Titelthema 8-9/2015

 

Was es bedeutet, wirklich Christ zu sein

Der Präfekt der Liturgie-Kongregation über die kommende Synode zu Ehe und Familie: Der Gedanke, das Lehramt in ein hübsches Schmuckkästchen zu packen und es von der pastoralen Praxis zu trennen, ist eine Form von Häresie, eine gefährliche Schizophrenie

von Robert Kardinal Sarah

 

Nicolas Diat: Im letzten Dezember hat Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, erklärt: „Die Suche nach einer theologisch verantwortbaren und pastoral angemessenen Begleitung von Gläubigen, deren Ehe zerbrochen ist und die zivil geschieden und wiederverheiratet sind, gehört weltweit zu den drängenden Herausforderungen der Ehe- und Familienpastoral im Kontext der Evangelisierung.“ Welche Ansicht haben Sie zu diesem Thema, das zu den Fragen der letzten Synode im Oktober 2014 gehörte?
Robert Kardinal Sarah: Ich habe großen Respekt vor Kardinal Reinhard Marx. Doch diese allgemeine Aussage scheint mir Ausdruck einer Ideologie zu sein, die man im Gewaltmarsch der ganzen Kirche aufoktroyieren will. Nach meiner Erfahrung – vor allem nach dreiundzwanzig Jahren als Erzbischof von Conakry und neun Jahren als Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker – ist die Frage von „Gläubigen, deren Ehe zerbrochen ist und die zivil geschieden und wiederverheiratet sind“ keine drängende Herausforderung für die Kirchen Afrikas oder Asiens. Im Gegenteil, es handelt sich um eine Obsession gewisser abendländischer Kirchen, die so genannte „theologisch verantwortbare und pastoral angemessene“ Lösungen durchsetzen wollen, die der Lehre Jesu und dem kirchlichen Lehramt radikal widersprechen.
Die dringendste Notwendigkeit in den Missionsländern besteht darin, eine Seelsorge aufzubauen, deren einziges Ziel die Antwort auf die Frage ist: Was bedeutet es in der heutigen geschichtlichen und kulturellen Situation unserer globalisierten Gesellschaften, wirklich Christ zu sein? Wie kann man furchtlose und großherzige Christen, eifrige Jünger Christi heranbilden? Für einen erwachsenen Christen kann der Glaube an Christus keine Intuition, keine Emotion, kein Gefühl sein. Für einen Christen muss der Glaube die Form, die Gussform für sein gesamtes privates und öffentliches, persönliches und soziales Leben werden.
Welche Schwierigkeiten es derzeit auch geben mag, die Jünger Christi müssen die theoretischen und praktischen Anforderungen des Glaubens an Christus entschlossen und kompromisslos hervorheben, denn es sind die Anforderungen und Vorschriften Gottes.
Die zweitwichtigste Notwendigkeit besteht darin, solide christliche Familien heranzubilden, denn die Kirche, die Familie Gottes, baut auf der Grundlage christlicher Familien auf, die sakramental vereint sind und die große Bedeutung des Geheimnisses bezeugen, das uns für immer durch Christus geschenkt ist.
Die Wahrheit des Evangeliums muss immer im schwierigen Schmelztiegel des Engagements im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben gelebt werden. Angesichts der moralischen Krise, vor allem der Krise von Ehe und Familie, kann die Kirche daran mitwirken, gerechte und konstruktive Lösungen zu suchen, doch sie kann nur daran teilhaben, indem sie sich entschlossen auf das bezieht, was der Glaube an Jesus Christus an Eigenem und Einzigartigem zum Menschsein beiträgt. In diesem Sinne ist es nicht möglich, sich eine irgendwie geartete Schieflage zwischen Lehramt und Seelsorge vorzustellen. Die Idee, die darin bestehen würde, das Lehramt in ein hübsches Schmuckkästchen zu packen und es von der pastoralen Praxis zu trennen, die sich je nach Umständen, Moden und Leidenschaften entwickeln könnte, ist eine Form von Häresie, eine gefährliche Schizophrenie.
Ich möchte also feierlich erklären, dass sich die afrikanische Kirche jeder Rebellion gegen die Lehre Jesu und des Lehramts entschlossen widersetzen wird.
Wenn ich mir einen historischen Rückblick erlauben darf: Im vierten Jahrhundert haben die afrikanische Kirche und das Konzil von Karthago den Priesterzölibat angeordnet. Im sechzehnten Jahrhundert stellte dann eben dieses afrikanische Konzil den Sockel dar, auf den Papst Pius IV. sich stützte, um dem Druck der deutschen Fürsten die Stirn zu bieten, die ihn aufforderten, die Ehe für Priester zu erlauben. Auch heute setzt sich die afrikanische Kirche im Namen Jesu, des Herrn, dafür ein, die Lehre Gottes und der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe unverändert beizubehalten: was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

