Titelthema 6-7/2014

 

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“

Die kommende Bischofssynode in Rom endet mit der Seligsprechung von Paul VI. alias Giovanni Battista Montini, der vielen als ein moderner Hamlet galt. Aber auch Päpste sind Kinder ihrer Zeit – und haben am Ende Rechenschaft darüber abzulegen, wie sie den Schatz des Glaubens verwaltet haben

von Guido Horst

 

Als Papst Paul VI. nach der Liturgiereform am Pfingstmontag in die Sakristei kam, um die Gewänder für die Messfeier anzulegen, vermisste er dort das rote Messgewand, das er bisher bei Gottesdiensten in der Pfingstoktav getragen hatte. Aber dort lag ein grünes. Als er daraufhin sein Erstaunen über das Fehlen des roten Messgewands zum Ausdruck brachte, wurde ihm beschieden: „Heiliger Vater, das haben Sie abgeschafft.“
Der Papst des römischen Messbuchs von 1969 – in Kraft trat es 1970, genau vierhundert Jahre nach der Promulgation des „Missale Romanum“ des Konzils von Trient – war ein Mann, der Widersprüche auszuhalten wusste. Widersprüche in der Kirche wie in der eigenen Person. Hoch intelligent und überaus sensibel. So sensibel, dass Paul VI., der den amtierenden Bischöfen die Altersgrenze von 75 Jahren verordnet hatte, sich beim eigenen Herannahen an das Ruhestandsalter fragen musste, ob für ihn als Bischof von Rom nicht auch diese Altersgrenze gelte. Papst Montini löste das Problem, indem er seinen 75. Geburtstag am 26. September 1972 ausfallen ließ.


Aufstand auf der römischen Bischofs-synode von 1971

Aber das war ja noch harmlos. Paul VI. hatte ein Konzil zu Ende geführt, auf dem sich neben einer schweigenden Mehrheit in der Mitte zwei äußere Lager diametral gegenüberstanden. Auf der Bischofssynode von 1971 brach der Aufstand dann so richtig los. Es war die Zeit der Ideologien. Auch in der Kirche. Bei der Synode hatten die progressiven Vertreter des Weltepiskopats inzwischen die Mehrheit und wollten die Zölibatsfrage diskutieren. Mit einem eindeutigen Ziel. Paul VI., der an die Sorgen und Nöte der Menschheit und der ganzen Welt dachte, hatte „Gerechtigkeit und Frieden“ zum zentralen Thema der Bischofsversammlung machen wollen. Es war die Zeit, als Papst Montini und mit ihm manche im Vatikan noch daran dachten, die katholische Weltkirche und die Vereinten Nationen könnten im „Pas de deux“, sozusagen als religiöser und säkularer Arm des guten Weltgewissens, die Geschichte in ein goldenes Zeitalter führen. Paul VI. dachte, was die Politik angeht, links, Sozialismus und sogar der Kommunismus  lagen ihm näher als der Kapitalismus des Westens. Darin konnten ihm viele progressive Bischöfe folgen. Wenn es aber um die Kurie und die innerkirchliche Disziplin ging, war Paul VI. ein Mann der kurialen Tradition – und schickte so auf der Synode von 1971 „seine Leute“ ins Gefecht: die Bischöfe und Kardinäle der römischen Kurie. Diese zogen aus, zogen durch die Wandelgänge der Synodenaula und winkten – wie ein Zeitzeuge schrieb – den schwankenden Bischöfen der Mitte mit Kardinalshüten (die dann aber nie kamen). So konnte Papst Montini schließlich bei den entscheidenden Abstimmungen das gewünschte Ergebnis einfahren: Der Zölibat wurde nicht gelockert. Aber der knappe Sieg hatte einen hohen Preis: Nun war er – nach der Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968 – noch mehr isoliert vom Weltepiskopat, fühlte sich gequält und mutterseelenallein. So kam es, dass er dann 1972 an seinen eigenen Rücktritt dachte.


