Disputa 8-9/2015

 

Afrika versus Europa

Die Kirche des schwarzen Kontinents erwartet sich von der kommenden Familiensynode etwas anderes als zum Beispiel die Mehrheit der deutschen Bischöfe

Der synodale Prozess zu Ehe und Familie steht vor seinem Höhepunkt. Im Verlauf dieses Prozesses hat sich eine gewisse Skepsis von Vertretern der Kirche Afrikas gegenüber Vorschlägen artikuliert, wie sie von europäischen Mitgliedern der Synode oder etwa dem deutschen Theologen Walter Kardinal Kasper formuliert wurden. Auf europäischer Seite hat man wiederum gefragt, ob sich die Kirche Afrikas nicht aufgrund von Tabus und heimischen Traditionen weigere, die katholische Ehelehre weiterzuentwickeln und die Pastoral den Anforderungen der Welt von heute zu öffnen. Was denken Vertreter der afrikanischen Theologie wirklich? Einer von ihnen ist der Theologe und Anthropologe Edouard Ade. Der Professor arbeitet am Forschungszentrum „Notre Dame de l’Inculturation“ der Katholischen Universität von Westafrika in Cotonou in Benin. Der Priester hat zwei Doktorgrade an der Sorbonne in Paris und an der Gregoriana in Rom erworben.
Auf einer Tagung mit den Vorsitzenden der afrikanischen Bischofskonferenzen vom 8. bis 11. Juni in Acra, der Hauptstadt Ghanas, auf der sich die führenden Repräsentanten der Ortskirchen Afrikas auf eine gemeinsame Marschroute für die kommende Bischofsversammlung im Oktober geeinigt haben, hat Ade einen Vortrag zum Thema „Was die Gläubigen von der Familiensynode erwarten“ gehalten, der besonderen Zuspruch der anwesenden Kirchenführer fand. Zu ihnen gehörten neben dem afrikanischen Kurienkardinal Robert Sarah aus Rom unter anderem die Kardinäle Christian Tumi (Kamerun), John Njue (Kenia), Polycarp Pengo (Tansania) und Berhaneyesus D. Souraphiel (Äthiopien). Man kann also sagen, dass die Thesen Edouard Ades das widerspiegeln, was sich die Verantwortlichen der Kirche Afrikas von der bald beginnenden römischen Synode erhoffen. Ob das nun afrikanisches Tabu-Denken ist oder von der heimischen Kultur geprägte Vorurteile sind, mag der Leser selbst entscheiden.

 

Habt Acht vor den Trojanischen Pferden!

Erwartungen an die kommende Synode zu Ehe und Familie:
Einige Punkte zur Unterscheidung der Geister

von Edouard Ade

 

Indem er 1965 die Bischofssynode als ständige Einrichtung etablierte, wollte der selige Papst Paul VI. einem von den Konzilsvätern ausgedrückten Wunsch entsprechen und den auf dem Konzil erlebten Geist der Kollegialität lebendig halten. Zu jener Zeit, als die Kirche dabei war, ihr aggiornamento  durch eine größere Öffnung auf die Welt hin umzusetzen, zeigte sich die große Notwendigkeit eines gemeinsamen Weges der Nachfolger der Apostel mit jenem unter ihnen, der das petrinische Amt innehat. Man brauchte ein Organ, welches gewährleistete, dass in einer mehr und mehr beschleunigten Welt die über die Erde hin verstreuten Hirten der Kirche untereinander im Dialog blieben und ihre Informationen und Erfahrungen teilten, um so gemeinsam nach pastoralen Lösungen zu suchen, die in der Kirche universell gültig und anwendbar waren, denn es gibt nur einen Leib Christi, dessen Glieder durch einen einzigen Glauben, eine einzige Taufe und die Teilhabe an einem einzigen Brot verbunden sind. Durch die von der Globalisierung verursachten Umwälzungen, die die Kulturen und religiösen Traditionen dampfwalzenartig betreffen, spürt die Kirche mehr und mehr die Notwendigkeit, diesen synodalen Geist zu stärken. In der Vereinzelung können sich die Jünger Jesu nicht den Herausforderungen der heutigen Welt stellen.
Papst Franziskus hat dies mit großer Genauigkeit gespürt – er, der von der geographischen Peripherie der römischen Kirche kam – und hat deshalb gewünscht, dass das Sekretariat der Bischofssynode einen Angelpunkt in der Kurienreform darstelle. Der erste Testfall dieser Vision ist die Frage nach jener Zelle des Gottesvolkes, die die Konzilstexte und die nachkonziliare Lehre der Päpste in der Tradition der Kirchenväter „ecclesia domestica“ (Hauskirche) nannten und die der heilige Papst Johannes Paul II. als „den wichtigsten Weg der Kirche“ präsentierte, weil die Heiligste Dreifaltigkeit ihn selbst für die Inkarnation des ewigen Wortes gewählt hat. Diesen Testfall werden wir gemeinsam bestehen, wenn am Ende der kommenden Synode die folgenden Bedingungen erfüllt sein werden:

