Disputa 5/2013

 

Die Priorität, Gott gegenwärtig zu machen

 

Immer wieder erhalten wir Texte, die in gewisser Weise unsere kleine Naturrechts-Serie weiterführen. Auf den folgenden Seiten geht es nicht um das Naturrecht, sondern um die Religion, die dafür sorgt, dass die „ins Herz eingeschriebenen Normen der Natur“ nicht vergessen werden, sondern sich entfalten und zu einer humanen Kultur führen können. Für Benedikt XVI. war deshalb die Gottesfrage zentral, was ihn in seinem berühmten Brief an den Weltepiskopat nach dem „Fall Williamson“ schreiben ließ: „In unserer Zeit, in der der Glaube in weiten Teilen der Welt zu verlöschen droht wie eine Flamme, die keine Nahrung mehr findet, ist die allererste Priorität, Gott gegenwärtig zu machen in dieser Welt und den Menschen den Zugang zu Gott zu öffnen. Nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) – im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen.“ Je glaubensloser desto unmoralischer wird die Welt. Das war die Überzeugung Papst Benedikts, der allerdings der Soziologe Hans Joas widerspricht, der im Sommersemester 2012 als erster Wissenschaftler die neu geschaffene Gastprofessur der „Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.“-Stiftung der Universität Regensburg innehatte. Was wiederum unseren Autor zum Widerspruch reizt.

 

 

Eine Gegenrede: Ja, Säkularisierung führt zu Moralverfall

Wo Gott verschwindet, wird der Mensch orientierungslos, hat Benedikt XVI. gelehrt. Ausgerechnet ein Inhaber der Regensburger Joseph-Ratzinger-Gastprofessur behauptet das Gegenteil


