Disputa 1/2015

 

Bedeutender als die Bischöfe

Wie eine „Theologie der Frau“ aussehen kann

Eine Frau, Maria, sei bedeutender als die Bischöfe, schreibt Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ und wünscht sich eine vertiefte „Theologie der Frau“.
Aber es gibt sie schon, in Ansätzen nachzulesen auf den folgenden Seiten. Die Autorin, Professorin für die Exegese der Heiligen Schrift in Detroit in den Vereinigten Staaten, hat jüngst bei einer Tagung des Päpstlichen Laienrats mit Vertretern geistlicher Bewegungen in Rom zu diesem Thema gesprochen und ihren Beitrag dem VATICAN-magazin zur Verfügung gestellt.

 

Im Marianischen Stil: Der „Genius“ der Frau in der Evangelisierung

Wie das Weibliche in der Kirche deutlicher werden kann, geht schon aus dem Evangelium hervor

von Mary Healy

 

 

Wir leben in einer besonderen Zeit. Es handelt sich um eine Zeit rapider Säkularisierung, um eine Zeit großer Dunkelheit und Unsicherheit, aber auch um eine Zeit ermutigender Entwicklungen und wundervoller Überraschungen des Heiligen Geistes. Es ist gut, wenn man sich in dieser Zeit des Wandels an die Botschaft von Papst Paul VI. zum Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnert: „Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluss, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt. In einer Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, dass sie nicht in Verfall gerät.“
Eines der größten Resultate der Wiederentdeckung der charismatischen Dimension der Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil war es, dem Charisma der Frauen mehr Platz einzuräumen, um sich im Leben der Kirche zu offenbaren. Vor allem beim Entstehen kirchlicher Bewegungen und neuer Gemeinschaften seit dem Konzil haben Frauen eine herausragende Rolle gespielt. Wir denken an Chiara Lubich bei der Fokolar-Bewegung, Carmen Hernandez beim Neokatechumenalen Weg, Marthe Robin bei den „Foyers de Charité“ und Patti Mansfield bei der Katholischen Charismatischen Erneuerung. In früheren Jahren war da noch Dorothy Day bei der katholischen Arbeiterbewegung. Meine eigene Gemeinschaft, die „Mother of God Community“, wurde von zwei jungen, verheirateten Frauen gegründet. Heute sind viele Frauen in den Gemeinschaften in leitenden Positionen, und viele Frauen stehen bei der Evangelisierung an vorderster Front. Ich glaube, dieses Phänomen ist ein prophetisches Wort an die Kirche: ein Aufruf, die besondere und unverzichtbare Gabe zu erkennen und zu würdigen, die Frauen in die Mission der Kirche einbringen.
Der heilige Johannes Paul II. hat mehr über Frauen geschrieben als jeder andere Papst. Er prägte den Ausdruck vom „Genius“ der Frau, mit dem er die besondere Fähigkeit der Frauen meinte, den Primat der Person und der Liebe aufrecht zu erhalten (Mulieris dignitatem, 30; Brief an die Frauen, 12). Auch wenn eine Frau physisch nie ein Kind in sich trägt, ist ihrer Physiologie „Raum für den anderen“ eingeschrieben, eine angeborene Sensibilität für den Wert des Menschen. Deswegen, so sagte er, haben die Frauen einen unersetzlichen Beitrag für die Gesellschaft und die Kirche zu leisten.
Der Beitrag der Frauen ist heute um so wesentlicher, da Johannes Paul II. und seine Nachfolger die ganze Kirche eindringlich dazu aufrufen, sich für eine neue Evangelisierung einzusetzen.
Papst Franziskus schreibt in „Evangelii gaudium“: „Die Kirche erkennt den unentbehrlichen Beitrag an, den die Frau in der Gesellschaft leistet, mit einem Feingefühl, einer Intuition und gewissen charakteristischen Fähigkeiten, die gewöhnlich typischer für die Frauen sind als für die Männer. (...) Ich sehe mit Freude, wie viele Frauen pastorale Verantwortungen gemeinsam mit den Priestern ausüben, ihren Beitrag zur Begleitung von Einzelnen, von Familien oder Gruppen leisten und neue Anstöße zur theologischen Reflexion geben. Doch müssen die Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden. Denn ,das weibliche Talent ist unentbehrlich in allen Ausdrucksformen des Gesellschaftslebens; aus diesem Grund muss die Gegenwart der Frauen auch im Bereich der Arbeit garantiert werden‘ und an den verschiedenen Stellen, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen werden, in der Kirche ebenso wie in den sozialen Strukturen.“ (103)
Worin besteht der einzigartige Beitrag der Frauen im Hinblick auf die Evangelisierung? Ich möchte über drei Abschnitte aus der Bibel reflektieren, die meiner Meinung nach helfen können, das aufzuzeigen.


