Titelthema 6-7/2015

 

Wer schweigt, macht sich zum Komplizen

Ein besonderes Dossier des VATICAN-magazins über die christlichen Märtyrer von heute

von Guido Horst

 

Es waren starke Worte, mit denen Papst Franziskus am Ende des Kreuzwegs im Kolosseum über den Christus des Karfreitags sprach und ihn mit dem Leid der verfolgten Christen und Märtyrer von heute in Verbindung brachte: „In deinem zerfleischten Körper, aufgerissen und zerrissen, sehen wir die Körper unserer zurückgelassenen Brüder entlang der Straßen, die durch unsere Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit verzerrt wurden. In deinem Durst, oh Herr, sehen wir den Durst des barmherzigen Vaters, der durch dich die Menschheit umarmen, ihr verzeihen und sie erlösen wollte. In dir, der göttlichen Liebe, erkennen wir noch immer unsere verfolgten Brüder, geköpft und gekreuzigt im Glauben an dich, und das vor unseren Augen und nicht selten mit unserem Schweigen als Komplizenschaft.“ Ein Schweigen, mit dem man sich zum Komplizen macht. Mit dieser Ausgabe des VATICAN-magazins wollen wir genau das Gegenteil tun: Viele sprechen lassen, ausführlich schreiben, mit zahlreichen Zeugnissen und Kommentaren ein Bild von dem zeichnen, was mit unseren Brüdern und Schwestern vor der europäischen Haustür geschieht. Da es uns nicht möglich war, Korrespondenten in die Krisen- und Kriegsgebiete des Mittleren Ostens, Afrikas und Asiens zu schicken, übernehmen wir die Titelgeschichte, die die italienische Zeitschrift „Tracce“ (www.tracce.it) in ihrer Mai-Ausgabe veröffentlicht hat. „Tracce“ ist die Zeitschrift der Bewegung „Comunione e Liberazione“, auf Deutsch trägt sie den Titel „Spuren“ und steht als Online-Ausgabe mit derselben Titelgeschichte im Internet: www.cl-spuren.de. Wir bedanken uns bei „Tracce“ für die Großzügigkeit, mit der man uns dieses Dossier überlassen hat. Die Übersetzung der Texte aus dem Italienischen besorgte Claudia Reimüller.

 

 

 

Es sind unsere Märtyrer

„Sie leiden. Sie geben ihr Leben hin. Und wir empfangen durch ihr Zeugnis den Segen Gottes.“ Der Papst bittet die Welt darum, nicht wegzusehen, wenn Christen verfolgt werden. Ihre Schuld besteht nur darin, treu ihrem Herrn zu folgen.  Vergeltung und Hass wollen sie nicht, nur Schutz und die Freiheit, ihren Glauben noch intensiver zu leben

von Davide Perillo

 

Es existiert eine Landkarte, die wir seit geraumer Zeit kennen: Mossul, Aleppo, die ägyptischen Kopten – die Stücke, die das „Kalifat“ dem  wunderschönen und ehrwürdigen Leib des Nahen Ostens auszureißen versucht. Doch da ist auch Nigeria, das durch Boko Haram verwüstet wird. Kenia, in dem die somalische Al-Shabaab wütet. Und dann die Zentralafrikanische Republik, Pakistan, Orissa in Indien, China… Bis hin zu den Flüchtlingen, die von ihren ebenso verzweifelten Reisegefährten ins Meer geworfen wurden, weil auf jenem zwischen Afrika und Europa treibenden Boot „nur zu Allah gebetet“ werden sollte. Sie alle wurden getötet, weil sie Christen waren. Es geschieht immer öfter, und es werden immer mehr.
Die „Kirche der Märtyrer“, von der Papst Franziskus ständig spricht, erweitert jeden Tag ihre Grenzen. „Sie sind zahlreicher als in den ersten Jahrhunderten“, rief er zu Ostern in Erinnerung: „Sie leiden, sie geben ihr Leben hin, und wir empfangen durch ihr Zeugnis den Segen Gottes.“ Bis zu jenem eindringlichen Appell an die ganze Welt: „Ich spreche die Hoffnung aus, dass die internationale Gemeinschaft nicht stumm und untätig angesichts dieses inakzeptablen Verbrechens bleibt, das ein besorgniserregendes Abdriften von den elementarsten Menschenrechten darstellt. Ich hoffe wirklich, dass die internationale Gemeinschaft nicht den Blick abwendet und wegschaut.“