von Andreas Püttmann

In einem Brief an alle Bischöfe der Weltkirche schrieb Papst Benedikt XVI. am 10. März 2009: „Das eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde ist es, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass mit dem Erlöschen des von Gott kommenden Lichts Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen.“ Wo Gott seinen Platz unter den Menschen verliere, so der Papst bei der Generalaudienz am 14. November 2012, verliere schließlich auch „der Mensch seinen rechten Platz. Er findet seine Stellung in der Schöpfung, in den Beziehungen zu den anderen nicht mehr“ und denkt, „selbst Gott werden zu können, Herr über Leben und Tod“.
Damit knüpfte Benedikt XVI. an Romano Guardini an, der in seinem Buch „Das Ende der Neuzeit“ 1950 gewarnt hatte: „Wenn Gott seinen Platz in der Welt verliert, verliert ihn auch der Mensch“. Anders gesagt: Mit der Säkularisierung, verstanden als Lösung aus den Deutungsmustern und Bindungen der Religion, hier als „Entchristlichung“ oder „Exkarnation“ (Charles Taylor) des christlichen Glaubens, nehmen die sozialen Beziehungen Schaden, kommt es, speziell in Fragen des Lebensschutzes, zu Moralverfall.
Ausgerechnet ein Inhaber der Regensburger Joseph-Ratzinger-Gastprofessur vertrat in der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (5/2012) das Gegenteil. Unter dem Titel: „Führt Säkularisierung zu Moralverfall? Einige empirisch gestützte Überlegungen“, einem Vorabdruck aus seinem Buch: „Glaube als Option“, wandte sich Hans Joas gegen die „Parole“ des Berliner „Pro Reli“-Volksentscheids: „Werte brauchen Gott“. Der Freiburger Soziologe, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, formulierte die Gegenthese: „Dass Säkularisierung zum Moralverfall führe“, sei „bisher mit einem klaren Nein zu beantworten“.
Damit stellt er sich gegen eine breite Koalition von Denkern und lebensklugen Gestaltern von Gesellschaft, darunter etliche, die als Agnostiker apologetischer Tendenzen unverdächtig sind. Der religiös „unmusikalische“ Thomas Mann schrieb im September 1937 in der Kulturzeitschrift „Maß und Wert“: „,Über die Höhe und sittliche Kultur des Christentums’, sagte Goethe zu Eckermann, ,wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird der menschliche Geist nicht hinauskommen’. Und heute glauben ein paar pseudorevolutionäre Popular-Literaten in ihrer angeregten Halbbildung, damit fertig zu sein. Ein besonders unzeitiger Dünkel, wahrhaftig! Denn das Christentum (...) war als sittliches Zuchtmittel nie einer Zeit und Menschheit notwendiger als dieser gegenwärtigen, für deren Verwirrung und Verwilderung diejenigen, die sich anmaßen, das Christentum zu überwinden, das abstoßendste Beispiel bilden. Wo es sich um Wertverteidigung (...) handelt, wird auf der kulturellen Christlichkeit abendländischen Menschentums mit aller Freiheit und Festigkeit bestanden werden müssen.“
Von diesem „sittlichen Zuchtmittel“ emanzipiert, verwüsteten die Anhänger der nationalsozialistischen Ersatzreligion Deutschland und große Teile Europas und verübten einen horrenden Völkermord. Ähnlich mörderisch war schon der atheistische Kommunismus entgleist. Indes sah der deutsche Widerstand „im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenarbeiten der Völker“ (Kreisauer Kreis). Der frühere SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff sagte nach seiner Befreiung aus der Lagerhaft zu einem Freund: „Wissen Sie, ich bin als Atheist in das Konzentrationslager gekommen, und nach dem, was ich dort erlebt habe, verließ ich es als gläubiger Christ. Es ist mir klar geworden, dass ein Volk ohne metaphysische Bindung, ohne Bindung an Gott, weder regiert werden, noch auf Dauer blühen kann“. Konrad Adenauer deutete den „Rückfall in schlimmste Barbarei“ als Folge eines Glaubensabfalls: „Wir haben gesehen, wohin wir gekommen sind, da man die Grundsätze des Christentums verlassen hat: zu der Tiefe, in der wir uns jetzt befinden“ (1946). Er sei überzeugt, „dass das Verlassen des christlichen Fundamentes letzten Endes Europa mit dem Untergang bedroht“ (1946), da „die ethischen Ziele, die ethischen Gesetze… auf religiösem Boden wurzeln“ (1951). Joas stellt also ein Herzstück des geistigen Vermächtnisses des „besseren Deutschlands“ in Frage.
