Disputa 2/2016

 

Die katholische Weite

Vorgeführt und mit Fleisch gefüllt am Beispiel zweier Diener Gottes, zwischen deren Persönlichkeiten Welten liegen 

Kirchenjahr und Jahreszeit bringen es mit sich, dass diese Folge der Disputa genau zum Karneval und zum Beginn der Fastenzeit, zum Höhepunkt der Faschingszeit und zum Aschermittwoch mit seinem Aschenkreuz erscheint. Das soll diesmal ein Grund sein, einen aufrechten Asketen und „General“ der Kirche zu thematisieren – und einen Spielmann Gottes zugleich, einen Clown des Heiligen Geistes. Zwei große Heilige, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Ignatius von Loyola und Filippo Neri. Und doch zeigt deren Gegensätzlichkeit, wie weit die Spannweite des Katholischen ist, auch wenn es um wahre Heiligkeit geht. Und wer könnte das besser beschreiben als Hans Conrad Zander, der mit seinen christlichen Lebenswahrheiten schon viele zum Schmunzeln gebracht hat.

 

„… und dann tue ich das Gegenteil“

Über die Vielfalt religiöser Charaktere – besonders denen von großen Heiligen

von Hans Conrad Zander

 

Schon zu Lebzeiten wurde der heilige Filippo Neri als Stadtpatron von Rom verehrt. Und eines Tages wurde er gefragt, wie er es denn geschafft habe, ein so großer Heiliger zu werden. „Das ist ganz einfach“, gab er zur Antwort, „gleich ein paar Häuser weiter wohnt ein anderer großer Heiliger, der heilige Ignatius von Loyola. Jedes Mal, wenn ich etwas zu tun habe, frage ich mich zuerst: Was täte jetzt der heilige Ignatius von Loyola? – Und dann tue ich das Gegenteil.“
Kaum einer kennt diesen Witz. Dennoch wird er vielen bekannt vorkommen. Warum? Weil er zum klassischen Wanderwitz geworden ist. Fast alle haben einmal gehört, Papst Johannes XXIII., ein Verehrer und Kenner des heiligen Filippo Neri, habe sich diesen Witz angeeignet, wenn er über sein Verhältnis zu seinem Vorgänger, Pius XII., sprach. Und es kann nicht mehr lange dauern, bis eben dieser Witz auch Papst Franziskus als Bemerkung über seinen Vorgänger, Benedikt XVI., in den Mund gelegt wird.
Dass gerade dieser Witz zum klassischen Wanderwitz geworden ist, hat einen triftigen Grund. Kaum etwas vermittelt so tiefe Einsichten in den menschlichen und religiösen Charakter der katholischen Kirche wie das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Heiligen, zwischen Filippo Neri und Ignatius von Loyola. Das zu behaupten würde ich mich nicht getrauen, wenn es nicht ein Größerer vor mir getan hätte: der Historiker Hugo Rahner SJ, der größere, jedenfalls der ältere Bruder des kleineren, jedenfalls jüngeren, wenn auch berühmteren Bruders Karl Rahner SJ.
Ignatius und Filippo, diese beiden Heiligen, die zu gleicher Zeit nebeneinander in Rom gelebt haben, seien, schreibt Hugo Rahner, „so gegensätzliche Naturen“, im menschlichen wie im religiösen Charakter so „himmelweit“ voneinander entfernt, dass „ein Vergleich fast künstlich wirken mag“. Und doch sei kein Vergleich so exemplarisch wie dieser geeignet, den „weiten Raum“ katholischer Vielfalt auszumessen.