Der Besuch bei Elisabet

Wo im Neuen Testament finden wir die erste christliche Mission, wann machen sich die ersten auf den Weg, um die Frohe Botschaft Christi zu verkünden? Ist es die Verkündigung der Apostel, nachdem sie an Pfingsten mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden? Nein. Ist es der Moment, in dem Jesus während seines öffentlichen Wirkens die Zwölf aussendet oder später die Siebzig? Nein. Es handelt sich auch nicht um Jesu erste Predigt über das Königreich Gottes nach seiner Taufe im Jordan.
Nein, die allererste christliche Mission ist Marias Besuch bei Elisabet unmittelbar nach der Verkündigung, um die frohe  Botschaft über den Messias und Sohn Gottes kundzutun, der in ihr Fleisch geworden ist. Dieser Besuch ist paradigmatisch für die Evangelisierung: Maria, die die Kirche personifiziert, macht sich auf, um Christus zu bezeugen, der durch sie in der Welt gegenwärtig geworden ist. Wenn wir genau betrachten, wie Lukas uns die Verkündigung und den Besuch erzählt, sehen wir, dass er diese Ereignisse zu Beginn des Evangeliums wie eine Vorschau auf das Pfingstereignis zu Beginn der Apostelgeschichte schildert – eine Art Proto-Pfingstereignis.
Der Engel Gabriel verkündet Maria: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,35)
Das ist eine klare Parallele zu den Worten, die Jesus zu Beginn der Apostelgeschichte an die Apostel richtet: „Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein.“ (Apg 1,8)
Das Muster für die Mission der Kirche erblickt durch Maria das Licht der Welt: wie der Heilige Geist Christus in ihr Fleisch annehmen lässt und Christus durch sie in die Welt bringt, so macht der Heilige Geist Christus auch in den Jüngern gegenwärtig, die Ihn durch ihre Verkündigung des Evangeliums in die Welt bringen werden. Die ganze Kirche ist marianisch, und die Evangelisierung ist im Kern marianisch. Maria antwortet dem Engel: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (Lk 1,38) Wir sind mit der lateinischen Übersetzung ihrer Antwort vertraut: „fiat“. Doch es gibt eine Nuance im Griechischen, die uns vielleicht nicht geläufig ist. Der griechische Begriff, der mit „fiat“ übersetzt wird, lautet „genoito“. Hier handelt es sich um ein Verb im Optativ (einem grammatischen Modus, den es im Lateinischen nicht gibt), und es bedeutet nicht „lass es so geschehen“, sondern „möge es so geschehen“. Es bezeichnet also nicht nur Annahme oder Ergebung, sondern ein freudiges, begeistertes Ja – in diesem Fall bedeutet es, dass Maria Gottes Willen mit ihrem ganzen Sein annimmt. Ihre Antwort bringt wirklich die Freude des Evangeliums zum Ausdruck, evangelii gaudium.
