Disputa 11/2014

 

Der Abschied von der Moral

Die außerordentliche Bischofssynode zu Ehe und Familie war ein Medienereignis. Nicht zuletzt die Morallehre der katholischen Kirche stand auf dem Prüfstand. Selbst Bischöfe forderten im Vorfeld, sich von den entsprechenden päpstlichen Weisungen seit Paul VI. und Johannes Paul II. zu verabschieden. Eine große deutsche Tageszeitung gab dieser Meldung breiten Raum. Und dann die Synode selbst. Da waren dann am Rande selbst Kardinäle mit den Worten zu hören, dass man ja heute nicht mehr von „Sünde“ sprechen könne. Was das Gute, Wahre und Schöne angeht, so ist der Grundwasserspiegel klarer Orientierungen deutlich abgesunken, in der säkularen Welt wie in der kirchlichen Öffentlichkeit. Eine Folge des „Siegeszugs“ eines falsch verstandenen Evolutionismus, der die Grenzen der Naturwissenschaften verlässt und einen Universalanspruch auf eine rein evolutionistische Wertung der menschlichen Handlungen erhebt. Dabei ist es, wie der Autor des folgenden Beitrags erklärt, die größte und geheimste Weisheit des Menschen, das Gute gut und das Böse böse zu nennen.

 

Die Entzauberung der Werte

Die kopernikanische Wende der Atheisten, die die Evolutionstheorie zum Universalgesetz erheben: Der Mensch ist über eine Tat nicht entrüstet, weil er sie als böse erkannt hat, sondern umgekehrt. Weil der Mensch sich über eine Tat entrüstet, hält er sie auch für böse. – Eine Aufklärung über Aufklärer

von Pater Engelbert Recktenwald

 

