Disputa 2/2015

 

Der synodale Weg:Eine Zwischenbilanz

Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet Bischöfe und Kardinäle, die aus Afrika und den Ländern am Rande dieser Welt stammen, haben auf der jüngsten Familien-Synode in Rom den Vorstoß derer vereitelt, die beim Umgang mit Personen, die in irregulären Beziehungen leben, eine Änderung der katholischen Pastoral erzwingen wollten. Die Mehrheit der deutschen Bischöfe war damals stolz darauf, ihren Vorsitzenden mit einem Votum nach Rom geschickt zu haben, das sich den Vorschlägen des emeritierten Kurienkardinals Walter Kasper anschloss. Der Autor des folgenden Beitrags ist Amerikaner und zieht aus der Ferne eine Zwischenbilanz des synodalen Wegs. Seine Analyse hat eine andere Brennschärfe als die der Beobachter vor Ort. Aber es sollte doch festgehalten werden, wie man in anderen Teilen der Welt die Ereignisse in Rom bewertet, vor allem die Tatsache, dass es ausgerechnet die Afrikaner waren, die sich gegen eine Aufweichung der kirchlichen Praxis und Lehre wandten.

 

Die afrikanische Stunde

Zwischen den beiden Synoden: Bei der jüngsten Bischofsversammlung zu Ehe und Familie bremsten die Vertreter des Südens den Versuch des alten Europa, das Scheitern der Theologen und Katecheten einer erstarrten Pastoral in die Länder zu transportieren, in denen die
katholische Kirche lebendig ist und wächst. Für den synodalen Weg
hat das Konsequenzen

von George Weigel

 

 

Es war am 19. November 1964: An diesem Tag wurde der Textentwurf für die „Erklärung über die Religionsfreiheit“ des Zweiten Vatikanischen Konzils unvermittelt zurückgestellt und die Abstimmung um ein Jahr verschoben. Die Ankündigung dieser unerwarteten Entscheidung, die ein Antrag italienischer und spanischer Bischöfe veranlasst hatte, die angeblich gegen diese Erklärung waren, führte zu einer fast chaotischen Situation. Hastig wurde eine Petition an Paul VI. zusammengeschustert und von hunderten von Konzilsvätern unterschrieben, in welcher der Papst gebeten wurde, eine Abstimmung über die Erklärung zuzulassen, bevor das Konzil seine dritte Sitzungsperiode in Kürze beschließen würde. Paul VI. entschied, dass trotz der Beschwerden der Mehrheit nicht gegen das Procedere verstoßen worden sei und die Abstimmung auf die vierte Sitzungsperiode des Konzils im Herbst 1965 vertagt würde – wobei er versprach, die Erklärung werde als erster Punkt auf die Tagesordnung kommen.
In der katholischen Kirche hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren nichts ereignet, das an diesen legendären „Schwarzen Donnerstag“ (den der amerikanische Jesuit und Konzilstheologe John Courtney-Murray als „Dies irae – Tag des Zorns“ zu bezeichnen pflegte) erinnert hätte – bis zu einem anderen Donnerstag, dem 16. Oktober 2014, kurz vor Abschluss der Außerordentlichen Synode über die Familie. Die Synodenversammlung im letzten Oktober war in der Tat „außerordentlich“ – nicht zuletzt, weil die Synodenväter am 16. Oktober in der Synodenaula eine Massenrevolte veranstalteten. In einer dramatischen Szene, bei der auch laute und zornige Stimmen zu hören waren, zwangen die Väter die Synodenleitung, die vollständigen Texte der Berichte der Sprachgruppen zu veröffentlichen, von denen sich viele sehr kritisch über den „Zwischenbericht“ geäußert hatten, der nach der ersten Woche der Synodendebatte erstellt worden war. Dieser Aufstand der Mehrheit setzte seinerseits einen Prozess in Gang, der zu einem stark veränderten und deutlich verbesserten Schlussbericht der Synode von 2014 führte.
Bei beiden Gelegenheiten zeigte der Ausbruch eines ziemlich „unrömischen“ Verhaltens an, dass etwas Ernstes im Gange war, etwas, das das Selbstverständnis der katholischen Kirche betraf. 1964 war die Religionsfreiheit das Thema, doch die tieferen Fragen betrafen das Wesen der menschlichen Person, das Verhältnis zwischen Gewissensfreiheit und dem Anspruch der Wahrheit, das historische Verhältnis der Kirche zur Staatsgewalt und die sich gegenüber der politischen Moderne herausgebildete Haltung des Katholizismus. 2014 ging es um die Familie und die pastorale Antwort der Kirche auf die sexuelle Revolution, doch die eigentlich umstrittenen Fragen waren praktisch dieselben wie 1964, obwohl sie diesmal stärker das Verhältnis der Kirche zur postmodernen Kultur betrafen als ihr Verhältnis zur Demokratie und die Trennung von Kirche und Staat.
Wenig von dieser Tiefe war leider in den Berichten und Kommentaren über die Synode von 2014 zu spüren, die allzu häufig dem narrativen Schema „menschlicher, progressiver Papst und seine Verbündeten gegen die Anhänger der intransigenten Partei beim Zweiten Vatikanum“ folgten. Diese Darstellung beinhaltet auch eine cartoonhafte Karikatur derjenigen, denen die Rolle der Bösewichte zugewiesen wurde. Am schlimmsten ist, dass so die Aufmerksamkeit von den ernsten Themen abgelenkt wird, die Papst Franziskus zu Recht in den Blickpunkt rücken will: die Krise der Ehe und der Familie in allen westlichen Ländern und die Herausforderung, Wahrheit und Barmherzigkeit in der Seelsorge mit Blick auf diejenigen zu verbinden, die durch diese Krise auf unterschiedliche Weise verwundet worden sind.
Die Leidenschaft, die durch die Außerordentliche Synode selbst sowie durch die verzerrte Berichterstattung über sie geweckt wurde, wird in diesem Jahr wohl zu einigen Turbulenzen in der katholischen Kirche führen. Sie könnte vermindert und es könnten pastorale Fortschritte erzielt werden, wenn die ernsten Fragen, die dem Ringen der katholischen Kirche mit der postmodernen Kultur zugrunde liegen – vor allem die Normierung und ideologische Rechtfertigung der sexuellen Revolution –, als das gesehen werden, was sie sind. Nur dann können sie mit einer ruhigeren Einstellung diskutiert werden, als das bisher der Fall war.

