Editorial 12/2014

 

Europa, die gute Seele

von Guido Horst

 

Dass unsere Weihnachtsgeschichte den Blick auf den Orient lenkt, hat einen besonderen Grund. Im Irak, dem Ursprungsland der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte, wo Gott begann, sich mit Abraham ein Volk zu sammeln, tobt ein grausamer Krieg. Syrien, wohin Saulus ging, um Christen zu jagen, weil er offensichtlich in Palästina nicht genügend fand, liegt in Trümmern. Ägypten stand am Rande eines Bürgerkriegs – so wie er zurzeit in Libyen tobt. Und aus dem Dauerherd der Unruhe, dem kaum lösbar zu scheinenden Konflikt zwischen den palästinensischen Arabern und Israelis, ist auch nichts Beruhigendes zu melden. Ganz im Gegenteil. Europa, so scheint es, hat nicht mehr die Kraft, befriedend auf die Völker hinter seinen Grenzen zu wirken.  
An diese Mission hat aber jetzt Papst Franziskus bei seinem Besuch in Straßburg die europäische Politik erinnert. Es waren zwei außergewöhnliche Reden, die er vor dem Parlament und dem Europarat gehalten hat. Europa scheint ihm, dem Papst aus Lateinamerika, alt geworden zu sein. Von außen betrachtet gewinne man den Eindruck, dass Europa eine „Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist“. Doch die Botschaft von Franziskus war eine Botschaft der Hoffnung, nicht der Resignation. Ein anonymer Autor des zweiten Jahrhunderts, sagte der Papst vor den Parlamentariern, habe geschrieben, dass „die Christen in der Welt das sind, was die Seele im Leib ist“. Und eine zweitausendjährige Geschichte verbinde Europa mit dem Christentum. „Europa hat es dringend nötig, sein Gesicht wiederzuentdecken“. Die Stunde sei gekommen, „gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person“. Das Europa, wie Franziskus weiter sagte, „das den Himmel betrachtet und Ideale verfolgt; das Europa, das auf den Menschen schaut, ihn verteidigt und schützt; das Europa, das auf sicherem, festem Boden voranschreitet, ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit!“
Advent und Weihnachten. Es ist eine Zeit im Kirchenjahr, die das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte in den Mittelpunkt rückt: den Eintritt Gottes in diese Welt. Für den Papst hat es Europa noch vor sich, diese seine Wurzeln wiederzuentdecken. Dann könne es auch seine wahre Mission fortsetzen, die gute Seele der Welt zu sein. Eine starke Botschaft, voller Hoffnung, ausgesprochen von einem Lateinamerikaner. In diesem Sinne eine frohe Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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