Zum Gedenken an die studentische Widerstandsgruppe Weiße Rose, deren Mitglieder Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf wegen Verbreitung von Protest-Flugblättern unter Hitler zum Tode verurteilt worden waren, fand 1990 in München eine Gedenkfeier statt, auf der Arthur Kaufmann über die „Tapferkeit des Herzens“ sprach. Er legte dar, wie jene Studenten diese Tapferkeit verwirklichten, die darin bestand, sich um des Guten willen der Todesgefahr auszusetzen. Und dann brachte er ein Zitat des polnischen Schriftstellers Andrzej Szczypiorski, der selber im KZ Sachsenhausen interniert war, aus dessen Roman „Die schöne Frau Seidenman“: „Was ist diese größte und geheimste Weisheit des Menschen anderes, als das Gute gut zu nennen und das Böse böse? Darin übertraf er, der gewöhnliche Schneider ... viele ... Philosophen und Propheten“ (zitiert in: „Die Weiße Rose und das Erbe des deutschen Widerstandes. Münchner Gedächtnisvorlesungen“, München 1993, S. 159).
Tatsächlich gibt es leider viele Philosophen, die diese Weisheit nicht besitzen und alle Anstrengungen unternehmen, um zu zeigen, dass es das Gute und Böse in Wirklichkeit gar nicht gebe. Zu ihnen gehört zum Beispiel Michael Schmidt-Salomon, der Chef-Ideologe der neuen Atheisten in Deutschland. Ihm zufolge gibt es ebenso wenig gute und böse Menschen wie es gute und böse Mäuse gibt. Moralische Begriffe wie Schuld und Sünde haben nach ihm keine Existenzberechtigung (so in seinem Text „Die Banalität von Gut und Böse“, veröffentlicht auf seiner eigenen Homepage).
Abgesehen von der Verhöhnung, die eine solche Nivellierung des Unterschieds zwischen Bösen und Guten, verbrecherischen Tätern und unschuldigen Opfern enthält, stellt sich die Frage, wie er auf seine These kommt. Dahinter steht eine bestimmte Auffassung der Evolutionstheorie. Wenn sich die Evolutionstheorie auf jenen Bereich, für den die Naturwissenschaften zuständig sind, beschränkt, ist sie mit dem katholischen Glauben vereinbar. Schon Papst Pius XII. räumte ein, dass der Gedanke, der menschliche Leib sei das Ergebnis einer Evolution, mit dem Glauben vereinbar sei. Anders sieht es aus, wenn die Evolutionstheorie einen Universalanspruch erhebt, kraft dessen sie nicht nur die materielle Seite des Menschen, sondern auch alles andere einschließlich Bewusstsein, Handeln und Moral erklären will. Seriöse Wissenschaftler wissen um die Grenzen ihrer Methode. Im Standardlehrbuch „Evolutionsbiologie“ von Volker Storch, Ulrich Welsch und Michael Wink werden zum Beispiel die philosophischen Einwände gegen die von biologischer Seite vorgebrachte Leugnung der menschlichen Willensfreiheit anerkannt (S. 540).
Auf der anderen Seite gibt es jene Atheisten, die die Evolutionstheorie zu einer Universalerklärung aufblähen, die auch vor der geistigen Wirklichkeit des Menschen und seiner Moralität nicht Halt macht. Für sie ist die Evolutionstheorie der Zauberschlüssel, der die Tür zu allen Erkenntnissen öffnet und Gott überflüssig macht. Sie propagieren, wie der Kulturjournalist Rolf Spinnler einmal bemerkt hat, „unter dem Deckmantel der Wissenschaft eine Weltanschauung“ und betreiben damit einen „Etikettenschwindel“, den man aufdecken müsse.
Zu ihnen gehört Daniel Dennett, neben Dawkins der bekannteste Vertreter der neuen Atheisten. Er will in seinem Buch „Darwins gefährliches Erbe“ mit Hilfe der Evolutionstheorie Bewusstsein, Moral und „alles, was Bedeutung hat“, erklären. So wird die Evolutionstheorie als Speerspitze eines Atheismus missbraucht, und zwar eines materialistischen Atheismus. Denn es ist ja ausschließlich Materie, was der Evolution als Ausgangsmaterial zur Verfügung steht. Leben, Bewusstsein, Vernunft, Moral sind in diesem Weltbild nichts anderes als Erscheinungsformen hoch entwickelter Materie.
Es ist nur folgerichtig, wenn Schmidt-Salomon auf diesem Hintergrund die Willensfreiheit des Menschen leugnet. Denn wenn der Mensch nur ein etwas komplexerer Materieklumpen ist, bleibt er wie jede Materie vollständig den Naturgesetzen unterworfen und ist in seinem Verhalten durch diese determiniert. In diesem Weltbild gibt es für den freien Willen ebenso wenig einen Platz wie für Gott. Aus dem Menschen als moralischem Subjekt, das für seine Handlungen Verantwortung trägt, wird für Schmidt-Salomon ein Organismus, der in seinem Handeln von den unbewussten Verhaltensroutinen des Gehirns gesteuert wird. Konrad Lorenz, der Begründer der vergleichenden Verhaltensforschung, hatte noch einen Unterschied zwischen dem moralischen Verhalten des Menschen und