Das deutsche Problem. Papst Franziskus weiß, dass die Ehe in einer globalen Krise steckt, wie er in der Woche nach dem Abschluss der Synode in einer leidenschaftlichen Ansprache vor der Schönstattbewegung unmissverständlich klar gemacht hat. Dort stellte er fest, dass Ehe und Familie nie so hart angegriffen worden seien wie heute: Eine „Wegwerfkultur“ reduziere den Ehebund auf einen reinen „Interessenverband“, wogegen die Kirche „ganz klar“ die Wahrheit über die Ehe setzen müsse. Es war immer die Absicht des Papstes, dass die Synode des Jahres 2014 eine breitgefächerte Diskussion über die Krise der Ehe und die Familie sein sollte. Denn er glaubt, dass die Kirche nur dann, wenn das Wesen der Krise vollständig erfasst wird, darüber nachzudenken beginnt, wie sie ihr Eheverständnis so erklärt, dass es bereitwilliger gehört und in der heutigen gnostischen Kultur gelebt werden kann. Eine gründliche Untersuchung der Krise und der christlichen Eheschließung als Antwort darauf ist aber nicht in dem Maß erfolgt, wie man es sich erhofft hätte, was zu einem nicht unbedeutenden Teil das Werk der deutschen Bischöfe war, die von dem emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper und dem Generalsekretär der Synode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, angeführt wurden. Sie schienen entschlossen zu sein, die Frage der Zulassung von geschiedenen und zivil wiederverheirateten Katholiken zur Kommunion in den Vordergrund der Synodendebatten zu drängen.
Die deutsche Fixierung auf diesen Punkt war in gewisser Hinsicht ein Ausdruck der Beschäftigung mit sich selbst und den pastoralen Problemen einer erstarrten deutschen Kirche, die unbestreitbar schwerwiegend sind. In anderer Hinsicht jedoch ist die Frage des „Kommunionverbots“ (wie es in der Presse gemeinhin genannt wurde) ein Vorwand für eine weitaus umfangreichere Auseinandersetzung über die Natur der Lehre und ihre Entwicklung. Und das seinerseits nimmt die lang anhaltende Diskussion über die Bedeutung des Zweiten Vatikanums und dessen Verhältnis zur katholischen Tradition wieder auf, die Kasper und seine Verbündeten anscheinend erneut eröffnen wollen.
Zehn Monate, bevor die Synode zusammenkam, habe ich einen gut unterrichteten Beobachter der katholischen Verhältnisse in Deutschland gefragt, warum die Spitzen der katholischen Kirche in Deutschland darauf beharrten, die Frage der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene wieder aufzugreifen, wo doch der Großteil der Weltkirche meine, sie sei bei der Synode über die Familie im Jahr 1980 ausreichend erörtert worden und scheine durch die erneute Bekräftigung der traditionellen kirchlichen Lehre und Praxis im Apostolischen Schreiben „Familiaris consortio“ des heiligen Johannes Paul II. im Jahr 1981 sowie den Kirchenrechtskodex im Jahr 1983 erledigt. Die Antwort bestand aus einem Wort: „Geld“.
Die deutsche Kirche finanziert sich durch die Kirchensteuer, die von jedem Bürger eingezogen wird, der keine Maßnahmen ergreift, um aus der Kirche auszutreten. Hier geht es um beträchtliche Summen: Im Jahr 2011 brachte die Kirchensteuer der katholischen Kirche in Deutschland 4,92 Milliarden Euro ein. In jüngster Zeit haben sich jedoch immer mehr deutsche Katholiken für den Austritt entschieden. In einem unbeholfenen Versuch, den Aderlass zu stoppen, haben die deutschen Bischöfe 2012 ein Dekret erlassen, in dem erklärt wurde, dass alle, die aus der Kirche austreten, um keine Kirchensteuer zu zahlen, de facto als Abtrünnige gelten und vom sakramentalen Leben der Kirche – außer in Todesgefahr – ausgeschlossen seien. Viele machten sich über das Dekret lustig, und deutsche Kirchenrechtler bezeichneten es als eine Schnapsidee, da es mehr als der Unterzeichnung einer zivilen eidesstattlichen Erklärung bedürfe, um die Kirche zu „verlassen“.
Viele deutsche Bischöfe scheinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass der Abfall vom Bezahlen der Kirchensteuer am besten dadurch erklärt werden kann, dass die katholische Kirche als geiziger, engherziger und grausamer Vertreter von Normen wie etwa der Unauflöslichkeit der Ehe wahrgenommen wird, die für keinen Europäer des einundzwanzigsten Jahrhunderts, der etwas auf sich hält, akzeptabel seien. Dass die Leute aufhören, Kirchensteuer zu zahlen, weil sie nicht mehr glauben, dass Jesus der Herr und die katholische Kirche Sein Leib ist, wäre eine einfachere Erklärung. Doch dann müsste man zugeben, dass der Rückgang des katholischen Glaubens und der katholischen Praxis in Deutschland etwas mit dem kolossalen Scheitern der deutschen Theologen und Katecheten zu tun hat, das Evangelium unter den sich verändernden Bedingungen der späten Moderne und Postmoderne effektiv zu vermitteln.
Während der Synode selbst hat Kardinal Kasper in Wien einen Vortrag gehalten, in dem er seine Position über Ehe und Familie dem eigenen Verständnis des Zweiten Vatikanums als eines Konzils zuordnete, das eine neue Zeit im Leben der katholischen Kirche eröffnet habe, in der alle alten Wahrheiten Gegenstand einer Überprüfung und möglicherweise sogar einer nochmaligen Erwägung seien. Auch hier fragt man sich, welche Informationen in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gelangt sind. Die lebendigen Teile des Katholizismus in der entwickelten Welt sind diejenigen, die nach einer von innerer Kraft erfüllten Rechtgläubigkeit leben, durch die sich die Lehre Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. auszeichnet; die abbröckelnden Teile des europäischen Katholizismus – also der größte Teil des westeuropäischen Katholizismus – sind diejenigen, die sich dem Wind des Zeitgeists gebeugt und die in der Meinung, dies entspreche dem „Geist des Zweiten Vatikanums“, in Fragen der kirchlichen Lehre und Moral die Grenzen aufgeweicht haben. Hier hat Kasper gemeinsam mit Synoden-Generalsekretär Baldisseri ein weiteres Aufweichen der Grenzen begünstigt, und zwar auf eine Weise, die für die Mehrheit der Synodenväter in krassem Widerspruch zur Lehre des Herrn zu stehen schien.