Als Ignatius 1537 nach Rom kam, war er schon 37 Jahre alt und ein reifer Mann mit einer Geschichte. Filippo Neri dagegen war fünf Jahre früher schon nach Rom gekommen, jedoch als ein unbeschriebenes Blatt. 17-jährig war er aus seiner Familie in Florenz ausgerissen nach Rom. Zu Fuß und ohne Geld. Vorher hat der heilige Teenager zu Hause in Florenz noch, vor den Augen seines entsetzten Vaters, eines Notars, den Familienstammbaum der Neri zerfetzt und ins Feuer geworfen.
Der Ausreißer aus Florenz wird Stadtstreicher in Rom. Es sind die letzten lebenslustigen Jahre im Rom der Renaissance. Schon ist in Deutschland die lutherische Empörung über das römische Sündenbabel losgebrochen. Schon sind 1527 die Landsknechte des Kaisers über die Ewige Stadt hergefallen als jenes „Schwert der göttlichen Rache“, das, daheim in Florenz, der Bußprediger Savonarola als Strafe für die die Dolce vita Papst Alexanders VI. prophezeit hatte.
Nein, so ausgelassen wie zu Zeiten des Borgia ist die Stimmung in Rom längst nicht mehr, als der Teenager Filippo Neri sich dort herumtreibt. Aber gebrochen ist die Lust der Römer am heidnischen Sinnestaumel noch nicht. Im Jahr 1541 ist es immer noch möglich, dass Papst Paul III., bekannt als großer Förderer des heiligen Ignatius, die betörendsten „Sängerinnen“ von Rom einlädt zum großen Maskenball im  Vatikan.
Noch später, nach manchen strengen Reformen, gewinnt ein so zurückhaltender Beobachter wie der französische Philosoph Montaigne den Eindruck, dass in dieser Stadt „kaum einer ist, der von seiner Hände Arbeit lebt“. Und alle leben auf der Straße. In abenteuerlicher Weise wimmelt es in den römischen Gassen von jungen Männern, die unter keinerlei Leistungsdruck stehen. Und mitten unter diesem Lumpenpack der „Tagedieb Gottes“, der heilige Filippo Neri.
Ein Stadtstreicher aus Florenz mitten unter all den Stadtstreichern Roms? Ja und nein. Die andern römischen Gassenjungen nämlich sehen in ihm keineswegs einen der ihren. Sie nennen ihn vielmehr einen „eremita“. Das heißt, wörtlich übersetzt, einen „Einsiedler“. Der Begriff stammt aus der christlichen Antike. Tausende von Christen, die es nicht wahrhaben wollten, dass die Religion des Gekreuzigten Staatsreligion geworden war, haben sich nach der Konstantinischen Wende als Einsiedler in die Wüsten Ägyptens zurückgezogen. So steht denn gegen die antike christliche Protestbewegung der Einsiedler schon bald eine neue christliche Protestbewegung auf: die Einsiedler ohne Einsiedelei. „Xeniteia“ heißt ihre Losung: Niemals sesshaft werden, bewusst heimatlos sein, fremd sein als Inbegriff christlicher Existenz.
 Auch Filippo Neri gilt als eremita, weil auch er, ohne jeden kirchlichen Auftrag, auf den Straßen und Plätzen Roms betet, predigt und fromme Zustände hat. Was heißt fromme Zustände? Religiöse Zustände, die aber ganz körperlich sind. So körperlich, wie man sie heute noch bei den Sadhus in Indien beobachten kann. Zum Beispiel steht er, entrückt in die Ekstase, ganz steif und unbeweglich da. Die Straßenjungen lachen ihn dann aus, bewerfen ihn mit Äpfeln, zerren ihn an den Haaren. Er merkt es nicht. Doch wenn er wieder zu sich kommt, ist er keineswegs beleidigt. Im Gegenteil, er lacht mit über sich selbst. Dann gibt er zurück. Da er aber ein Florentiner ist und somit wesentlich geistreicher als die Römer, hat Filippo die Lacher im Nu auf seiner Seite.


