Disputa 12/2014

 

Unmut über den Papst? Ja warum denn nicht!

Treue zur katholischen Kirche bedeutet nicht, den jeweils amtierenden Papst in allem und jedem toll zu finden. Das wäre Papismus, ein blinder Kadavergehorsam, den man den Ultramontanen gerne zum Vorwurf macht. Aber für den gläubigen Katholiken kommt das Verhältnis zu den Päpsten ohne jede ideologische Verkürzung aus. Was nicht ausschließt, dass man seinem Ärger auch einmal Luft machen kann. Schließlich ist für den Einzelnen nicht der Papst die letzte Instanz, sondern das eigene Gewissen.

 

Ein Toast auf die Päpste, doch zuerst auf das Gewissen

Sobald aus Romtreue Papismus und aus Respekt vor dem Heiligen Vater eine falsch verstandene Papstverehrung wird, ist das spätestens dann ein Problem, wenn Petrus das Schifflein Kirche nicht so steuert, wie man sich das erwartet hatte

von Camillo Berger

 

Darf man sich über die Päpste ärgern? Die Frage ist etwas akademisch. Denn mancher tut es einfach. Ich erinnere mich noch gut an meinen alten Pfarrer. Sudetendeutscher, tief katholisch und mit einem leichten Hang zum Jähzorn. Ich war damals ein junger Mann, es dürfte irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres 1969 gewesen sein. Schimpfend saß der Mann vor einem Berg von Blättern und Büchern und sortierte. Es ging um das neue Messbuch. Ich weiß nicht, was er damals auf seinem Schreibtisch von links nach rechts und wieder zurück beförderte – Lektionare, Einlegeblätter oder ganze Messbücher, es interessierte mich recht wenig. Ich weiß nur noch, dass der damalige Papst in Rom manch hartes Wort abbekam. Nun hatte Paul VI. nicht selber Wort für Wort der neuen Messformulare geschrieben, aber die Reform der Liturgie, die damals schwarz auf weiß Rechtskraft erlangte, war doch untrennbar mit seinem Namen verbunden.
Erstaunen, ja Entrüstung ging im Mai 2000 durch gewisse katholische Kreise, als man Johannes Paul II. bei der Audienz für eine Gruppe muslimischer Geistlicher aus dem Irak ein Prachtexemplar des Koran reichte und der Heilige Vater das grüne Buch entgegennahm und küsste. Dumm gelaufen. Die Übergabe des Prachtbandes hatte den Papst offensichtlich überrascht. Aber was hätte er jetzt machen sollen? Den Koran angewidert auf den Boden werfen? Auf ihm herumtrampeln? Sowohl beim Ärger über die Liturgiereform Pauls VI. als auch bei den Gesten Johannes Pauls II. gegenüber dem Islam – nicht nur der Koran-Kuss, auch Moscheebesuche und einige Ansprachen vor Muslimen – kam dann gleich der Verdacht auf, der Papst weiche von der traditionellen Lehre und dem Glaubensverständnis der Kirche Jesu Christi ab.
Dass Päpste anderen Anlass zu Ärgernis sind, ist so alt wie das Evangelium. Paulus nahm daran Anstoß, dass Petrus in der Heidenmission zu ängstlich an den jüdischen Speisevorschriften festhielt – eine Frage, die für die aus dem Judentum herauswachsende christliche Urgemeinde von erheblicher Bedeutung war. Die Dinge konnten geklärt werden beziehungsweise klärten sich durch den weiteren Verlauf der Geschichte. Aber das „Sich-Reiben“ an den Päpsten ist der Kirche in die Wiege gelegt. Benedikt XVI., der große Theologen-Papst, duldete als der „Ordinarius“ auf dem Petrus-Stuhl keinen Widerspruch, wenn die „Assistenten“ zu ihm kamen und zum Beispiel Änderungen in der päpstlichen Personalpolitik erbaten. Basta, der bleibt, soll er Kardinälen geantwortet haben, die ihm auf dem Höhepunkt der Vatileaks-Verunsicherung nahelegen wollten, sich einen neuen Staatssekretär zu suchen und Kardinal Tarcisio Bertone in den Ruhestand zu entlassen. Die Personalentscheidungen, nicht die Lehre, waren die Reibfläche, an der sich manche Kritik am deutschen Papst entzündete. Die spektakulärste Personalentscheidung betraf ihn selbst und war die letzte: Aus heiterem Himmel ist Benedikt XVI. in einer kirchenhistorisch einzigartigen Konstellation von seinem Papstamt zurückgetreten.