Den anderen hassen, weil er anders ist

In diesem „dritten Weltkrieg in Etappen“, wo der Hass auf das Menschliche als solches, auf den anderen, weil er anders ist, so oft in Gewalt gegen Minderheiten und gegen die Religionsfreiheit zum Ausdruck kommt, wird die Verfolgung unserer christlichen Brüder und Schwestern immer härter. Was sagt uns das? Und was verlangt das von uns?
Auf den folgenden Seiten sind verschiedene Zeugnisse verfolgter Christen nachzulesen. Ihre Not, ihr schreckliches Leid macht betroffen. Doch auch – und vor allem – ihre Ruhe. Fast nie stößt man auf den Wunsch nach Vergeltung. Den Wunsch, geschützt zu werden, das ja. In ihr Zuhause zurückzukehren, von wo sie fliehen mussten, wieder Recht auf ein normales Leben zu haben, das auch. Doch Rache, Vergeltung, Hass, das nicht. Nur Vergebung. Und das Bedürfnis, ihren Glauben noch intensiver zu leben.
Dieser Anspruch ist ein Wert, der für alle gilt. Denn diese „ethnische Gruppe sui generis“, wie Papst Paul VI. sie definiert hat, diese Minderheit, die nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe oder aufgrund territorialer Motive verfolgt wird, sondern weil sie Christus liebt und mit Christus die menschlichen Brüder und Schwestern, hat etwas Universales, das es erlaubt, überall etwas aufzubauen, immer wieder von vorn anzufangen. Daher bedeutet die Rettung der Christen Schutz für die Welt.


Die Kirche tut, was sie kann

Die Kirche tut, was sie kann. Mit immer entschiedeneren diplomatischen Initiativen, die endlich eine gewisse Wirkung zeigen. Im März wurde beim UN-Menschenrechtsrat in Genf eine gemeinsame „Erklärung zur Unterstützung der Menschenrechte von Christen und anderen Gemeinschaften“ eingebracht: Es ist das erste Mal, dass ein Gremium dieser Art so explizit darüber spricht, erklärt Erzbischof Silvano Maria Tomasi, Beobachter des Heiligen Stuhls am Genfer Sitz der Vereinten Nationen. Immer zusammen mit anderen Gemeinschaften, denn das Problem ist weitreichend, doch es wird nicht mehr nur über unbestimmte „Minderheiten“ diskutiert.
Wenige Tage später ist die Frage auch beim UN-Sicherheitsrat in New York gelandet, wo Frankreich, das den turnusmäßigen Vorsitz innehat, einen Aufruf eingebracht und Erzbischof Louis Raphaël Sako, den chaldäischen Patriarchen von Bagdad, eingeladen hat, um über seine Erfahrungen zu berichten. Außerdem hat Erzbischof Bernardito Auza, der ständige Beobachter des Vatikans im Glaspalast, in einer Konferenz über den „blutgetränkten Boden Asiens“ und „Tausende von Menschen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt, ihrer fundamentalen Menschenrechte beraubt, diskriminiert und getötet werden“ gesprochen und erklärt, dass dies „ein allgemeines Versagen dieser internationalen Organisation“ darstelle. Am 25. April war der libanesische Patriarch Béchara Raï bei der UNESCO an der Reihe. Auch unerwartete Unterstützung taucht auf: das laizistische Frankreich, Russland… Kurz und gut: Es bewegt sich etwas. Langsam, aber immerhin. „Bislang war das Thema Religion immer eine Art Tabu für diese Organisationen“, erklärt Tomasi: „Jetzt ist es aufgrund der Ereignisse schwieriger, dieses Element unberücksichtigt zu lassen.“ Ein gutes Zeichen. Doch währenddessen? Was können wir hier sonst noch tun?
Erzbischof Amel Nona, der aus seiner Diözese Mossul flüchten musste, hat neulich mit seiner Antwort auf diese Frage alle überrascht: „Zeigt eure Freude am Glauben. Wir können es brauchen, Euch glücklich zu sehen.“ Ein erlöster Blick also. Nur von Jesus erfüllt. Ein Blick, der es vermag, sich ganz auf das Wesentliche zu richten und gleichzeitig alles zu bewegen. Uns erkennen zu lassen, wie wichtig etwa der einfache und radikale Aufruf des Pfarrers von Erbil, Douglas Bazi, ist, der am Ende des Interviews auf den folgenden Seiten sagt: „Nehmt sie auf.“ Und wie entscheidend es ist, sie vor Augen und im Herzen zu haben. An sie zu denken. Und sie der Welt kontinuierlich in Erinnerung zu rufen.

Der Autor ist Chefredakteur der italienischen Zeitschrift „Tracce“.