Wie könnte eine Synode die konstante, vereinheitlichte und vom seligen Paul VI., vom heiligen Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. vertiefte Lehre rückgängig machen?
Ich setze mein Vertrauen auf die Treue von Franziskus.
Im Januar 2015 hatte ich die Ehre, ihn bei seiner Reise nach Sri Lanka und auf die Philippinen begleiten zu dürfen. In Manila hat er sich mit besonders starken Worten über die Familie geäußert: „Passen wir auf, nehmen wir uns in Acht vor den neuen ideologischen Kolonisierungen! Es gibt ideologische Kolonisierungen, die versuchen, die Familie zu zerstören. Sie gehen nicht aus dem Traum, aus dem Gebet, aus der Begegnung mit Gott hervor, aus dem Auftrag, den Gott uns gibt; sie kommen von außen, und darum sage ich, dass es Kolonisierungen sind. Verlieren wir nicht die Freiheit des Auftrags, den Gott uns gibt, den Auftrag der Familie! Und wie unsere Völker in einem bestimmten Moment ihrer Geschichte zu der Reife gelangten, ,nein‘ zu sagen zu jeglicher politischer Kolonisierung, so müssen wir als Familie sehr, sehr klug, sehr geschickt, sehr stark sein, um ,nein‘ zu sagen zu jeglichem Versuch ideologischer Kolonisierung der Familie. Und den heiligen Josef, der ein Freund des Engels ist, müssen wir um seine Fürsprache bitten, damit wir wissen, wann wir ,ja‘ sagen können und wann wir ,nein‘ sagen müssen. (…) Ich denke an den seligen Paul VI. In einem Moment, in dem sich das Problem des Bevölkerungswachstums stellte, hatte er den Mut, die Offenheit für das Leben in der Familie zu verteidigen. Er wusste um die Schwierigkeiten, die es in jeder Familie gab, und darum war er in seiner Enzyklika sehr barmherzig gegenüber den Sonderfällen. Und er bat die Beichtväter, mit den Sonderfällen sehr barmherzig und verständnisvoll umzugehen. Doch sein Blick reichte darüber hinaus: Er schaute auf die Völker der Erde und sah diese Bedrohung der Zerstörung der Familie durch Kinderlosigkeit. Paul VI. war mutig, er war ein guter Hirte und warnte seine Schafe vor den kommenden Wölfen. Möge er uns heute Abend vom Himmel her segnen!“