Das Bewusstsein von Risiken einer „Gesellschaft ohne Gott“ reicht auch heute über das christlich-konservative Milieu hinaus. Joschka Fischer schrieb 1992: „Eine Ethik, die sich nicht auf die tiefer reichende, normative Kraft einer verbindlichen Religion (...) stützen kann, wird es schwer haben, sich in der Gesellschaft durchzusetzen und von Dauer zu sein. (…) Eine Verantwortungsethik ohne religiöse Fundierung scheint (...) in der Moderne einfach nicht zu funktionieren.“ Gregor Gysi beteuerte: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Oskar Lafontaine würdigte die Kirchen jüngst bei Günther Jauch als unverzichtbar im Kampf gegen den „rasanten Werteverfall“. Unerwartete Unterstützer für Benedikts XVI. These, wonach das Christentum „ein nicht nur nützliches, sondern unverzichtbares Element für den Aufbau einer guten Gesellschaft und einer echten ganzheitlichen Entwicklung des Menschen ist“ (Caritas in Veritate 4).
Für Joas sind all dies „apriorische“ Argumentationsweisen mit „empirischen Defiziten“. Doch spricht aus seiner eigenen Argumentation auch eher der sozialphilosophische Theoretiker als der empirische Forscher. Sein Untertitel zeigt: Das Eigentliche sind die „Überlegungen“, die Empirie soll nur „stützen“. Das müsste ein Sozialwissenschaftler vermeiden. Wenn nicht die empirischen Befunde Ausgangspunkt der Theoreme sind, sondern umgekehrt, schnappt die Falle purer Selbstaffirmation schnell zu.
Immerhin konzediert Joas knapp, dass es „nachweisbare Zusammenhänge zwischen Religion und seelischer Gesundheit, moralischer Orientierung und so weiter geben mag, die ja schon deshalb naheliegen, weil Religionen von manchem riskanten und antisozialen Verhalten abraten und Alternativen dazu anbieten“. Doch könne „niemand aufgrund rationaler Einsicht in diese Zusammenhänge zum Glauben kommen“; das käme ja einer „Autosuggestionstherapie“ gleich.
Die Frage: „Führt Säkularisierung zu Moralverfall?“ muss aber gar nicht aus missionarischen Absichten erwachsen; es reicht die Sorge um eine humane Gesellschaft. Und wieso sollte „niemand“ durch die Betrachtung der Früchte des Glaubens zum Glauben selbst finden? Warum sollte die Überzeugungskraft einer Religion beim vernunftbegabten Menschen nicht auch von „rationaler Einsicht“ abhängen, etwa in heilsame Wirkungen für das individuelle und gemeinschaftliche Leben? Jesus predigte: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16). Zeugnis und Lebenswandel der Gläubigen sollen zum Indiz für die Existenz Gottes werden. „Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte hervorbringen“ (Mt 7,16-18).  
Joas behauptet, bisher sei ein Moralverfall in den stark säkularisierten Gesellschaften Europas „nicht eingetreten“. Wer befindet eigentlich darüber? Neben der schweren, auch moralisch verursachten Finanzkrise beunruhigt eine Vielfalt weiterer Krisensymptome: die immer brutalere Gewalt- und Jugendkriminalität bis hin zu spektakulären Amokläufen, Mord- und Totschlagsdelikten an Wehrlosen „just for fun“ und planmäßigem Vandalismus; Korruption, Wettbetrug und Doping im Sport; Drogen-„Normalisierung“ und „Komasaufen“, Bildungsmisere bis zur Ausbildungsunfähigkeit, verbreitetes Mobbing und Mitarbeiterbespitzelung, immer aggressivere Werbemethoden und dreistere Konsumententäuschung, die Heroisierung ethischer Minimalisten wie „Titan“ Dieter Bohlen, Verkehrsrowdytum und wachsender gewaltsamer Widerstand gegen Polizisten, der Vormarsch der aktiven Sterbehilfe, die längst akzeptierte Massenabtreibung, gestörte Beziehungsfähigkeit, Promiskuität und steigende Scheidungsraten, Kindermangel und Pflegemissstände, die Zunahme psychischer Krankheiten, Entsolidarisierung und bekennende Egozentrik („Unterm Strich zähl ich“), die Umwertung von Untugenden („Geiz ist geil“) in der Werbung, virulenter Rechts- und Linksextremismus, Partizipationsmüdigkeit und Verantwortungsscheu.