Während die Kurie in den letzten Pontifikatsjahren Benedikts ins Schlingern geriet, zog sich der Theologen-Papst Joseph Ratzinger immer häufiger an seinen Schreibtisch zurück und schrieb – oft monatelang in seiner Sommerresidenz in den Albaner Bergen – ein Buch. An Enzykliken hat der deutsche Papst eine und drei halbe geschrieben: Die erste, „Deus caritas est“, geht auf einen Text zurück, den Johannes Paul II. seinem Nachfolger hinterlassen hatte – Benedikt XVI. fügte ein neues Kapitel aus seiner eigenen Feder hinzu. Die zweite Enzyklika, „Spe salvi“, war dann Originalton Papst Ratzinger, und zwar aus einem Guss. Das dritte päpstliche Lehrschreiben, „Caritas in veritate“, enthielt wiederum viele Kapitel, die im Päpstlichen Rat „Iustitia et Pax“, damals noch geleitet von Kardinal Renato Raffaele Martino, entstanden waren. Ein weiteres, unvollendetes Enzyklika-Werk ging dann ein in die erste Enzyklika seines Nachfolgers, „Lumen fidei“ über den Glauben. Sein Buch aber, das dreibändige Werk über Jesus von Nazareth, hat Papst Benedikt zu Ende gebracht – und die Fachwelt dazu eingeladen, es ruhig auch kritisch unter die Lupe zu nehmen. Was ihm wiederum Kritik von denen eingetragen hat, für die ein Papst, wenn er sich denn schon grundlegend zum Messias und auferstandenen Herrn äußert, dies nur lehramtlich machen kann, nicht aber als privater Theologe.
Das Werk über Jesus von Nazareth war vollendet – die römische Kurie aber lag irgendwie am Boden. Nach dem Fall Williamson und dem „annus horribilis“ 2010, in dem der Missbrauchsskandal hochgekocht war, musste am Ende ein Detektiv-Gespann aus drei Ruhestandskardinälen ausrücken, um etwas Licht in die Hintergründe jenes Kriminalfalls zu bringen, der unter der Bezeichnung „Vatileaks“ traurige Berühmtheit erlangt hatte. Es soll auch um Macht und Geld gegangen sein. Als Aufsichtsratsvorsitzenden an die Spitze des IOR und als Reformer der Vatikanbank hatte Benedikt XVI. den Banker Ettore Gotti Tedeschi berufen. Dass dieser quasi über Nacht auf die Straße gesetzt wurde, ohne dass der Papst davon wusste oder dagegen einschreiten konnte, muss Benedikt als leise Mahnung vorgekommen sein, dass ihm die Kurie aus der Hand geglitten war. Aber da hatte er seinen Rücktritt schon fest im Visier.
Die Zeit des Abschiednehmens – bevor es dann so richtig spannend werden sollte: Vorkonklave, Konklave, weißer Rauch und schließlich Franziskus – endete mit einem ergreifenden Hubschrauberflug vom Heliport des Vatikans nach Castel Gandolfo, den die Macher des entsprechenden filmischen Dokuments (ein zweiter Hubschrauber flog nebenher, ein Kamera-Team nahm alles auf) eigentlich mit Richard Wagners Walkürenritt musikalisch hätten unterlegen sollen – die Kombination ist aus Francis Ford Coppolas „Apokalypse Now“ bekannt. Benedikt XVI., hinfort „papa emeritus“, kündigte an, sich aus der Welt hinaus auf den einsamen Berg des Gebets zurückziehen zu wollen. Es kam dann anders. Heute konzelebriert der Emeritus auf dem Petersplatz, korrespondiert und empfängt fleißig Besuche. Sagen wir es gerade heraus: Es gibt so manchen, der daran Anstoß nimmt. Ein Papstamt und zwei lebende Nachfolger Petri, das ist der Stoff, aus dem kircheninterne Spaltungen gewoben sind.
Hatte mancher darunter gelitten, dass das deutsche Pontifikat ausklang, ohne nachhaltige Spuren zu hinterlassen – die von vielen in Sachen Liturgie erhoffte „Reform der Reform“, kraftvoll umgesetzt mit rechtlich verbindlichen Schritten, blieb letztlich aus –, so steigerte sich dieses Leid unter Franziskus zur offensichtlichen Verunsicherung. Längst schon geht es nicht mehr um Äußerlichkeiten, das Fehlen der roten Mozzetta, das Verschmähen des päpstlichen Appartements hoch oben im Apostolischen Palast oder die bei der Auswahl der „Dienstwagen Seiner Heiligkeit“ demonstrierte Bescheidenheit. Missverständliche Äußerungen in Interviews mit dem „Gottvater“ des italienischen Laizismus, wobei der greise Publizist die Grundregeln des journalistisch