Im November 2014 haben Sie bei der Rückkehr von einer Reise in den Libanon eine besonders schwierige Frage gestellt: „Wie kann Gott diese Kinder niedermetzeln lassen, die ihm bis zur schmerzvollen Hingabe ihres Lebens so treu sind?“ Wie ist diese Frage zu verstehen?
Die Märtyrer sind das Zeichen, dass Gott lebt und immer unter uns gegenwärtig ist. Seine barmherzige Liebe offenbart sich auf sichtbare und greifbare Weise in Jesus Christus, der versprochen hat, sich nicht von seiner Kirche und von denen, die sich dafür entschieden haben, ihm treu zu folgen, abzukehren: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Nun: seine Gegenwart ist greifbar in seinen verfolgten Jüngern: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg 9,4-5). Die Märtyrer sind nicht nur die leibliche Gegenwart Jesu in einer Welt, die dem Evangelium feindlich und verschlossen gegenüber steht, sondern sie sind auch die radikalste Antwort des Menschen auf die Liebe Gottes. Denn es gibt keinen größeren Liebesbeweis, als sein Leben für die, die man liebt, hinzugeben. Gott hat sich uns wirklich bis zum Tod hingegeben. Durch den Tod antworten wir auf wahre und vollkommene Weise auf die Liebe Gottes.
In Deus caritas est hat Benedikt XVI. die eindringlichen Worte geschrieben: „Schon im Alten Testament besteht das biblisch Neue nicht einfach in Gedanken, sondern in dem unerwarteten und in gewisser Hinsicht unerhörten Handeln Gottes. Dieses Handeln Gottes nimmt seine dramatische Form nun darin an, dass Gott in Jesus Christus selbst dem ,verlorenen Schaf’, der leidenden und verlorenen Menschheit, nachgeht. Wenn Jesus in seinen Gleichnissen von dem Hirten spricht, der dem verlorenen Schaf nachgeht, von der Frau, die die Drachme sucht, von dem Vater, der auf den verlorenen Sohn zugeht und ihn umarmt, dann sind dies alles nicht nur Worte, sondern Auslegungen seines eigenen Seins und Tuns. In seinem Tod am Kreuz vollzieht sich jene Wende Gottes gegen sich selbst, in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten – Liebe in ihrer radikalsten Form.“
Noch heute vollzieht sich im grausamen Tod so vieler Christen, die erschossen, gequält, enthauptet, gefoltert und lebendig verbrannt werden, „jene Wende Gottes gegen sich selbst“ für die Wiederaufrichtung und das Heil der Welt.
Den Statistiken einer Studie des Pew Research Center vom Januar 2014 zufolge sind in einem Drittel der 198 Länder, in denen Erhebungen durchgeführt wurden, schwere Christenverfolgungen zu verzeichnen. Überall auf der Welt werden viele von denen, die sich zu Christus bekennen, verfolgt. Zahlreiche Historiker behaupten sogar, die Hälfte der christlichen Märtyrer der ganzen Geschichte der Kirche sei im zwanzigsten Jahrhundert getötet worden.
Doch das Blut der christlichen Märtyrer spricht eine andere Sprache als das Blut Abels (Gen 4,24). Es fordert weder Rache noch Strafe, sondern steht für Vergebung und Versöhnung. Der Märtyrer ist ein Zeuge der Liebe und ein Beispiel des Glaubens für diejenigen, die sich dem Gott der Barmherzigkeit und der Wahrheit öffnen. So erklärt sich der unerwartete Erfolg, den der Film Von Menschen und Göttern in Frankreich hatte, in dem die Geschichte der sieben Zisterziensermönche im Kloster von Tibhirine erzählt wird, die im März 1996 getötet wurden.