Die Stunde Afrikas. Es war keine Überraschung, dass die Vorschläge, die der Synode im letzten Jahr von den Deutschen und ihren Verbündeten aufgedrängt wurden, in vielen der Mainstream-Medien als mutig, frisch und innovativ dargestellt wurden, obwohl sie tatsächlich eher schal und abgenutzt waren, Überbleibsel der Vorstellung eines „progressiven“ Katholizismus, der – in Europa und anderswo – nach Maßstäben des Evangeliums offensichtlich gescheitert ist. „Neu“ an der Außerordentlichen Synode war, dass sich der afrikanische Katholizismus als ein Hauptfaktor für die Gestaltung der Zukunft des Katholizismus auf der Welt erwiesen hat. Die afrikanischen Synodenväter waren unter den Anführern derer, die die Vorschläge Kaspers hinterfragten. Und sie argumentierten mit Nachdruck, dass sich die christliche Auffassung der Ehe in ihren Kulturen vor allem für die Frauen als eine befreiende Kraft gezeigt habe. Sie schlugen auch – implizit oder explizit – vor, dass Bischöfe, die sterbende Ortskirchen repräsentierten, die westliche Dekadenz nicht in den Südteil der Welt exportieren sollten, wo der Katholizismus exponentiell gewachsen sei, indem die Wahrheiten des Evangeliums mitfühlend aber auch kompromisslos verkündigt werden.
Das erforderte Mut, und zwar nicht nur, weil sich die Afrikaner damit der Anklage aussetzten, kulturell rückständig zu sein (oder, wie es Kardinal Kasper wenig elegant formulierte, „Tabus“ zu unterliegen). Es erforderte auch Mut, weil ein großer Teil der Kirche in Afrika Geld von deutschen katholischen Hilfswerken erhält, die dank der Kirchensteuer über beträchtliche Mittel verfügen und sehr großzügig sind. Und doch schien für Männer wie Kardinal Wilfrid Fox Napier, den Erzbischof von Durban, von dem man lange dachte, er sei mit der katholischen Linken verbunden, bei der Synodendiskussion über die Ehe sowie über die Seelsorge für Homosexuelle etwas außerordentlich Wichtiges auf dem Spiel zu stehen. Daher fanden Napier und andere, es sei an der Zeit, Alarm zu schlagen. Napier tat dies mit einer bemerkenswerten Verurteilung des Zwischenberichts der Synode – ein mutiger Aufruf, der anderen erfolgreich ermöglichte, zu sagen, was sie wirklich über die Manipulation der Synodendiskussionen dachten, die in diesem Bericht offen zutage traten.