Joas bleibt den Beleg für seine Behauptung schuldig, dass im Zuge der Säkularisierung noch kein Moralverfall eingetreten sei, schiebt die Beweislast stillschweigend der Gegenseite zu und nennt ihre Hinweise auf solche beunruhigenden Krisenphänomene „sozialwissenschaftlich dilettantisch“. Er „kenne keine ernsthafte Untersuchung“, die hier einen „Anspruch auf Kausalität erheben“ könne. Einen glasklaren Beweis wird man in dieser Hinsicht aber nie führen können, weil man nicht hinter jeden Menschen einen Sozialforscher stellen und seine religiöse Motivation messen kann. Ein Kausalitätsnachweis müsste die zur Verfügung stehenden Ressourcen und Methoden überfordern. Joas widerspricht seiner unerfüllbaren Forderung denn auch selbst mit der Feststellung, es sei „praktisch unmöglich, eine empirisch gesicherte Aussage über die langfristigen, mehrere Generationen umfassenden Wirkungen von Säkularisierungsprozessen auf moralische Orientierungen zu machen“. Daraus kann allerdings nicht folgen, dass wir diese Frage von existentiellem Rang einfach offen lassen. Wer keine Beweise hat, sollte sich zumindest auf die Suche nach empirischen Anhaltspunkten und logischen Plausibilitäten machen.
Hinzu kommt die Gefahr eines Zirkelschlusses: „Moralverfall“ würde ja stets nicht nur konkrete Probleme, objektive Missstände zeitigen, die jedermann zu spüren bekommt und erkennt, sondern auch die subjektiven Maßstäbe dafür verändern, was als moralisch defizitär oder dekadent einzustufen ist. Wenn jemand keinen Moralverfall zu erkennen vermag, kann dies also selbst ein Symptom für Moralverfall sein.
Joas erinnert an den US-Psychologen William James, der 1902 die Beobachtung formulierte, „dass die größten Beispiele für Askese und die heroischsten Akte moralischer Dezentrierung bisher ausschließlich bei religiös motivierten Personen zu finden gewesen seien“. Damit sei aber nicht ausgeschlossen, dass „ähnliche Leistungen von Askese und moralischem Heroismus in Zukunft auch von nichtreligiösen Menschen zustande gebracht würden“. Joas verweist auf das zwanzigste Jahrhundert „mit seinen heroischen Taten im Dienste säkularer Ideale: der Nation, des Sieges der arischen Rasse, des Kommunismus“ und folgert, „dass die Sakralität von Idealen und die daraus entspringenden Energien eben auch an säkulare Inhalte gebunden sein können“.
So endet man im ethischen Relativismus: Der aufopfernde Dienst auf dem Schlachtfeld oder im Lager für den Rassen- und Klassenwahn steht plötzlich neben der Aufopferung Mutter Teresas im Dienst an den Sterbenden. Das tertium comparationis heißt: „moralische Dezentrierung“. Der ethische Unterscheidungswert: nahe Null. Was nach 1945 als Moralverfall monströsen Ausmaßes für die Mehrheit der Deutschen offenkundig wurde, hatte ihnen noch wenige Jahre zuvor als moralischer Aufbruch im Pathos des Heroismus gegolten. Ein christlicher Wissenschaftler kann die Frage nach „Moralverfall“ nicht bloß formal ohne moralische Axiome beantworten. Er muss Sakralität von Pseudosakralität unterscheiden und auch das als „Moralverfall“ erkennen und benennen können, was dem „zeitgenössischen Konsens“, auf den sich Joas beruft, nicht mehr als Moralverfall erkennbar ist.
An die Stelle solcher Axiome treten bei Joas „wertkonstitutive“ Leiderfahrungen „durch das Erlebnis von Ungerechtigkeit oder Herabwürdigung und Gewalt“, die zum Ursprung von Moral werden. Allerdings können solche Erfahrungen unterschiedlich reflektiert und zu widerstreitenden Maßstäben verarbeitet werden. Auch bleibt das Problem der Zuordnung konkreter Symptome unter diese Maßstäbe, um Amoralität identifizieren zu können.