Dann sehen wir, wie Maria unmittelbar darauf reagiert, dass sie vom Heiligen Geist überschattet wird: Christus ist in ihr, und sie kann ihn nicht für sich behalten. Sie muss ihn teilen! Eilig geht sie zu ihrer Cousine Elisabet, um die frohe Botschaft zu verbreiten. So wie es an Pfingsten geschehen wird: Der unmittelbare Effekt des Erfülltseins mit dem Heiligen Geist ist die Evangelisierung.
Als Elisabet Marias Gruß hört – und wir sollten beachten, dass Maria das Evangelium noch nicht mit Worten gepredigt hat, sie hat weder eine Katechese gehalten, noch die Lehre auf eloquente Weise dargestellt, es handelte sich nur um den Gruß aus einem Herzen, das vom Heiligen Geist überströmte – da springt der Geist von Maria zu Elisabet und dem Kind in ihrem Leib über, und nun sind auch sie mit dem Heiligen Geist und messianischer Freude erfüllt. Der Heilige Geist ist ansteckend!
Dann wird ein zweiter unmittelbarer Effekt des Heiligen Geistes dargestellt (auch hier wieder genau so, wie es an Pfingsten geschehen wird): überströmender Lobpreis. Elisabet preist Maria, die mit dem Geist erfüllte Frau: „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“
Dann preist Maria Gott im Magnifikat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn...“.
Tatsächlich sind hier alle geistlichen Gaben offenkundig sichtbar, die Lukas in den vom Geist erfüllten Aposteln in der Apostelgeschichte darstellt und über die Paulus in 1 Korinther 12 schreibt:
Worte der Weisheit und der Erkenntnis: Maria weiß, dass Elisabet schwanger ist, bevor sie ihr begegnet (Lk 1,36), so wie Elisabet in gewisser Weise weiß, dass Maria „die Mutter meines Herrn“ (Lk 1,43) ist; beide sprechen von Weisheit erfüllt über Gottes Erlösungsplan (1,42-45. 48-55).
Glaube: Maria glaubt die Worte, die der Herr ihr sagen ließ (1,45).
Heilung: Elisabet wird von ihrer Unfruchtbarkeit geheilt (1,36)
Wunder: Das größte aller Wunder (bis zur Auferstehung) geschieht: Das Wort wird Fleisch (1,35).
Prophetisches Reden: Maria redet prophetisch im Magnifikat (1,46-55); später Zacharias im Benedictus (1,67); auch Simeon (2,34-35) und Hanna (2,38).
Unterscheidung der Geister: Maria erkennt, dass Gabriel ein Engel Gottes ist, und weiß, dass es der Heilige Geist ist, von dem sie überschattet wurde.
Interpretierung der Sprache: Johannes, ein Kind im Mutterleib, das keine Sprache kennt, erkennt Marias Stimme und interpretiert ihre Bedeutung, indem er in Elisabets Leib hüpft (1,41).
Sprachen: Gleich in der nächsten Szene, der Geburt Johannes des Täufers, kann Zacharias „Mund und Zunge wieder gebrauchen“, um den Herrn zu preisen (1,64).