dem bloß moral-analogen Verhalten der Tiere gemacht. Wenn die Vogelmutter ihre Jungen füttert, folgt sie einem Instinkt. Wenn eine menschliche Mutter sich um ihr Kind kümmert, handelt sie moralisch. Die Mutterliebe ist ihr zwar ins Herz gegeben und hier mag man eine ererbte biologische Prädisposition anerkennen, dennoch ist sie frei, und jede Tat der Liebe gegenüber ihrem Kind entspringt immer wieder von neuem ihrer Entscheidung, dieser Liebe und nicht etwa dem Hang zur Bequemlichkeit oder anderen Neigungen zu folgen. Ihr Verhalten ist moralisch gut, weil sie ihre Pflicht vernachlässigen könnte und es trotzdem nicht tut. Sie ist für ihre Taten verantwortlich, im Guten wie im Bösen. Das macht den Unterschied zum Verhalten des Tieres aus. Genau diesen Unterschied leugnet Schmidt-Salomon.
Es ist nur folgerichtig, wenn auf diesem Hintergrund die Wörter „gut“ und „böse“ eine neue Bedeutung bekommen. Schmidt-Salomon spricht von ihrer Entzauberung. Was meint er damit?
Wenn wir ein Verhalten „böse“ nennen, zum Beispiel das Verhalten der Nazis, gegen welches die Studenten der Weißen Rose protestierten, dann meinen wir damit eine Qualität, die objektiv das Verhalten betrifft und wegen der dieses Verhalten verwerflich, verabscheuungswürdig und strafwürdig ist. Nennen wir ein Verhalten „gut“, so meinen wir damit eine Qualität, wegen der ein bestimmtes Verhalten lobenswert ist. Man nennt diese Position in der Philosophie „Wertrealismus“. Dieser Position zufolge ist der moralische Wert etwas Reales, auf den wir antworten, und zwar sowohl affektiv wie auch in der Tat. Affektive Antworten auf Böses sind etwa Entrüstung, Abscheu und Verachtung, auf Gutes Bewunderung, Dankbarkeit und Hochschätzung. Wie man in der Tat auf Böses reagiert, zeigt uns das Beispiel der Weißen Rose. Dieser Wertrealismus entspricht auch unserer Alltagsevidenz. Jeder normale Mensch ist in seinem Alltag Wertrealist.
Unsere neuen Atheisten dagegen wollen uns von unseren Alltagserkenntnissen befreien. Das nennen sie Aufklärung. Und ein wesentlicher Teil dieses Aufklärungsprogramms besteht darin, uns davon zu überzeugen, dass wir Opfer einer Illusion sind, wenn wir Werte für real halten. Der Grund dieser Illusion liegt nach ihrer Auffassung in unseren Genen. Die Evolution hat unsere Gene so programmiert, dass wir ein Verhalten, das dem Überleben unserer Gene förderlich ist, zum Beispiel Altruismus und Kooperation, für gut halten. Dieses Gutsein ist nicht ein wahrer Wert auf Seiten des Verhaltens, sondern bloß ein Nimbus, mit dem es von den Genen umgeben wird, um uns zu diesem Verhalten zu motivieren. So meinen zum Beispiel Edward O. Wilson und Michael Ruse: „Was wir unter Moral verstehen, ist eine Illusion, die uns unsere Gene vorgaukeln, damit wir kooperieren.“
„Gut“ und „böse“ lösen sich also in Wohlgefallen auf. Das ist für den Materialisten nur folgerichtig. Denn diese Werte sind ja keine materiellen Eigenschaften, die man wahrnehmen oder messen kann. Sie sind dem rein naturwissenschaftlichen Zugriff entzogen. Kein Mikroskop und kein Teleskop werden sie jemals entdecken. Werte sind keine, wie man in der Philosophie sagt, „natürlichen“ Eigenschaften. In dieser Sprechweise steht „natürlich“ nicht als Gegenbegriff zu „übernatürlich”. Vielmehr soll damit gesagt sein, dass es sich nicht um empirische (also physikalische, chemische oder biologische) Eigenschaften im Sinne der Naturwissenschaften handelt. Sobald aber ein Naturwissenschaftler den Anspruch erhebt, mit seinen Methoden das Ganze der Realität erkennen und beschreiben zu können, folgt aus der Negierung der Natürlichkeit der Werte sofort die Leugnung ihrer Realität.
Daraus folgt eine kopernikanische Wende im Verhältnis von Wert und affektiver Stellungnahme: Wir sind über eine Tat nicht entrüstet, weil wir sie als böse erkannt haben, sondern umgekehrt: Weil wir uns über eine Tat entrüsten, halten wir sie für böse. Dass wir uns aber über sie entrüsten, ist nichts anderes als das Ergebnis der Dressur, der uns die Evolution mittels unserer Gene unterworfen hat. Man nennt diese philosophische Position Naturalismus. Sie naturalisiert die Moral und lässt von ihr nur übrig, was in den Bereich der Biologie fällt. Wilson spricht sogar davon, die Ethik zu biologisieren und sie den Philosophen zeitweise aus der Hand zu nehmen.
