Editorial 8-9/2016

 

Es ist Krieg, aber Gottes Reich wird kommen

von Guido Horst

 

Es sei nicht ein Krieg der Religionen, den man derzeit erlebe, so Papst Franziskus auf dem Flug zum Weltjugendtag nach Krakau. Sondern es sei ein Krieg der Interessen, um Geld, um Naturressourcen und um die Herrschaft über Völker. Da hatte die Welt gerade wieder durchgeknallte Attentäter erlebt, die sich mit dem Schrei „Allahu akbar“ aus blutdürstigen Kehlen auf ihre Opfer gestürzt hatten, mit einer Axt, mit Feuerwaffen oder einem ungebremsten Lkw. Und das soll dann nichts mit Religion zu tun haben? Nein, sagt Franziskus. Und nein sagen würde auch Papst Benedikt, der in seiner historischen Vorlesung von Regensburg vor zehn Jahren deutlich gemacht hat, dass wahre Religion auch immer etwas mit Vernunft zu tun haben muss. Nur weil ein fehlgeleiteter Dschihadist religiöse Fantasien im Kopf hat, die ihm ebenso fehlgeleitete Hassprediger in den sozialen Medien oder sonst wo eingeredet haben, und er sich dann als Mordmaschine Allahs fühlt, kann man das nicht Religion nennen. Dass diese Fanatiker für ganz andere Zwecke instrumentalisiert werden, die dann mit Religion wirklich gar nichts mehr zu tun haben, kann man überall in diesem Halbmond der Gewalt beobachten, der sich von Asien über den Mittleren Osten bis nach Afrika zieht und dessen blutige Nebenwirkungen auch Europa erreichen. Da wird keine Religionsgeschichte geschrieben, sondern die Geschichte von Macht und Herrschaft über Menschen, Kapital und Ressourcen. Der rationale Diskurs über Religion, Vernunft und Gewalt, den Papst Benedikt in Regensburg eröffnet hatte, muss heute weitergehen. In unserer Gesellschaft, aber auch zwischen den Religionen, zwischen Christen und Muslimen, sonst kann man der Irrationalität, die von den jüngsten Attentaten ausgeht, nicht widerstehen.
Es ist schön, dass in diesem Heft beide Antworten des Christentums auf den Krieg dieser Tage ausführlich zur Sprache kommen. Da ist zum einen die des Intellekts, des katholischen Denkers Joseph Ratzinger, und da ist zum anderen die der Heiligen, die unser Cover ziert. Und beides, das ist nun mal katholisch, gehört zusammen, die tätige Liebe und die Liebe der klärenden Vernunft, die gedanklich den Spreu vom Weizen trennt. Mutter Teresa hat vor der Welt ein ganz irrsinniges Zeugnis abgelegt, die Liebe zu den Armen, die nicht danach strebt, die Welt zu verbessern, die Strukturen zu ändern oder politische Lösungen zu suchen. Ihr geistlicher Röntgenblick hat in den Leidenden und Sterbenden Jesus gesehen, den Sohn des göttlichen Vaters. Unser Autor hat sie zu Recht die „Ikone der Barmherzigkeit“ genannt, die die Güte und Zärtlichkeit Gottes zu den Menschen auf ihren Gesichtszügen trägt.
Womit man dann beim dritten großen Thema dieser Seiten wäre: Dass alle Geschichte im Letzten Heilsgeschichte ist, dass Gott auf Erden ein Reich der Liebe errichten will, das anfanghaft schon da ist, aber erst am Ende verwirklicht wird, wenn der Heilsplan Gottes sich ganz entfaltet. Es ist nicht der strafende Gott, der über uns steht wie ein hartherziger Richter, sondern ein Geheimnis, das aus Liebe besteht und das ganze Universum zusammenhält. Wenn schon dieses Universum, das uns die moderne Astronomie in seiner atemberaubenden und alle menschlichen Vorstellungen sprengenden Schönheit und Größe zumindest bruchstückhaft zeigt, den Verstand überfordert, wie sehr muss dann dessen ewiger Schöpfer jedes menschliche Begreifen weit übersteigen. Doch das göttliche Geheimnis hat uns Abbilder gezeigt, das Angesicht seines Sohns, der Mensch geworden ist, und Heilige wie Mutter Teresa, in denen die Liebe Gottes zu den Menschen aufscheint. Das ist unsere Hoffnung und Zuversicht. Da können die verwirrten Islamisten und Dschihadisten so viel hassen und töten wie sie wollen, das keimhaft unter uns schon vorhandene Reich des göttlichen Geheimnisses ist stärker als sie.

Artikel kostenlos als PDF herunterladen