Editorial 11/2014

 

Kirchenpolitik statt hohe Theologie

von Guido Horst

 

Wenn die kommende Synode im Herbst 2015 in der Frage der Wiederverheirateten den von Kardinal Walter Kasper und vielen deutschen Bischöfen gewiesenen Weg geht, titelt die „Bild“-Zeitung: „Kirche erlaubt Scheidung!“ Das ist natürlich falsch und auch nicht fair. Falsch ist es, weil die römischen Bischofssynoden keine bindenden Entscheidungen fällen, sondern dem Papst nur Vorschläge unterbreiten. Entscheiden muss Franziskus schon selber. Und fair ist es auch nicht, weil weder Papst, noch Kardinäle oder Bischöfe oder der ganze Synoden-Apparat die Unauflöslichkeit der kirchlich geschlossenen Ehe antasten wollen. Aber die Welt ist nun einmal, wie sie ist, und für die „Bild“-Zeitung gilt das gleiche: Ganz am Ende des (kurzen) Artikels würde auch in der „Bild“ dann stehen, dass nur in Einzelfällen nach einem Weg der Umkehr und Buße (wie soll der aussehen?) unter Verantwortung des Ortsbischofs ein Geschiedener, der eine zweite zivile Ehe eingegangen ist, wieder zur Kommunion gehen darf. Aber wenn in Einzelfällen die Kirche mit dem Sakrament der Eucharistie ein zweites Eheband absegnet, dann ist der Damm gebrochen und Scheidung grundsätzlich möglich. Auch die Katholiken hätten dann orthodoxe Verhältnisse, oder protestantische, wo Scheidung ja gang und gäbe ist. Man wird es der „Bild“-Zeitung wohl zugestehen müssen, historische Wendungen auf ihre Weise auf den Punkt zu bringen.
Man hätte sich gewünscht, dass im zurückliegenden Oktober aus der Synodenaula Spuren einer vertieften theologischen Auseinandersetzung nach außen gedrungen wären. Etwa zum Verhältnis und zur inneren Verzahnung der Sakramente Ehe und Eucharistie. Durchaus unter der Berücksichtigung der Tatsache, dass es heute hier und dort in der seelsorglichen Praxis schon üblich ist, sich in besonders tragischen Fällen barmherzig zu zeigen und jemandem im „Forum internum“ – im diskreten Gespräch zwischen einem Geistlichem und seinem Beichtkind – den Weg zum Kommunionempfang zu öffnen. Nicht als generelle Regel, sondern als Ausnahme und Einzelfall. Stattdessen hat man bei der jüngsten Synode die Erfahrung gemacht, wie sehr der Erwartungsdruck der Medien und der Öffentlichkeit auf der Bischofsversammlung lastete. Die Theologie trat zurück, was blieb war die Kirchenpolitik: Bündnisse wurden geschmiedet, Journalisten „beatmet“, im Vorfeld wurde mit Veröffentlichungen und Gegen-Veröffentlichungen, mit Interviews und hitzigen Pressekonferenzen gearbeitet. Auch während der Synode hielt das an und steigerte sich zu dem Vorwurf, das Synodensekretariat würde mit seiner merkwürdigen Informationspolitik die Bischofsversammlung in eine bestimmte Richtung lenken. Statt hoher Theologie versprühte die Synode Schlagworte, ohne sie weiter zu konkretisieren: Von der „Weiterentwicklung der Lehre“, vom „Gesetz der Gradualität“ (nicht der Gradualität der Gesetze), von Elementen des Guten und Heiligen, die auch in ungeordneten Beziehungen zu finden seien. Wenn das jetzt ein Jahr so weiter geht, wäre es wirklich höchste Zeit, den seligen Paul VI. und alle heiligen Päpste um himmlischen Beistand anzuflehen.

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