„Stich und Hieb! Attacke! Vorwärts!“

Ein Heiliger, der nicht über die ganze Welt beleidigt ist – so sehr fesselt und ergötzt dieser ungewöhnliche junge eremita aus Florenz die Römer, dass die wenigsten merken, wie inzwischen ein anderer Heiliger in Rom eingetroffen ist.
Ein ganz anderer. Kein Spaßvogel aus Florenz, sondern ein spanischer Offizier. Ein Baske gar.
Sein ordenseigener Biograph, der Schweizer Jesuit Anton Huonder, beschreibt seine Kindheit so: „Inigo kommt als Soldatenkind zur Welt, saugt den militärischen Geist mit der Muttermilch ein. Und statt süßer Kinderlieder tönen raue Kampfgesänge um seine Wiege“, Huonder fährt fort: „Ihm eignen hervorragende soldatische Eigenschaften. Feuriger Mut, eiserne Zähigkeit, unbeugsame Energie kennzeichnen seinen Geist. Er ist ein ‚baskischer Hartschädel‘, der Mauern einrennen möchte.“ „Soldat durch und durch,“ schließt Pater Huonder, ist Inigo von früher Jugend auf.
Fügen wir hinzu, dass auch seine Laster die eines jungen Kriegers sind. Im Alter von 24 Jahren kommt Inigo vor Gericht wegen „delicta varia et diversa ac enormia“, alle begangen in stockdunkler Nacht.
Jetzt aber greift die Vorsehung ein: So heldenhaft der Offizier Inigo de Loyola die belagerte Feste Pamplona verteidigt, eine feindliche Kugel kommt geflogen, zertrümmert sein Schienbein und  macht seinem Traum von einer spanischen Feldherrenkarriere ein Ende. „Christus“, schreibt der Jesuit Huonder, erscheint ihm jetzt „als Heerführer, als König“. Eine Lebensbeichte legt Inigo ab, „eine ehrliche, aufrichtige Soldatenbeicht – sie dauert drei Tage.“
Wichtiger noch als die dreitägige Beichte sind die vierzigtägigen „Exerzitien“, die Inigo jetzt entwirft. Ein durch und durch soldatisches Durchexerzieren der christlichen Seele ist das. Selbst die kleinsten Regungen der Seele werden von Ignatius militärisch streng kontrolliert, koordiniert und diszipliniert: „Hier, christliche Seele, lass einen Seufzer fahren!“ Oder, wie es Jesuitenpater Anton Huonder formuliert: „Diese Exerzitien  sind ein Exerzierreglement des Geistes, eine dreißigtägige, planmäßige Waffenübung. Die Losung heißt Stich und Hieb! Attacke! Vorwärts!“
Eine kleine, durch solches Exerzieren der Seele geläuterte Schar von geistlichen Waffenbrüdern sammelt er um sich beim nachgeholten Studium in Paris. Mit ihnen kommt er in Rom an. „Soldatisch“, schreibt Pater Huonder, „ist der Fahnenschwur an den Papst, auf jeden Wink überall hin ohne Löhnung zur Eroberung auszuziehen.“
Wenn so einer im Rom der Renaissance ankommt, erkennen alle sofort, dass das ein Spanier ist, aber nicht unbedingt, dass das ein Heiliger sei. Der erste, der das erkannt hat, soll ausgerechnet der heilige Filippo Neri gewesen sein. Frühe jesuitische Hagiographien beschreiben, frühe Stiche zeigen, wie der heilige Filippo mitten auf der Straße vor dem heiligen Ignatius niederkniet und, verzückt aufschauend, als erster den Heiligenschein um den Kopf des Spaniers erkennt.
