Editorial 6/2016

 

Barmherzig mit sich selbst

von Guido Horst

 

Irgendwann in diesen Tagen geht die erste Halbzeit des Heiligen Jahrs vorüber. Noch bevor es am 8. Dezember mit der feierlichen Messe und dem Aufstoßen der Heiligen Pforte im Petersdom begann, hatte es Franziskus am ersten Adventssonntag letzten Jahres in der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik eröffnet – an der Peripherie, in einem der ärmsten Länder der Welt. Es steht im Zeichen der Barmherzigkeit. Und die Medien sowie Teile der innerkirchlichen Öffentlichkeit haben das so verstanden, als solle die Kirche auf Wunsch des Papstes endlich wieder lernen, barmherzig zu sein: mit den Armen, mit den Flüchtlingen, mit den wiederverheirateten Geschiedenen, mit den braven Kirchgängern, auf die bisher die hartherzigen Theologen und Kleriker die Lehre der Kirche wie Felsbrocken geworfen haben. Natürlich ein Zerrbild. Franziskus hat die Barmherzigkeit weder neu erfunden, noch ist es so, dass derjenige, der sich bisher dem Glauben näherte, auf unbarmherzige Seelsorger gestoßen ist. Doch das für viele Neue, das Franziskus möchte, ist, dass die Getauften wieder lernen, ein wenig barmherziger mit sich selbst zu sein.
So hat Papst Franziskus auch die Teilnehmer des Katholikentags in Leipzig dazu aufgerufen, sich von „Gottes Barmherzigkeit auch in einer guten Beichte anrühren“ zu lassen. Und wenn etwas zum konkreten Ausdruck dieses laufenden Jahres der Barmherzigkeit geworden ist, dann ist es das Sakrament der Versöhnung. Die Aussendung der „Missionare der Barmherzigkeit“ mit besonderen Beichtvollmachten, die Beicht-Nächte in den römischen Kirchen, der Papst auf einem Plastikstuhl unter 120 Priestern, die Jugendlichen auf dem Petersplatz die Beichte abnehmen: Alles das ist der sinnfälligste Eindruck von diesem Heiligen Jahr. Wie ja überhaupt 1300 nach Christus unter Bonifatius VIII. die Geschichte der kirchlichen Heiligen Jahre begann, um die Menschen mit Gott zu versöhnen und ihnen den Gnadenschatz der Kirche zu öffnen.
Auch heute noch ist von „Sünde“ die Rede: Man versündigt sich beim Naschen, es gibt den Steuer- und den Tempo-„Sünder“. Und Umwelt-„Sünden“ noch und noch. Aber Sünde als Verstoß gegen ein göttliches Gebot? Das klingt nach Höllenpredigt und nach Strafmoral, so dass selbst Kirchenleute fragen: „Kann man heute noch von Sünde sprechen?“ Ja, man kann und man muss. Wenn man verschweigt, dass jeder Mensch mit der Taufe in den Stand der Gnade gehoben ist, aber aufgrund der Erbschuld, jener allen Getauften eigenen Schwäche der menschlichen Natur, in der Lage verbleibt, Böses zu tun, und das sieben mal siebzig Mal am Tage, dann entkernt man nicht nur den Sinn eines Heiligen Jahres, sondern des Christentums insgesamt. Nahm Gottes Sohn doch deswegen Fleisch an und starb am Kreuz, um den einzelnen Menschen zu erlösen – nicht von den Römern oder irgendwelchen Ausbeutern, sondern von ihrer eigenen Sündenlast.
Nun ist Franziskus sehr populär, also sollte man auch einmal auf ihn hören, zumindest, wenn man katholisch ist. Und wenn es etwas gibt, das der Papst gerade jetzt im Heiligen Jahr als Nachweis nennt, dass man um Gottes Barmherzigkeit weiß, dann ist es das Sakrament der Buße – für viele der erste Schritt, ein christliches Leben (wieder) aufzunehmen. Es ist schön, wenn der Vatikan Duschen für Obdachlose baut, das Päpstliche Almosenamt Arme speist oder der Papst auf Lampedusa und Lesbos die ertrunkenen Flüchtlinge in ihrem Massengrab, dem Mittelmeer, ehrt. Aber das ist weit weg und hat mit dem Alltag des Einzelnen nichts zu tun. Doch jeder kann Barmherzigkeit am eigenen Leib erfahren und sollte damit auch beginnen. Franziskus spricht oft von der „Zärtlichkeit Gottes“. Sie selber in einer guten Beichte zu erfahren, ist der erste Schritt, um dann selber mit anderen barmherzig zu sein. Die Zärtlichkeit und Wärme in einem selbst sind die beste Voraussetzung, um die eigene Familie, die Umgebung am Arbeitsplatz, die Gesellschaft insgesamt wärmer und barmherziger zu machen.

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