Was lernen wir aus diesen Szenen, die Lukas so wunderbar beschreibt? Wir lernen, dass es bei der Evangelisierung, bevor es um Worte oder sogar um Akte liebenden Dienens geht, um „das Wort selbst“ geht, das durch den Heiligen Geist in uns gegenwärtig ist. Wie Paulus schreibt: „Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes“ (1 Kor 2,4-5).
Bei der Evangelisierung geht es nicht in erster Linie um Pläne und Projekte, sondern darum, mit dem Heiligen Geist erfüllt zu sein, von ihm befruchtet zu sein, und diesem göttlichen Leben in uns zu erlauben, sowohl in Worten als auch in Taten aus uns herauszubrechen. Daraus folgt, dass es keine neue Evangelisierung ohne ein neues Pfingsten geben kann. Der kirchliche Evangelisierungsauftrag kann nur fruchtbar werden, wenn wir immer wieder mit Maria in das Obergemach gehen, um neu mit dem Geist erfüllt zu werden, der Christus in uns gegenwärtig und wahrnehmbar macht. Das ist das grundlegende Prinzip, das Maria uns beibringt.


Die Frau am Brunnen

Eine zweite wichtige Geschichte über die Evangelisierung, die wir im Evangelium finden, ist Jesu Begegnung mit der samaritischen Frau am Brunnen in Johannes 4. Diese Geschichte zeigt sowohl, wie Jesus selbst evangelisiert, als auch, wie er einen Evangelisten macht.
Wie Leser wissen, die mit dem Alten Testament vertraut sind, ist es mehr als eine normale Begegnung, wenn ein Mann eine Frau am Brunnen trifft: Es bedeutet „der Bräutigam trifft die Braut“. Dieses Thema findet sich in den Geschichten von Isaak und Rebecca (Gen 24), Jakob und Rahel (Gen 29), Mose und Zippora (Ex 2). Wir sind also darauf vorbereitet, das Treffen Jesu mit der samaritischen Frau als eine göttlich bestimmte Begegnung, eine Begegnung der Liebe zu erkennen.
Die Frau kommt mittags, um Wasser zu schöpfen, zur heißesten Zeit des Tages, nicht zur normalen Zeit, wenn die Frauen zum Wasserschöpfen kamen. Warum? Wie wir später herausfinden, ist sie eine Frau von fragwürdigem Ruf. Vielleicht hat sie die Erfahrung gemacht, dass sie von ihren Nachbarn schikaniert und ausgeschlossen wird, vielleicht fühlte sie sich zurückgewiesen und schämte sich. Sie ist eine Ausgestoßene, eine Außenseiterin, die zu den Ausgestoßenen gehört. Wie viele Menschen, zu denen der Herr uns schickt, erfahren ebenfalls dieses tiefe Gefühl der Isolation, der Entfremdung gegenüber den anderen? Jean Vanier, der Gründer der „Arche“, sagt, die Behinderten hätten ihm beigebracht, dass nicht nur sie, sondern wir alle auf vielfache Weise verletzt sind.
Es ist eindrucksvoll zu sehen, wie Jesus zu dieser einsamen, verletzten Person spricht. Er nähert sich ihr nicht „von oben“, um zurechtzuweisen, zu moralisieren, zu urteilen oder zu bemitleiden; er nähert sich vielmehr „von unten“, wie ein Bittsteller: „Gib mir zu trinken.“ Er begegnet ihrem Durst mit seinem göttlichen Durst.
Sie ist erschrocken über seine Initiative: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ Da Jesus kein Gefäß und keine Möglichkeit hat, selbst Wasser zu schöpfen, können wir aus ihrer Reaktion schließen, dass ein typischer Jude eher verdursten würde als ein einziges Wort zu einer samaritischen Frau zu sagen.
Jesus antwortet ihr: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ (4,10) Wir können die Sehnsucht in seinem Herzen spüren: Wenn du nur wüsstest, wie gut, wie vollkommen erfüllend, wie unerschöpflich das Geschenk ist, das ich für dich habe! Er fährt fort: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (4,13-14)
Was ist das für ein Wasser, das Christus uns schenken will? Später sagt Johannes uns deutlich: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben“ (7,37-39). Das lebendige Wasser ist der Geist, die Liebe Gottes, die auf merkliche, erfahrbare Weise in unsere Herzen gegossen wird. Wie Paulus erklärt: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Röm 5,5)
Die Frau ist langsam interessiert und fühlt sich von Jesus angezogen. Sie bittet: „Herr (Kyrie), gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.“ Sie versteht immer noch nicht; ihr einziges Ziel ist, nicht mehr zum Brunnen kommen und dabei Gefahr laufen zu müssen, anderen Menschen zu begegnen. Doch der Herr sagt: „Bittet, dann wird euch gegeben.“ (Mt 7,7)