Zu vermuten ist, dass Ignatius in seinem spanischen Ernst einen Witz des Florentiners Filippo Neri allzu ernst genommen hat. Zu dem Spaßvogel Filippo passt es ja bestens, dass er vor einem Ernstmacher wie Ignatius niederkniet, zu ihm aufsieht und sagt: „Bist du aber ein großer Heiliger! Ich sehe schon den Heiligenschein um dein heiliges Haupt!“
Dass der heilige Filippo Neri als erster den Heiligenschein um das Haupt des heiligen Ignatius erblickt habe, ist auf jeden Fall ein von den ersten jesuitischen Hagiographen ausgeheckter Schwindel. Den Heiligenschein des heiligen Ignatius hat jemand ganz anderer zuerst erkannt: Isabella de Rosella!
Hugo Rahner, der große Bruder von Karl Rahner , bezeichnet die Begegnung mit dieser Frau als „dramatischen Höhepunkt“ im Leben des heiligen Ignatius. So wie Hugo Rahner sie erzählt, gleicht die dramatische Begegnung von Ignatius und Isabella in auffallender Weise der ebenso dramatischen Begegnung seines Bruders Karl Rahner mit Luise Rinser.
1523 war der 32-jährige Ignatius nach Barcelona gekommen. In der Kirche San Yusto y Pastor sah sie ihn zum ersten Mal. Isabella de Rosella, eine Dame der höchsten katalanischen Gesellschaft. Nicht Filippo Neri, sondern Isabella hat als erste den Heiligenschein um das Haupt des heiligen Ignatius erblickt. Ihren Gatten, der gar nichts gesehen hatte – er war blind –, überredete sie danach, den Basken mit dem Heiligenschein nach Hause einzuladen. „Er aß mit uns und hielt uns dann eine geistliche Rede, die uns tief beeindruckte.“ So tief jedenfalls, dass Doña Isabella sich berufen fühlt, einen Kreis von frommen Damen in Barcelona zu gründen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten werden, den heiligen Ignatius zu finanzieren. So finanziert sie sein Studium in Paris und später in Bologna, die ersten sieben Jesuiten in Paris finanziert sie. Ab 1537 finanziert sie Ignatius während seiner ersten Zeit in Rom.
Rechtzeitig hat ihr blinder Ehemann das Zeitliche gesegnet. Nun packt sie in Barcelona ein ganzes Schiff voll mit Kisten und Schachteln. Mit zwei Freundinnen und 1800 Dukaten segelt Doña Isabella nach Rom, um sich dem heiligen Ignatius zu unterstellen als, wie sie ihm brieflich ankündigt, seine „allergeringste und unnütze Dienerin“. Das heißt auf deutsch: „Ich will die erste Jesuitin werden, ob du willst oder nicht.“
Als er diesen Brief las, war der heilige Ignatius entsetzt. Leibhaftig trat sie in Rom vor ihn. Im Heiligsprechungsprozess wird eine Augenzeugin die Begegnung so schildern: „Unser Vater Ignatius griff sich mit den Händen an den Kopf und sagte: Gott behüte mich, Rosella, du bist hier. Wer hat dich hierher geführt?“
So wie Karl Rahner versucht hat, Luise Rinser brieflich loszuwerden, mit allen nur denkbaren Finten frommer Stilistik, versucht der heilige Ignatius, sich Doña Rosella zu entwinden. Obwohl die beiden in Rom ganz nahe beieinander sind, schreibt er ihr vier Jahre lang einen Brief nach dem andern. Es hilft ihm nichts. Als sie endlich merkt, dass er einfach nicht will, läuft Rosella direkt zu Papst Paul III. Das ist der mit den Maskenbällen und mit den Sängerinnen im Vatikan. Jedenfalls ist das auch ein Mann, der einer Frau nicht Nein sagen kann. Feierlich erteilt Papst Paul III. dem heiligen Ignatius den Befehl, Isabella de Rosella und zwei ihrer Freundinnen in den Jesuitenorden aufzunehmen. Am Weihnachtsfest 1545, sozusagen unterm Christbaum, legen die drei Frauen vor Ignatius als – wörtlich so – dem „Stellvertreter Gottes“ ihr Gelübde ab.