sauber geführten und wiedergegebenen Gesprächs vergessen haben muss, gipfelten schließlich in dem Rätselraten um die Vorbereitung und den Ablauf der jüngsten Bischofssynode, die auf einen Schlag einen bedrückenden Befund ans Tageslicht beförderte: Es glänzt nicht alles golden, was aus dem Rom der Päpste kommt. Das Schifflein Petri ist kein Eisbrecher, dem es ein bärenstarker Motor erlaubt, selbst über zugefrorene See nur bestechend gerade und scharfe Linien zu ziehen. Dieses Schifflein kann auch schlingern, wenn Petrus es als Steuermann unterlässt, das Ruder fest in die Hand zu nehmen und einen klaren Kurs vorzugeben. Muss er auch nicht. Römische Bischofssynoden – ob ordentliche oder außerordentliche – sind kein Konzil, kein Kirchenparlament, das per Mehrheitsbeschluss bindende Entscheidungen fällt. Es ist ein den Papst rein beratendes Organ. Aber das Signal, das von der Familiensynode ausging, war für viele eine starke Verunsicherung: Die Frage, ob die Kirche homosexuelle Partnerschaften positiver bewerten und eine zweite, diesmal nur zivil abgeschlossene Ehe mit dem Sakrament der Eucharistie absegnen soll, zielt nicht in die Herzmitte des katholischen Credos, hat aber in einer Zeit, in der – um es mit einem Ausdruck von Papst Franziskus zu sagen – das „vorherrschende Denken“ eine Relativierung aller traditionellen Werte verlangt, symbolhaften Charakter. Die Wellen schlugen hoch in der Synodenaula, unterschiedliche Haltungen und Meinungen kamen zum Vorschein, wie auch schon vor der Bischofsversammlung, und nachher ging es weiter. Der Papst saß da – und schwieg. Die „ultramontane Partei“ hatte keinen mehr, zu dem sie als Fels in der Brandung aufschauen konnte.
Über den Pontifikaten von Johannes Paul II. und Paul VI. liegt inzwischen der Goldglanz einer Kanonisierungsfeier. Wer denkt heute noch an den Ärger über die vatikanische Ostpolitik unter dem Montini-Papst? Wer kennt noch „Humanae vitae“, wer spricht noch über diese Enzyklika? Die Kardinäle und Bischöfe auf der Synode haben es jedenfalls nicht getan. Auch das Pontifikat des heiligen Johannes Paul II. ist inzwischen verklärt. Das Entsetzen über manche fernsehgerecht inszenierte Massenmesse – vor allem mit Jugendlichen – auf Auslandsreisen, die eher an religiöse Happenings als an katholische Gottesdienste erinnerten, verblasst in der Erinnerung. Aber Franziskus und sein Vorgänger sind ganz präsent, was im Fall von papa emeritus Benedikt XVI. an einzelnen Tagen auch durchaus wörtlich zu nehmen ist. Die Italiener können große Papstverehrer sein. Aber ein „Ultramontanismus“ ist ihnen fremd, was auch unlogisch wäre, denn sie leben ja „jenseits“, das heißt südlich der Berge. Es gibt in Italien kaum jenen ungesunden Papismus oder gar eine Papolatrie, die die Person des Papstes dafür braucht, um sich seines eigenen Katholisch-Seins zu vergewissern. Nein, die Italiener brauchen die Päpste, um sie zu lieben und zu verehren – und können dabei ganz schön treulos sein. Die Andenkenhändler rund um den Petersplatz haben die Bilder und Statuen von Benedikt XVI. mit einer großen Nonchalance aus dem Sortiment genommen. Franziskus, der große Johannes Paul und der gute Papst Giovanni sind jetzt die großen Stars.
„Ultramontan“, nördlich der Alpen, ist das in einer gewissen Weise anders. Da kommt bisweilen ein ideologisches Moment hinzu, was aus einer grundsätzlichen Romtreue Papismus und einem gesunden Respekt vor dem Heiligen Vater Papolatrie machen kann – um sich selbst zu stärken und gegen den „ideologischen Feind“ abzugrenzen. Doch diese Art von Papismus ist gefährlich. Was passiert, wenn ein Papst unklar wird, sich missverständlich äußert oder gar irrt? Dann stehen die „Bewegungen für Papst und Kirche“ oder die „Zusammenschlüsse papsttreuer Vereinigungen“ im Regen da. Eine „Initiative Pontifex“ müsste in diesem Fall Winterschlaf halten.