  • Am Ende der XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode sehen sich die Familien in ihrer Identität, ihrer Berufung und ihrer Mission gestärkt.
  • Die Hirten helfen den christlichen Familien, ihren heutigen Herausforderungen durch eine Welt zu begegnen, die andere Werte verkündet als jene des Evangeliums.
  • Die Familien werden auf ihrem Pilgerweg des Glaubens begleitet, erfahren Hilfe, um konstruktiv mit ihren Niederlagen und Wunden umzugehen, sowie Unterstützung bei ihren Anstrengungen, sich nach einem Fall neu zu erheben.


Die Erwartungen

Eine klare Verkündigung des Evangeliums der Familie:
Es ist zu wünschen, dass die Synode in ihrem Schlussdokument das Evangelium von der Familie nicht einfach voraussetzt, so als sei die diesbezügliche Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils, des seligen Pauls VI., des heiligen Johannes Pauls II. und Papst Benedikts XVI. bereits von allen oder einer großen Zahl der Katholiken zur Kenntnis und angenommen worden und es ginge jetzt nun noch um eine Pastoral für jene, die dieser Lehre noch nicht oder nicht mehr folgten. Andernfalls würden diese nicht einmal verstehen, warum die Kirche ihnen einen Weg hin zur vollen Aussöhnung mit dem Leben nach dem Evangelium vorschlägt. Die Lehre muss allen in Erinnerung gerufen werden, mit Klarheit – gelegen oder ungelegen.
Der größte Schaden für die Kirche geschieht, wenn ihre Kommunikation der Wahrheit des Evangeliums von einer anderen Form der Kommunikation übertönt wird. Aus diesem Grund erwarten sich die christlichen Familien ein klares Wort von den Synodenvätern darüber, was die biblische Offenbarung über ihre Identität sagt. Die Kirche darf nicht darin nachlassen, diese offenbarte Wahrheit zu verkünden. Die gläubigen Familien erwarten, noch einmal darin bestärkt zu werden, dass die Ehe dem Willen Gottes gemäß in einem einzigen Mann und einer einzigen Frau besteht, die lebenslang verbunden sind, ohne jegliches Recht, weder untreu zu werden, noch sich zu trennen, noch eine neue Ehe einzugehen in dem Fall, dass einer der Partner aus diesem oder jenem Grunde den anderen verlassen hat. Es ist notwendig, dass die Kirche den Familien gelegen oder ungelegen die Eigenschaften und Ziele der christlichen Ehe in Erinnerung ruft. Sie erwarten, dass die Kirche nicht müde wird, diese Wahrheiten zu wiederholen. Wir dürfen nicht darin nachlassen, die Wahrheit des Evangeliums zu wiederholen.
Die pastorale Sorge muss sich in der gleichen Weise auf alle erstrecken: auf solche, die unter nicht geringen Kämpfen und Opfern dem Weg des Evangeliums treu bleiben, auf solche, die auf diesem Weg ein Scheitern erlebt haben, aber in der Treue verharren, wie auf solche, die nicht standhalten konnten und neue Verbindungen eingegangen sind.