Eine Weile bemüht sich Ignatius, für die – Originalton Hugo Rahner – „nervöse, um nicht zu sagen hysterische Frau“ in Rom eine angemessene Beschäftigung zu finden. So betraut er sie mit der Leitung des Marthahauses. Das ist nicht etwa jenes vatikanische Hotel, in dem jetzt der Papst logiert, sondern ein Heim der Buße für gefallene Jungfrauen. Doch noch immer hat sie viel zu viel Zeit für Ignatius. Diese Frau allein, seufzt der Heilige, mache ihm „mehr Ärger als mein gesamter Orden“.
Von Anfang an hatte er keine Jesuitinnen gewollt. Bei den Dominikanern, die ja inzwischen zehn Mal mehr Nonnen hatten als Mönche, hatte er gemerkt, welche Belastungen ein weiblicher Zweig für einen Männerorden bringt. Trotzdem hat dieser spanische Soldat, dieser baskische Macho nicht den Mut, seiner ersten, ungewollte Jesuitin ganz einfach ins Gesicht Nein zu sagen. Wir kennen das alle aus dem Alltag: Gerade der Macho wird, wenn er es mit einer dominanten Frau zu tun hat, zum Waschlappen.
Was tun? In seiner männlichen Hilflosigkeit läuft nun auch Ignatius zu Papst Paul III. In einem Gespräch von Mann zu Mann findet er beim Heiligen Vater, wie Hugo Rahner wörtlich festhält, „volles Verständnis“. 1547, nach vier Jahren Ärger mit Isabella  gewährt jetzt Papst Paul III. dem entkräfteten Heiligen seinen väterlichen Schutz durch ein päpstliches „Privileg“, niemals Frauen in seinen Orden aufnehmen zu müssen.
Wie reagiert Isabella de Rosella? Sie reagiert so, wie verschmähte Frauen meistens reagieren: „Der soll zahlen!“  Die erste Jesuitin macht dem heiligen Ignatius öffentlich in Rom den Prozess. Das ganze Geld, das sie ihm im Lauf der Jahre in die Tasche gesteckt hat, will sie zurückhaben. Ihr Neffe, der sie vor Gericht vertritt, fasst ihre Argumente lapidar so zusammen: „Ignatius wollte meiner Tante ihr ganzes Vermögen stehlen, er ist ein Heuchler und ein Räuber.“
Da ist Isabella aber an den Falschen geraten. Im Prozessieren sind die Jesuiten, ist schon der heilige Ignatius ungewöhnlich gut gewesen. Der „dramatische Höhepunkt“ im Leben des heiligen Ignatius endet damit, dass Doña Rosella alle Anschuldigungen zurückziehen und sich bei Ignatius demütigst entschuldigen muss.
Wer jetzt im Leben des heiligen Filippo Neri einen ähnlich „dramatischen Höhepunkt“ vermutet, muss mit einer Enttäuschung rechnen. Wohl hat es Gönnerinnen aus den hohen Familien Roms gegeben, die Filippo zeitweise betreuten und unterstützten. Und es gab in seinem Freundeskreis allerhand Frauen, zum Beispiel die Ehefrauen der Musiker, die – wir werden es noch sehen – sich um ihn sammelten. Aber so eine jahrelange, schier unlösbare, klettenartige Zweierbeziehung wie zwischen Ignatius und Isabella – und wie zwischen Karl Rahner und Luise Rinser –  findet sich auf Filippos Lebensweg nicht. Zu keinem Zeitpunkt. Warum nicht?


