Editorial 8-9/2015

 

Kontinentalverschiebungen

von Guido Horst

 

Europa, vor allem aber Deutschland, hat vor zehn Jahren ein „katholisches Jahr“ erlebt. Rückblickend kann man das ruhig so sagen. Millionen und vor allem junge Menschen nahmen Abschied von Johannes Paul II. Dann ein Aufschrei in Deutschland – „Wir sind Papst!“ Die Massen drängten sich am Ufer, als das Schiff mit Benedikt XVI. in Köln anlegte. Weltjugendtag – die Organisation war ziemlich bescheiden, die Stimmung aber Klasse. Das Land Luthers sonnte sich im Glanz des deutschen Pontifikats. Chefredakteure, Leitartikler, Fernsehleute pilgerten nach Rom, um den Theologen-Papst zu sehen und zu hören. Bücher und neue publizistische Initiativen – wie etwa dieses VATICAN-magazin – schossen aus dem Boden.
Und heute, zehn Jahre später? Die katholische Kirche in Deutschland hatte 2014 einen Höchststand an Kirchenaustritten zu verzeichnen. 218.000 Getaufte haben ihr den Rücken zugedreht. Bei den Protestanten sieht alles noch schlimmer aus. Selbst im Horror-Jahr 2010 mit seinem unsäglichen Missbrauchs-Skandal haben nicht so viele das Band zu ihrer geistigen Heimat zerschnitten. Es heißt, ein neues Verfahren zur Erhebung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge habe die Zahl der Austritte so sehr in die Höhe schnellen lassen. Es zwickt etwas im Geldbeutel und schon geht ein Rauschen durch den Baum und die längst schon morschen Äste fallen auf einen Schlag herab. Geld hin, Geld her: Im immer post-christlicher werdenden Deutschland hat es keinen Benedikt-Effekt gegeben, und es gibt auch keinen Franziskus-Effekt. Wäre ja noch schöner. Die Päpste als Effekt... Wenn der suchende Mensch nicht in seiner Familie, am Arbeitsplatz, im Kreis der Freunde und Bekannten einen authentischen Christen findet, der in ihm den Wunsch entzündet, Christus und der Kirche nachzufolgen, kann ihm auch kein Papst mehr helfen. Das wäre allenfalls ein Strohfeuer. Und im schlechtesten Fall pure Papolatrie.
Deutschland und Europa haben der katholischen Kirche über Jahrhunderte viel gegeben. Man denke allein an die großen Theologen deutscher Zunge, die das christliche Denken befruchtet haben. Die Päpste waren alle Europäer, die Zeiten, dass der eine oder andere von ihnen biographisch afrikanische oder asiatische Wurzeln hatte, liegen lange zurück. Eindrucksvolle Gestalten saßen auf europäischen Bischofssitzen, die Zahl der Heiligen dieses Kontinents ist Legion. Doch jetzt kommt eine große Zeitenwende. Europa ist ausgebrannt, die Miseren der gemeinschaftlichen europäischen Politik sind nur ein Spiegelbild seiner inneren geistigen Leere. Das Titelbild dieser Ausgabe zeigt, dass sich die Hoffnung der Kirche allmählich auf andere Kontinente richtet. Oder besser gesagt: dass die katholische Kirche ihren eurozentristischen Blick verliert. Es ist vielleicht die historische Bedeutung von Papst Franziskus, dem Lateinamerikaner (aber immerhin noch mit europäischen Vorfahren), diesen Paradigmenwechsel einzuläuten. Und es wäre kein Wunder, wenn die Synode im Oktober das in ihren Abstimmungen auch unterstreicht.

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