Umsicht in der Ausdrucksweise:
Die Kirche muss in ihrem Lehramt bei einer präzisen Sprache bleiben. Da ihre Ehelehre weder Scheidung noch Wiederheirat kennt, darf sie nicht von „wiederverheirateten Geschiedenen“ sprechen, sondern von „Getrennt-Neuverbundenen“. In dem Fall, dass man die erstgenannte Bezeichnung übernimmt, welche im Zivilrecht verankert ist, sollte man klugerweise voranstellen: „...jene, die als wiederverheiratete Geschiedene bezeichnet werden“.
In Bezug auf die Gradualität unterscheidet das Lehramt seit dem heiligen Johannes Paul II. klar zwischen dem „Gesetz der Gradualität“ und der „Gradualität des Gesetzes“, wobei die letztere im Widerspruch zur katholischen Lehre steht. Die erstere hingegen räumt ein, dass ein Sünder Schritt für Schritt und Abschnitt für Abschnitt voranschreiten kann, um aus einer sündhaften Situation herauszutreten, dass er deshalb dabei auf die Gnade Gottes zählen kann, die in ihm die Reue und die Anstrengung zur Buße wachruft und die sich auf das „Gute“ stützen kann, das in ihm bleibt und das die Sünde nicht völlig zerstören konnte.
Die Synode wird darauf achten, dass klar unterschieden wird zwischen dem „Gut“, das im Sünder verbleibt, und der davon völlig verschiedenen Behauptung eines „Guten“ in Lebenssituationen, die dem Evangelium widersprechen. Wäre dies anders, warum sollten sich dann jene, die sich in solchen Situationen befinden, bemühen, diese hinter sich zu lassen? Wenn die Gradualität im Sinne einer Proportionalisierung der Wahrheit auf die jeweilige Lebenssituation hin verstanden würde, wäre das gefährlich, denn dies hieße „außerhalb des Weges voranzuschreiten“ (Thomas von Aquin). Derselbe doctor communis merkt an, dass „es besser ist, auf dem Weg zu hinken, als mit großen Schritten außerhalb des Weges zu laufen. Denn wer auf dem Weg hinkt, nährt sich dem Ziel, auch wenn er kaum vorankommt; jener aber, der außerhalb des Weges läuft, entfernt sich je weiter vom Ziel, desto angestrengter er läuft“ (Kommentar zum Johannesevangelium 14,2).

Die den Getrennt-Neuverbundenen schon gewährten Konzessionen:
Die Synode muss die schon von der Kirche gewährten Zugeständnisse in Erinnerung rufen. Sind sie bekannt und werden sie angewendet? Mit welchen Ergebnissen? Worin stellen sie gegebenenfalls in Bezug auf das Ziel, das das Seelenheil ist, nicht zufrieden; und sollten daher weitere Konzessionen gewährt werden?
„Die Wiederversöhnung im Sakrament der Buße, das den Weg zum Sakrament der Eucharistie öffnet, kann nur denen gewährt werden, welche die Verletzung des Zeichens des Bundes mit Christus und der Treue zu ihm bereut und die aufrichtige Bereitschaft zu einem Leben haben, das nicht mehr im Widerspruch zur Unauflöslichkeit der Ehe steht. Das heißt konkret, dass, wenn die beiden Partner aus ernsthaften Gründen – zum Beispiel wegen der Erziehung der Kinder – der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen können, ‚sie sich verpflichten, völlig enthaltsam zu leben, das heißt, sich der Akte zu enthalten, welche Eheleuten vorbehalten sind‘ (Johannes Paul II., Homilie zum Abschluss der VI. Bischofssynode (25.10.1980), 7: AAS 72 (1980) 1082).“
(Johannes Paul II., Familiaris Consortio, 84)
„Zweifellos ist die volle Teilnahme an der Eucharistie dann gegeben, wenn man auch selbst die Kommunion empfängt. Trotzdem muss darauf geachtet werden, dass diese richtige Aussage bei den Gläubigen nicht zu einem gewissen Automatismus führt, so als habe man, nur weil man sich während der Liturgie in der Kirche befindet, das Recht oder vielleicht sogar die Pflicht, zum eucharistischen Mahl zu gehen. Auch wenn es nicht möglich ist, die sakramentale Kommunion zu empfangen, bleibt die Teilnahme an der heiligen Messe notwendig, gültig, bedeutungsvoll und fruchtbar. Unter diesen Umständen ist es gut, das Verlangen nach der vollen Vereinigung mit Christus zu pflegen, zum Beispiel mit der Praxis der geistlichen Kommunion, an die Johannes Paul II. erinnert (vgl. Ecclesia de Eucharistia, n. 34) und die von heiligen Lehrmeistern des geistlichen Lebens empfohlen wird. (Darunter zum Beispiel Thomas von Aquin, Summa Theologiae, III, q. 80, a. 1,2; Theresia von Jesus, Weg der Vollkommenheit, Kap. 35. Die Lehre ist vom Konzil von Trient maßgebend bestätigt worden: 13. Sitzung, Kap. VIII.).“ (Benedikt XVI., Sacramentum Caritatis, 55)
Indessen muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass der in Ecclesia de Eucharistia und in Sacramentum Caritatis benutzte Ausdruck „geistliche Kommunion“ analog ist und in Wahrheit drei Realitäten beinhaltet, die nicht verwechselt werden dürfen. Er bedeutet:

