Disputa 8-9/2016

 

Finis. Das Ende

Tief im Inneren des Menschheits-Wissens steckt die Ahnung, dass die Geschichte nicht in einem paradiesischen Zustand endet, sondern mit einer Katastrophe: mit dem Untergang, mit einer Apokalypse, die den Lauf der Welt, so wie wir sie kennen, unwiederbringlich beschließt. Das Neue Testament widmet dem großen Finale ein ganzes Buch: die Apokalypse des heiligen Johannes. Das Ende der Menschheit ist mit einem Gericht verbunden. Jeder erhält das Seine. Den Weissagungen des Malachias zufolge, als deren Autor der heilige Philipp Neri gilt, ist dieses Ende bereits in Sicht. Papst Franziskus – den Deutungen zufolge „Petrus romanus“, Petrus, der Römer – ist der letzte Nachfolger des Apostel Petrus. Dann kommt nur noch finis, das Ende mit dem großen Gericht. Ist Gott also ein Strafender? So fragt unser Autor. Und sind die vielen Tragödien, die in der Welt von heute immer häufiger werden, als Folge des göttlichen Zorns zu verstehen? Wer die Geschichte der Menschheit als Heilsgeschichte versteht, entdeckt im Neuen Testament allerdings eine andere Botschaft.

 

Gibt es einen „strafenden Gott“?

Der Kreuzestod Jesu als letzte Antwort in der Erwartung des großen Sieges des Lammes am Ende aller Zeiten

von Markus Büning

 

Die Unwetterkatastrophen, wie jüngst im Juni 2016 geschehen, lassen immer wieder die Frage aufkommen, ob solche Katastrophen eine Strafe Gottes für unser dekadentes Leben sein können. Ganz schnell sind Theologen unserer Tage dabei, diesen Zusammenhang in Gänze zu leugnen. Nein, es könne doch nicht sein, dass Gott unschuldige Menschen mit bestrafen würde. Nein, wir glauben doch an einen Gott der Liebe. Ganz auf dieser Linie liegt zum Beispiel der Essener Weihbischof Franz Vorrath bei einer Ansprache zum „Welttag der Kranken“ in Duisburg im Jahr 2009: Naturkatastrophen wie der Hurrikan Katrina oder den Tsunami in Südostasien als eine „Strafe Gottes für ein sündhaftes Leben“ anzusehen, seien mit aller Entschiedenheit zurückzuweisen: „Solche Aussagen widersprechen der biblischen Botschaft und dem christlichen Gottesbild ebenso wie die Vorstellung, schwere Krankheiten seien Gottes Strafe für menschliche Schuld“. Der Gott der Bibel habe kein Doppelgesicht. Vielmehr sei er ein Gott, „der das Heil der Menschen will, ein Gott der Liebe“. Kranke und leidende Menschen seien nicht von Gott bestraft oder verstoßen.
In Gegenwart von Papst Benedikt XVI. hob auch der päpstliche Hofprediger Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa in seiner Karfreitagspredigt 2011 mit Blick auf eine in Japan geschehene Erdbebenkatastrophe hervor, dass eine Sichtweise, die Naturkatastrophen als Strafe Gottes ansieht, „eine Beleidigung Gottes und der Menschen“ sei. Unglücke mahnten aber auch dazu, „dass wir uns nicht der Illusion hingeben sollten, dass Wissenschaft und Technik ausreichten, uns zu retten“.