 

 

 

„Wir gehören nur Jesus“

Anschläge, Entführung, Vergebung. Der Flüchtlingspfarrer Douglas Bazi erklärt, warum seine Leute nicht hassen

von Luca Fiore

 

Der Priester Douglas Bazi spricht nicht gern über seine Erfahrungen. Zum Teil, weil er immer noch darunter leidet, wenn er an jene Momente zurückdenkt, zum Teil, weil er im Irak, der nichts weniger brauchen kann als eine weitere Dosis Gift, nicht noch mehr Hass schüren will. Im Jahr 2006 steht er im Dienst einer chaldäischen Pfarrgemeinde in Bagdad. Sie nehmen ihn gefangen, fesseln ihn, verbinden ihm die Augen. Sie zertrümmern ihm die Nase und schlagen ihm mit einem Hammer die Zähne aus. Den ersten Schluck Wasser bekommt er nach fünf Tagen. Man hält ihm eine Pistole an die Schläfe: „Hast du keine Angst, zu sterben? Die anderen flehen uns an, sie am Leben zu lassen, warum tust du das nicht?“ Und er: „Die anderen wissen nicht, was Leben und Tod ist.“ Ein Albtraum, der neun Tage gedauert hat. Im Juli 2013 ist er in die Kirche von Mar Elia in Erbil in der Autonomen Region Kurdistan versetzt worden. Heute sind seine Gemeindemitglieder vor allem Flüchtlinge aus Mossul und Karakosch. Einhundertfünfzig Familien, die dem Terror der Isis entronnen sind. Im Zentrum herrscht eine merkwürdige Gelassenheit, unter der sich unsägliche Wunden wie die seinen verbergen.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Worte des Papstes über die verfolgten Christen gehört haben?
Ich habe seine Worte in meiner Osterpredigt zitiert. Ich habe gesagt, dass dies die Zeit ist, in der die Welt verstehen muss, dass der Frieden die einzige Option ist. Die einzige Option, um die Menschheit zu retten. Der Papst hat uns in sein Herz geschlossen und denkt aus tiefster Seele an uns. So ist unsere größte Sorge nicht die, getötet zu werden. Doch wir wollen nicht vergessen werden. Die christlichen Flüchtlinge aus Mossul sind nicht zornig auf Gott. Wenn ich sie frage, was sie über das Vorgefallene denken, sagen sie: Wir müssen für unsere Feinde beten, wie Jesus es uns gesagt hat. Wir müssen ihnen vergeben, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Diese Menschen haben aber doch alles verloren.
Ja, manchmal sagen sie: „Am 6. Juni (am 6. Juni 2014 ist der IS in Mossul eingefallen, A.d.R.) haben wir alles verloren.“ Dann erwidere ich: „So dürft ihr das nicht sagen, sagt vielmehr: ,Am 6. Juni hat Gott uns das Leben gerettet‘.“ Vielleicht war die Flucht aus Mossul kein Unglück für sie, sondern ihre Rettung.

Haben Sie keine Angst zu sterben?
Wenn Sie sich die Videoaufnahmen von den Menschen anschauen, die vom IS umgebracht wurden, können Sie sehen, dass die Opfer vor ihrer Hinrichtung ganz ruhig sind. Ich weiß, was das heißt: Manchmal ist der Tod die bessere Alternative. Denn wenn du stirbst, bist du in Gottes Hand. Es ist besser, in Gottes Hand zu sein als in der Hand gewisser Leute. Ich denke da an mich: Sie haben auf mich geschossen, sie haben meine Kirche in die Luft gesprengt, ich habe diverse Anschläge überlebt, bin entführt worden. Und doch wünsche ich mir immer noch eine Zukunft, die frei von Hass ist.

Wie ist das möglich, dass Sie frei von Hass sind?
Die einzig sinnvolle Antwort lautet: Weil wir Christen sind. Wer bin ich denn, um mich zu beklagen? Wer bin ich denn, um zu Gott zu sagen: Warum tust du uns das an? Man ist nicht nur dann Christ, wenn alles rund läuft. Dem Papst würde ich gerne sagen: Danke für deine Gedanken und deine Gebete. Aber auch: Als Christen im Irak werden wir nie aufgeben. Ich bin chaldäischer Priester, ich weiß, dass meine Sendung gefährlich für mein Leben sein kann. Doch ich bin berufen, mich um mein Volk zu kümmern. Und ich werde dort sein, wo meine Leute sind.

Was haben Sie in diesen so schweren Jahren gelernt?
Ich erinnere mich an keine Nacht seit meiner Entführung vor neun Jahren, in der ich länger als zwei Stunden geschlafen hätte, ohne Albträume zu bekommen. Noch heute gehe ich nicht schlafen, ohne mir eine Wasserflasche neben das Bett zu stellen, weil sie mir vier Tage lang nichts zu trinken gegeben haben. Doch ich glaube, dass die Gnade Gottes nicht ohne die Vergebung von Mensch zu Mensch oder von Generation zu Generation vermittelt werden kann. Sonst würden wir Hass und unsere Rachegefühle weitergeben.

