Editorial 1/2017

 

Abenteuer Kirche

von Guido Horst

 

Als zum Jahreswechsel 2006/2007 die erste Ausgabe des Vatican-magazins erschien, war Benedikt XVI. ein „junger“ Pontifex, Deutschland zehrte noch von dem Hochgefühl, „Papst zu sein“, und die Erinnerung an den großen Polen auf dem Petrusstuhl war noch ganz frisch. Zehn Jahre ist das her. Ein kleines Jubiläum dieser Zeitschrift im Glanz anderer großer Jahrestage. Zunächst einmal gilt es, unseren Leserinnen und Lesern nicht nur ein gutes Neues Jahr zu wünschen, sondern allen von Herzen dafür zu danken, dass sie unsere treuen Begleiter sind oder das Magazin zumindest für eine Zeit lang begleitet haben.
Doch nun stehen wir am Beginn eines Marienjahrs, das für uns besonders im Zeichen von hundert Jahren Fatima steht. Und nicht nur das. Vor vierzig Jahren gründeten die Brüder Bernhard und Martin Müller die Fatima-Aktion, einen gemeinnützigen Verein zur Unterstützung verfolgter und von Not bedrängter Christen – eine „Aktion“, die dann zur „Mutter“ des Fe-Verlags wurde, der immerhin auch schon ein Vierteljahrhundert besteht und vor zehn Jahren dieses unseres Magazin gebar, das da monatlich im Schatten des Petersdoms entsteht. Das alles ist ein Grund, dankbar zu sein. Vor allem die Erscheinungen der Gottesmutter in Portugal vor hundert Jahren sollen uns in den nächsten Monaten führen. Gott verlässt die Menschen nicht, zumindest die nicht, die sich ihm anvertrauen. Maria ist unser Beistand, und ihr göttlicher Sohn lebt in seiner Kirche, auch wenn Wunden und Irrwege das manchmal verdunkeln können. Aller Sündhaftigkeit der Menschen zum Trotz.
Für den englischen Theologen John Henry Newman ist die Erbsünde der entscheidende Punkt, um Gottes Wirken in der Geschichte zu verstehen und dann daraus Schlussfolgerungen über die Natur der Kirche zu ziehen. Gott existiert, und die Welt ist seine Schöpfung, schreibt der Theologe und spätere Kardinal in seiner „Apologia pro vita sua“. Doch etwas, so folgert er, muss da mächtig schief gegangen sein. „Wenn ich einen Knaben sähe, von edler Gestalt und guten Geistesanlagen, mit allen Anzeichen einer vornehmen Natur, ohne Mittel in die Welt hinausgestoßen, außerstande, zu sagen, woher er kommt, welches sein Geburtsort oder seine Familie ist, so würde ich den Schluss ziehen, dass irgendein Geheimnis sich an seine Geschichte knüpft, und dass er ein Wesen ist, dessen seine Eltern sich aus diesem oder jenem Grund schämen. Nur so wäre es mir möglich, den Gegensatz zwischen dem, was er sein könnte, und dem, was er ist, zu erklären. So schließe ich auch in Bezug auf die Welt: Wenn es einen Gott gibt, und da es einen Gott gibt, muss das Menschengeschlecht von der Wurzel her in irgendein furchtbares Urteil verstrickt sein. Es hat die Verbindung mit den Absichten seines Schöpfers verloren. Das ist eine Tatsache, so sicher wie die Tatsache seiner Existenz; und darum ist die Lehre von dem, was die Theologen Erbsünde nennen, in meinen Augen fast ebenso gewiss wie die Existenz der Welt und die Existenz Gottes.“
Schönheit und Drama der Weltkirche, lautet der Untertitel dieses Magazins. Darum konnten wir soeben Weihnachten feiern: Die Sendung des Sohnes in die Welt ist Zeichen der höchstmöglichen Anteilnahme Gottes am Leben des Menschen. Die Menschwerdung des Sohnes bringt der in die Sünde gefallenen Welt zugleich die Versöhnung und die Erlösung. Die von Newman beschriebene Unordnung ist damit nicht beseitigt – der Mensch bleibt frei, auch in seinem Hang zum Bösen. Aber die Kluft, die sich mit der Sünde zwischen Gott und seinem Werk, der Schöpfung, aufgetan hatte, ist überwunden. Die Geschichte ist nun wirklich Heilsgeschichte, sie ist eine Geschichte hin zur Vollendung der Welt in Jesus Christus. Dieses Abenteuer der Kirche soll auch weiter unser Leitfaden sein.

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