Editorial 2/2015

 

Periphere Kardinäle

von Guido Horst

 

Mit der Sitzung des Rats der neun Kardinäle, die Franziskus bei der Kurienreform zur Hand gehen, den zweitägigen Beratungen aller Kardinäle in Rom und der Erweiterung des „roten Senats“ der Päpste beim Konsistorium Mitte Februar kommt jetzt wieder so richtig Schwung in den Vatikan. Die Bekanntgabe der zwanzig neuen Purpurträger Anfang Januar hat viele überrascht. Der Korse Dominique Mamberti war gesetzt. Dass der langjährige „Außenminister“ der Päpste und nunmehrige Chef des obersten Vatikangerichts – als Nachfolger von Kardinal Raymund Burke – ein klarer Anwärter auf den Purpur war, hat auch Papst Franziskus so gesehen. Ansonsten ging der Ruf aus Rom an vielen vorbei, die in früheren Jahren fest mit der Kardinalswürde hätten rechnen können: So in den Vereinigten Staaten die neuen Erzbischöfe von Los Angeles oder Chicago, zumindest aber Charles Chaput von Philadelphia, der Franziskus dort im kommenden September als Gastgeber des Weltfamilientreffens begrüßen wird. Auch Erzbischof Cesare Nosiglia von Turin oder der Patriarch von Venedig, Francersco Moraglia, dürften in den vergangenen Monaten mit offenem Fenster geschlafen haben. Aber die ehrenvolle Aufforderung des Papstes, sich purpurne Gewänder zuzulegen, blieb aus. Wie bei seiner ersten Kardinalserhebung im Februar 2014 verzichtete Franziskus wiederum darauf, den Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche, Jean-Louis Bruguès, und die „nur“ violett gekleideten Präsidenten der Päpstlichen Räte in den Kardinalsrang zu erheben. Auch Carlos Osoro Sierra, seit Oktober Erzbischof von Madrid, hätte in früheren Jahren fest mit der Würde des Purpurs rechnen können. Sie alle gingen leer aus.
Stattdessen griff Papst Franziskus auf die Räume aus, die die Medien sofort als „Peripherie“ gekennzeichnet haben. Das gilt auch für Italien: Edoardo Menichelli, Erzbischof von Ancona-Osima, ist eine echte Überraschung – wie auch der Oberhirte der sizilianischen Diözese Agrigent, Francesco Montenegro, der aber mit seiner Zuständigkeit für die Flüchtlingsinsel Lampedusa schon eher ein Franziskus-konformer Kandidat war.
Doch weltkirchlich gesehen ist der Papst aus Argentinien wirklich an die „Ränder“ gegangen: Mit dem Erzbischof des polynesischen Inselarchipels Tonga mit einigen tausend Katholiken, dem Neuseeländer John Atcherley Dew aus Wellington oder den Oberhirten von Rangun in Myanmar, von Santiago de Cabo Verde im ehemaligen westafrikanischen Sklavenstaat der Kapverdischen Inseln und von Chitre in Panama. Mit nur einem – amtierenden – Kurienmann hat das Gewicht des Vatikans bei den Ernennungen abgenommen, wesentlich größere Bedeutung kommt der Universalkirche mit einigen pastoralen Randgebieten zu. Dass die Kardinalserhebungen Mitte Februar die Gewichte im „roten Senat“ des Papstes mit Blick auf die Familiensynode in eine ganz bestimmte Richtung verlagern würden, ist nicht abzusehen. Doch eindeutig erfährt die Seelsorge in außergewöhnlichen Regionen der Welt eine Aufwertung. Franziskus spricht nicht nur von der Peripherie. Er wertet sie mit den kommenden Kardinalserhebungen auch kräftig auf.

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