Editorial 4/2015

 

Wie es ist, wenn der Wind sich dreht

von Guido Horst

 

„Die Familie steckt in der Krise. Wie kann man die Familien ,in Neuauflage’ in das Leben der Kirche integrieren? Das heißt jene zweiten Verbindungen, die oft phänomenal laufen, während der ersten Verbindung kein Erfolg beschieden war. Wie integriert man sie? Damit sie in die Kirche gehen? Also vereinfacht man und sagt: ,Ach, sie geben den Wiederverheirateten die Kommunion’. Damit aber löst man gar nichts. Das, was die Kirche will, ist, das man sich dem Leben der Kirche anschließt. Aber da gibt es einige, die sagen: ,Nein, ich will die Kommunion empfangen – und damit basta.’ Eine Auszeichnung, ein Ehrenzeichen. Nein. Du musst dich integrieren. Es gibt sieben Dinge, die Personen in einer zweiten Verbindung dem geltenden Recht zufolge nicht machen können. Ich erinnere mich nicht an alle. Aber eines davon ist, Taufpate zu sein. Warum? Welches Zeugnis wollen sie damit dem Patenkind geben? Etwa zu sagen: ,Schau, mein Lieber, ich habe mich in meinem Leben geirrt. Jetzt bin ich in dieser Lage. Ich bin Katholik. Die Prinzipien sind diese und jene. Ich aber mache das und begleite dich.’ Ein schönes Zeugnis! Aber was ist, wenn ein Mafioso kommt, ein Verbrecher, einer, der andere umgebracht hat...? Kann er dann Pate sein? Das sind Widersprüche!“
Wer hat das gesagt? Kardinal Raymund Leo Burke am Kalten Buffet nach der Feier einer „alten“ Messe? Oder Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Kreise seiner engsten Mitarbeiter? Nein – man erkennt es schon am sprachlichen Stil. Es war Papst Franziskus höchstpersönlich, in einem ausführlichen Interview mit dem mexikanischen Fernsehsender „Televisa“, das am 6. März im Gästehaus Santa Marta aufgezeichnet wurde und seit dem 12. März ausgestrahlt wird. Auf Spanisch. Aber jetzt liegen die ersten Übersetzungen vor. Kardinal Walter Kasper wird kräftig schlucken. Und Franziskus hat zudem dem Synodensekretariat einen Beraterkreis von Theologen zur Seite gestellt, zu dem der stellvertretende Direktor des römischen Familien-Instituts „Johannes Paul II.“ gehört, der Spanier José Granados, der zur Kommunionzulassung der Wiederverheirateten ein Buch gegen Kardinal Kasper veröffentlicht hat. So ist es, wenn der Wind sich dreht. In Rom mehren sich die Anzeichen dafür, dass der Weg, den der deutsche emeritierte Kurienkardinal auf dem Konsistorium im Februar 2014 den Teilnehmern der ersten Synode zu Ehe- und Familienfragen weisen wollte, schon an seinem Ende ist. Trotz aller deutschen Sonderpastoral, von denen wichtige Bischöfe im Lande Luthers träumen. Und trotz allem, was über die „Lebenswirklichkeit“ der Menschen als „locus theologicus“ geredet wird, der sich verändernd und formend auf die Kirchenlehre auswirken soll. Lange hat Papst Franziskus geschwiegen. Jetzt hat er Farbe bekannt. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das auch die Medien merken.

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