Fortschrittseuphorie mit stetem Seitenblick auf den Kreml

War Paul VI. ein zutiefst im Glauben verwurzelter Mann, so teilte er in politischen Fragen den Fortschrittsoptimismus, ja die Fortschrittseuphorie seiner Zeit. Das ging bis zu der Annahme, dass eine Annäherung des Vatikans an die Sowjetunion schließlich zu mehr Frieden in der Welt führen würde, weil der Kreml im Grunde eine pragmatische Politik betreibe und zu Gegenleistungen bereit sei. Viel ist über die „Ostpolitik“ des Vatikans in jenen Jahren gesagt und geschrieben worden. Meisterhaft dargestellt hat sie der große Deutsche im Rom der fünfziger, sechziger und beginnenden siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der Schriftsteller und Journalist Reinhard Raffalt, in seinem Buch „Wohin steuert der Vatikan?“ von 1973. Darum an dieser Stelle ein längeres Zitat:
„Meisterhaft getarnt in der Methode, kompromisslos in der Sache verfolgte der Papst seine beiden großen Ziele – die Wiedervereinigung von Rom und Orthodoxie und die Vermittlerposition des Vatikans in den Konflikten einer friedensbedürftigen Welt. Beides war ohne das Einverständnis der Sowjetunion nicht erreichbar. Sie allein hatte die Orthodoxie in der Hand und bestimmte den Grad ihres Entgegenkommens. Von ihr allein hing das Gespräch mit den orthodoxen Kirchen der Satellitenstaaten ab. Ihrer Duldung war auch die Lebensfähigkeit aller vatikanischen Bemühungen ausgeliefert, die Beziehungen mit den kommunistischen Staaten römisch-katholischer Bevölkerung neu zu regeln – Polen, Tschechoslowakei und Ungarn. Als Versöhnungsgeste an die Adresse der dortigen Regierungen rief Paul VI. zwei unbeugsame antikommunistische Kardinäle ins Exil – zuerst Beran von Prag, dann Mindszenty von Budapest. Mit dem Kardinal Wyszynski von Warschau focht Monsignore Casaroli jahrelang Kämpfe aus, um ihn auf die vatikanische Ostpolitik festzulegen – was misslang. Keine dieser Maßnahmen geschah ohne einen Seitenblick auf den Kreml.“
Der stete Blick nach Moskau galt auch für andere Spannungsgebiete. Raffalt schreibt: „Die beiden heißesten Krisenherde, Vietnam und Palästina, boten dem Papst legitime Anknüpfungspunkte für seine Ambitionen als Friedensvermittler. In Vietnam war die Bevölkerung zu starken Teilen, katholisch, in Palästina lagen die Heiligen Stätten. In beiden Fällen aber ergriff Paul VI., statt zu vermitteln, die Partei einer Seite. Den südvietnamesischen Präsidenten behandelte er bei dessen Besuch wie einen geschworenen Feind der Kirche, obwohl Van Thieu ein gläubiger Katholik ist. Dagegen bedachte er den Leiter bei der Hanoi-Delegation bei der Pariser Vietnamkonferenz, Xuan Thuy, mit der unglaublichen Ehrung, ihn in der Generalaudienz namentlich zu nennen und gleichzeitig den Friedenswillen Nordvietnams zu betonen.“


Moskau und der fundamentale Irrtum des Vatikans

Im Falle des Nahostkonflikts legte Papst Montini gegenüber der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir eine brüskierende Haltung an den Tag, einseitig bekannte sich Paul VI. dagegen zur arabischen Welt. „Damit ist nicht gesagt“, schreibt Raffalt weiter, „dass die päpstliche Entscheidung sich ausschließlich nach den Interessen Russlands richteten, dem Nordvietnam und die arabischen Länder so sehr am Herzen lagen. Aber die Rücksicht auf den Kreml war auch hier unverkennbar. Fast endlos schien die Kette der Goodwillaktionen Pauls VI. gegenüber Moskau. Rätselhaft bleib nur, warum sie der Zugkraft ermangelten und keine Gegenleistungen hervorriefen. Der Grund lag in einem fundamentalen Irrtum des Vatikans. Paul VI. und die Kurie vertrauten dem pragmatischen Sinn der sowjetischen Politik. Sie misskannten aber, was dahinter stand – das Sendungsbewusstsein der Russen.“
Mit dem Pontifikat des Polen Johannes Paul II. wurde schließlich diese Phase der vatikanischen Ostpolitik beendet. Karol Wojtyla war ein treuer „Sohn“ Kardinal Stefan Wyszynskis, an dem sich Casaroli die Zähne ausgebissen hatte. Johannes Paul II. ist vor wenigen Wochen erst heiliggesprochen worden. Nun folgt ihm Paul VI. nach und gelangt zur Ehre der Altäre. Wenn die Kirche Päpste selig- und heiligspricht, segnet sie nicht jede Tat und jede Entscheidung im Verlauf eines Pontifikats ab. Auch im Vorfeld der Kanonisierung von Johannes Paul II. wurden in Rom kritische Fragen gestellt. Immerhin hatte sich unter Papst Wojtyla der Skandal des Missbrauchs von Schutzbefohlenen durch Kleriker ausgeweitet und waren dem Gründer der Legionäre Christi im Vatikan sämtliche Türen stets bereitwillig geöffnet worden. Dazu sagte Papstsprecher Federico Lombardi bei einer Pressekonferenz vor der Heiligsprechung Johannes Pauls II. auf die Frage, wie denn überhaupt die Bilanz des polnischen Pontifikats bei der Missbrauchsaufarbeitung zu bewerten sei, diese Frage gehe am Punkt vorbei. Heiligkeit sei nicht die Auswertung einer Bilanz über ein Pontifikat und auch nicht ein Urteil über die Vollkommenheit eines persönlichen Lebens. „Natürlich gibt es in einem 27-jährigen Pontifikat Dinge und Personalentscheidungen, über die man streiten kann“, meinte Lombardi. „Einige Leute werden immer sagen: Oh, er hat das nicht gut gehandhabt und das nicht. Ich hätte das anders gemacht. Der Punkt ist, dass niemand behauptet, ein Papst sei unfehlbar in allen seinen Handlungen während seines Pontifikats. Und es ist auch nicht so, dass seine möglichen Fehler eine Todsünde wären. Der Punkt ist vielmehr, dass die Kirche in einem Heiligen ein großes Modell sieht, jemanden, der das christliche Leben in einer herausragenden Weise bezeugt hat. Aber das heißt nicht, dass er perfekt war in jeder einzelnen Sache, die er getan hat.“

 

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