Die Gnade des empfangenen Sakramentes: jemand kommuniziert sakramental und geistlich.
Die Kommunion der Sehnsucht eines getauften Kindes, das noch nicht die Erstkommunion empfangen hat.
Die Sehnsucht nach der Kommunion, wenn ein Hindernis besteht, die Kommunion zu empfangen. Benedikt XVI sagt: „Sehnsucht nach der vollen Gemeinschaft mit Christus“.

Die Frage der Homosexualität:
Kann die Kirche in Bezug auf die sexuelle Orientierung etwas anderes lehren als sie bis jetzt gelehrt hat, ohne dabei der biblischen Offenbarung zu widersprechen? Tatsächlich müssen wir schon die Ausdrucksweise von der „Orientierung“ hinterfragen, welche suggeriert, es gäbe zwei gleiche Möglichkeiten für die menschliche Sexualität: eine homosexuelle und eine heterosexuelle. Zu sagen, die homosexuelle Orientierung sei nicht das, was Gott vorgesehen hat, als er den Menschen „als Mann und Frau“ erschuf, heißt nicht, homosexuell empfindende Menschen anzugreifen.

Die Frage der Polygamie:
Es wäre wichtig für die kirchliche Pastoral in Afrika, wenn die Synode in ihrem Schlussdokument klar unterscheiden würde zwischen: (erstens) polygamen Heiden, die in der Situation der biblischen Patriarchen leben und von der Gnade Gottes berührt werden, und (zweitens) Getauften, die sich später zur Polygamie hin orientieren. Es wäre wichtig für die Mission der Kirche in Afrika, dass die Synode klar jede Form von Polygamie für Getaufte ausschließt. Indes sollte die Synode die Praxis des paulinischen und des petrinischen Privilegs neu bewerten, um zu vermeiden, dass zur Sünde der Herzenshärte, die die Polygamie ermöglicht hat, auch noch die Sünde der Ungerechtigkeit hinzukommt, insbesondere gegenüber den Frauen.

Die Anerkennung von Fällen der Ehenichtigkeit:
Die Synode muss sich damit beschäftigen, wie Ehenichtigkeitsverfahren für Betroffene leichter erreichbar und flexibler gemacht werden können, wobei aber beide kanonischen Instanzen beibehalten werden müssen, weil es notwendig ist, die moralische Gewissheit des Urteils zu garantieren. Man könnte zum Beispiel dafür sorgen, dass die Verfahren nicht unnötig lang dauern, eine ausreichende Zahl von kompetenten Mitarbeitern für die kirchlichen Ehegerichte ausbilden und (wenigstens für die Armen) die Verfahren kostenlos durchführen. In jedem Abschnitt des Verfahrens muss auf alle Fälle ausgeschlossen sein, dass seine flexiblere Gestaltung der Anerkennung einer Scheidung ähnlich sieht, was einen schweren Angriff auf die Unauflöslichkeit der Ehe darstellen würde.
Wenn die Vorbereitung auf die Priesterweihe und auf das Ordensleben eine kanonisch vorgeschriebene Dauer haben, kann man sich dann bei der Ehevorbereitung mit vagen Schritten wie der „weiteren“ und der „unmittelbaren Vorbereitung“ auf das Sakrament begnügen, welche noch dazu oft durch das Feuer der Leidenschaft aufs Äußerste verkürzt werden? Müsste man nicht eine nicht reduzierbare kanonische Mindestdauer der Ehevorbereitungszeit einführen?