Oft auch ideologisches Lagerdenken

Nur noch solche Theologen, die nicht mitschwimmen auf dieser Welle einer „nie anstößigen Theologie“, wagen es noch, hier durchaus einen Kausalzusammenhang von Sünde und Strafe anzunehmen. Ein exponiertes Beispiel hierfür ist die Bewertung der Hurrikankatastrophe „Katrina“ in New Orleans im Jahr 2005, die der österreichische Pfarrer Gerhard Maria Wagner vorgenommen hat: „Der Hurrikan Katrina hat am 7. Juli 2005 in New Orleans nicht nur alle Nachtclubs und Bordelle vernichtet, sondern auch alle fünf (!) Abtreibungskliniken (bei nur 485.000 Einwohnern). Wussten Sie, dass zwei Tage danach die Homo-Verbände im französischen Viertel eine Parade von 125.000 Homosexuellen geplant hatten? Das 34. Jubiläum unter dem Namen ‚Südliche Dekadenz‘ war lange vorbereitet, und Kommentatoren schrieben, dass in diesen Tagen New Orleans die Tore der Stadt weit öffnen sollte, um die Sünde zu zelebrieren. Christen, die dagegen protestierten, sollen laut Presseberichten im Vorjahr ins Gefängnis gesperrt worden sein. Der Bürgermeister von New Orleans, Ray Nagin, hat für das Fest mit den Worten geworben: ‚Da gibt es keinen Platz auf der Erde wie diesen!‘ Deutlich sprach er von einer ‚großartigen Veranstaltung‘. Wie erst so langsam bekannt wird, sind die amoralischen Zustände in dieser Stadt unbeschreiblich. Nicht irgendeine Stadt ist hier versunken, sondern eine Traumstadt des Volkes mit den ‚besten Bordellen und den schönsten Huren‘. Ist die auffallende Häufung von Naturkatastrophen nur eine Folge der Umweltverschmutzung durch den Menschen, oder mehr noch die Folge einer ‚geistigen Umweltverschmutzung‘? Darüber werden wir in Zukunft verstärkt nachdenken müssen.“ Es folgte ein medialer Sturm der Entrüstung auf diese Äußerungen. Ganz ähnlich deutete im Jahr 2010 Weihbischof Andreas Laun an, dass die Katastrophe bei der Love-Parade in Duisburg auch in einem Zusammenhang stehen könnte mit dem sexuell ausschweifenden Leben der Paradeteilnehmer. Auch hier wieder ein klarer Sturm medialer Empörung!
Diese kurze Skizze diametral entgegengesetzter Meinungen kirchlicher Amtsträger zeigt überdeutlich an, dass es an einer klaren Orientierung kirchlicher Verkündigung gerade in den Fragen mangelt, die den Menschen unserer Tage besonders am Herzen liegen. Auch der Weltkatechismus gibt keinerlei Antwort auf diese für viele Menschen so brennende Frage. Beide zuvor skizzierten Meinungen greifen zu kurz, da sie zum einen nicht zu Genüge in die Tiefe gehen. Zum anderen neigen beide Thesen dazu, je nach ideologischer Prägung – liberal oder konservativ – eine Antwort zu geben, die dem jeweiligen Lagerdenken entspricht. Besonders verwerflich erscheint mir der Versuch, ausschließlich (!) die Abirrungen von Menschen auf dem Gebiet der Sexualität in den unmittelbaren Zusammenhang von Sünde und Strafe zu stellen. Wie viele von Menschen durch Krieg und Umweltsünden hervorgerufene Katastrophen gibt es schließlich auch? Hier scheint wieder mal die ungute Fixierung auf das sechste Gebot die Triebfeder der Verkündigung zu sein. Zudem sollten wir hier mit unserem Urteil sehr vorsichtig sein und den Balken in unserem eigenen Auge in den Blick nehmen. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an die einfachen Urteile, die manch ein Christenmensch im Zusammenhang mit der Ausbreitung von Aids in den achtziger Jahren von sich gab: „Das ist die gerechte Strafe für die Homos!“ und so weiter. Wie viele unschuldige Kinder werden mit diesem schrecklichen Virus geboren? Wie kann man hier nur mit einer solchen Leichtfertigkeit von einem simplen Tun-Ergehen-Zusammenhang sprechen. So einfach sind die Dinge eben nicht!