Der Prozess. Während der Synode wurden Befürchtungen, der Synodenverlauf würde durch Kardinal Baldisseri und Erzbischof Bruno Forte, den italienischen Theologen und Sondersekretär der Synode, manipuliert, sogar von normalerweise vernünftigen Vatikanberichterstattern routinemäßig als konservative Verschwörungstheorien abgetan. Zahlreiche Synodenväter erzählten jedoch eine andere Geschichte, und ihre Enttäuschung über den Verlauf war eindeutig der Grund, der zu der heftigen Auseinandersetzung des 16. Oktobers sowie zur darauffolgenden Veröffentlichung der Diskussionsberichte aus den Sprachzirkeln geführt hat, die in scharfem und erheblichem Widerspruch zu der Linie stand, die der Zwischenbericht vertrat.
Was stimmte nicht mit dem Verfahren? Einiges. Der Papst hatte zu einer offenen und freimütigen Diskussion aufgerufen, was bisher nicht unbedingt typisch für die bisherigen Bischofssynoden war. Doch das Synodensekretariat lehnte es ab, die Texte mit den Beiträgen der Synodenväter während der ersten Woche zu veröffentlichen, in der die Synodenväter, Auditoren und Beobachter vor der ganzen Versammlung gesprochen hatten. Es wurde kritisiert, dass Zusammenfassungen der Debatten, die das vatikanische Presseamt veröffentlichte (wahrscheinlich unter der Regie des Synodensekretariats), und einige der täglichen Pressekonferenzen der Synode eher der Versuch der Beeinflussung gewesen seien, als dass sie eine korrekte Wiedergabe der Diskussionsbreite dargestellt hätten. Diejenigen, die erklärten, eine ehrlichere Berichterstattung sei angezeigt, wurden abgeschmettert, und nicht wenige Synodenväter kamen zu dem Schluss, dass – wie jemand es darstellte – die Manipulation der Sitzungsberichte „sowohl offensichtlich als auch unbeholfen“ sei, was so viel hieß, dass sie durchschaubar war – und zwar sozusagen auf wenig intelligente Weise.
Doch es war gerade der Zwischenbericht, der viele Synodenväter aktiv werden ließ. Er sollte die Hauptthemen der ersten Synodenwoche zusammenfassen, die dann in der zweiten Woche in den Sprachgruppen genauer untersucht und weiterentwickelt werden sollten. Der Zwischenbericht war aber als Entwurf eines Abschlussdokuments der Synode formuliert und stellte Themen von größtem Interesse für die internationale Presse heraus, die begierig auf das katholische Einknicken in puncto sexuelle Revolution wartete.
Als eine der Sprachgruppen mit den Beratungen begann, fragte ein Mitglied die anderen in der Runde mit Blick auf den von Forte verfassten Absatz des Zwischenberichts zum pastoralen Umgang mit Homosexuellen: „Habt Ihr davon in der letzten Woche etwas gehört?“ Das wurde einstimmig verneint. Die Übernahme der aufbegehrenden Sprache von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen im Zwischenbericht rief ebenfalls erhebliche Kritik hervor. Die Synodenväter erklärten, die katholische Kirche beschreibe Menschen nicht nach ihren sexuellen Begehrlichkeiten, wie auch immer diese geartet seien. Dies zu tun, widerspreche der reichen katholischen Anthropologie des Menschen, die erst in jüngster Zeit von Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika „Redemptor hominis“ und in seiner Theologie des Leibes ausgedrückt worden sei.