Nehmen wir das einmal ernst und übertragen es auf unser Eingangsbeispiel, dann bedeutet dies: Von einem aufgeklärten Standpunkt aus betrachtet ist das verbrecherische Verhalten der Nazis genau so viel wert wie der Widerstand der Weißen Rose. Beide Verhaltensweisen liegen deshalb auf der gleichen moralischen Ebene, weil es diese moralische Ebene in Wirklichkeit gar nicht gibt. Sie ist nur von uns in das an sich völlig wertneutrale Geschehen hineinprojiziert. Das Verhalten der Weißen Rose ist nicht in sich gut und lobenswert, sondern wir sind lediglich so programmiert, dass wir es für lobenswert halten. Dieser Annahme entspricht aber kein Wert auf der Objektseite. Es ist nicht so, dass dieses Verhalten aufgrund seiner inneren moralischen Qualität unser Lob verdient, sondern aufgrund unseres Drangs, ein solches Verhalten zu loben, projizieren wir eine moralische Qualität in dieses Verhalten hinein, die es objektiv, unabhängig von uns, gar nicht gibt.
Die Folgen für den Begriff des Gewissens liegen auf der Hand. Das Gewissen ist dann nicht mehr ein Teil unserer Vernunft, ein Erkenntnisorgan, das uns mit der Wirklichkeit der Werte in Kontakt bringt, sondern ein moralisches Gefühl, das uns, wie zum Beispiel Dawkins meint, ähnlich zu bestimmten Taten antreibt wie der Sexual- oder Fresstrieb.
Sobald ich aber in dieser Weise von den Herren Dawkins und Schmidt-Salomon aufgeklärt bin, stellt sich mir die Frage: Warum soll ich im Konfliktfall, zum Beispiel als Pädophiler, eher meinem Gewissenstrieb als meinem Sexualtrieb folgen? Vom aufgeklärten Standpunkt aus gibt es zwischen Kindesmissbrauch und jedem anderen Verhalten keinen moralischen Unterschied mehr. Denn wenn ich darüber aufgeklärt worden bin, dass es das Gute gar nicht gibt, dann hat das Gewissen, das mir das Gute zu tun befiehlt, keine moralische Kraft mehr. Das Gewissen ist ein Trieb wie jeder andere auch, und es gibt keinen moralischen Grund mehr, warum ich dann nicht einfach dem stärkeren Trieb nachgebe. Natürlich wird sich der Pädophile das gründlich überlegen, denn im Fall seiner Entdeckung steht sein soziales Prestige auf dem Spiel. Aber diese Abwägung hat nichts mit moralischer Gewissensentscheidung zu tun. Wenn Moral und Gewissen erst einmal als Illusion entlarvt sind, bleibt als Handlungskriterien nur noch das egoistische Kalkül oder willkürliches Handeln nach Lust und Laune ohne inneren moralischen Kompass.
Schmidt-Salomon spricht lieber vom „moralisch erhobenen Zeigefinger“ als vom Gewissen. Das macht sich bei der Abschaffung dieser moralischen Instanz besser. Dennoch will er weiterhin der „Banalität des Übels“ entgegentreten. Aber wie? Nicht mehr durch Moralpredigten, sondern durch technische Veränderungen, die die „unbewussten Verhaltensroutinen menschlicher Hirne“ beeinflussen sollen. So schnell kann sich also der hehre Anspruch der Aufklärer wandeln: Die Aufklärung weicht der technischen Manipulation. Nicht durch Gewinnung neuer Einsichten, sondern durch die Manipulation des Unbewussten soll es zur menschlichen Verhaltensbesserung kommen. Das ist nur konsequent, wenn man die Verantwortlichkeit des Menschen leugnet. Doch wer ist eigentlich das Subjekt dieser Manipulation? Unbewusste Verhaltensroutinen von Hirnen? Welcher Hirne? Und wem soll die Macht zu dieser Manipulation eingeräumt werden? Wem können wir vertrauen, dass er mit dieser Macht verantwortungsvoll umgeht? Doch wie kann jemand mit ihr verantwortungsvoll umgehen, wenn der Mensch zur Verantwortlichkeit gar nicht fähig ist? Schmidt-Salomon ist ein Paradebeispiel für das alte Diktum, dass die naturalisierende Aufklärung sich selber aufhebt. Es ist die Abschaffung der Vernunft im Namen der Vernunft.
Doch so ganz kann sich Schmidt-Salomon selber nicht an seine eigene Maxime halten, moralische Appelle zu unterlassen: Er rät den „Hirnen“, „sich vielleicht doch etwas intensiver mit der Aufhebung der Willensfreiheitshypothese und der damit einhergehenden Entzauberung von Gut und Böse zu befassen“. Er rät also Wesen, die zu freiem Handeln aus Einsicht nicht fähig sind, aus Einsicht zu handeln. Wie man sieht, gehört auch Schmidt-Salomon zu den vielen Naturalisten, die ihre Theorie nicht durchziehen können. Sie nehmen das, was sie leugnen, für sich selbst in Anspruch. Sie leben in einem ständigen performativen Widerspruch. Das hat seinen Grund darin, dass sie trotz ihrer Leugnung der menschlichen Natur Menschen bleiben, die verantwortlich und moralisch handeln, denken und sprechen. Insofern bleibt auch bei den Naturalisten ein untilgbarer Rest jener Weisheit, von der Szczypiorski sprach. Kraft dieser hartnäckigen Weisheit werden die Naturalisten selber zur besten Widerlegung des Naturalismus.
 

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