Die Wirkung religiöser Glaubensüberzeugungen auf das moralische Denken, Empfinden und Verhalten von Menschen hat einen Langzeiteffekt: Verliert sich ein über Jahrhunderte tradierter Glaube, so wirken dessen ethische Implikationen, kulturell vermittelt durch Erziehung, Mentalität, Norm und Sitte, noch Generationen nach. So prägt das Christentum heute in gewissem Umfang auch noch das Denken und moralische Empfinden von Konfessionslosen oder bloß nominellen Christen. Diese moralische Nachwirkung kann dieselbe Illusion nähren wie ein Baum, dessen Wurzeln abgeschnitten sind: Er steht auch noch eine Weile grün da. 1986 warnte Bundespräsident von Weizsäcker vor dem Deutschen Juristentag, „nicht Schwarzmaler, sondern nüchterne Beobachter“ äußerten den Verdacht, „die Demokratie lebe geistig von den Restbeständen vormoderner Werte und brauche diesen Vorrat allmählich auf“.
Hans Joas beruft sich auf eine Studie von Gregory Paul von 2005, wonach „Nationen mit hohen Raten des Glaubens an Gott höhere Mordraten, höhere Sterblichkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mehr Geschlechtskrankheiten, mehr Schwangerschaften von Teenagern und mehr Abtreibungen haben als Nationen, in denen der Glaube an Gott relativ niedrig ist“. Siehe das hohe Gewaltniveau der überdurchschnittlich religiösen Vereinigten Staaten von Amerika und den „amoralischen Familismus“ des katholischen Süditaliens. Doch ist der Glaube nur ein Faktor in einer Gleichung mit mehreren Variablen. Wer den Einfluss religiöser Überzeugungen auf die Moral erkennen will, tut gut daran, konkurrierende Faktoren zu neutralisieren. Dazu gehört, dass man moralische Einstellungen von Menschen aus derselben Gesellschaft mit ihrer spezifischen Geschichte, ihrem „kollektiven Gedächtnis“, ihrem allgemeinen Wohlstandsniveau, ihrer Rechtstradition und ihrem Bildungssystem vergleicht. Es hat also Sinn, die Moralauffassungen kirchlich praktizierender Süditaliener mit denen nichtpraktizierender Süditaliener zu vergleichen, aber nicht die von Süditalienern jeglicher Glaubensintensität und Kirchenbindung etwa mit denen dänischer Protestanten.
Zahlreiche nach Konfession, Kirchennähe und religiöser Selbstdefinition ausdifferenzierte Repräsentativbefragungen, die publiziert wurden (Püttmann, Gesellschaft ohne Gott, 4. Aufl. 2012, S. 129-189) und hier nicht ausgebreitet werden können, zeigen starke Korrelationen von Glauben und religiöser Praxis einerseits, Rechtsbewusstsein, Moral- und Wertüberzeugungen andererseits. Kirchenferne Bürger tendieren überdurchschnittlich zu hedonistischen, relativistischen, materialistischen und weniger altruistischen Positionen als „praktizierende“ Christen. Eine neuere Studie der Bertelsmann-Stiftung (Entorf/Sieger 2010) konstatiert gar einen „kriminogenen Einfluss der Konfessionslosigkeit“. Dass Joas diese Befunde unterschiedlichster Institute und Wissenschaftler nicht erwähnt und stattdessen nur eine Studie aus den Vereinigten Staaten mit einem fragwürdigen Ländervergleich anführt, ist angesichts seiner Ankündigung empirischer Argumente im Untertitel erstaunlich. Soweit es sich bei den deutschen Befunden um Scheinkorrelationen handeln soll, müsste er einen Vorschlag machen, welcher andere Faktor als jener des Glaubens oder der Kirchenbindung sich dahinter verbergen könnte.
Wo Joas von den „Wurzeln“ und „Ursprüngen der Moral“ spricht, hat er vor allem Moralbegründungen aus Leidvermeidung und „Reflexion auf die Bedingungen von Kooperation“ im Blick. Als „Waffe zur Erzwingung ihrer Rechte“ spricht er den aufeinander angewiesenen Akteuren am Beispiel gemeinsamen Fischfangs bei melanesischen Stämmen „Reziprozität“ zu, die sich „als Grundlage der gesamten sozialen Struktur erweist“. Einfach gesagt: Er glaubt, die Moral auf Erfahrung und Gegenseitigkeit stützen zu können.
