Editorial 11/2016

 

Ab ins Museum – oder vermarkten

von Guido Horst

 

Der längst verstorbene, aber unvergessene Rom-Versteher Reinhard Raffalt war nicht nur ein Kenner der Romanitas, sondern er liebte die Traditionen und den kulturellen Reichtum des päpstlichen Roms. Seine Werke „Concerto Romano“, „Fantasia Romana“ und „Sinfonia Vaticana“ sind heute noch lesenswert. Konnte Raffalt seinen Unmut um den Modernisierer des Vatikans und Architekten einer großen Kurienreform, den Montini-Papst Paul VI., noch in seinem Buch „Wohin steuert der Vatikan“ aus dem Jahr 1973 selber zum Ausdruck bringen, so muss er die jüngsten Veränderungen im Kleinstaat der Päpste von woanders betrachten. Vielleicht besser so. Mögen seine sterblichen Überreste beim Auftritt von Papst Franziskus am Wahlabend des 13.März 2013 in leichte Rotationsbewegungen geraten sein, dürften seine Drehungen im Grab inzwischen Höchstgeschwindigkeiten erreicht haben. So schnell geht es dahin – das alte Rom der Päpste.
Die Wirte, Geschäftsinhaber und Hoteliers in und rund um Castel Gandolfo werden natürlich zufrieden sein: Die Umwandlung der päpstlichen Sommerresidenz in ein Museum und die Öffnung des zauberhaften Gartens der prächtigen Anlage locken wieder Touristen in das Städtchen am Albaner See, die ausgeblieben waren, nachdem Papst Franziskus entschieden hatte, auch die Sommerzeit – arbeitend und telefonierend – in Santa Marta oder auf Kurzreisen zu verbringend. Nun kann man mit einer Eintrittskarte der Vatikanischen Museen durch das Arbeitszimmer der Päpste in der Sommerfrische schlendern, das Bett, in dem zuletzt Benedikt XVI. geschlafen hat, oder die berühmte Sitzecke betrachten, in der sich Franzsikus und sein Vorgänger vor über drei Jahren gegenüber saßen – und zwischen ihnen stand die dicke Kiste mit vertraulichen Unterlagen, die der Emeritus seinem Nachfolger überlassen wollte. Times are changing. Auch in Rom. Der Vatikan vermarkte jetzt alles, was er vermarkten könne, murmelt, nach seiner Meinung gefragt, kopfschüttelnd ein Vatikanprälat. Dass die Güterverwaltung des Heiligen Stuhls eine leer stehene Ladenfläche direkt am Vatikan für dreißigtausend Euro im Monat an McDonald’s vermieten will, passt da gut ins Bild.
Aber es ist nicht nur das. Es zeigt auch, wie der argentinische Papst zu klassisch-römischen Gepflogenheiten und päpstlichen Traditionen steht. Die Geschichte der Sommerresidenz in Castel Gandolfo ist lang und bewegt, aber seit den Lateranverträgen war sie ein beständiges und beliebtes Feriendomizil der Päpste. Stolz verkündete der Direktor der Vatikanischen Museen, Antonio Paolucci, jetzt vor laufender Kamera, die päpstliche Sommerresidenz sei nun Teil seines musealen Hauses. Und da sie eben eine päpstliche Residenz war, dürfte Franziskus selbst das entscheidende Wort gesprochen haben. Genau das möchte der Jesuiten-Papst: Dass einige Dinge „im Museum verschwinden“: nicht nur klerikale Sitten und Gebräuche hinter den heiligen Mauern, nicht nur die Mozetta und die schweren Dienstwagen der Herren Bischöfe und Kardinäle, nicht nur das abendliche Licht aus der Bibliothek der Päpste hoch über dem Petersplatz – von der Papstwohnung dort oben ganz zu schweigen –, nicht nur die Konzerte für den Papst oder andere Gebräuche im päpstlichen Haushalt, nein, durchaus auch eine ganze Papstresidenz, selbst wenn diese für einen seiner Nachfolger wieder wichtig werden könnte. Denn das ist die Frage: Ob der, der irgendwann nach Franziskus kommt, sich überhaupt noch trauen kann, Gewohnheiten wieder aufzunehmen, die sein Vorgänger abgeschafft oder beendet hat.

Artikel kostenlos als PDF herunterladen