Was seinerseits eine andere Frage über den Verlauf der Synode aufwarf: Warum waren keine Mitglieder des „Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie“ als Auditoren oder Beobachter zur Synode eingeladen worden? Stanislaw Grygiel, der Gründungsdirektor des Instituts, und seine Frau Ludmilla hatten kurz vor der Synode bei einer europäischen Konferenz über Familienfragen großartige Vorträge über den christlichen Ehebegriff gehalten. Doch weder die Grygiels noch der Moraltheologe Livio Melina, derzeit Direktor des Instituts, waren zur Synode eingeladen. Es scheint, dass dies eine bewusste Entscheidung des Generalsekretärs der Synode, Kardinal Baldisseri, war, der vermutlich kein Interesse daran hatte, Kaspers Ansatz und Vorschläge durch das Lehramt Johannes Pauls II. hinterfragen zu lassen – obgleich sich diese Lehre in den vergangenen zwei Jahrzehnten als erfolgreichste Antwort auf die sexuelle Revolution und den schweren Kollateralschaden erwiesen hat, den dieser Umbruch für Ehe und Familie mit sich gebracht hat.
Dieser Fehler kann im Vorfeld der Ordentlichen Synode leicht behoben werden. Die Beratungen dieser größeren Versammlung (an der mehr Ortsbischöfe teilnehmen werden als an der Außerordentlichen Synode) könnten aus der Erfahrung des Instituts Johannes Paul II. großen Nutzen ziehen. Denn dort wurde eine umfassende katholische Anthropologie entwickelt, die dem Angriff der sexuellen Revolution nicht dadurch begegnet, dass sie ihr zustimmt, sondern dadurch, dass sie sie zu einer Diskussion darüber herausfordert, wer die menschliche Sexualität ernster nimmt: diejenigen, die in der treuen und fruchtbaren ehelichen Liebe ein Bild des inneren Lebens der Dreifaltigkeit sehen, oder diejenigen, die Sexualität auf eine sportliche Betätigung reduzieren?
Was nicht so leicht zu korrigieren sein wird und – wie Kardinal Napier sagte – „irreparabel“ sein könnte, ist der Schaden, den der Zwischenbericht des Synodensekretariats angerichtet hat. Versuche von Kardinal Baldisseri und anderen, den Bericht bloß als eine Art Report über Diskussionsthemen zu verharmlosen, wurden durch zwei Tatsachen Lügen gestraft. Erstens: Mindestens sieben von zehn Sprachgruppen haben in der zweiten Synodenwoche den Zwischenbericht heftig kritisiert und ihn als ungenaue Wiedergabe der Synodendebatten betrachtet. Zweitens: Sehr wenig von dem, was die katholische Linke und die internationale Presse in dem Zwischenbericht revolutionär und erfreulich fanden, war im Schlussbericht der Synode zu finden, den Papst Franziskus als das Dokument bezeichnete, das die Tagesordnung der Synode von 2015 bestimmen würde, beziehungsweise in der „Botschaft“ der Synode an die Welt, ein sorgfältig verfasstes Dokument, das sich anerkennend und lobend über Ehe und Familie äußerte.
Doch so wie die Sache in den Medien abgehandelt wurde, kennt die Welt vor allem den Zwischenbericht über die Synode von 2014. Das heißt, die stereotype „Erzählung“ – freundlicher Papst und Progressive kämpfen gegen Fieslinge, die hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurück wollen – wird von einem Großteil der Presse fortgesetzt werden. Und das wird das wichtige Gespräch, das die Weltkirche auf Wunsch von Papst Franziskus zwischen den Synoden von 2014 und 2015 führen sollte, verzerren und behindern.