Lässt man die Tauglichkeit des melanesischen Beispiels für hochdifferenzierte, arbeitsteilige Massengesellschaften einmal beiseite, so erscheint der Rekurs auf die „Gegenseitigkeit“ auch darum zu kurz gegriffen, weil es in jeder Gesellschaft Individuen – und im Miteinander sozialer Gruppen Gemeinschaften – gibt, deren Fähigkeit zur Gegenleistung unterentwickelt ist. Vor allem aber gibt es „schon beim Hinzutreten eines Dritten in einer Interaktionskette a-b-c ein Zirkulations- und Garantieproblem“, gesteht Joas dann auch ein. Wenn der A dem B etwas Gutes tut, dann muss der B sich dem C gegenüber noch lange nicht ebenso verhalten, um seine gute Behandlung durch A nicht aufs Spiel zu setzen. Der Volksmund hat das Gegenteil auf den sprichwörtlichen Begriff gebracht: „Nach oben buckeln, nach unten treten“.
Die somit drohende Instabilität will Joas auffangen durch ein „Vertrauen auf die Einhaltung von Normen“, durch „zusätzliche situationsenthoben-dauerhafte Wertbindungen, etwa an den Wert der Gerechtigkeit“ und konkret durch die „Bindung an die goldene Regel“ beziehungsweise den „kategorischen Imperativ“. Damit wird das Problem aber nur verschoben, denn wie sollen Vertrauen und Wertbindungen generiert und garantiert werden?
Sein Hinweis darauf, „dass Kinder grundlegende moralische Regeln – etwa der Fairness im Spiel – selbständig und ohne Einwirkung erzieherischer Autoritäten, nämlich in der Reflexion auf die Bedingungen gelingenden gemeinsamen Spiels entdecken können“, erscheint nur auf den ersten Blick überzeugend. Denn Kinder klagten solche Regeln meist zu ihren eigenen Gunsten ein, betont Josef Isensee: „Was der Erzieher dem Zögling zu vermitteln hat, ist vor allem, dass er den Gerechtigkeitsanspruch, den er gegen die anderen erhebt, seinerseits einzulösen hat. Die Goldene Regel: ,Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch‘, bedarf allerdings einer pädagogischen Nachhilfe, die das Gewissen schärft, weil normalerweise der moralische Eigennutz kräftiger entwickelt ist als der Sinn für das Recht des anderen“. Dies gilt leider auch noch für Erwachsene, die der beständigen moralischen Kontrolle und Unterweisung durch Erzieher längst entwachsen sind.
Das Problem instabiler Moral hat Peter Koslowski 1993 wie folgt entfaltet: In der Fülle staatlich oder sozial unkontrollierbarer Situationen gibt es für den Einzelnen drei Handlungsoptionen: Er kann erstens unbedingt moralisch handeln, also unabhängig von Vorteilen, die er haben könnte, wenn er jetzt die Situation ausnutzt. Er macht das allgemeine Interesse zu seinem Interesse und handelt unabhängig vom Verhalten der anderen den Regeln gemäß – eine unwahrscheinliche Handlungsweise, weil die innerweltlichen Anreize zu dieser „reinen Ethik“ gering sind, die „pursuit of happiness“ keineswegs deckungsgleich mit einem Leben in höchster Moralität ist. Er kann zweitens bedingt moralisch handeln und sich sagen: Ich bin bereit, mich an die ethischen Regeln zu halten, wenn alle anderen oder doch die meisten es auch tun. Ich breche aber die Regeln, wenn ich das Gefühl habe, allein der Dumme zu sein. Je größer und unübersichtlicher aber eine Gesellschaft, umso stärker wird die Unsicherheit über das Verhalten anderer, so dass selbst Bürger, die eigentlich bereit wären, den Verallgemeinerungsgrundsatz auf sich selbst anzuwenden, aus Furcht vor Übervorteilung dazu neigen können, es mit dem Regelgehorsam nicht so genau zu nehmen (Isolationsparadox). Er kann drittens die Einsicht haben, dass dem Gemeinwohl am besten gedient ist, wenn sich alle regelgetreu verhalten; er findet aber, die beste Situation sei diejenige, in der sich alle anderen (beziehungsweise die meisten), nur nicht er selbst, an die Regeln halten. Auch die Wahrscheinlichkeit dieser „Schwarzfahrer-Devise“ steigt mit der Anonymität der großen Zahl.