Eine genaue Unterscheidung der Geister

Die Fallen der ideologischen Kolonisierung und der isolierten Sicht auf die eigene Situation:
Papst Franziskus hat mehrmals die Bischöfe der Entwicklungsländer auf die Gefahr der ideologischen Kolonisierung hingewiesen. Auch wenn der Westen nicht glauben darf, seine Probleme seien die einzigen auf der Welt, so bedroht doch die von ihm durchlebte Krise der Familie auch die Länder Asiens und Afrikas (vgl. die Konferenzen von Peking und Kairo, das Protokoll von Maputo usw.). Sich dieser Herausforderung zu stellen, ist darum nicht nur die Aufgabe Europas und Nordamerikas.
Doch wenn es auch vermieden werden muss, dass die jungen Kirchen in die Falle tappen, sich auf jene Fragen zu beschränken, die als die für sie typischen gelten, so müssen sie doch unbedingt gleichzeitig den Westen auffordern, dass er sich anderen kulturellen Horizonten öffnet; die eigene kulturelle Gesundheit der jungen Kirchen hängt davon ab.

Die Illusionen einer Pseudo-Öffnung:
Die Synodenväter müssen sich im Klaren sein über die Illusionen einer Pseudo-Öffnung der Welt gegenüber. Wenn man den Medien glaubt, scheint Deutschland das Land zu sein, das sich an die Spitze derer gestellt hat, die die katholische Lehre den Erwartungen der Welt gegenüber öffnen wollen. Doch wenn wir die Statistiken der religiösen Praxis jenes Landes vergleichen, offenbaren sie eine große Illusion: die protestantischen Gemeinschaften, die bereits homosexuelle Verbindungen segnen, die Scheidung, Abtreibung und Euthanasie akzeptieren, zählen nur 3,5 Prozent Gottesdienstbesucher gegenüber 10,8 Prozent bei den Katholiken. Es ist also ein Irrtum, dass eine Öffnung der Welt gegenüber die Zahl der praktizierenden Katholiken erhöht. Im Gegenteil: Eine solche Auflösung im Geist der Welt würde die Kirche der enormen Chance berauben, den jungen Menschen die Werte des Absoluten zu verkünden, die sie unglücklicherweise mangels besserer Möglichkeiten bei extremistischen Gruppen suchen, bei Djihadisten, Terroristen und so weiter. Denn die heraufziehende Generation ist, mehr als viele glauben, auf der Suche hoher spiritueller Werte. Sie hat die konsumistische Kultur satt, die ihr die globalisierte Welt aufdrängt; und ohne es zu sagen erwartet sie von der Kirche, dass diese fest in Jesus Christus verankert den Mut hat, ihr hohe Werte und die Heiligkeit als einen für alle möglichen Weg vorzuschlagen.

Anwendung der Regeln zur Unterscheidung der Geister:
Papst Franziskus hat als guter Sohn des heiligen Ignatius einen feinen Sinn für die Regeln zur Unterscheidung der Geister. Die auf der Synode versammelte Kirche darf ihr Ziel nicht auf krummen Wegen zu erreichen suchen. Dieser Weg zum Ziel erfordert Geradheit im Denken und Reinheit in der Intention gemäß der Lehre des Baudouin de Ford. Es kommt nämlich vor, dass „manche Dinge, etwa Laster, den Anschein echter Tugenden annehmen und die Augen des Herzens betrügen. Durch ihre Verführungen können sie die Sicht unserer Intelligenz soweit stören, dass diese etwas Schlechtes für gut hält und umgekehrt dazu gelangt, etwas Schlechtes dort zu erkennen, wo keines ist. Das ist ein Aspekt unseres elenden Zustandes und unserer Unwissenheit, den wir sehr bedauern und fürchten müssen“.  Hier liegt der Grund, warum uns der heilige Apostel Johannes empfiehlt, die Geister zu unterscheiden, um zu sehen, ob sie wirklich von Gott stammen.
Dank dieses Sinnes für die Unterscheidung der Geister müssen die Synodenväter wachsam bleiben für die Strategie des Feindes des Menschengeschlechtes, der wie ein brüllender Löwe herumgeht und sucht, wen er verschlingen kann. Wir alle sind aufgerufen, ihm im Glauben zu widerstehen (vgl. 1 Petr 5, 8-9).