Ein Erfolg? In seiner Abschlussrede vor den Vätern bezeichnete Papst Franziskus die Synode als Erfolg – was sie war, wenn auch nicht gerade auf die Weise, wie es die Minderheit der Synode (die Unterstützer von Kaspers Vorschlägen und Fortes Zwischenbericht) in der Folge behauptete. Trotz der schwierigen Umstände, die das Generalsekretariat der Synode geschaffen hatte, wurde eine solide Debatte geführt. Aus dieser Debatte ging ein klarer Konsens hervor zugunsten der traditionellen kirchlichen Lehre über die Natur des Menschen, die Moralität der Liebe, das Wesen der Ehe und die Notwendigkeit, Wahrheit und Barmherzigkeit zu vereinbaren, indem man verkündet, was Johannes Paul II. das Evangelium des Lebens genannt hat. Solchen Hirten, die sich im Umgang mit Paaren in regelwidrigen Ehen oder Homosexuellen ungeschickt oder hart verhalten haben – meiner Erfahrung nach eine klare Minderheit –, wurde in Erinnerung gerufen, dass der Gute Hirte weiterhin das Vorbild pastoraler Nächstenliebe in der Kirche ist.
Afrika ist seit Jahrzehnten ein lebendiges Zentrum für das katholische Leben und das katholische Zeugnis. Diese Lebendigkeit und dieses Zeugnis spielen nun auf den höchsten Ebenen kirchlicher Beratungen eine Rolle. Der Aufruf des Papstes zur Offenheit und das Vertrauen, das die afrikanischen Bischöfe in die Wahrheit ihrer eigenen kirchlichen Erfahrung haben, hat sie in die Lage versetzt, sich den Vorschlägen ihrer europäischen Kollegen zu widersetzen.
Und während viele Berichte und Kommentare über die Synode in die schlechte Gewohnheit zurückfielen, alle katholischen Debatten anhand der altersschwachen Kategorien von den „guten Progressiven“ und den „bösen Konservativen“ darzustellen, macht eine nähere Untersuchung der Debatten klar, dass sich das Drama der katholischen Kirche im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht nach dem Drehbuch entfaltet, das vor nunmehr einem halben Jahrhundert in den in der Zeitschrift „New Yorker“ unter dem Pseudonym „Xavier Rynne“ erschienenen Artikeln ausführlich beschrieben wurde, die dann das Cowboy-und-Indianer-Klischee prägten, das immer noch einen Großteil der Berichterstattung über katholische Belange in den Mainstream-Medien steuert. Die dynamischen und rechtgläubigen Führer der heutigen Kirche – die Männer, die erfolgreich den Versuch vereitelt haben, die Synode von 2014 auf den Weg abgleiten zu lassen, den der Zwischenbericht vorgezeichnet hatte, und deren Einschreiten für den deutlich verbesserten Schlussbericht und die „Botschaft“ der Synode an die Welt verantwortlich war – sind aber alles Männer „des“ Zweiten Vatikanums und nicht Männer „gegen“ das Konzil. Sie deuten das Konzil durch das Lehramt von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., die für sie eine verbindliche Interpretation der Konzilslehre anbieten. Sie wollen, dass diese verbindliche Interpretation im Dienst dessen eingesetzt wird, was Johannes Paul II. als Neuevangelisierung bezeichnete – die Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ von 2013 zur großen Strategie seines eigenen Pontifikats gemacht hat. Sie wissen, dass die Neuevangelisierung nicht durch taktische und erst recht nicht durch strategische Kompromisse mit dem Zeitgeist in Bezug auf Fragen der Unauflöslichkeit der Ehe und der Moral der menschlichen Liebe vorangebracht werden kann. Und sie sind nicht bereit, sich von führenden Katholiken in Deutschland, Italien, England oder sonst wo, die offensichtlich in ihrer Evangelisierungsarbeit gescheitert sind, darüber belehren zu lassen, wie die Neuevangelisierung vorangebracht werden kann.
In Erwiderung auf den Aufruf von Papst Franziskus an die ganze Kirche, die im Oktober 2014 begonnenen Diskussionen fortzusetzen, bleibt jedoch noch eine Menge zu tun. Die Hauptthemen, die in den kommenden Monaten der Vorbereitung auf die Ordentliche Synode behandelt werden müssen, beinhalten zumindest folgendes:
