Alexander Kisslers Hausrezepte 1/2013

 

Langsam nervt’s

 

 

Muss man sich um die Gesundheit des Kolumnisten sorgen? Ein Herr S., laut eigenen Angaben „Diplom Ing. und 68 Jahre“, wünscht mir „gute Besserung“. Er schreibt zwar „guter Besserung“, aber das ist gewiss seiner Erregung geschuldet, und Herr S. ist sehr erregt. Der Kolumnist sei „als Publizist nicht zu gebrauchen“. Er, der Kolumnist, habe sich mit seinem „esoterischen Gefasel“ disqualifiziert. Das sei ja wohl der Gipfel an „Un-Vernunft“, Kissler solle endlich anfangen „zu denken“ – rät der diplomierte, pensionierte Ingenieur.
Auch Dr. K. aus B. ist erregt. „Religion“, weiß er im Gegensatz zum Kolumnisten, „ist irrational, was denn sonst?“ Viele Menschen (gewiss nicht Dr. K.) wollen „belogen und betrogen werden. Diese Eigenschaft machen sich Ideologien, Religionen und Gewaltherrscher – manchmal alle zusammen – zur Festigung ihrer Macht und ihres perversen Herrschaftsdranges brutal zunutze. Die willigen Diener eilen dann geschwind herbei, egal in welcher Uniform.“ Religion ist laut Dr. K. eine Verabredung der Mächtigen zur Knechtung der Dummen.
Herr R. aus B. stimmte ihm da zu. Er teilt mir mit, „sehr entlarvend“ sei das Schreiben Kisslers. Es zeige „Hass gegen Nichtreligiöse! Von der von ihm propagierten Demut keine Spur.“ Immerhin sendet Herr R. mir „schöne Grüße“ und wünscht keine gute Besserung. Auch Herr K. aus K. weiß Bescheid. Es sei „schlechthin nicht möglich“, zu einem „religiösen Bekenntnis aufgrund eigener, vorurteilsfreier rationaler Überlegungen zu gelangen.“ Vom Denken zum Glauben führt niemals ein Weg – denkt sich Herr K.
Ich hatte mich erkühnt, an anderer Stelle ein Plädoyer für „mehr Religion“ zu verfassen. Dessen erster Satz lautete, Religionen seien „das Gedächtnis der Menschheit, Schulen der Demut, Räume der Selbstvergewisserung, sind Wissensspeicher und Trostmaschine zugleich.“ Außerdem seien sie „der beste Schutz vor der Selbstüberhebung des gegenwärtigen Menschen, wie sie die Spätmoderne kennzeichnet. Bekanntlich glaubt, wer an nichts glaubt, nicht nichts, sondern alles Mögliche.“ Für solche sanften Sätze hätte ein Abraham a Sancta Clara nicht den Griffel gespitzt, wäre ein Robert Bellarmin nicht ans Pult geeilt.
Heute reicht es, Religionen nicht zu verdammen, vor dem Säkularismus nicht im Staube zu liegen, die Gegenwart nicht anzubeten, um in bestimmten Kreisen als religiöser Eiferer zu erscheinen. Aus dem philosophischen wurde ein priapischer Atheismus. Seine Male sind die Kraftmeierei, das Aburteilen, die Leseschwäche, die Vertauschung von Argument und Medikament; wer anders denke, der sei krank. Noch derber wurden die Publizisten Birgit Kelle und Martin Lohmann angegangen, als sie in der ARD gegen die völlige rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften mit der Ehe votierten. Ein Autor des „Spiegels“ wies darauf hin, dass die „verknöcherten Tugenden und angestaubten Moralvorstellungen“ der beiden „erzkatholischen CDU-Mitglieder“ entsorgt seien. Er empfahl ihnen eine Therapie: „Vielleicht lässt sich da etwas machen. Es ist wirklich höchste Zeit. Denn langsam nervt‘s.“
In der Tat: Es nervt das Aggressive, das Obszöne, das Illiberale vieler Religionskritiker. Sie, die Profiteure sind eines weitgehend deregulierten Diskursfeldes, wollen neue Tabus verordnen. Die Gläubigen sollen die Klappe halten, sollen sich flüchten ins Unsichtbare, ins Private, in die Innerlichkeit. So sägen sie am Ast, auf dem sie sitzen. Denn wer hat die Gewähr, dass eines Tages nicht ganz andere Sprachverbote, ganz andere mentale Kleiderordnungen mit ganz anderen Maßnahmen durchgesetzt werden? Dann wird man auf die Aburteiler der Christen von heute deuten und sagen: Sehet her, bei Euch hat es damals wieder begonnen, dass man Menschen aus der Öffentlichkeit verbannen wollte wegen ihrer Weltanschauung. Ihr wart es doch, die „Kreuziget!“ schriet und Schaum hattet vor dem Mund. Nun säubern wir.

 

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