Ein „äußerst infames Gerücht“

Ein „äußerst infames Gerücht“ sei umgelaufen in Rom, schreibt Louis Ponnelle, der beste Biograph des heiligen Filippo Neri. Auffällig viele schöne Jünglinge, so das infame Gerücht, gehörten zum Freundeskreis des Heiligen, zum Beispiel zwei höchst charmante junge Goldschmiede, Sebastiano und Francesco mit Namen. Filippo selber soll eine ungewöhnlich schöne Stimme gehabt haben sowie ungewöhnlich schöne blaue Augen. Und wenn er Sünder bekehren wollte, dann, so das infame Gerücht, habe er Sodomiten lieber bekehrt als Prostituierte. Erst im ganz hohen Alter, als er schon auf die achtzig zuging, sei Filippo im Umgang mit Frauen charmant geworden. In dubio pro sancto, wie wir in katholischen Zeiten sagten. Oder, wie wir heute sagen, „Wer bin ich, um über ihn zu richten?“
Die erste Ex-Jesuitin, Doña Isabella de Rosella, ist inzwischen nach Barcelona heimgesegelt. Das heißt: der heilige Ignatius kann seine ganze soldatische Energie für die Organisation seiner Compañia, seines reinen Männerordens einsetzen.
Ignatius von Loyola, berichtet sein früher Gefährte, Pater Bobadilla, war von Anfang an der „padrone assoluto“, der „absolute Chef“. Er war, übersetzt Pater Huonder das in die Sprache des zwanzigsten Jahrhunderts, „der Generalissimus“.
Selbstzweck ist ihm Gehorsam aber nicht. Er ist ein Mittel zur militärischen Schlagfertigkeit der Compañia. Alles, was die alten Orden unbeweglich gemacht hat, das ganze Klosterleben samt dem feierlichen Chorgebet und der Mönchskutte, schafft er ab und ersetzt die alte klösterliche „stabilitas loci“, das beschauliche Verweilen an ein und demselben Ort, durch globale Mobilität. Zu den drei klassischen Gelübden – Gehorsam, Keuschheit, Armut – hinzu erfindet er ein neues, ein viertes Gelübde, mit dem jeder Jesuit sich verpflichtet, jederzeit an jedem beliebigen Ort des Globus einsatzbereit zu sein für den Papst.
Was tut derweil der heilige Filippo Neri? Er ist voll damit beschäftigt, sich über den Vatikan lustig zu machen. Statt einer Compañia sammelt er um sich ein religiöses Straßenkabarett. Das sind die berühmten „Kleiderwitze“ des heiligen Filippo. Er selber kostümiert sich jeweils als einer der Kardinäle, die Schleppe tragen ihm seine Freunde, die Straßenjungen Roms, hinterher. So zieht die kabarettistische Truppe johlend rings um den Vatikan. Und es ist mit den Kardinälen im Rom der Renaissance wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten mit den Verbindungs-Studenten: Stets waren sie die ersten, die zum Kiosk liefen, um sich im Simplicissimus an den neuesten Karikaturen über sich selbst zu ergötzen. So waren auch damals die meisten Kardinäle stolz, wenn der heilige Philipp gerade sie  nachäffte.
Aber nicht alle reagierten so. Es gab auch Kleriker, die zur Heiligen Inquisition gelaufen kamen und baten, den heiligen Filippo Neri zu verbrennen. Vom strengsten aller Großinquisitoren, von Michele Ghislieri, ist die Antwort überliefert: „Was wollen Sie, ich kann eher den Papst verbrennen als Filippo Neri. Der ist ja so beliebt in ganz Rom.“
Es kommen die Jahre, in denen selbst den römischen Gassenjungen das Lachen über die Frömmigkeit vergeht. Aus lauter Angst vor Martin Luther – und vor Ignatius von Loyola – erlässt Papst Paul III. ein Reformdekret nach dem andern. Wenn Ordnung gemacht wird, fängt das immer ganz unten an, in der Kirche wie im Staat. Ganz unten in der katholischen Kirche sind die eremiti, die selbsternannten Straßenheiligen in Rom. Einer nach dem andern werden sie am Wickel gepackt und in Klöster gesperrt. Filippo Neri freilich ist inzwischen, wie wir wissen, schon viel beliebter als der Papst selbst. Einfach wegsperren kann man den Stadtheiligen von Rom nicht. Doch erhält Filippo vom Vatikan die zweifache Auflage, sich zum Priester weihen zu lassen und einen festen Wohnsitz nachzuweisen. Er zieht in eine Dachkammer neben der Kirche San Girolamo della Carità.
Binnen kurzem macht diese winzige Gammlerbude dem Petersdom Konkurrenz. Sie wird zum eigentlichen religiösen Mittelpunkt von Rom. Acht Leute haben darin Platz sowie Filippos Katze. Er selbst sitzt gewöhnlich auf dem Bett, lässt die Füße herunterbaumeln und liest etwas Frommes vor.  Dann steht irgendeiner auf – niemals ein Priester, stets ein Laie, oft sogar ein Kind – und predigt spontan über das Gehörte. Nichts ist auf Lateinisch, alles auf Italienisch. Dazwischen erklingen die Laude, die süßen Melodien der alten italienischen Volksfrömmigkeit. „Oratorio“, Raum des Gebets, nennt Filippo seine Dachbude ebenso wie die zwanglosen Gottesdienste, die dort stattfinden.
Draußen stehen die Leute auf der Treppe bis zur Straße hinunter. Filippo muss umziehen in das geräumigere Dachgeschoss der Kirche San Girolamo. Jetzt sind es nicht nur die Frommen aus dem Volk, es sind auch die besten jungen Musiker Roms, die sich drängen, um am Oratorium des heiligen Filippo spontan mitzuwirken, mit Gesang und Saitenspiel, eingeschoben zwischen die Lesungen und Predigten. Der beste von all diesen Musikern um Filippo Neri heißt Giovanni Pierluigi da Palestrina.