Es scheint fast unmöglich, das jemanden sagen zu hören, der so viel gelitten hat.
Ich bin kein Held. Ich bin einfach ein Christ. Meine Aufgabe besteht darin, mich um die Gemeinde zu kümmern, um unsere Kirche. Und außerdem: Wenn man sich die Kirchengeschichte einmal ansieht, so waren die goldenen Zeiten die Zeiten der Verfolgungen. Es waren jene Momente, in denen die Christen auf besondere Weise der Welt das Antlitz Christi gezeigt haben.

Welches Ereignis hat Sie in diesen Monaten am meisten beeindruckt?
Ein Mann aus Mossul hat mir erzählt, dass sein muslimischer Nachbar, als der IS in die Stadt kam, an seine Tür geklopft und ihm gesagt hat: „Du musst weggehen, und ich werde mir dein Haus nehmen. Wenn ich es nicht tue, dann wird es jemand anders tun. Wenn ich dich morgen noch hier sehe, werde ich dich töten.“ Der Mann bereitet seinen Aufbruch vor, packt die Koffer, lädt seine Familie ins Auto. Doch bevor er fährt, geht er zur Tür seines Nachbarn und klopft dort an. „Habe ich dir nicht gesagt, dass ich dich töten würde?“ Und der Christ: „Seit dreißig Jahren sind wir Nachbarn, ich wollte nicht fortgehen, ohne mich zu verabschieden.“ Der Muslim beginnt zu weinen: „Nein, bleib hier. Ich werde dich beschützen.“ Und der andere: „Nein, wir waren Nachbarn. Jetzt sind wir es nicht mehr. Das Vertrauen ist zerstört.“

Heute wird Alarm geschlagen, dass die Christen aus dem Nahen Osten zu verschwinden drohen.
Wer das beklagt, dem erwidere ich: Wir gehören nicht diesem Stück Erde, wir gehören Jesus. Nur, wenn wir uns dieser Zugehörigkeit bewusst sind, werden wir etwas bezeugen und unserem Land nutzen können. Doch heute stehen wir vor einem Dilemma.

Welchem?
Die Leute schweben in Lebensgefahr, und wenn man sie retten will, dann muss man ihnen zur Flucht verhelfen, aber so verschwindet die christliche Gemeinde. Wenn man jedoch möchte, dass die christliche Gemeinde bleibt, besteht die Gefahr, dass das Volk verschwindet, weil es niedergemetzelt wird. Ich sage: Warum soll man die Schafe unter den Wölfen lassen? Ein anderer sagt: „Wir bleiben bis zum letzten Blutstropfen.“ Also hör’ mal: Die Zukunft baut man auf, indem man seinen Kindern Liebe, Gnade und Vergebung vermittelt. Nicht mit solchen Reden.

Das heißt?
Ich werde, wie ich schon sagte, bei meinem Volk bleiben. Hier oder anderswo. Derweil kümmere ich mich um die Kleinsten. Sie sind die Zukunft. Unsere „Rache“ wird darin bestehen, diese Kinder rechtschaffen aufwachsen zu lassen, sie zum Glauben zu erziehen, zu einer offenen Mentalität. Sonst wird der nächste IS von uns Christen hervorgebracht…

Wie hat sich Ihre Beziehung zu Jesus in diesen Jahren verändert?
Ich bin kein Engel. Ich habe viele Fehler im Leben gemacht, und es tut mir immer noch leid. Und doch, wenn ich mich anschaue, sehe ich, dass ich noch lebe. Und ich sage mir, dass ich noch nützlich sein, noch Gutes tun kann. Der Bote ist nicht wichtig, was zählt, ist die Botschaft. Wenn Jesus weiter Verwendung für mich hat, um das Evangelium zu verkünden, wird das auch mir zugute kommen können.

Was kann Europa heute tun, um Ihnen zu helfen?
Wir sterben nicht, weil es uns an Essen oder Medizin fehlen würde. Wir sind um unsere Zukunft besorgt. Dabei geht es für mich nicht um die Frage des Gebiets oder um die Präsenz im Nahen Osten. Ich denke an die Menschen, an die irakischen Christen, die im Libanon, in Jordanien und in der Türkei leiden. Öffnet ihnen Eure Türen. Macht, dass sie heil ankommen. Und nehmt sie auf.

 

 

 

 

 

Artikel kostenlos als PDF herunterladen