Weder mit dem kalkulierten Egoismus dieser dritten Option noch mit dem Vernünfteln, was wohl die anderen tun werden, lässt sich ein gesellschaftliches Werte- und Regelsystem aufrechterhalten. Aber auch ein hochmoralisches Verhalten der ersten Option, das den Regelgehorsam – Kants kategorischem Imperativ entsprechend – „aus reiner Achtung vor dem Gesetz“ ohne empirische Nutzenerwägungen leisten sollte, ist aller menschlichen Erfahrung nach als Garant eines ethischen Systems ungeeignet, weil angesichts der ambivalenten Menschennatur zu unwahrscheinlich. Die Antwort auf dieses Problem des „Ethikversagens“ liegt im religiösen Glauben an den transzendenten Ausgleich von Sittlichkeit und Glückseligkeit für die unsterbliche Seele. Erst der Gedanke einer überweltlichen Rechtfertigungspflicht stellt die Versicherung dafür dar, dass die Ethik in Geltung ist, dass sogar der Zustand, selbst als einziger sittlich zu handeln und dabei, innerweltlich betrachtet, hoffnungslos unterzugehen, immer noch jenem Zustand vorzuziehen wäre, in dem gar keiner sittlich handelte. Die letzte Konsequenz einer Auflösung dieser religiösen Ethikverankerung hat Fjodor Dostojewski daher in dem drastischen Satz zugespitzt: „Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt“.
Nun wäre es natürlich völlig überzogen, jedem Atheisten mit einem Soupçon zu begegnen. Christliche Moral ist „bündnisfähig“ jenseits von Kirchenmauern, weil ihre Erkenntnistheorie sich nicht allein auf christliche Offenbarungswahrheiten stützt, sondern auch auf ein sozialphilosophisches Naturrechtsdenken, durch das man sich grundsätzlich mit jedem Menschen, unabhängig von seinem Glauben, vernünftig verständigen kann. Auch die „Heiden“ haben nach biblischer Auffassung Anteil an der göttlichen Ordnungsvernunft, weil ihnen als Geschöpfen „von Natur aus (...) die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab“ (Röm 2, 14f).
Die Abgrenzung von Pauschalabwertungen nichtgläubiger Mitbürger sollte aber nicht verdecken, dass die empirischen Durchschnittswerte auf eine höhere Permissivität und einen ausgeprägten moralischen Relativismus bei ihnen hinweisen. Eine Aussage über alle ist keine Aussage über jeden, aber die notwendige Differenzierung der Einzelfälle hebt die allgemeine Aussage nicht auf. Insofern führt Joas‘ Hinweis auf die unterschiedliche „moralische Tiefe verschiedener Atheismen“ in der Frage nach den Folgen der Säkularisierung nicht viel weiter. Die Frage lautet: Was passiert, wenn eine ganze Gesellschaft oder der größere Teil von ihr den Anker lichtet, den das Grundgesetz in seiner Präambel mit der „Verantwortung vor Gott“ geworfen hat?
Internalisierte Glaubensüberzeugungen und Glaubens-praxis durchwirken, bewusst oder unbewusst, die persönliche Existenz in all ihren Dimensionen: als Familienmensch, als Freund und Partnerin, Vater oder Mutter, als Berufstätiger, Vereinsmitglied und Nachbar, als Wirtschaftssubjekt und Staatsbürger. Religiöse Überzeugungen beeinflussen Denken, Fühlen und Handeln, Sitte und Moral, Wert- und Unwertbewusstsein, Konsum- und Wahlentscheidungen. Es ist daher naiv anzunehmen, man könne im Räderwerk einer modernen Gesellschaft gleichsam am „Schräubchen“ Religion drehen, ohne dass sich damit auch andere Schrauben mitdrehten.
Wenn die Tore unserer Kirchen sich in Europa massenhaft schließen, kann dies auf längere Sicht nicht ohne gravierende Konsequenzen für unsere Kultur insgesamt bleiben. Dass ausgerechnet ein katholischer Soziologe diese Sorge polemisch als „Schlachtruf“ und plumpe Apologie abtut, ist ein verstörender Vorgang. Vereinfacht wahrgenommen, sendet er die Botschaft in Kirche und Gesellschaft: „Es ginge auch ohne uns ganz gut“, „Salz der Erde“ hin, „Licht der Welt“ her. Zum Siechtum des europäischen Christentums gehört sein Mangel an Selbstbewusstsein, den Menschen nicht nur eine „Option“, sondern etwas „Unverzichtbares“ (Benedikt XVI.) mitzuteilen zu haben, und zwar nicht nur für ein jenseitiges Heil, sondern auch für das irdische Wohl. Eine Kirche, die sich von diesem Anspruch und Antrieb verabschiedet, ist „kraftlos geworden“ wie schales Salz. „Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden“ (Mt 5,13).

Andreas Püttmanns vollständige Replik: „Führt Säkularisierung zum Moralverfall? Eine Antwort auf Hans Joas“, Bonn 2013, 48 Seiten, kann für fünf Euro beim Fe-Medienverlag bezogen werden.

 

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