehn Sonderzüge) war für gestern Abend zugesagt. Wegen „technischer“ Schwierigkeiten ist sie bis jetzt (16.30 Uhr) nicht erfolgt. Inzwischen stellte sich heraus, dass heute Nacht in Dresden mehrere tausend Menschen den Bahnhof und die Gleise blockierten (die einen wollten in die ČSSR, die anderen nach Bayern), auch von anderen Bahnhöfe an der Strecke wird das berichtet. Polizei trieb die Menschen mit Schlagstöcken auseinander und bezog Posten entlang der Strecke.
Zur selben Zeit hielt Honecker vor „Aktivisten der ersten Stunde“ eine Rede, in der er die Existenz der DDR als ein Glück für unser Volk und ganz Europa pries. Scharfe Töne ohne Einsicht und Barmherzigkeit – auf der anderen Seite die Tränen und Berichte der Flüchtlinge, der von BRD-Besuchsreisen Zurückkommenden, die Hilflosigkeit und Wut der Hiesigen.
Alles steuert auf eine Katastrophe zu, vor der so viele gewarnt haben, sollten die Herrschenden keinen Sinn für die Not des Volkes zeigen. Aber auch jetzt noch keine Einsicht. Stattdessen Mobilisierung der Polizei, Stasi, Kampfgruppen; Schließung der Grenzen auch nach Osten und Süden. Isolierung total.


5. Oktober
Es scheint so, als hätten die DDR-Bürger nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie verlassen dieses Land wie wir vor 44 Jahren unsere Heimat: mit Kindern auf dem Arm und einem Koffer mit dem Nötigsten.
Alle fürchten den 7. Oktober – die Herrschenden und die Beherrschten. Warnungen aus dem Westen, vom Neuen Forum, es drohe ein neues China.


6. Oktober
Vorhin waren junge Leute hier. Der erste aus dem Vorbereitungskomitee für den 7. Oktober (Volker) wurde verhaftet. Die Kirche stellt keinen Raum zur Verfügung, untersagt den Mitgliedern der Jungen Gemeinde, an der Aktion teilzunehmen, sie fürchtet Provokation. Müssen wir eben auf die Straße. Auch das Neue Forum von Potsdam distanziert sich von unserem Vorhaben.
Nebenbei höre ich Honeckers Rede auf dem Staatsakt. Unfassbar!
Wenn wir von morgen sprechen, trägt jeder Galgenhumor zur Schau. Die Stasi schickt „Oppositionelle“ aus, um vor Teilnahme an der Aktion zu warnen. Einsatz von Waffen! Gerüchte, man hätte in der Nähe von Potsdam den Platz der Nationen nachgebaut, auf dem Kampfgruppen die Bekämpfung von Demonstranten probten. Eine Mutter kam zu Jeanne und sagte, sie mache sie persönlich verantwortlich, wenn ihrer Tochter (etwa so alt wie Jeanne) bei der Aktion etwas zustieße. Nerven zum Zerreißen gespannt.


7. Oktober, 17.30 Uhr, 40. Jahrestag der DDR
Langsam die Klement-Gottwald-Straße hochgeschlendert. Viele Fußgänger kamen uns entgegen. Gespenstische Ruhe trotz der vielen Menschen. Traf Hans Sch. und Frau, die so blass aussah wie ich wahrscheinlich auch. Beim Glockenspiel überall Grüppchen. Viel Stasi, zwei Polizisten. Im Brandenburger Tor ein Polizeiauto.
14 Uhr: Wir fassten uns bei den Händen und sangen die „Internationale“, dann „We shall overcome“, „Brüder zur Sonne zur Freiheit“; Sprechchor: „Wir bleiben hier – verändern wollen wir. Wir bleiben hier – gestalten wollen wir.“ Es geschah – nichts. Da meinte Hans Sch.: „Gehen wir einfach los.“ Unter Gesang zogen wir den Boulevard hinunter. Einer von uns drehte sich um und schrie auf. Wir dachten, jetzt ginge es los. Aber es war ein Freudenschrei gewesen: Hunderte von Menschen hatten sich uns angeschlossen. Da sangen wir „Freude schöner Götterfunken“. Mit jedem Schritt traten wir ein Stück Angst unter unsere Füße. Endloser Weg von achthundert Metern. Zwischen Anspannung, Fassungslosigkeit und Freude. Der Zug schwoll auf etwa zweitausend Menschen an. Friedlich, gelassen. Am Ausgang zur Ebert-Straße entrollte sich eine Polizeikette, die Nebenstraßen wurden abgeriegelt. Durch Lautsprecher Aufforderung, Straße in Richtung Platz der Nationen zu verlassen. Wir fassten uns an den Händen und sangen noch einmal „We shall overcome“ und forderten dann die Menge auf, sich zurückzuziehen, hatten wir doch viel mehr erreicht, als überhaupt möglich schien. Wir wollten keine Gewalt.
Mit jedem Schritt, den die Menge den Boulevard hinunter ging, richtete sie sich ein wenig auf, verlor sie ihre Angst. Die kurze Strecke wurde zu einer Via Triumphalis. Väter mit Kindern auf den Schultern. Mut der Ahnungslosen oder der Verzweifelten? Ein Polizist hielt einem anderen, der zuschlagen wollte, den Knüppel fest.
Die Letzten zerstreuten sich nicht, die Polizei drängte sie schließlich gegen 17 Uhr in Richtung Nauener Tor ab. Als sie davonliefen, setzte die Brutalität der Staatsmacht ein. Demonstranten retteten sich ins Café Heider, vormals Café Rabin, wo Carl von Ossietzky, dessen hundertsten Geburtstag wir kürzlich mit Pomp begingen, viele seiner antimilitaristischen Schriften verfasste. Die Polizei holte Beteiligte und Unbeteiligte aus dem Café und transportierte sie ab.
Am Abend hin und her telefoniert. Wer ist wo?


