Editorial 4/2014

 

Menschenfischer, Kirchenlehrer

von Guido Horst

 

Rom ertrinkt im Menschenmeer. Der Große und der Gute. Johannes Paul II. und Johannes XXIII. Beide nun im Buch der Heiligen. Und die Massen kommen. Papst Franziskus spricht zwei selige Vorgänger heilig. Sein direkter Vorgänger begleitet den Weg der Kirche im Gebet. Zwei neue Fürsprecher-Päpste im Himmel, ein Papa emeritus, ein Papst im Amt: Eine solche Konstellation hat es in der Geschichte der Kirche noch nie gegeben. Reiner Zufall? Oder Ausdruck einer besonderen, vielleicht entscheidenden Situation im Leben der Kirche?
Bei allen Superlativen, die es nach dem Barmherzigkeits-Sonntag aus der Ewigen Stadt zu berichten gibt, muss man auch ganz nüchtern fragen: Wen spricht die Kirche da heilig? Zwei Mythen? Zwei religiöse Gurus? Männer, die wie Lichtgestalten über Lehre und Leben der katholischen Kirche stehen? Deren Glanz losgelöst von den Niederrungen des kirchlichen Alltags auf alle Menschen guten Willens scheint? Das mag ja sein. Aber Angelo Roncalli und Karol Wojtyla waren zunächst tiefgläubige Menschen. Der eine hat uns das Zweite Vatikanische Konzil geschenkt, an dessen Lehren und deren Umsetzung die Kirche immer noch arbeitet. Der andere ist aufgrund seiner langen Pontifikatsjahre selber zu einem Kirchenlehrer geworden, dessen Verkündigung ein reiches Erbe darstellt. Man kann die Heiligsprechung von Päpsten nicht abkoppeln von dem, was sie der Kirche hinterlassen haben, von ihren Lehrschreiben und ihrer vom Kern des Christentums ausgehenden Auseinandersetzung mit den Strömungen der jeweiligen Zeit. Und so wundert es schon sehr, dass man genau das bei Johannes Paul II. tut.
Nach der anthropologischen Wende der 68er-Bewegung, nicht umsonst spricht man in diesem Zusammenhang auch von der „sexuellen Revolution“, sah sich der polnische Papst gedrängt, die Heiligkeit der christlichen Ehe, die Familie und die Würde des menschlichen Lebens vom ersten bis zum letzten Augenblick in der Sprache der Menschen von heute neu zu erklären. Die „Theologie des Leibes“ oder die Mittwochskatechesen zu Ehe und Familie, die Schreiben „Familiaris consortio“ oder „Evangelium vitae“ – das sind nur wenige Beispiele für die reiche Verkündigung von Johannes Paul II., in der es um die Familie und das Zusammenleben von Mann und Frau geht.
Trotzdem tun einige – durchaus auch im Range eines Bischofs – so, als sei das Rad der Morallehre der Kirche neu zu erfinden, oder scheinen vergessen zu haben, was der polnische Papst zu diesen Themen zu sagen hatte. War dieser zu polnisch? Zu personalistisch? Aber wenn die Lehre von Karol Wojtyla nur zu Polen oder nur zu personalistischen Denkströmungen passen würde, dann dürfte man ihn nicht für die ganze Kirche heiligsprechen. Den heiligen Karol zu bejubeln und wegzuschauen, wenn es um seine Ehe- und Familienlehre geht, wäre heuchlerisch. Vielleicht müssen einige noch ihre Hausaufgaben machen. Das entsprechende Schrifttum von Johannes Paul II. liegt gut aufgearbeitet und klug kommentiert in nahezu allen Sprachen vor. Dann würde sich vielleicht manche Erregung legen, die gewisse Teile der Kirche mit Blick auf die beiden kommenden Bischofssynoden zu Ehe und Familie ergriffen hat.

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