Editorial 6-7/2014

 

Die europäische Frage

von Guido Horst

 

Europa gleicht einem Haufen aufgeschreckter Hühner. Vor der Wahl wie nach der Wahl der Abgeordneten für das Europäische Parlament. Sie stellen nicht die Mehrheit, aber sie sind die lautesten: die Europa-Skeptiker und die Europa-Hasser. Den anderen geht es um die Bürokratie und um das liebe Geld. Möge der Euro halten! Die Europäer haben keine Vorstellung von dem, was sie selber sind. Ein Chinese weiß, was chinesische Kultur und Tradition sind. Auch ein Amerikaner kennt noch – vage – die eigenen Werte. Aber der Europäer? Es fällt auf, dass im Gestrüpp der allgemeinen Orientierungslosigkeit der Leuchtturm der Kirche fehlt. Da sind nicht zuerst die Bischöfe gemeint – oder der Papst (der jetzige gibt offen zu, dass er von Europa wenig weiß). Nein. Wo sind die christlichen Philosophen, wo sind die Theologen, wo sind Denker, die zweitausend Jahre Christentum verinnerlicht haben, die dem aufgeschreckten Hühnerhaufen noch handfeste Nahrung reichen könnten? Man muss sie mit der Lupe suchen. Die Stimme der Kirche ist kraftlos geworden. Und das hat mit einer dramatischen Entwicklung zu tun.
Sie besteht darin, dass die Kirche ein „depositum fidei“, einen Glaubensschatz verwaltet, den das Zweite Vatikanische Konzil weiter ausgefaltet und den der Katechismus der Katholischen Kirche zusammengefasst hat, dass sie aber die Gläubigen nicht mehr in dieser Lehre unterweist und von ihnen nicht mehr verlangt, der Glaubenslehre entsprechend zu leben. Das Mindeste etwa, das die Kirche von praktizierenden Katholiken erwartet, ist, dass sie an jedem Tag des Herrn zur Sonntagsmesse gehen. Diese Praxis ist zusammengebrochen. Wenn dann an den hohen Feiertagen die Kirchen voll sind, gehen fast alle zur Kommunion, auch wenn sie das Sonntagsgebot vorher Wochen oder Monate nicht beobachtet haben. Und das mit gutem Gewissen. Denn es gibt ja niemanden mehr, der ihnen das Gewissen schärft. Ähnliches gilt für Paare, die vor der Ehe schon zusammenleben. Niemand sagt ihnen, dass sie dann das Sakrament der Eucharistie nicht empfangen können. Gebeichtet wird nicht mehr. Was Sakrament, Kommunion, Gebote, Sündenvergebung und Bekehrung angeht, herrscht in der Kirche ein flächendeckendes Wischiwaschi – und das in zweiter, dritter Generation. Und da will man ausgerechnet engagierten Katholiken, die in zweiter Ehe leben, den Kommunionempfang verweigern? Ist doch klar, dass das heute niemand mehr versteht.
An die Stelle der Glaubensunterweisung ist das Pastoralsprech von heute getreten: „Die Menschen da abholen, wo sie stehen“, alle „begleiten“, „keine Verletzungen zufügen“. Ist ja alles in Ordnung. Aber ohne die konkrete Einübung der Glaubenslehre werden daraus Sprechblasen. Die Bischöfe schauen weg – oder  unterstützen diesen Kurs der Beliebigkeit. Denn ein Pfarrer, der auch mal über die katholische Sexualmoral predigen würde, läuft Gefahr, einen Aufstand auszulösen und abberufen zu werden – er spaltet schließlich. So verliert sich der konkret gelebte Glaube. Kirche wird zum rein weltlichen Verein. Aber eine Kirche, die in ihren Gliedern ihr eigenes Proprium nicht mehr lebt, ist wie schal geworden Salz. Und das kann dann auch Europa nicht mehr würzen.

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