8. Oktober
Man hängt am Radio wie der Drogensüchtige an der Nadel.
Generalsuperintendent Krusche fordert die Demonstranten zur Einsicht auf. Die Regierung würde nicht einlenken, solange das Volk auf den Straßen demonstriere. Warum fordert er die Einsicht nicht von der Regierung? Und weiter laufen die Menschen in Scharen davon... Man arbeitet daran, den DDR-Sklaven auch den Weg nach Osten abzuschneiden.


10. Oktober
Gestern angespannte Stimmung im Land. Furcht vor Gewalt. Im Laufe des Tages mehrten sich die warnenden Stimmen. Offener Brief Hermann Kants an die Junge Welt, in dem er öffentliches Nachdenken über unser Verhältnisse fordert.
Pfarrer Eppelmann bat, mit den Demonstrationen aufzuhören; überhaupt warnten die Kirchenführer mehr das Volk als die Regierung. Sie sprechen von Dialog, Einsicht, aber verlangen sie immer nur von den Unterdrückten. Mit nervöser Spannung Verlauf des Montagsgebets in der Leipziger Nikolaikirche erwartet. Drei weitere Kirchen schlossen sich an. Überall wurde ein beeindruckender Aufruf zur Gewaltlosigkeit verlesen. Tagsüber verbreiteten das Stadtradio und Lautsprecherwagen eine Erklärung prominenter Leipziger Bürger (unter ihnen Kurt Masur) und dreier Sekretäre der Bezirksleitung der SED über einen notwendigen öffentlichen Dialog. Sie versprachen, sich dafür bei der Regierung einzusetzen.
Nach Abendandacht ein Demonstrationszug von fünfzig- bis achtzigtausend Menschen über den Außenring. Starkes Polizeiaufgebot, das sich auf die Verkehrsregelung beschränkte. Keine Zwischenfälle. Ein Hoffnungszeichen? Zumindest Grund zum Aufatmen.


12. Oktober
Gestern Erklärung des Politbüros.  In meinen Augen ein zu nichts verpflichtender Schachzug, um den aufgebrachten Lümmel Volk zu beruhigen. Die heutige Aktuelle Kamera bestätigte es: begeisterte Zustimmung unter dem Motto: Gemeinsam sagen wir unsere Meinung, gemeinsam verändern wir – und wehe, wer uns dabei stört!


15. Oktober
Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Vaclav Havel, der von seiner Regierung keine Ausreise bekam. Laudatio des französischen Philosophen André Glucksmann. Dankrede Havels, verlesen von dem Schauspieler  Maximilian Schell. Das Wort Sozialismus ist in der ČSSR (und nicht nur dort) zum Gummiknüppel geworden. Das Wort Frieden wurde von jenen jugendlichen Demonstranten gerettet, die dafür Gefängnis riskierten.
Seit Beginn der Herbstferien schwillt der Flüchtlingsstrom wieder an. Seit dem 11.9. haben fast fünfzigtausend DDR-Bürger die ungarische Grenze nach Österreich überschritten, alles junge Leute und Kinder.