Ein großer Theologe hat da das gesunde Maß vorgegeben, der selber aus einem Land stammt, in dem eine „ultramontane Partei“, verstärkt durch eine klare Minderheitsposition, im Papst Halt und Selbstvergewisserung suchte: John Henry Newman, am Ende seines Lebens zum Kardinal gemacht und schließlich von Benedikt XVI. zum Seligen erhoben. Doch bevor es zu diesen Würden kam, musste Newman einen mühsamen Weg gehen. Im Alter von 44 Jahren konvertierte der anglikanische Geistliche aus Gewissensgründen zum katholischen Glauben, was ihm nicht nur das Misstrauen der Anglikaner, sondern auch vieler Katholiken einbrachte. Es war für ihn ein „Leben unter der Wolke“. Erst mit seiner „Apologia pro vita sua“ von 1864, einer Art Rechenschaftsbericht über seinen Glaubensweg, konnte er sich Respekt verschaffen. Dieser Mann wusste, was das Gewissen ist. Und so schrieb er im Jahr 1874 in seinem berühmt gewordenen „Brief an den Herzog von Norfolk“ über den Primat des Gewissens: „Wenn ich ... einen Toast auf  die Religion ausbringen müsste, würde ich auf den Papst trinken. Aber zuerst auf das Gewissen. Dann erst auf den Papst.“ Dieser provokant wirkende Satz ist gute katholische Lehre. Natürlich muss das Gewissen geschult werden. Es bedeutet gerade nicht Willkür oder ein Hinbiegen der Lehre, bis sie einem passt. Newman hat es vorgelebt. Aber das Gewissen kann durch keine andere Instanz ersetzt werden – auch nicht durch den Papst.
Schlagen die Wellen der Verunsicherung innerhalb der Kirche hoch, ist dem Gläubigen eine Dosis Newman zu empfehlen. Nicht nur wegen des Toasts auf den Primat des Gewissens. Der englische Theologe war es auch, der in seinem gewichtigen Werk „Essay on the Development of Christian Doctrine“ über die Ausfaltung der Glaubenslehre dargelegt hat, wie sich die katholische Doktrin weiterentwickeln kann – was ja auch Thema auf der letzten Synode war. Lehre kann sich vertiefen, sie kann präziser werden, sie kann aber nicht zu Widersprüchen führen in dem Sinn, wie es Newman sagt, dass morgen wahr ist, was gestern ein Irrtum war.
Es vergeht kaum eine Ansprache oder Audienz, bei denen Papst Franziskus nicht darum bittet, dass man für ihn betet. Vielleicht auch deswegen weil er spürt, dass er es ist, der am Ende über Fragen entscheiden muss, die bei der Familiensynode offen geblieben sind. Da geht es nur vordergründig um Randprobleme der Pastoral. Im Kern stellt sich die Frage, wie man in der katholischen Kirche die Wahrheit findet. Auf dem Zweiten Vatikanum hat man sich nach langem Lager-Streit auf Konzilstexte geeinigt, die große Mehrheiten gefunden haben, wobei die dogmatischen Erklärungen auch heute noch in ihrem Wahrheitsgehalt absolut wasserdicht sind. Die Synode dagegen ist in ihren beiden Knackpunkten Homosexualität und Wiederverheiratete in zwei amorphe Gruppen von Ja- und Nein-Sagern auseinandergefallen. Und wie soll man jetzt die Einheit in der Wahrheit finden? Durch Interviews, durch Buchveröffentlichungen und entsprechende Werbekampagnen, durch ein Erhöhen des medialen Drucks auf die schweigende Mehrheit der Unentschlossenen auf der kommenden Synode? Durch geschickte Personalpolitik, etwa bei der Auswahl der kommenden Synoden-Spitze? Durch das Winken mit Kardinalshüten? Ist das die Methode, mit der die Kirche die Wahrheit findet, wird Theologie zur Kirchenpolitik und dann geht es letztlich um Macht. Und das war schließlich auch die Linse, durch die viele Medien die vergangene Synode gesehen haben und die kommende in den Blick nehmen. Verunsicherung und Verärgerung vieler Beobachter über eine Synode, die ausging wie das Hornberger Schießen, mag daher rühren, dass sie diese mediale Sicht auf das Geschehen in Rom übernommen haben. Die Haltung des Gläubigen ist das nicht. Er trinkt auf das Wohl des Papstes, aber zuerst auf sein eigenes Gewissen. Dass dieses gut geschult und gebildet ist, ist der beste Weg, damit aus Verunsicherung und Ärger wieder Klarheit und Ruhe wird.
 

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