Editorial 5/2015

 

Europa erlebt die Noteiner Völkerwanderung

von Guido Horst

 

Dieses Heft ist im Taktschlag humanitärer Katastrophen entstanden, die vor allem den Mittelmeerraum betrafen. Diesmal hat uns die Vorstellung all des Leids wirklich abgelenkt. Während wir unsere Foto-Archive nach der Darstellung des barmherzigen Jesus durchsuchten, saßen achthundert Menschen im Bauch eines Seelenverkäufers, eingesperrt unter Deck. Es ist eng, stickig, bewegen kann man sich nicht. Da neigt sich das Schiff, Wasser dringt ein, es geht ab in die Tiefe. Panik und tödliches Entsetzen breitet sich aus. Da heißt es, hastig Meerwasser zu schlucken, damit das Ende schneller kommt. Die Frage, warum Gott das zulässt, stellt sich nicht. Denn die erste Frage kann nur lauten: Warum lässt Europa das zu?
Es gab Zeiten, da war das Mittelmeer wirklich „mare nostrum“ – „unser Meer“. Man kann bis zu den Griechen und Römern zurückgehen, oder in die Zeiten der christlichen Seefahrt. Man konnte in Alexandria an Bord und im italienischen Puteoli an Land gehen. Oder von Cäsarea nach Spanien segeln. Natürlich gab es Kriege, Schiffbrüche – und die Piraterie. Aber grundsätzlich war das Mittelmeer ein Verkehrsweg – und keine Grenze so wie heute. Europa ist in vor-antike Zeiten zurückgefallen. Und man wird den Verdacht nicht los, dass einige Länder und politische Bewegungen der Europäischen Union das genau so haben wollen. Natürlich bräuchte es für außerordentliche Flüchtlingsströme in Zeiten der Not außerordentliche Maßnahmen: Auffanglager an den Küsten des Nahen Ostens und Nordafrikas oder Einwanderungsstellen in den europäischen Häfen. Aber man hat sich an gesunkene Schlauchboote und verkommene Fährschiffe gewöhnt. Warum eigentlich können sich Vertriebene, die es aus einem Kriegs- oder Krisengebiet an die Küste geschafft haben, nicht ein normales Ticket für eine normale Fähre kaufen, um sicher nach Europa zu kommen, sondern müssen mit ihrem Geld die überhöhten Preise der Schlepperbanden bezahlen? Weil in Europa der politische Wille fehlt, das Mittelmeer wieder sicher zu machen. Abschotten heißt die Devise. Sollen doch wirtschaftlich schwache und völlig überlastete Länder wie der Libanon oder Jordanien schauen, wie sie mit den Hunderttausenden von Vertriebenen und Flüchtlingen fertig werden. Das ist purer Zynismus. Keiner wird behaupten, dass man das Mittelmeer von heute auf morgen zum sicheren und zivilen Verkehrsweg machen kann. Dafür bräuchte es geduldige politische Arbeit. Und zähe Verhandlungen mit den Regimen und Banden im nördlichen Afrika. Ja, eine regelrechte Kraftanstrengung. Aber zu diesem humanitären Akt scheint niemand in Europa bereit zu sein.
Wir erleben eine Völkerwanderung. Die Schlachtereien im Mittleren Osten und in Afrika werden noch lange dauern. In der großen Völkerwanderung des ersten Jahrtausends ist das weströmische Reich untergegangen. Die Kirche hat damals überlebt und beim Wiederaufbau der Zivilisation Europa und der Welt das Abendland geschenkt, mit seiner Bildung, seinem technischen, wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt. Alles Segnungen, die unseren Kontinent noch heute für die Flüchtlinge so verlockend machen. Dieses Erbe verpflichtet. Abschottung allein kann nicht die Lösung sein.

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