Doch nun gibt er eine unerwartete Antwort: „Geh, ruf deinen Mann“. Warum diese scheinbare Abschweifung? Was hat ihr Mann damit zu tun? Als der göttliche Arzt findet Jesus genau die Stelle, an der sie verwundet ist.
Sie antwortet ausweichend: „Ich habe keinen Mann.“
„Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Mit diesem einfachen Wort deckt Jesus ihr ganzes Leben auf: ihre Gebrochenheit, ihre Sünde, ihr vergebliches Suchen nach Sicherheit und Trost in den Armen eines Mannes nach dem anderen. Er legt die Dunkelheit ihres Herzens bloß, so dass er es heilen kann. Sie ist tief getroffen, doch sie spürt, dass er sie in keiner Weise verurteilen will. Sie schaut in seine Augen und sieht nur Liebe und Vergebung – eine Liebe, die ganz anders ist als das, was sie von anderen Männern kennt.
Am Höhepunkt des Gesprächs ist ihr Herz tief ergriffen, und sie beginnt sich zu fragen, wer da vor ihr steht: Kann das der Messias sein? Sie sagt: „Ich weiß, dass der Messias kommt... Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.“ (4,25)
Er antwortet: „Ich bin es, ich, der mit dir spricht.“ (4,26) Auf Griechisch steht dort wörtlich: „Ich bin, der mit dir spricht“: Das ist der göttliche Name, der Mose am brennenden Dornbusch offenbart wird. Jesus ist Gott, der Herr, der wahre Bräutigam, der sie zurück zu sich lockt! Das ist eine erstaunliche Selbstoffenbarung.
Jesus hat sich niemand anderem im Evangelium so deutlich offenbart. Selbst seine Jünger haben noch keine genaue Kenntnis über seine göttliche Identität. Warum also gerade sie, eine Frau, die in den Augen der Gesellschaft ein Niemand ist – ein Mensch, der es am wenigsten zu verdienen scheint? Weil alles, was Er braucht, ein Herz ist, das durstig und offen für ihn ist.
Die Frau lässt ihren Wasserkrug stehen, weil sie jetzt von dem lebendigen Wasser getrunken hat. Sie eilt voller Freude in den Ort zurück und verkündet allen Leuten die frohe Botschaft. Sie ist ein Evangelist geworden! In der Tat ist sie im Evangelium des Johannes die erste, die das Evangelium öffentlich verkündet (wenngleich Andreas und Philippus es bereits im Privaten getan haben: 1,40-42.45). Ihre Botschaft klingt nicht gebildet, geschliffen. Tatsächlich ist es eher eine Frage: „Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias?“ Doch das ist alles, wessen es bedarf. Die Bewohner des Orts brauchen nur ihre veränderte Miene sehen, die Freude, die von ihr ausstrahlt. Diese Frau, die sich zu sehr geschämt hatte, zum Brunnen zu gehen, wenn sie andere dort hätte treffen können, ist geheilt und befreit worden.
Die ganze Stadt kommt durch ihr Wort zum Glauben an Gott. „Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.“ (4,39) Sie ist nicht länger eine Ausgestoßene. Die Freude der Gemeinschaft mit Gott und mit ihrem Volk ist wieder hergestellt.
Diese Geschichte zeigt, wie Jesus einen Evangelisten formt. Es ist ganz einfach: Es gibt eine persönliche Begegnung mit Ihm; er heilt, vergibt und verwandelt eine Person auf radikale Weise; dann geht sie hin und erzählt anderen, was er für sie getan hat. Wie oft sind wir versucht, die Dinge zu verkomplizieren.
Zum „Genius“ der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften gehört es, dass sie zu den Menschen gehen, vor allem zu den Menschen, die am Rande leben, und sie zu dieser lebensverwandelnden Begegnung mit Jesus führen. Insbesondere die Frauen sind aufgerufen, der Kirche immer wieder die Einfachheit dieser Begegnung in Erinnerung zu rufen, die gleichzeitig die große Herausforderung der Evangelisierung ist. Jede Begegnung findet mit einer Person statt, die absolut einzig ist und der man sich mit großem Feingefühl und Respekt für ihre Individualität nähern muss. Wenngleich Programme oftmals hilfreich sein können, kann die Evangelisierung niemals auf eine Frage von Programmen und Mitarbeiterzahlen, auf Schablonen reduziert werden.


