Editorial 2/2016

 

Wir haben Wichtigeres zu tun

von Guido Horst

 

Wenn im März, voraussichtlich am Josephstag, das abschließende Schreiben des Papstes zum synodalen Prozess zu Ehe und Familie erscheint, wird ein langer Diskussionsprozess zu Ende sein, der vor zwei Jahren mit der Einladung von Franziskus an Kardinal Walter Kasper begonnen hat, beim Kardinalskonsistorium vom Februar 2014 ein Referat über das Ehesakrament und die Familien von heute zu halten und dabei auch Krisen und schwierige Umstände nicht auszuschließen. Die Geschichte ist bekannt, der anschließende Verlauf von zwei Bischofssynoden in Rom auch. Es war für viele eine schwierige Zeit: Zur Frage der Wiederverheirateten und auch zur Bewertung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ging der Riss nicht nur durch das Kardinalskollegium. Auch Bischöfe im Weltepiskopat, Theologen, Pfarrer und Ordensleute äußerten unterschiedliche Meinungen, publizistisch ging es zwischen Nordamerika, Afrika und Europa teils heftig hin und her. Viele Gläubige waren verwirrt. Es war keine schöne Zeit. Und über allen Debatten schwebte eine große Frage: Was will denn nun der Papst, was denkt Franziskus persönlich?
So hat sich ein Kreis von Papstverstehern herausgebildet, die angeblich genau wussten, was der erste Papst aus Lateinamerika und aus dem Jesuitenorden mit der von Kardinal Kasper aufgeworfenen Frage wirklich bezweckte. Zu nennen wäre etwa der Direktor der einflussreichen Zeitschrift „La Civiltà Cattolica“, der italienische Jesuit Antonio Spadaro. Auch einige „säkulare“ Medienkollegen umgaben sich mit dem Nimbus, mehr zu wissen als der normale Zeitungsleser. Die Polarisierung war gewaltig, das jetzt zu erwartende Schlusswort von Franziskus wird in keinem Fall von der Art sein, dass es einer Partei Recht gibt und die andere Partei enttäuscht. Alle werden wohl mit dem Papstschreiben leben können, auch wenn nicht damit zu rechnen ist, dass Franziskus den oft zitierten „Türspalt“, den die letzte Synode angeblich geöffnet hat, wasserdicht vermauern wird.
Gehen dann also Diskussion und Streit ungebremst weiter? Hoffentlich nicht. Die Welt, so der Papst, erlebt derzeit einen „Dritten Weltkrieg in Häppchen“. Europa ist Zielpunkt eines Flüchtlingsstroms, von dem man nicht weiß, wann er enden und wie man ihn bis dahin lenken und leiten kann. Gerade in Deutschland ändert sich das Leben der Menschen bis in die letzten Kapillaren. Die große Frage, wie wir Christen – sagen wir es ruhig: die abendländische Kultur – die eigene Identität wiederfinden und stärken können, um so auch Menschen fremder Religion und geistiger Einstellung aufnehmen und integrieren zu können, ist auch in diesem Heft angesprochen. Kulturstiftend war im Westen die Kirche. Und sie ist es immer noch. Die Wertschätzung der Frau, die Förderung der Familie, die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden, Solidarität und Subsidiarität sind Werte, die von der Kirche hochgehalten werden. Es wäre wunderbar, wenn wir mit diesen Pfunden wuchern könnten und das kirchliche Management nicht gleich wieder im Parteienstreit versinkt, so wie wir ihn zwei Jahre erlebt haben. Es gab in der Geschichte innerkirchliche oder theologische Streifragen, die haben die Päpste nie entschieden. Sie wurden von wichtigeren Dingen eingeholt und vom Zahn der Zeit abgetragen. So ist das auch jetzt, wenn man an die Reizfragen der letzten beiden Synoden denkt. Wir haben Wichtigeres zu tun.

 

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