Wie sollte man dann angesichts der Worte aus dem Testament von Shahbaz Bathi keine Bewunderung empfinden, einem katholischen Politiker aus Pakistan, der im März 2011 aufgrund seines Glaubens getötet wurde? Er schrieb: „Man hat mir hohe Verantwortung in der Regierung angeboten und man hat mich aufgefordert, meinen Kampf aufzugeben, doch ich habe immer abgelehnt, auch wenn ich weiß, dass ich mein Leben riskiere. Ich suche keine Popularität, ich will keine Machtposition. Ich möchte nur einen Platz zu Füßen Jesu. Ich möchte, dass mein Leben, mein Wesen, meine Handlungen von mir sprechen und sagen, dass ich dabei bin, Jesus Christus zu folgen. Dieser Wunsch ist so stark in mir, dass ich mich als privilegiert betrachten würde, wenn in meinem Bemühen und in diesem meinem Kampf, um den Bedürftigen, den Armen, den verfolgten Christen in Pakistan zu helfen, Jesus das Opfer meines Lebens annehmen würde. Ich möchte für Christus leben und für ihn möchte ich sterben.“
Wir haben den Eindruck, dass wir erneut vom Martyrium des heiligen Ignatius von Antiochien hören, der nach Rom gekommen war, um die schlimmsten Beleidigungen zu ertragen und von den Zähnen wilder Tiere zerrissen zu werden.
Ich kann auch die Gesichter des dreißig Jahre alten Shahbaz Masih und seiner vierundzwanzig Jahre alten Frau Shama Bibi nicht vergessen, die am 4. November 2014 in der pakistanischen Provinz Punjab in einen Ofen gestoßen wurden, in dem Ziegelsteine gebacken wurden, und bei lebendigem Leib verbrannten. Sie ließen drei Kinder zurück und Shama war schwanger. Shahbaz Masih und Shama Bibi sind schweigend gestorben, ein Brandopfer, das dem Gott der Liebe dargebracht wurde. Doch das Schweigen der Opfer rechtfertigt nicht die schuldhafte Gleichgültigkeit angesichts des Schicksals Tausender von Christen, die jeden Tag sterben. Wie könnte man den Schmerzensschrei des Propheten Jesaja überhören: „Der Gerechte kommt um, doch niemand nimmt es sich zu Herzen. Die Frommen werden dahingerafft, doch es kümmert sich niemand darum“ (Jes 57,1).
Während Christen für ihren Glauben und ihr treues Festhalten an Jesus sterben, versuchen im Westen Männer der Kirche die Anforderungen des Evangeliums auf ein Minimum zu reduzieren.
Wir gehen sogar so weit, die Barmherzigkeit Gottes zu benutzen und die Wahrheit sowie die Gerechtigkeit zu ersticken, um – nach den Worten der Relatio post disceptationem der Synode über die Familie im Oktober 2014 – „die Gaben und Qualitäten anzunehmen, die homosexuelle Personen der christlichen Gemeinschaft anzubieten haben“. In dem Dokument hieß es dann weiter, dass „die Frage der Homosexuellen uns zu einem ernsthaften Nachdenken aufruft, um unter Einbeziehung der geschlechtlichen Dimension realistische Wege für das Wachstum in der Liebe und die menschliche und dem Evangelium gemäße Reifung zu erarbeiten“. Der wahre Skandal ist eigentlich nicht das Vorhandensein von Sündern, denn für sie gibt es immer Barmherzigkeit und Vergebung, sondern die Unklarheit in Bezug auf Gut und Böse, die von den katholischen Hirten herbeigeführt wird. Wenn Gott geweihte Männer nicht mehr in der Lage sind, die Radikalität der Botschaft des Evangeliums zu verstehen und versuchen, sie einzuschläfern, dann werden wir vom Weg abkommen. Denn hier haben wir einen wirklichen Verstoß gegen die Barmherzigkeit.
Während Hunderttausende von Christen jeden Tag mit Angstgefühlen leben, wollen einige es verhüten, dass wiederverheiratete Geschiedene leiden, die sich diskriminiert fühlen, weil sie von der sakramentalen Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Trotz eines Zustands permanenten Ehebruchs, trotz einer Lebenssituation, die die Ablehnung bezeugt, am Wort festzuhalten, das diejenigen, die sakramental getraut sind, dazu erhebt, sichtbares Zeichen des österlichen Geheimnisses Christi zu sein, wollen einige Theologen die wiederverheirateten Geschiedenen zur eucharistischen Kommunion zulassen. Die Aufhebung des Verbots der sakramentalen Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen, die sich selbst die Erlaubnis erteilt haben, sich über das Wort Christi hinwegzusetzen – „Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6) –, würde klar die Lossagung von der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe bedeuten.