Die Frau mit dem Alabastergefäß

Eine dritte Episode im Evangelium, die den „Genius“ der Frau bei der Evangelisierung verdeutlicht, ist die Geschichte der Frau mit dem Alabastergefäß. In Markus’ Wiedergabe dieser Erzählung (14,3-9) ist Jesus mit seinen Jüngern zu einem Abendessen eingeladen. Eine Frau, die nicht eingeladen ist, kommt mit einem Alabastergefäß reinen Nardenöls. Nardenöl ist unglaublich teuer: es ist so viel wert wie ein Jahreslohn – in unserer Währung vielleicht zwanzig- oder fünfundzwanzigtausend Euro. Möglicherweise ist es ihre Mitgift. Ohne sich um Schicklichkeit oder Kosten zu kümmern, zerbricht sie das Gefäß und gießt das Öl über Jesu Haupt. Sie macht nicht den Versuch, auch nur einen einzigen Tropfen für sich zu behalten.
Was bedeutet diese Geste? Auf der einen Ebene war es eine Geste der Gastfreundschaft und der Auszeichnung, die in jener Kultur üblich war. Die Frau muss Jesus zuvor begegnet sein. Vielleicht hatte sie Heilung oder die Vergebung ihrer Sünden durch ihn erfahren und wollte dafür ihre Liebe zum Ausdruck bringen. Es war ihre Art und Weise, verschwenderische Liebe zu zeigen, Jesus das Kostbarste zu schenken, das sie besaß.
Doch auf einer tieferen Ebene bedeutete das Salben mit kostbarem, duftendem Öl in der jüdischen Tradition, jemanden zum König zu krönen (1 Sam 16,13) oder zum Priester zu weihen (Ex 29,7). Der wunderbare Duft, den das Öl zurückließ, war wie eine unsichtbare Krone und verlieh eine Aura der Heiligkeit, die bedeutete, dass der König auf besondere Weise zu Gott gehörte. „Messias“ bedeutet ja „der Gesalbte“. Dies ist das einzige Mal im Evangelium, dass Jesus tatsächlich gesalbt wird, und es passiert nur wenige Tage, bevor er seinen messianischen Auftrag erfüllt. Tatsächlich ist es wahrscheinlich, dass der Duft dieser Salbung – der Geruch des Königtums – ihn während der letzten Tage seines Lebens begleitete. Während er vor Gericht stand, verhöhnt wurde, gegeißelt wurde, man ihm die Kleider abnahm und ihn ans Kreuz schlug, hatte er den Geruch eines Königs.
Die Frau mag sich der Bedeutung ihrer Tat nur vage bewusst gewesen sein, doch Jesus hat sie erkannt. Die Jünger beklagten sich: „Wozu diese Verschwendung? Man hätte das Öl um mehr als dreihundert Denare verkaufen und das Geld den Armen geben können“. Nach menschlicher Betrachtung scheint das eine vernünftige Reaktion zu sein. Jesus hatte – wie das Alte Testament – gelehrt, dass es wichtig ist, den Armen Almosen zu geben. Doch „Verschwendung“ bedeutet, sinnlos zu geben, mehr, als angemessen ist. Kann irgendetwas, das Jesus gegeben wird, Verschwendung sein?
Welchen Eindruck hat ihre Geste auf Jesus selbst gemacht? Er war tief bewegt und sagte: „Hört auf! Warum lasst ihr sie nicht in Ruhe? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, so oft ihr wollt; mich aber habt ihr nicht immer. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt.“ (Mk 14,6-8)
Die Apostel befürworteten Programme für ein soziales Handeln mit messbaren Ergebnissen. Doch diese Frau hat mit ihrem „Genius“ den absoluten Vorrang der Liebe für die Person Jesus selbst erkannt. Ihre Geste ist ein prophetisches Wort für die Kirche: vor allem anderen was wir tun, dienen wir zunächst Ihm. Jedes soziale Handeln, alles, was wir für die Armen tun, ist zweitrangig – tatsächlich ist unser Dienst für die anderen nur in dem Maße fruchtbar, indem wir zunächst und vor allem Ihm dienen.
„Sie hat getan, was sie konnte“ – das heißt, sie hat nichts zurückgehalten, wie die Witwe, die ihre letzten beiden Münzen dem Tempel gab. Die Apostel waren moderat, ausgewogen und gemessen in ihrer Reaktion auf Jesus. Doch sie war verschwenderisch: Sie goss das Kostbarste über ihn, was sie hatte, ohne auf die Kosten zu achten. Sie verkündete, Jesus verdiene alles, verdiene, dass ihr ganzes Leben ausgegossen würde.
