Editorial 10/2014

 

Wir sind alle Nazaräer

von Guido Horst

 

So sieht es aus: das arabische „N“, das fanatische Islamisten des so genannten Kalifats auf die Häuser der Christen sprühen – bevor sie sie vertreiben oder ermorden. Es steht für „Nazara“, Nazaräer – also Christ. In dieser Ausgabe sind wir alle Nazaräer. Und leiden mit.
Diese Ausgabe des Magazins ist deshalb anders. Sie hat einen Schwerpunkt: den Orden der Malteser. Aber in gewisser Weise auch eine Spannung, die gewollt ist und für die wir diesmal auf die „Disputa“ verzichtet haben. Auf der einen Seite die unermesslichen Gräuel, die die Terrormilizen des „Islamischen Staats“ ihren Opfern zufügen, seien sie Christen, Schiiten oder Jesiden. Und dann der alte Ritterorden, der in den Zeiten der Kreuzzüge entstand, aber lernen musste, das Elend dieser Welt nicht mit dem Schwert, sondern mit Werken der Barmherzigkeit zu bekämpfen. Wer sich den Beitrag über die – alten wie ganz aktuellen – Märtyrerbilder unseres Kunsthistorikers und Autors Peter Stephan anschaut, braucht starke Nerven. Und als „Gegengift“ die Titelgeschichte, die anschaulich macht, dass die wahre Botschaft des einzigen wahren Gottes gewaltfrei ist. Seitdem die Malteser – sicherlich unfreiwillig – ihren territorialen Besitz verloren haben, sind sie zu ihrem Gründungscharisma zurückgekehrt, dem sie heute in der ganzen Welt Denkmäler der Nächstenliebe setzen. Dieser Akt der „Entweltlichung“ verbindet sie aber auch mit dem Vatikan, der – ebenfalls nicht ganz freiwillig – seinen territorialen Besitz, den Kirchenstaat, verloren hat, um sich wieder ganz seiner ursprünglichen Aufgabe zu widmen.
Niemand weiß, wie es mit dem Terror im Mittleren Osten weitergehen wird. Tragfähiges wird er nicht hervorbringen, nur Elend und Leid. Ganz im Gegensatz zu den Maltesern, die einer Verheißung ihres legendären Gründers folgend immer eine Zukunft haben, da Gott will, dass es immer Menschen geben wird, die in den Gesichtern der Kranken und Verletzten das Antlitz Gottes suchen.

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