Editorial 7/2016

 

Allein den Betern

von Guido Horst

 

Wenn der Fußball das letzte zu sein scheint, das den europäischen Kontinent noch eint, wenn die orthodoxe Welt es nicht schafft, nach 55 Jahren der Vorbereitung ein gemeinsames Konzil abzuhalten, wenn man sieht, dass auch in der katholischen Kirche die Gräben immer tiefer werden – man streitet über die Flüchtlingsfrage, über das Papstschreiben „Amoris laetitia“, über Diakoninnen und mehr Synodalität (Kreta lässt grüßen!) –, dann darf man wohl fragen, warum es in diesem so postchristlich gewordenen Abendland einfach nicht mehr gelingt, hehre und edle Projekte in die Tat umzusetzen und weiter zu entwickeln. Zugegeben: Der Morgen nach dem Brexit war jetzt nicht der prickelnde Moment, um ein hoffnungsfrohes und zuversichtliches Editorial zu schreiben. Wie soll das weitergehen mit der Union, die einst als Erfolgsmodell und durchaus christliches Projekt begann und nun unter den Fußtritten nationaler Egoismen zu zerbröseln droht. Schon melden sich Niederländer und Iren zu Wort, die es den Briten gleich tun wollen. In Italien hat man Angst, dass dem geachteten, aber ungeliebten Deutschland nun noch mehr eine Führungsrolle in Europa zufallen könnte – was Frau Merkel gar nicht will, und die Deutschen wohl auch nicht. Aber wo ist denn in Europa noch ein kulturell, wirtschaftlich und zivilisatorisch starkes Zentrum, an dem man sich orientieren könnte? Der beliebteste Regierungschef in Europa ist der Calvinist Viktor Orbán in Ungarn. Da sind wir gelandet!
Hier nochmals zur Erinnerung die prophetischen Worte des damals 33 Jahre alten Dichters Reinhold Schneider: „Allein den Betern kann es noch gelingen / Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten / Und diese Welt den richtenden Gewalten / Durch ein geheiligt Leben abzuringen.“ Das schrieb er 1936. Doch auch den Betern gelang es nicht, das Schicksal abzuwenden, das die Welt wenig später in den Abgrund reißen sollte.
So muss sich auch jetzt die katholische Kirche an die eigene Nase fassen. Wie viele schöne Ideen sind geplatzt wie Seifenblasen. Da war der Wunsch und die Vorstellung des seligen Papstes Paul VI., dass Kirche und säkulare Welt wieder auf Augenhöhe miteinander sprechen und gemeinsam eine Zeit der Entwicklung, des Friedens und des Fortschritts einläuten könnten. Da war die Vision des heiligen Papstes Johannes Paul II. von einem geeinten Europa, das wieder lernt, mit seinen beiden christlichen Lungen zu atmen – der westlichen und der östlichen. Da war das Projekt der Ökumene, das gerade auf Kreta von orthodoxen Patriarchen mit noch ein paar weiteren Sargnägeln versehen wurde. Da ist die große Glaubenskrise, die die Kirche Europas erfasst hat und dafür sorgt, dass die Weitergabe des Glaubenswissen und einer gelebten kirchlichen Praxis von Generation zu Generation zusammengebrochen ist. Sieht alles nicht so rosig aus. Wo doch gerade jetzt Europa einen guten Schuss Identität und Wissen um seine kulturellen Wurzeln gebrauchen könnte, um mit den Unruhen im Mittleren Osten und in Afrika und den entsprechenden Migrationsströmen fertig zu werden. Und an die Horror-Vision, dass die ganze Welt zum Schauplatz eines Ringens zwischen einem Wladimir Putin und einem Donald Trump werden könnte, wollen wir gar nicht denken und uns erst mit ihr befassen, wenn es denn vielleicht so weit kommen sollte. Wenn der Brexit möglich war, dann ist heute wohl alles möglich.
Also: Allein den Betern kann es noch gelingen. Denn das bleibt, auch  die Geschichte dieser Welt ist am Ende  Heilsgeschichte – und ihr Herr der Erlöser Jesus Christus. Dass die Geschichte eben dieser Welt etwas mit göttlichen Ratschlüssen zu tun hat, daran wird uns 2017 der hundertste Jahrestag der Erscheinungen von Fatima erinnern. Doch wo sind die Beter geblieben? Am vergangenen 12. Juni haben wir den Wallfahrtsort am Vorabend des Erscheinungstags vom 13. Juni besucht. Früher nahmen fünfzig- oder hunderttausend Menschen an der vorabendlichen Lichterprozession teil – diesmal war der riesige Platz vor dem Heiligtum so gut wie leer. Aber auch dies stimmt ja: Not lehrt beten. Daran werden wir in Zukunft keinen Mangel haben. Die Not kehrt zurück, wie wir sehen.

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