Die künstlichen Gegensätze:
Eines seiner großen Manöver besteht es darin, viel Wind zu machen um künstlich aufgerichtete Gegensätze: Man wird die Medien viel sprechen hören von „Konservativen“ und „Fortschrittlichen“, von jenen, die für eine „elitäre Doktrin“ seien, und jenen, die eine „relativistische Pastoral“ verfechten. In diesen bis zum Extrem vorangetriebenen künstlichen Gegensätzen wird er mittlere Standpunkte schaffen und dabei emotional rührende Positionen mit „minimalen Änderungen“ vorschlagen. Aber wie uns schon die Geometrie lehrt, wird die geringste Änderung am Ausgangspunkt zu großen Abweichungen am Ziel führen. Die Strategie ist hier, die kleinste „Öffnung“ zu finden, die alle Parteien für die Zeit der Synode zufriedenstellt. Aber die Hermeneutik dieses „kleinen Zugeständnisses“ – denken wir hier an die Einzelfälle, für die einige, an deren Rechtgläubigkeit man nicht zweifeln kann, eine barmherzige Aufmerksamkeit fordern – kann morgen zu großen doktrinären Divergenzen führen. Den Medien muss darum erläutert werden, dass die Synodenväter nicht zu einem Wettkampf nach Rom fahren, um Trophäen für ihre Lokalkirchen nach Hause zu bringen. Es gibt nur einen Sieg zu erhoffen: den des Geistes des Evangeliums über den Geist der Welt.

Die gewagten pastoralen Antizipationen:
Gewisse Hirten haben bereits ohne Autorisierung durch den Heiligen Stuhl Praktiken eingeführt, die der allgemeinen Disziplin widersprechen, und wirken darauf hin, dass die Synode diese Praktiken billigt. Solche pastoralen Haltungen müssen mit größter Strenge angeprangert werden.

Punkte besonderer Wachsamkeit:
Die Methode des Fürsten dieser Welt, der versucht, die Kirche zu destabilisieren, entspricht der des „Trojanischen Pferdes“. Daher im Folgenden die Trojanische Pferde, die während der Synodenversammlung auftreten könnten:

Trojanisches Pferd Nummer 1:  Eine „neue Sprache“ für unantastbare Wahrheiten finden:
Diese Forderung nach einer neuen Sprache ist sehr präsent in der Relatio Synodi und in den Debatten, die im Anschluss an die Außerordentliche Synode vom Oktober 2014 geführt werden. Es ist wahr, dass die Neuevangelisierung und die Anstrengungen zur Inkulturation des Glaubens in die heutige Welt eine der zeitgenössischen Welt entsprechende Kommunikationsform erfordern, ein wenig so wie Jesus selbst zu seiner Zeit Gleichnisse anwandte, um sich seinen Zuhörern verständlich zu machen. Aber wie das Evangelium uns zeigt, wurden diese Gleichnisse nicht von allen verstanden, nicht einmal von den Jüngern, die das Leben Jesu teilten. Es war notwendig, dass er ihnen die Gleichnisse im Einzelnen erklärte. Haben wir das Recht, diese notwendige Erklärungsarbeit zu vernachlässigen? Ist es wirklich das Wort, das den Zeitgenossen stört, und nicht vielmehr die Wirklichkeit, auf die das Wort verweist? Wir könnten noch so sehr die Worte wandeln, wir würden uns doch an der Nichtreduzierbarkeit ihrer Bezugswirklichkeit stoßen, außer es ginge darum, auch jene zu ändern. In jenem Fall stünden wir nicht mehr auf dem Boden der katholischen Glaubenslehre. Worin zum Beispiel würde die Theologie des Leibes, wie sie von Johannes Paul II. entwickelt worden ist, die gegenwärtige Welt stören, warum sollte sie durch eine Theologie der Liebe ersetzt werden, wenn es nicht den offensichtlichen Willen gäbe, die in die Leiblichkeit eingeschriebene Differenz auszulöschen, jene von Gott gewollte Geschlechterdifferenz, der den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat. Den Leib zu eliminieren, heißt das Mysterium des Kreuzes zu eliminieren, heißt das Mysterium der Familie zu eliminieren.