19. Oktober
In der Nacht zum 18. Oktober schweres Erdbeben in San Francisco. Gestern ebensolches Erdbeben in Nordchina. Der Ätna revoltiert. Wenn wir doch nur durch solche Geschehnisse zur Demut fänden.
Auch hier Erdbeben, politisch. Am 17.10. Tagung des Politbüros, am 18. kurzfristig einberufene Versammlung des ZK der SED. Ergebnisse: Ablösung Erich Honeckers durch Egon Krenz. Absetzung von Günther Mittag (Wirtschaft) und Joachim Herrmann (Medien), beide Mitglieder des Politbüros. Mein erster Gedanke, als ich von Krenz hörte und in dieses geistlose Gesicht blickte: Jetzt wäre es an der Zeit, die Koffer zu packen.


20. Oktober
Zeitungen und Aktuelle Kamera quellen über vor „Offenheit“. Von Egon Krenz über die Bezirkssekretäre bis zum letzten Funktionär der Stadtleitung der SED rasen alle Amtsträger mit hängender Zunge und aufgesperrten Ohren in die Betriebe. Sie haben die Arbeiter mit ihren Nöten und Sorgen „entdeckt“! Die begegnen ihnen misstrauisch. Solange die SED beansprucht, alleinige Führerin und Vertreterin des Volkes zu sein, ist das Gerede von Dialog und Demokratie nichts weiter als der Versuch, das Machtmonopol der SED zu erhalten.
Gestern Abend Treff von zwölf Neues Forum-Leuten im Babelsberger Pfarrhaus. Es ging um die Demonstration für Gewaltlosigkeit und Menschenrechte am 4.11. in Potsdam.
Nie konnte ich besser studieren, wie wahrer Mut aus der Überwindung von Angst entsteht. Jeder bekennt sich zu seiner Angst, schon das macht ihn stark. Die Menschen wachsen über sich selbst hinaus. Das ist wohl das Bemerkenswerteste an diesen Oktobertagen.
In der Erlöserkirche Fotos von der Demonstration. Keiner der Fotografierten hat sein Gesicht versteckt.
Man muss über die Menschen schreiben, die weinend die Flucht der Hunderttausende in diesem Jahr mit ansahen und trotz Angst vor Polizeiknüppeln und Verhaftung auf die Straße gingen und riefen: „Wir bleiben hier!“ Die trotz beinahe hoffnungsloser Lage hier ausharrten, die alles wagten, um für alle zu verändern, und die nicht jene verurteilten, die hier keine Hoffnung mehr für sich sahen.

25. Oktober
Egon Krenz von der Volkskammer zum Vorsitzenden des Staatsrats und des Nationalen Verteidigungsrats „gewählt“. Am Tag zuvor und danach Massenproteste auf den Straßen gegen diese Ernennung. Forderung nach Bestrafung der Schuldigen in der Polizei an den Ausschreitungen gegen Demonstranten am 7./8. Oktober. Forderung nach Zulassung der oppositionellen Gruppen, nach freien Wahlen. In der Volkskammer 26 Gegenstimmen zur „Wahl“. Immerhin ein Novum. In der Presse viel heiße Luft und neue Schlagworte: „Der Sozialismus steht nicht zur Disposition“, „Dialog“, „das Rad der Geschichte nicht aufhalten“ (als ob sich das Rad der Geschichte von irgendjemandem aufhalten ließe!).


28. Oktober
Ein goldener Oktobertag wie schon seit über zwei Wochen. Jeder Tag erhält seinen Glanz durch das Bewusstsein, er könnte für dieses Jahr der unwiderruflich letzte von solcher Schönheit sein. Schon viele entlaubte Bäume, aber die Platanen, Pappeln und Gingkos leuchten noch in ihren Herbstfarben. Es riecht nach bitteren und verbrannten Blättern. Selbst die Baumstämme scheinen vergoldet. Die Transparenz wird zur Transzendenz – auch in den Gesichtern der Menschen. Die Spaziergänger wirken verträumt, verhalten in Sprache und Bewegung, gelöst trotz der angespannten Situation. Keiner hat Vertrauen zur Wende des Egon Krenz. Die Parteibürokratie hat abgewirtschaftet. „Dialog“ und „Wende“, in diesen Tagen Schlagworte, kamen zu spät. Wie sagte Gorbatschow am 6.10. zu den Berlinern: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Für diese Worte bedurfte es keiner Prophetengabe, auch wenn sie prophetisch klangen.

 

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