Editorial 5/2016

 

Wenn Friede, dann Friede, wenn Streit, dann Streit

von Guido Horst

 

Wie heiße Lava tief unten in einem Vulkan, die sich mächtig den Weg nach oben sucht, steigt auch der Innendruck im Dampfkessel Kirche. Die Spaltung, die sich mit dem synodalen Prozess zu Ehe und Familie aufgetan hatte, ist mit „Amoris laetitia“, dem jüngsten Apostolischen Schreiben von Papst Franziskus, nicht überwunden worden. Nein, jetzt ist sie manifest und führt zu Kontinentalverschiebungen. Es wäre unlauter, wenn man das nicht zugeben und zur Kenntnis nehmen würde. Es geht hier nicht darum, Partei zu ergreifen oder gar zu verurteilen. Aber der Segen hängt schief. Streitpunkt sind nicht die Paare in irregulären Beziehungen, schon gar nicht ist es die Barmherzigkeit – und auch nicht die Aufgabe der Seelsorge, alle ins Boot zu ziehen, auch die Sünder, und sie in das Leben der Kirche einzubinden, sie dem Herrn zu nähern wie es Jesus selbst getan hat, als er zu Zöllnern, Prostituierten und Schurken essen ging. Aber es geht um die Kommunion für zivil Wiederverheiratete, wo bei beiden oder einem von ihnen noch ein erstes, sakramentales Eheband besteht. Es geht also nicht um sehr viele Fälle, nicht um ein Massenphänomen, aber dafür um die Sakramentenlehre und damit um das Herz des Glaubens.
Man könnte jetzt endlos Zitate der letzten Tage und Wochen anführen, aber zwei sollen hier reichen, sie stehen für sehr viele. Die jüngste Synode hat, was die Kommunionzulassung der Wiederverheirateten angeht, die Tür ein Spalt weit geöffnet – und Papst Franziskus ist hindurchgegangen. Kardinal Walter Kasper hat gerade erst gegenüber der „Aachener Zeitung“ erklärt, „die Tür“ – für die Zulassung in Einzelfällen der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten – „ist jetzt offen“. Das hat Franziskus selber auf dem Rückflug von Lesbos gesagt. Aber Kasper macht eine interessante Ergänzung: „Franziskus schreibt aber nicht vor, wie man sie“ – diese offene Tür – „durchschreiten soll. Er wiederholt nicht frühere, eher negative Aussagen von vorherigen Päpsten darüber, was nicht möglich und nicht erlaubt ist. Da gibt es also Spielraum für die einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen.“ Die philippinischen Bischöfe haben es vorgemacht. Ihr Hirtenwort zu „Amoris laetitia“ stand unter dem Motto: „Kommunion für alle“.
Robert Spaemann sieht das ganz anders. „Amoris laetitia“ mit seiner „offenen Tür“, sagte der Philosoph gegenüber CNA, habe „das Chaos... mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben. Der Papst hätte wissen müssen, dass er mit einem solchen Schritt die Kirche spaltet und in Richtung eines Schismas führt. Ein Schisma, das nicht an der Peripherie, sondern im Herzen der Kirche angesiedelt wäre. Gott möge das verhüten.“ Und: „Jeder einzelne Kardinal, aber auch jeder Bischof und Priester ist aufgefordert, in seinem Zuständigkeitsbereich die katholische Sakramentenordnung aufrecht zu erhalten und sich öffentlich zu ihr zu bekennen. Falls der Papst nicht dazu breit ist, Korrekturen vorzunehmen, bleibt es einem späteren Pontifikat vorbehalten, die Dinge offiziell wieder ins Lot zu bringen.“ Das alles ist starker Tobak. Und es hat überhaupt keinen Sinn, den sich abzeichnenden Streit zu leugnen. Vielleicht braucht ihn die Kirche, um nach Jahrzehnten einer oberflächlichen und laxen Sakramentenpastoral wieder zu erkennen, welch kostbaren Schatz ihr der Herr mit der Eucharistie überlassen hat.

Artikel kostenlos als PDF herunterladen