Editorial 6-7/2015

 

Die Zeit der Entscheidung

von Guido Horst

 

Nach dem Irland-Referendum zur Einführung der Homo-„Ehe“ muss sich die Kirche des Westens entscheiden. Nicht die kommende Bischofssynode über Ehe und Familie, die den Papst zu einigen pastoralen Fragen beraten wird. Nein, irgendwie die ganze Kirche: die Bischöfe und Theologen, die Priester, die Ordensleute und Laien im kirchlichen Dienst und in der Verkündigung, die Kirchgänger und gläubigen Seelen. So wie die Dinge liegen, ist die katholische Sexualmoral in der breiten Masse nicht mehr mehrheitsfähig. Das betrifft nicht nur die praktizierte Homosexualität oder die Anliegen der Gender-Bewegung. Man kann fast alle Kapitel der Sexualmoral durchgehen: Die Kirche ist in der Welt, aber was das angeht, so ist sie nicht mehr von dieser Welt, so wie sich diese in den westlichen Konsumgesellschaften der letzten Jahrzehnte entwickelt hat. Nur beim Sex mit Kindern, da hat auch die säkulare Welt lernen müssen. Aber ansonsten hat sie viel vergessen. Die Kirche kennt die Keuschheit und Enthaltsamkeit, die Ehelosigkeit um des Himmelreichs willen wie auch die unauflösliche Ehe von Mann und Frau, sie kennt lebenslange Treue und nennt Sünde, was Sünde ist. Dem Sünder wird, wie Papst Franziskus sagt, immer alles verziehen, wenn er bereut und umkehrt. Die Kirche besteht aus Sündern. Das ist nicht das Problem. Es geht nicht darum, sich auf das moraltheologische hohe Ross zu setzen. Sondern die Frage ist, ob es überhaupt so etwas wie eine Moral gibt, die auch dann gilt, wenn sich keiner daran hält. Hier hat der Relativismus Einzug gehalten und die Kirche an den Rand gedrängt.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Die Kirche passt sich dem Geist der Zeit an – oder sie besinnt sich auf die Vernünftigkeit ihrer moralischen Werte und beginnt sie wieder offensiv zu vertreten. Wenn es um die Beeinflussung von Menschen geht, wird heute mit harten Bandagen gekämpft. Dem Online-Dienst „National Catholic Register“ ist ein Hintergrundbericht zu verdanken, der darstellt, wie die US-amerikanische „Atlantic Philanthropics“-Stiftung des Multi-Milliardärs Chuck Feeney, der sein Vermögen mit „Duty free“-Shops in Flughäfen verdient hat, siebzehn Millionen US-Dollar in kleine irische Nichtregierungs-Organisationen gepumpt hat, die daraufhin zu der potenten Schwulen-Lobby anwachsen konnten, die bei dem Referendum auf der grünen Insel die Einführung der Homo-„Ehe“ erzwungen hat. Auch andere „ausländische Mächte“ haben laut „National Catholic Register“ den irischen Lobbys, die homo-, trans- und sonstwie-sexuelle Freizügigkeiten fördern, also der Gender-Bewegung, Geld zukommen lassen, so die Ford-Foundation, die Europäische Kommission oder das Königreich der Niederlande. Aber niemand zahlte so viel wie die Stiftung des Amerikaners Feeney. Auch das könnte ein Thema für die kommende Familien-Synode sein. Afrikanische Synodenteilnehmer haben das im vergangenen Oktober ausdrücklich gefordert. Und sehen sich damit an der Seite von Papst Franziskus, der immer wieder gegen jede Form von „ideologischer Kolonialisierung“ anspricht. Die Kirche muss sich entscheiden. Entweder lässt sie sich im Inneren vom weltlichen Geist kolonialisieren – oder sie missioniert. Einen Mittelweg gibt es nicht.

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