Katastrophen: Mahnung zur Umkehr

Und: Auch der Mensch, der sich durch schuldhafte Verstrickung diesen Virus „eingefangen hat“, verdient unsere Liebe und Aufmerksamkeit. Zudem kann sich auch dieser Mensch bekehren! Unser Herr selbst lehnt im Evangelium den einfachen Tun-Ergehens-Zusammenhang von Sünde und unmittelbar darauf folgender Strafe ab und mahnt uns zu ständiger Bekehrung: „Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, so dass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte. Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ (Lk 13,1-3) Das Unglück der anderen kann uns eben nicht dahingehend beruhigen, dass uns demgegenüber solches nicht passieren kann. Hier gibt es keinerlei Grund zur Selbstsicherheit und Selbstgerechtigkeit. Erst recht dürfen solche Unglücksfälle uns nicht Anlass geben, uns in pharisäischer Mentalität über die von Unglücksfällen betroffenen Menschen zu erheben. Jesus schärft uns ein, dass solche Unglücksfälle von einem jeden von uns – ohne Ausnahme – als Aufruf zur eigenen Umkehr, zur Bekehrung aufgefasst werden müssen. Wenn wir uns nicht bekehren, dann trifft uns für unsere Sünde auch die ewige Strafe. Jesus holt an dieser Stelle des Evangeliums nochmals aus und warnt auch die Jerusalemer vor dem möglichen Unglück, falls die Bekehrung ausbleibt: „Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turmes von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.“ (Lk 13,4-5) Wir alle sind in der Gefahr, auf ewig verloren zu gehen! Das ist ein Teil der Botschaft Jesu, der heute oft unterschlagen wird. Wir können nur in das Himmelreich gelangen, wenn wir bereit sind, uns zu bekehren. Und: Wir sollen uns davor hüten, in pharisäischer Selbstsicherheit in den Schicksalsschlägen anderer Menschen ein Zeichen der Strafe zu erblicken. Dafür gibt es nach der klaren Predigt des Heilands keinen Anlass. Nein, wir alle sind aufgerufen zur Umkehr! Alle Katastrophen und Schicksalsschläge der Welt sollen wir als Mahnung zur Umkehr auffassen. Das ist hier die Logik des Evangeliums. Ganz auf dieser Linie liegt etwa auch die Botschaft von Fatima. Auch hier wurde uns die dringliche Mahnung zur Umkehr vom Himmel mitgeteilt.
Allerdings ist der Standpunkt, der die Möglichkeit des strafenden Gottes generell verneint, angesichts des klaren biblischen Zeugnisses, insbesondere des Alten Testamentes, überhaupt nicht ernst zu nehmen. Es sei denn, man spricht dem Alten Testament jedwede Offenbarungsqualität ab und interpretiert die Aussagen über den strafenden Gott als anthropomorphe Gottesrede altorientalischer Stämme. Zudem verkennt dieser Standpunkt völlig, dass Gott der Barmherzige immer auch ein gerechter Gott ist. Zudem spricht im Psalm 10,4 der Frevler so: „Gott straft nicht!“ Dies ist wiederum eine Mahnung an all diejenigen, die von der Strafe Gottes nicht mehr reden wollen.
Letztlich verkennen beide Ansichten im Kern den tiefen Sinn des Erlösertodes am Kreuz. Davon noch später. Um dieser Frage wirklich auf den Grund zu gehen, müssen wir zunächst an den Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen gehen: Gott, der in sich Liebe ist, wollte über die in sich liebende Communio hinausgehen und schuf aus reiner Liebe andere Wesen, die ihm gegenüberstehen, damit er, seinem Wesen entsprechend, auch diese lieben kann. In dieser Liebesbewegung ist die ganze Schöpfung entstanden und darum war am Anfang, zu Beginn, alles gut, wirklich sehr gut (vgl. Gen 1,31). Dieser paradiesische Zustand der Schöpfung wurde zerstört durch die Ursünde, die Sünde unserer Stammeltern. Die Ursünde zog den Fluch (!) Gottes auf sich (vgl. Gen 1,14 ff.). Ab diesem Zeitpunkt kommt jeder Mensch, um mit dem heiligen Robert Bellarmin zu sprechen, als „Feind Gottes“ auf die Welt. Dies ist eine Folge dieser Ursünde: die Erbsünde. Durch den Sündenfall kamen der Tod, die Krankheit und (!) der große Defekt der Naturgewalten in die Welt. Die Sünde bleibt nicht ohne Folgen! Das ist die klare Botschaft der Bibel und der ihr folgenden kirchlichen Tradition. Daran führt kein Weg vorbei.
Die Sünde erzürnt Gott! Die Sünde zieht den Zorn Gottes nach sich. Gott, der ganz Reine und Gute will die Sünde nicht im Ansatz, weil sie zutiefst seinem Wesen widerspricht. Und hier steht nun die zweite große Episode unseres Dramas auf dem Plan, die Geschichte von der Sintflut: „Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war. Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh. Der Herr sprach: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben. Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn.“ (Gen 6,5 ff.)