Die Katze, die nicht umziehen will

Dank Palestrina geht aus den improvisierten Dachbudengottesdiensten des heiligen Filippo eine der großen Kunstformen der sakralen Musik hervor: das „Oratorium“. Was sich in der Johannes-Passion von Bach, im Messias von Händel, und in Haydns Schöpfung monumental darstellt, hat seinen bescheidenen Ursprung in der winzigen Dachkammer eines Heiligen am Campo de’Fiori in Rom.
Ist es jetzt noch nötig, ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der heilige Ignatius gegen Musik im Gottesdienst war? Schon in der Urfassung des Ordensgesetzes der Jesuiten, berichtet Hugo Rahner, hat Ignatius Musik verboten.
Etwas ganz anderes ist Ignatius wichtig für die Gottesdienste der Jesuiten: Predigten mit höchstem akademischem Niveau. „Dabei wollte er die Wissenschaft nicht als Selbstzweck, sondern stets nur als Waffe für die praktischen Ziele seines Ordens betrachtet wissen“, fügt Anton Huonder SJ hinzu. Solche praktischen Ziele waren die Tätigkeit als Seelsorger der katholischen Fürsten und Könige und die Eroberung der besten Lehrstühle an den besten Universitäten der Christenheit.
Konkurrenz vom heiligen Filippo Neri hatte der heilige Ignatius bei seiner Bildungshuberei nicht zu befürchten.
Neri war ein viel zu unordentlicher Mensch, als dass er je einen Orden hätte gründen wollen. Verhindern aber konnte er nicht, dass sich um ihn ein engerer Kreis von Menschen scharte, die so leben wollten wie er. Auch diese Gemeinschaft nennt sich Oratorio. Ohne drei und schon gar ohne vier Gelübde, ohne Ordensregel, sogar ohne gemeinsame Mahlzeiten versuchen sie, so zu leben wie der heilige Filippo: „vivere suo arbitrio“ ist ihre Devise, „nach eigener Façon selig werden“. Bald sind es so viele, dass ein Umzug nötig wird. Bei jener römischen Kirche, die heute noch Chiesa Nuova – Neue Kirche – heißt, bauen sie sich ein neues größeres Haus. Doch dann die peinliche Enttäuschung: Der heilige Filippo Neri weigert sich, seinen Jüngern nachzuziehen. Er bleibt in seiner Dachbude am Campo de’Fiori. Sogar als der Papst selbst ihm befiehlt, umzuziehen zu seinen Jüngern an die Chiesa Nuova, verweigert Filippo Neri über mehrere Jahre hinweg den Gehorsam mit dem Argument, er habe eine Katze. Und seine Katze – wie alle Katzen – wolle nicht umziehen.
Während der heilige Filippo Neri seine Katze füttert, organisiert der heilige Ignatius seinen Orden zu einer globalen Eingreiftruppe. Alles ist bei ihm „weltumspannend“. Dabei ist Ignatius Stratege genug, um zu erkennen, dass moderne Eroberungen nur mit modernen Mitteln gelingen. Das modernste Mittel aber ist die Kommunikation. Allein das Verzeichnis der Briefe, die Generalissimus Ignatius seinem Sekretär Polanco in neun Jahren diktiert hat, also nicht die Briefe, sondern nur ihre Auflistung, umfasst 1.597 Seiten.
Filippo Neri plant derweil höchstens Ausflüge in die Weinberge um Rom. Hunderte, zeitweise Tausende von Römern wandern mit ihm hinaus zu diesen sommerlichen Picknicks. Denn da wird nicht  nur gesungen, gebetet und musiziert. Eine Kolonne von Maultieren ist auch dabei, mit Chianti beladen, mit Salami und mit süßem Gebäck. Nichts ist bei ihm weltumspannend. Nur was er selber schmecken, riechen und berühren kann, das interessiert den heiligen Filippo Neri. Sonst nichts.
Der heilige Ignatius von  Loyola ist zu seinen engsten Mitarbeitern unerträglich. Filippo Neri dagegen herzt und küsst jeden, der ihm in die Arme kommt. Gelegentlich sogar den heiligen Ignatius. Und jeder möchte von Filippo geherzt und geküsst werden. In Rom hat es sich nämlich herumgesprochen, den heiligen Filippo Neri zu berühren, sei gut gegen Rheumatismus.
Im Jahr 1595 erkrankt Papst Clemens VIII. schwer an der Gicht. Filippo wird deshalb in den Vatikan gerufen. Stundenlang  streichelt er die Hand des Papstes. Als das nichts nützt, steigt der achtzigjährige Filippo Neri kurzerhand zum Papst ins Bett und legt sich, ohne jeden Respekt, dem Heiligen Vater auf die Brust. Die Kardinäle sind aufs Äußerste befremdet. Papst Clemens VIII. aber ist von Stund an wunderbar geheilt.