Aline Lizotte, eine angesehene Theologin und Direktorin des Karol Wojtyla Instituts schreibt zu Recht in „L‘Obéissance du Christ et le mystère de piété“ [Der Gehorsam des Christen und das Geheimnis der Frömmigkeit]: „Die Wahrheit des Ehebundes entfaltet sich nur innerhalb einer Ehe, die aus der dauerhaften Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau besteht, deren öffentlich zum Ausdruck gebrachter Konsens eine radikale Gemeinschaft der gegenseitigen Hingabe impliziert, im Hinblick darauf, im Kind das Geheimnis der Person zu vermitteln. Innerhalb der Kirche Christi stellen die anderen Formen geschlechtlicher Vereinigung – selbst wenn sie Elemente beinhalten, die ihnen erlauben, der sakramentalen Ehe ähnlich zu sein – objektiv ein Hindernis für die Fülle des ehelichen Lebens dar, so wie es vom Schöpfer gewollt ist und von Christus bekräftigt wurde. Zu sagen, dass nichteheliche Lebensgemeinschaften, eheähnliche Lebensgemeinschaften oder die ausschließlich zivile Ehe objektiv positive Elemente auf dem Weg zur sakramentalen Fülle darstellen können, heißt für einen Getauften, die Heilsgeschichte falsch herum neu zu schreiben!“
Es gibt heute eine Konfrontation und eine Rebellion gegen Gott, einen organisierten Kampf gegen Christus und seine Kirche. Wie lässt sich verstehen, dass katholische Hirten die Doktrin, das Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche über die Homosexualität, die Ehescheidung und die Wiederheirat der Abstimmung unterwerfen, als ob das Wort Gottes und das Lehramt jetzt durch ein Mehrheitsvotum sanktioniert und gebilligt werden müssten?
Die Menschen, die Strategien aufbauen und erstellen, um Gott zu töten und die jahrhundertelange Lehre der Kirche zu zerstören, werden selbst verschlungen und von ihrem irdischen Sieg in ewige Höllenqualen getrieben werden.
Welchen Weg würden wir bei der nächsten Synode über die Familie einschlagen, wenn wir Kult, Recht und Ethos trennen wollten? Joseph Ratzinger hat in seinem Buch Der Geist der Liturgie bereits geschrieben, dass in der Bundesordnung am Sinai die drei Aspekte Kult, Recht und Ethos unlöslich miteinander verflochten sind und zeigen, „dass ein wesentlicher innerer Zusammenhang der drei Ordnungen besteht: Recht, das nicht moralisch gegründet ist, wird zu Unrecht.“ Gleichermaßen ist eine Barmherzigkeit ohne Wahrheit und ohne Gerechtigkeit eine Illusion, eine falsche Barmherzigkeit. Bei Ratzinger heißt es weiter: „Moral und Recht, die nicht aus dem Blick auf Gott kommen, degradieren den Menschen, weil sie ihn seines höchsten Maßes und seiner höchsten Möglichkeit berauben, ihm den Blick auf das Unendliche und Ewige absprechen: Mit dieser scheinbaren Befreiung wird er der Diktatur der herrschenden Mehrheiten unterworfen, zufälligen menschlichen Maßen, die ihn letztlich vergewaltigen müssen. […] Darum sind letztlich auch Kult und Recht nicht gänzlich voneinander zu trennen.“ Gott liebt den Menschen auf unendliche Weise, wie ein Vater seinen Sohn liebt. Und, wie Ratzinger weiter ausführt: „Gott hat ein Recht auf die Antwort des Menschen, auf den Menschen selbst, und wo dieses Recht Gottes gänzlich verschwindet, löst sich auch die menschliche Rechtsordnung auf, weil ihr der Eckstein fehlt, der das Ganze zusammenhält.“
Der Westen muss dringend seinen Blick auf Gott und auf den Gekreuzigten richten, auf Den, „den sie durchbohrt haben“, seine Zuversicht und sein Vertrauen zum Evangelium wiederfinden, seine Ermüdung überwinden und sich nicht weigern, zu hören, „was der Geist den Gemeinden sagt“, auch wenn es afrikanische sind…


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