Zurück zur Balance des Anfangs

Wir kennen alle den Fortgang der Geschichte: Noach baut die Arche und birgt in ihr den Restbestand der Schöpfung, die nach der großen Flutkatastrophe den Neuanfang wagen darf. Und: Auch dieser Neuanfang misslang! Die Nachkommen der Überlebenden fielen wieder in den Strudel der Sünde und konnten von ihr nicht lassen. Und so ist es bis in unsere Tage. Wir können, weil wir schwache Menschen sind, die von Beginn ihrer Existenz der bösen Begierde unterworfen sind, von der Sünde nicht lassen.
Und wie reagiert nun Gott? Er versucht es immer wieder, auch mit Strafen, die Menschen zu Umkehr zu bewegen. Genannt seien nur folgende Strafaktionen: die Sprachverwirrung als Folge des Turmbaus zu Babel (Gen 11,1 ff.), die Zerstörung Sodoms (Gen 19,1 ff.) und die Plagen über Ägypten (Ex 7,8 ff.). Doch es gelingt ihm nicht! Gott muss mit ansehen, dass sich die Menschen durch sein Strafen nicht bekehren. Die Pädagogik Gottes, die ja jeder Strafe und Sanktion innewohnt, führt wegen der Herzensverhärtung der Menschen hier nicht zum Erfolg. Gott selbst muss als Folge der aus Liebe geschenkten Freiheit an die Menschen mit ansehen, dass der Mensch offensichtlich nicht gewillt ist, von der Sünde zu lassen.
An dieser Stelle der Heilsgeschichte erscheint nun das große Drama der Erlösung der Menschheit von der Sünde und all ihren Folgen, von Tod, Krankheit und allen denkbaren Katastrophen. Im vierten Lied vom Gottesknecht kündet Gott durch den Propheten Jesaja seinen neuen Entschluss an: Ich werde nun meinen Sohn auf die Erde senden und er wird „ein für allemal“ (vgl. Hebr 9,11) die Strafe für die Sünden aller Menschen auf sich nehmen. Durch dieses große Sühneopfer will ich endlich die Balance des Anfangs wiederherstellen. Hören wir die Worte des Propheten im Original: „Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen haben an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mensch voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,2-5) Gott lässt nun ab vom Strafen. Er sendet sein Wort als Wort der Vergebung und Versöhnung auf die Erde. Der ganz Unschuldige, der Sündenreine tritt als Mensch in diese Welt und zieht sich die Strafe zu, die wir verdient haben. Genau dies ist auch der Grund, wieso die Passion so grausam ist. Durch das Geschehen der Passion, der Geißelung, Verhöhnung, Dornenkrönung, Kreuztragung, Kleiderberaubung, Annagelung und des schrecklichen Todes am Kreuzespfahl, durch den Anblick des aufgrund unserer Sünden ganz geschundenen unschuldigen Gottessohnes, wird uns vor Augen gestellt, welche Strafe wir eigentlich für unsere Sünden verdient hätten. Im Kreuzestod Jesu Christi richtet Gott die Welt. Alles Strafen hat nun ein Ende, weil der Sohn Gottes die Folgen der Sünde ganz auf sich genommen hat. Der Apostel Petrus beschreibt die Wirkung des Kreuzestodes so: „Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber seid ihr heimgekehrt zum Hirten und Bischof eurer Seelen.“ (1 Petr 2,24-25).