Und da ist noch ein anderes, viel größeres Wunder. Als Filippo Neri kurz nach der wunderbaren Heilung des Papstes selber, achtzigjährig, starb, ging das Gerücht um, er sei an drei verschiedenen Orten gleichzeitig gestorben. Seit vielen Jahren schon besaß Filippo nämlich die Gnadengabe der Trilokation, die wunderbare Fähigkeit, an drei verschiedenen Orten gleichzeitig anwesend zu sein. So ist bis heute seine Totenmaske an drei verschiedenen Orten zu besichtigen: In Florenz, in Neapel und natürlich in Rom.
Schon zu seinen Lebzeiten hatten die Römerinnen und Römer den heiligen Filippo als ihren Stadtpatron verehrt. Überlaut ging jetzt durch die Heilige Stadt der Ruf des gläubigen Volkes: Santo subito!
Santo subito? Wie gern hätte Clemens VIII. dem Wunsch des römischen Volkes stattgegeben und Filippo Neri, der ihn ja vom Rheuma wunderbar geheilt hatte, heiliggesprochen. Hätte er umso lieber getan, als er selber, wie Filippo, Florentiner war. Durfte er aber nicht. Der Jesuitenorden nämlich legte sein Veto ein. So mächtig aber waren die Jesuiten schon im Vatikan, dass kein Papst ihnen mehr zuwider handeln konnte.
Warum aber erlaubten die Jesuiten die Heiligsprechung des heiligen Filippo Neri nicht? Ganz einfach: als Filippo 1599 starb, war Ignatius, der ältere, auch der kurzlebigere von beiden, schon 43 Jahre tot. Tot, aber längst noch nicht heiliggesprochen. Dass jetzt der viel beliebtere Filippo auf Druck des römischen Volkes subito heiliggesprochen würde, während Ignatius seit 43 Jahren schon der Ehre der Altäre harrte, empfanden die Jesuiten als tiefe Demütigung. Es durfte nicht sein. So wie Papst Clemens VIII. zögerte, so zögerte nach ihm Papst Leo XI., so zögerte nach Leo XI. auch Paul V.
Wenn Hugo Rahner schreibt, diese beiden Heiligen, Filippo und Ignatius, zeigten die enorme Spanne der menschlichen und religiösen Verschiedenheit in der katholischen Kirche, dann übersieht er, dass es nicht nur um diese beiden geht. Der Gegensatz ist viel älter. Er geht zurück bis in die antiken Ursprünge des Christentums. Filippo Neri war ein „eremita“ wie jene Wüstenväter Ägyptens, die im dritten und vierten Jahrhundert schon, abseits der verstaatlichten Amtskirche, einem radikalen Individualismus huldigten und, wie Filippo, nichts sein wollten als „heilige Narren“. Der größte war Antonius von Ägypten. Der machte auch schon Witze wie Filippo Neri: „Mir geht es in meiner Einsiedelei“, klagte Antonius, „wie einem ganz gewöhnlichen Familienvater in seiner Wohnung. Ich bin immer der letzte, der erfährt, was in meinen vier Wänden los ist.“
Während der heilige Antonius draußen in der Wüste Witze riss, machte der heilige Pachomius unten im Niltal heiligen Ernst. Pachomius, ein ehemaliger römischer Unteroffizier und somit ein Mann, der dem heiligen Ignatius zum Verwechseln glich, gründete die ersten Klöster der katholischen Kirche nach dem Muster römischer Kasernen: hohen Mauern im Geviert, dahinter strengste Regeln, die alles, selbst die „necessitas naturae“, das heißt: den Gang aufs Örtchen, militärisch präzis regelten. Und täglich neue Befehle des Oberkommandierenden, die zum Klang der Tuba, der römischen Militärtrompete bekanntgegeben wurden.
Im Mittelalter setzt sich der gleiche Dualismus fort mit dem Nebeneinander des heiligen Dominikus und des heiligen Franziskus. Dominikus, der strenge, erfolgreiche spanische Organisator eines kampfkräftigen Ordens, der nicht zufällig geeignet war, Träger der Inquisition zu werden. Dagegen Franziskus, der heilige Poet und Chaot aus Umbrien, der Dichter des Sonnengesangs und Stifter eines Ordens, der nie richtig funktioniert hat.
Und jetzt, im sechzehnten Jahrhundert? Jetzt Filippo Neri und Ignatius von Loyola. Welcher Papst wollte sich zwischen diesen beiden entscheiden? Nicht Clemens VIII., nicht Leo XI., nicht Paul V. Bis dann ein Papst kam, der genügend religiöse Intelligenz und katholischen Sinn besaß, um einzusehen, dass jeder von uns am besten dadurch heilig wird, dass er alles anders macht als der nächstbeste Heilige. Um diese uralte katholische Weisheit zu bekräftigen, hat Papst Gregor XV. am 12. März 1622, am selben Tag und zur selben Stunde, Filippo Neri und Ignatius von Loyola im Petersdom gemeinsam heiliggesprochen.

 

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