Die kirchliche Diskussion in diesem Jahr und ihre Interaktion mit der Kultur in Bezug auf die Themen Ehe und Familie sollte mehr von Daten als von Anekdoten bestimmt werden. Es sollten mehr Daten vorgelegt werden – und sie sind in großer Zahl verfügbar –, um zu zeigen, dass die kirchliche Vorstellung von der unauflöslichen und fruchtbaren Ehe sowie die kirchliche Lehre über geeignete Mittel zur Empfängnisregelung zu glücklicheren Ehen, glücklicheren Familien, glücklicheren Kindern und besseren Gesellschaften beiträgt als die Dekonstruktion von Ehe und Familie, die den Westen wie ein Tsunami überschwemmt. Indem die katholische Kirche die Wahrheit über die Ehe, über die Liebe und über die Komplementarität der Geschlechter lehrt, schlägt sie einen Weg zum Glück und Gedeihen des Menschen vor, statt eines Weges, der in Elend und Unterdrückung führt. Sie sollte unerschrocken und mit Bezug auf vorliegende Daten für die Verteidigung dieser Lehre plädieren, die eine Verteidigung der menschlichen Würde darstellt.
Gleichzeitig sollte die Kirche eine ernsthaftere Diskussion über die „Liebesleiter“ führen, ein Bild für das spirituelle Leben, das der heilige Augustinus von Platons „Symposion“ übernommen hat. Bei der Synode wurde empfohlen, dass die Kirche in ihrer pastoralen Vorgehensweise den Menschen auf dieser Liebesleiter dort begegnen solle, „wo sie sind“, gleich wie tief die Stufe sei. Das ist sicher wahr und ist auch schon immer wahr gewesen. Doch die Kirche begegnet den Menschen auf der Leiter dort, „wo sie sind“, um sie aufzufordern, mit der Hilfe von Gottes Gnade, die durch die kirchlichen Sakramente vermittelt wird, höher zu steigen. Lobenswerte Elemente in ehelichen Situationen oder sexuellen Beziehungen zu finden, die gegen die Regeln verstoßen, bedeutet nicht, diese Regelverstöße gutzuheißen, sondern die Menschen einzuladen, die Leiter hinaufzusteigen. Das heißt, ihnen dabei zu helfen, die Fülle des Guten zu verstehen, und sie zu ermutigen, es mit Hilfe der Gnade zu suchen. Diese Herausforderung ist so alt wie die Bemühungen von Paulus auf dem Areopag, und sie wird nicht einfach verschwinden. Doch die Diskussion, wie man Männer und Frauen dazu einlädt, die Liebesleiter hinaufzusteigen, wird nicht durch Aufrufe zum Mitgefühl vorangebracht, die das Mitgefühl faktisch von der Wahrheit trennen, oder indem man sich zeitgenössischen Schlagworten zur Sexualität in all ihren Ausdrucksformen anpasst.
Eine der Standard-Redewendungen in der Medienberichterstattung über die Synode im letzten Jahr – die allzu häufig unglücklichen Kommentaren von Synodenvätern entstammten – war die Unterscheidung zwischen „Lehre“ und „pastoraler Praxis“. Es ist klar, dass das nicht dasselbe ist. Doch es ist genauso klar, dass gewisse kirchliche Praktiken – wie etwa die Bedingungen für die Zulassung zum Empfang der heiligen Kommunion zu bestimmen – eng mit der beständigen Lehre verbunden sind: die vom Herrn selbst stammende Lehre, dass die Ehe unauflöslich ist, sowie die Implikationen dieser Lehre für den rechten Kommunionempfang, die sich beim heiligen Paulus finden: „Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn“ (1 Kor 11,27).
Da es nun keinen Konsens im Sinne der Vorschläge von Kardinal Kasper gibt, sollte sich die Diskussion in diesem Jahr auf Regelungen des kirchenrechtlichen Verfahrens zur Erklärung der Nichtigkeit der Ehe konzentrieren sowie auf die Wahrheiten über die heilige Eucharistie und das Sakrament der Buße, die dem derzeitigen – und künftigen – kirchlichen Verständnis und der derzeitigen – und künftigen – kirchlichen Praxis in Bezug auf die Zulassung zur Kommunion zugrunde liegen. Trotz all ihrer Schwächen – ja wegen ihrer Schwächen und der medialen Aufmerksamkeit, die sie hervorgerufen haben – bieten Kaspers Vorschläge den Pfarrern und Bischöfen eine außergewöhnliche Gelegenheit, ihr Volk über Fragen der Ehe, der Eucharistie und der Buße erneut (oder in vielen Fällen erstmals) zu belehren. Hirtenbriefe zu diesen Themen wären hilfreich, aber nichts ist hier wichtiger als die wirkliche Verkündigung.
Der Schlussbericht der Synode erhob lauten Protest gegen jeden „Druck“, der durch kulturelle, politische und rechtliche Kräfte, die die Absichten der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen fördern, auf „die Hirten der Kirche“ ausgeübt wird, und wies Machenschaften von internationalen Organisationen als „vollkommen unannehmbar“ zurück, die „Finanzhilfen gegenüber armen Ländern davon abhängig machen, dass sie in ihrer Gesetzgebung eine ,Ehe’ unter Personen des gleichen Geschlechts einführen“. Das war ein hilfreicher Widerstand gegen die Absichten etwa der amerikanischen Agentur für Internationale Entwicklung und Obamas Außenministerium. Eine Diskussion über diesen „Druck“ vor der diesjährigen Synode liefert den Hirten der Kirche eine weitere Gelegenheit, den Gläubigen den wesentlichen Unterschied zwischen dem sakramentalen Bund der Ehe und dem zivilen Vertrag einer privaten sexuellen Beziehung, der die öffentliche rechtliche Anerkennung durch den Staat bewilligt wird, zu erklären. Diese Erklärung sollte ihrerseits zu einer sorgfältigen Neuuntersuchung der kirchlichen Beziehung zur zivilen Ehe führen, in deren Zentrum die Frage steht, wie die Kirche es vermeiden kann, zum Mittäter beim Etikettenschwindel der „gleichgeschlechtlichen Ehe“ zu werden. Schadet die Kirche der Glaubwürdigkeit ihrer Lehre in der Glaubensgemeinschaft und schwächt sie ihr Zeugnis in der Öffentlichkeit, wenn katholische Diakone, Priester und Bischöfe staatliche Eheerlaubnisse unterschreiben, die „Ehepartner 1“ und „Ehepartner 2“ benennen? Solche sprachlichen Beschönigungen lassen ein Eheverständnis erkennen, das nicht nur anders ist als das kirchliche, sondern diesem direkt entgegensteht. Die Diskussionen könnten auch davon profitieren, wenn sie in den Rahmen einer reicheren Ekklesiologie gestellt würden, und zwar mit der alten Vorstellung von der Familie als der „ecclesiola“, der „kleinen Kirche“, wobei die Beziehung zwischen der Hauskirche und dem mystischen Leib Christi im Mittelpunkt steht.
Niemand, der die Eintönigkeit vorangegangener Synoden erfahren hat, hätte der Entschlossenheit von Papst Franziskus widersprechen können, den Ablauf zu beleben und eine offene und freimütige Diskussion über Fragen von Bedeutung zu fördern. Dieser edlen Absicht wird besser entsprochen werden, wenn die diesjährige Synode einen anderen Verlauf nimmt als die des letzten Jahres. Das könnte gewisse Änderungen im Führungspersonal des Generalsekretariats der Synode erfordern, doch der wirklich notwendige, grundlegende Wandel betrifft dessen Einstellung. Das Synodensekretariat muss verstehen, dass es existiert, um den Synodenvätern zu dienen, nicht um den Verlauf zu manipulieren und die Diskussionen einen Weg hinunterzutreiben, der zu gewissen vorgefassten Schlussfolgerungen führt. Der massive Wiederstand, den die Synodenväter am 16. Oktober genau gegen eine solche Art der Manipulation gezeigt haben, war in der Tat eine gesunde Entwicklung in der noch jungen Tradition regelmäßiger kirchenweiter Synoden, da er klar machte, dass die Bischöfe den Aufruf des Papstes zur Rekultivierung der Synodalität und Kollegialität ziemlich ernst nahmen. Mit anderen Worten: Die Fairness des Synodenverlaufs ist ein angemessenes Diskussionsthema bis zur nächsten Synode, und diese Diskussion stellt in keiner Weise eine Kritik an Papst Franziskus dar; im Gegenteil, sie dient seiner Sicht dessen, was Synoden sein können und sollen.
Schließlich sollte die ganze Diskussion über die Krise von Ehe und Familie im einundzwanzigsten Jahrhundert enger und ausdrücklicher an die Neuevangelisierung geknüpft werden. Männer und Frauen, die die verschiedensten Ämter in der Ehevorbereitung oder in den Hochschulen wahrnehmen und sich eines wirklichen Erfolgs erfreuen, indem sie die Theologie des Leibes und andere nachkonziliare Erfahrungen der Evangelisierung und Katechese in einem feindlichen kulturellen Umfeld entwickelt haben, sollten als Auditoren und Beobachter zur diesjährigen Synode eingeladen werden. Ihre praktische pastorale Erfahrung würde die theoretischen Erkenntnisse bereichern, die das „Päpstliche Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie“ in die diesjährige Synode einbringen könnte.
Mit anderen Worten: Die Ordentliche Synode in diesem Jahr sollte deutlicher die drei Anliegen widerspiegeln, die Papst Franziskus in seiner Abschlussrede an die Synode von 2014 zum Ausdruck gebracht hat: leidenschaftliches Bemühen um die Mission, mitleidsvolle Sorge für Menschen in schwierigen Situationen und engagiertes Eintreten für die beständigen Wahrheiten des katholischen Glaubens. Diese drei Anliegen gleichzeitig zusammenzuhalten, stellt vielleicht eine hohe Anforderung dar. Doch das ist die Anforderung, die an diesen besonderen Augenblick für die katholische Kirche gestellt wird. Sich ihr zu stellen, wird ein Dienst für die Evangelisierung einer zerrütteten und leidenden Welt sein, was der wichtigste Auftrag der katholischen Kirche ist.

 

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