Der heilige Apostel Paulus hat diesen Zusammenhang so zum Ausdruck gebracht: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5,21). Alle Sünden sind am Kreuz gesühnt. Das Werk der Erlösung ist ein vollkommenes. Nun liegt es an uns, dieses Gnadengeschenk anzunehmen. Wenn es jetzt noch so etwas gibt wie Strafe für unsere Sünden, dann nur als Folge der Nichtannahme des Gnadengeschenkes des Kreuzes. Gott ist seit Golgatha nicht mehr ein Gott der Strafe und der Rache. Er hat in seinem unergründlichen Ratschluss die Pädagogik vollendet: Nicht mehr Strafen, sondern Vergeben ist sein Weg mit uns Menschen. Das ist die Qualität des Neuen Bundes! Alle Strafe, die wir verdient hätten, hat er innertrinitarisch auf sich bezogen: Der Vater gibt seinen Sohn als Lösegeld hin. Dieses Werk der Erlösung kann er als Mensch auf Erden nur erfüllen, weil er der Heilige Gottes ist und der Geist des Herrn in einzigartiger Weise auf ihm ruhte.
Doch aus diesem für uns offenkundigen Perspektivenwechsel vom Alten zum Neuen Bund folgt nicht, dass unser Tun nun keine Konsequenzen mehr nach sich zieht. Am Ende der Zeiten wird dieses Opferlamm als mächtiger Weltenrichter in Erscheinung treten. Jedem Menschen wird dann sein ganzes Leben mit seiner individuellen Sündengeschichte vor Augen gestellt. Wir werden von Gott für unser Tun dann letztendlich zur Verantwortung gezogen. Am Ende der Zeiten kündigt uns die Heilige Schrift die große Apokalypse an: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch alle, die ihn durchbohrt haben; und alle Völker der Erde werden seinetwegen jammern und klagen. Ja, Amen.“ (Offb 1,7) Das letzte Buch der Bibel malt in schrecklichen Bildern die große Abrechnung Gottes mit dem Bösen dieser Welt. Doch am Ende steht auch dort die große Gewissheit, dass das Böse ein Ende hat und die Schar der Erlösten in die Wohnung des Lammes einziehen darf: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“ (Offb 21,3 f.)
Am Ende der Zeit steht mithin die große Purifikation der Welt von allen Folgen, die die Sünde auf der Welt hinterlassen hat. Und die Art und Weise, wie diese Reinigung und Läuterung der Welt vonstattengeht, ist für uns ein großes Geheimnis. Die Offenbarung des Johannes malt hier ein eindringliches Bild, welches uns die Erschütterung am Ende der Zeiten mit kräftigen Farben vor Augen stellt. Alle Verharmlosung ist hier fehl am Platz, da das Böse am Ende endgültig besiegt werden muss. Am Ende steht aber eines klar fest: Der Sieg des Lammes, des Durchbohrten und die Erlösung seiner Getreuen!