Tatsächlich sagte sie mit dieser Geste auf implizite Weise Ja zu seinem Leiden, während die Apostel die Vorstellung vom Kreuz zurückgewiesen hatten. Als Jesus zum ersten Mal erklärte, dass sein Auftrag darin bestehe, zu leiden und zu sterben, hatte Petrus ihm Vorwürfe gemacht. Jesus tat soviel Gutes, indem er lehrte, heilte, Wunder wirkte und die Menschen um sich versammelte. Die Vorstellung eines leidenden Messias ergab keinen Sinn (vgl. 1 Kor 1,19); es schien eine solche „Verschwendung“. Das ist ein Moment, der das Unverständnis der Jünger thematisiert, aufgrund dessen Jesus so häufig den Schmerz erfuhr, missverstanden zu werden. Diese Frau aber hat irgendwie verstanden.
„Sie hat im voraus meinen Leib für das Begräbnis gesalbt“: Was sie tat, war Prophezeiung in einer Geste, die andeutete, was er selbst tun würde. Sie zerbrach ihren größten Schatz und goss ihn über Ihm aus, so wie Er sein Leben zerbrechen und für die ganze Menschheit vergießen würde. Jesus ist Gottes Alabastergefäß, das für uns am Kreuz zerbrochen wurde und nun die Welt mit seinem Duft füllt!
In der Tat ist die nächste Episode im Evangelium eine weitere Szene der Tischgemeinschaft, das letzte Abendmahl, bei dem eine weitere rituelle Geste das Paschamysterium Jesu vorwegnimmt (Mk 14,17-25). Markus setzt die Szenen absichtlich nebeneinander, so dass sie einander kommentieren. In beiden findet sich ein Verweis auf den Leib Jesu, eine Erwähnung der Erinnerung und eine feierliche Verkündigung: „Amen, ich sage euch...“.
In diesem Fall sagt er: „Amen, ich sage euch: Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat“ (Mk 14,9) Es ist ein feierliches Versprechen: Ihre Geste wird immer als ein wesentlicher Teil der frohen Botschaft in Erinnerung bleiben und beispielhaft die vollkommene Antwort auf Jesu Hingabe seines Lebens am Kreuz darstellen. Ihre Geste der Liebe ist eine Verkündigung des Evangeliums! Sie wird viele andere dazu bringen, das zu tun, was sie getan hat – sich für Jesus zu „verschwenden“, ohne auf die Kosten zu achten.
Diese Frau zeigt die den Frauen innewohnende Gabe, andere mit dem Herzen zu sehen, sich in sie einzufühlen, zu erklären, was wirklich wertvoll ist. Frauen haben ein tiefes Verständnis für die Logik des Evangeliums, die von menschlichen Berechnungen so sehr abweicht. Das ist die große Gabe, die die Frauen heute in die Evangelisierung einzubringen aufgerufen sind.


Schluss

Wie ich mit einer Szene aus dem Evangelium angefangen habe, so möchte ich auch mit einer Szene aus dem Evangelium schließen. Hier finden wir eine tiefe Ironie: Dem jüdischen Gesetz nach waren Frauen als Zeuginnen ausgeschlossen, weil sie als unzuverlässig galten. Doch am leeren Grab sind nur Frauen. Sie sind die ersten Zeuginnen für die Auferstehung Christi, den krönenden Moment Seines Sieges über die Sünde und den Tod.
Jesus stürzt das Gesetz um! Tatsächlich stellt er Frauen an die vorderste Front der kirchlichen Mission; er macht eine Frau zur „Apostelin der Apostel“. Er sagt zu Maria von Magdala: „Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ (Joh 20,17)
Die Welt hat es heute dringender denn je nötig, dass die Frauen ihre besondere Mission erfüllen – dass sie an vorderster Front der neuen Evangelisierung stehen, sich selbst ohne Rücksicht auf die Kosten vergießen, den Wert der anderen bekräftigen und alle Menschen zu ihrer tiefsten Liebesbestimmung berufen.

Übersetzung aus dem Englischen von Claudia Reimüller


 

 

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