Trojanisches Pferd Nummer 2:  Die Rede von den Werten:
In der Relatio Synodi geht es auch viel um die positiven Werte bei den „wiederverheirateten Geschiedenen“, den „homosexuellen Verbindungen“ und so weiter. An dieser Stelle muss in der Schule des heiligen Thomas von Aquin nachdrücklich an der Unterscheidung zwischen der Behauptung eines „Guten“ beim Sünder selbst einerseits und der Behauptung eines „Guten“ in der sündhaften Situation andererseits festgehalten werden.
Andernfalls müsste man auch sagen, dass die Polygamie unter Getauften einen Wert darstelle, denn genau darum handelt es sich im Fall der „Getrennt-Neuverbundenen“. Um den Vergleich auf die Spitze zu treiben: Zu behaupten, dass es positive Werte in dem Evangelium widersprechenden Verbindungen gibt, hieße auch anzuerkennen, dass es solche positiven Werte in terroristischen Vereinigungen, bei der Mafia oder einer ähnlichen Gruppe gibt, aus dem einfachen Grund, dass die Mitglieder einer solchen Vereinigung zu selbstvergessenem Handeln, zu Solidarität, zu Treue und vielen anderen Werten fähig sind, die man auch in Wohltätigkeitsvereinen findet.

Trojanisches Pferd Nummer 3:  Die Idealisierung der Anforderungen des Evangeliums:
In der gegenwärtigen Diskussion um die christliche Familie, die katholische Ehe mit ihrer Unauflöslichkeit, ihrer Einheit, ihrer Forderung nach Treue und Offenheit für Nachkommenschaft werden diese ihre Eigenschaften oft als „Ideale“ dargestellt. Hinter solcher Darstellungsweise verbirgt sich eine große Gefahr, denn auf diese Weise wird die Befolgung der Gebote Gottes als ein hohes, aber für den  Normalsterblichen unerreichbares  Ideal vor Augen gestellt. Entspräche dies den Tatsachen, dann wäre das Evangelium keine Frohe Botschaft für den Menschen, sondern ein Joch, das auf sich zu nehmen ein unnützer Vorschlag wäre.

Trojanisches Pferd Nummer 4:  Die Zweideutigkeiten und die doppelsinnigen Vorschläge:
Schon in der Relatio Synodi, aber auch in den heute geführten Debatten wird mit Verschiebungen in den Formulierungen gearbeitet. Man beginnt damit, etwas lehrmäßig völlig Unanstößiges zu behaupten, und am Ende gelangt man zu einem unzulässigen oder zweideutigen Vorschlag.
Es heißt: Wir wollen keine „Ehe für alle“, aber wir plädieren dafür, dass die Kirche den in anderen Verbindungen gelebten Werten Rechnung trägt, die auf Dauer angelegt, treu sind und so weiter.
Der heilige Ignatius nun hat uns vor solchen Ideen gewarnt: Man muss Obacht geben, ob der gute Beginn auch zu einem guten Ziel führt, denn der Feind des Menschengeschlechtes beherrscht die Kunst, sich in einen Engel des Lichtes zu verwandeln. Er flößt der frommen Seele gute und heilige Gedanken ein und führt sie am Ende zu seinen verkehrten Absichten hin. Das ist der Grund, wegen dem uns der heilige Ignatius rät, die Schlange an ihrem Schwanz zu erkennen.

Schlussfolgerung:
Die Veröffentlichung des provisorischen Zwischenberichtes der Außerordentlichen Bischofsversammlung in den Medien, in welchem eine Anzahl von Vorschlägen wiedergegeben wurde, die von einem bedeutenden Teil der Synodenväter zurückgewiesen worden waren, hat der katholischen Kirche nicht zur Ehre gereicht. Die Bischofssynode ist nicht die Synode der internationalen öffentlichen Meinung. Die Kirche ist gerufen, nicht zu vergessen, was sie ist. Sie darf nicht an Zivilorganisationen Maß nehmen, bei deren Versammlungen oft die Ergebnisse schon im Vorhinein formuliert und dann zur Abstimmung vorgelegt werden, wenn alle schon müde sind.
Wenn wir glauben, dass es der Heilige Geist ist, der seine Kirche leitet, müssen wir die Geduld haben, den Weg unter seiner Eingebung zu gehen und dabei wirklich gemeinsam voranzuschreiten. Auf diesem synodalen Weg müssen wir hören, was der Geist den Kirchen sagt. Und er kann nichts Anderes sagen als das, was der Sohn uns offenbart hat. Wenn es eine Erwartung der Gesamtheit der Christgläubigen gegenüber ihren bischöflichen Synodenvätern gibt, dann ist es die, dass diese auf den Heiligen Geist hören und wachsam sind gegenüber den Trojanischen Pferden, die der Feind des Menschengeschlechtes in ihre Überlegungen einschleusen könnte.

 

 

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