Gott selbst ist das Opfer

Doch gibt Gott uns schon jetzt, auf unserer irdischen Pilgerfahrt, durch die Heilsmittel der Kirche, insbesondere durch die sieben Sakramente, Lebensmittel mit auf den Weg, die uns befähigen, uns vom Joch der Sünde zu befreien. Und diese Heilsmittel sind aus dem Herzen des Erlösers am Kreuz, versinnbildlicht durch das Blut und Wasser, der Seitenwunde Jesu entsprungen. Wenn wir bereit sind, uns mit diesen Früchten des Kreuzestodes auf unseren Pilgerweg zu machen und die Sünde zu meiden, dann können wir sicher sein, das ewige Heil zu erlangen. Dann werden wir mit den Engeln, den Heiligen und der Gottesmutter Maria in den ewigen Lobpreis des Lammes auf dem Thron einstimmen dürfen.
Zurück zur Ausgangsfrage: Im Hinblick auf den Kreuzestod Jesu kann nicht mehr davon gesprochen werden, dass Gott strafend in die Geschichte eingreift. Alle Katastrophen und Leiderfahrungen der Menschen sind letztlich Folge des Defektes, der durch die Sünde des Menschen in die Welt gekommen ist. Am Tag der Neuschöpfung, an dem Tag, wenn Gott – nach der großen Reinigung des Kosmos von allem Bösen – einen neuen Himmel und eine neue Erde (vgl. Offb 21,1) schaffen wird, werden diejenigen, die auf den Gnadenanruf Gottes in Jesus Christus gehört haben, von all diesen Defekten befreit werden. Dann ist die Zeit der Vollendung und Erlösung bei Gott! Aber: Geistlich gesprochen bleibt für uns bis zu unserem letzten Atemzug eine Strafe für unsere Sünde bestehen: Im Blick auf das Kreuz, auf die Passion Jesu und seinen Kreuzweg müssen wir mit großer Scham erkennen, welche schrecklichen Folgen unsere Sünden haben. Das ist die Strafe des Neuen Bundes: die schmerzhafte Erweckung der Reue und der permanente Aufruf zu Bekehrung. Das ist die Strafe Gottes für unser sündiges Leben, eine Strafe, die nur möglich wurde, weil Gott sich selbst zum Opfer gab. Und dieser Schmerz über das Leiden Jesu ist für sich genommen eine Hypothek, die viel schwerer wiegen kann als manch ein Schicksalsschlag in unserem Leben. Gleichzeitig birgt diese Art der Strafe aber zugleich einen großen Trost in sich: Falls wir leiden müssen, können wir uns im Blick auf den Tod und das Leiden Jesu mit ihm vereinen. Das ist Sühne im wahrsten Sinne des Wortes. Durch diese Vereinigung lassen wir uns hineinnehmen in den großen heilsgeschichtlichen Perspektivenwechsel Gottes von der Strafe zur Vergebung.
Aber, die Gnade der Vergebung ist keine „billige“ Gnade! Auch hier sind wir derzeit in einer gefährlichen theologischen Schieflage. Gott, der sich uns im Versöhnungsopfer seines Sohnes als der unendlich Barmherzige offenbart hat, fordert von uns die Antwort auf sein Gnadenhandeln. Allein der Glaube an die große Versöhnungstat rettet uns eben nicht. Dies ist eines der Grundirrtümer der Reformation! Hier hilft uns der Blick in den Jakobusbrief weiter: „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.“ (Jak 2,17) Die Gnadentat Gottes am Kreuz fordert uns auf, diesem Gnadenanruf auch durch ein Leben gemäß dem Gesetz Gottes in Liebe durch gute Werke zu entsprechen. Dies bleibt für einen jeden Christen die Herausforderung bis zum letzten Atemzug. Immer wieder werden wir fallen und diesem Anruf nicht entsprechen. Aber: Im Kreuz steht das grundsätzliche Angebot der Vergebung und die permanente Chance zur Umkehr. Wichtig ist es, nicht an seiner Schwäche zu verzweifeln und immer auf die zuvorkommende Liebe Gottes zu vertrauen. Gehen wir daher zum Herzen Jesu, aus dem uns die Ströme der Gnade, insbesondere die heiligen Sakramente, zufließen. Gehen wir regelmäßig zum Sakrament der Versöhnung und zum Sakrament des Altares. Hier wird uns ganz reell die Frucht der Erlösung schon in unserem irdischen Leben zuteil. Aus der Stärkung, die wir aus dem Leben mit den Sakramenten erhalten, können wir die Kraft erlangen, immer mehr auch im Tun der guten Werke zu wachsen und so dem Gnadenhandeln Gottes am Kreuz angemessen mit unserem Leben zu antworten. Diese Antwort bewahrt uns vor der ewigen Strafe!

 

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