Editorial 8-9/2014

 

Die Schere im Kopf

von Guido Horst

 

Man kann ja nun wirklich nicht behaupten, dass Papst Franziskus nur in vorsichtigen Andeutungen spricht. Ob er in Süditalien die Mafiosi exkommuniziert oder die Audienzteilnehmer auf dem Petersplatz immer wieder vor dem Teufel warnt. Bei Franziskus liegt dabei die Würze in der Kürze – auch als er Mitte Juli mit siebzig Wissenschaftlern zu Abend aß, die sich im Vatikan zusammengefunden hatten, um über das Weltwirtschaftssystem zu diskutieren. Gar nicht lang war seine Ansprache, in der der Papst die große Bedrohung des Menschen in den westlichen Gesellschaften offenlegte – eine Bedrohung, die er als „anthropologische Reduktion“ bezeichnete: Der Mensch sei nicht mehr er selbst, sondern er werde zum Subjekt eines Systems, das ihn bestimme. Ausdrücklich nannte Franziskus das Phänomen der geringen Geburtenrate in Europa und wiederholte seine Warnung vor einer „Wegwerfgesellschaft“: „Man wirft die Kinder weg, man wirft die Alten weg, weil sie zu nichts mehr nutzen“, sagte er mit Blick auf Abtreibung und Euthanasie. „Und man wirft eine ganze Generation von Jugendlichen weg – und das ist schlimm. Ich habe eine Zahl gesehen: 25 Millionen von Jugendlichen“, so der Papst mit Blick auf Europa, „sind ohne Arbeit. Es sind die Weder-Noch-Jugendlichen: Weder studieren sie, noch arbeiten sie.“ Auch das sei eine Art, Menschen wegzuwerfen.
In Riesenschritten naht die Bischofssynode zur Lage der Familien, der ein Jahr später eine zweite zum selben Thema folgen wird. Die Art und Weise, wie man gerade im deutschsprachigen Raum versucht, diese beiden Synoden einzig und allein auf die Frage nach dem Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen zurückzustutzen, zeigt, wie sehr die „anthropologische Reduktion“ in den Köpfen bereits gegriffen hat. Immer mehr tritt die Kirche im Westen als Anwalt der Familie auf – und Papst Franziskus tut das besonders. Auch der Sakramentenempfang wird die Synodenväter im kommenden Herbst beschäftigen. Aber der kann auch zum Baum werden, wegen dem man den ganzen Wald nicht mehr sieht: Die Art, zu leben, die Art, sich auf den Konsum zu konzentrieren, die Art, die schnelle Erfüllung materieller Bedürfnisse zu suchen, geht am Wesen des Menschen vorbei. Und der Ort, wo der Mensch wieder lernt, wirklich als Mensch – und nicht als konsumierendes Tierchen – zu leben, ist für Papst Franziskus die Familie, die Urzelle der menschlichen Gesellschaft.
Es ist also klar, dass die Medien der westlichen Gesellschaft die kommenden beiden Synoden auf den Aspekt der Wiederverheirateten verkürzen wollen, so wie Europa insgesamt den Menschen auf einen System-Baustein reduziert. Die Kirche ist Anwalt des Menschen mit allen seinen Bedürfnissen, auch dem nach einer gesunden Familie als persönlichen Lebensraum. Wer das übersieht, geht an dem Kernanliegen des Papstes vorbei, auch was die kommende Synode angeht.

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