Titelthema 11/2014

 

Synodaler Gegenwind

Die römische Bischofsversammlung im Oktober war angetreten, die katholischen Familien zu stärken. Stattdessen hat sie für viel Verunsicherung gesorgt. Die Medien machten aus der Familiensynode einen Schauplatz des Streits über Homosexuelle und Wiederverheiratete. Der Erwartungsdruck war groß, das Ergebnis eher kläglich

von Guido Horst

Was hätte er gedacht, wenn er von oben hätte zuschauen können, als sich am 19. Oktober eine gewaltige Menge von Kardinälen und Patriarchen, Bischöfen, Priestern, Ordensleuten mit zehntausenden von Gläubigen und dem Papst auf dem Petersplatz versammelte, um ihn, den nun seligen Giovanni Battista, zur Ehre der Altäre zu erheben? (Und da die Kirche ihn nun als Seligen verehrt, glaubt sie ja auch, dass er „von oben“ –  aus dem Haus des Vaters – zugeschaut hat.) Auf jeden Fall waren mehr Menschen auf dem Petersplatz als damals, im fernen Jahr 1978, als man von dem toten und in einem einfachen Holzsarg liegenden Paul VI. Abschied nahm. Der einsame Mann auf dem Petrus-Stuhl, der auch von vielen Katholiken unverstandene Papst, als Pillen-Paule diffamiert, weil er in der Enzyklika „Humanae vitae“ die Lehre seiner Vorgänger bekräftigt hat, dass die eheliche Liebe zwischen Mann und Frau für die Weitergabe des Lebens offen bleiben muss. Selbst sich fortschrittlich dünkende Kirchenführer sprechen heute von einer „prophetischen Entscheidung“ des Montini-Papstes. Kein Wunder, wenn man bedenkt, welche Blüten es heute treibt, wenn man den Sex von der Weitergabe des Lebens trennt. „Social freezing“ ist da nur der letzte Schrei. Frauen lassen ihre Eizellen einfrieren und kaufen sich irgendwann, wenn die Karriere es ihnen erlaubt, in einer Samenbank einen Satz Spermien, der ihnen blaue Augen, blonde Haare, leichte Locken und einen IQ von 130 bis 140 für den erwünschten männlichen Nachkommen verspricht. Wer möchte da nicht Sohn einer solchen Mutter sein? Familie, Geschwister, Vater und Mutter, das alles muss doch nun wirklich nicht mehr sein. Willkommen in der schönen neuen Welt!
Was also hätte Paul VI. gedacht, wenn er bei seiner eigenen Seligsprechung dabei gewesen wäre? An jenem Tag endete die römische Synode zu Ehe und Familie. War sie eine Bischofsversammlung, die „Humanae vitae“ nachträglich vor der ganzen Kirche und der Weltöffentlichkeit bestätigen und bekräftigen wollte? Mit der Seligsprechung ihres Autors als sinnfälligem letzten Akt? Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war groß, als ab dem 5. Oktober rund zweihundert Synodale in Rom zusammenkamen, um zwei Wochen lang – zum einen Teil im Scheinwerferlicht der Medien, zum anderen Teil hinter den verschlossenen Türen der Synodenaula – über Ehe und Familie zu beraten.
Eine nachträgliche und definitive Untermauerung der Ehelehre Paul VI. wurde die Veranstaltung aber irgendwie nicht. Schaut man sich die Reaktionen auf die Synode an, ist das Gegenteil der Fall. Für den Karikaturisten einer großen deutschen Tageszeitung war das Ergebnis der bischöflichen Beratungen ein ganz anderes: Der Vatikan habe sich endlich der Homosexualität geöffnet. Beim Bruderkuss der Kleriker, so suggerierte die witzige Zeichnung, sei jetzt auch der Einsatz der Zunge bis zum Zäpfchen erlaubt. Hmm. Wahnsinn! Hier hatte Pillen-Paule endlich ausgedient.
Doch halt! Das war die Synode der Medien. So fand auch diese außerordentliche Bischofsversammlung – wie schon das oft berufene Zweite Vatikanische Konzil – gleich zwei Mal statt: In den Köpfen der Meinungsführer, Karikaturisten und in den Redaktionen – und dann während der tatsächlichen und eigentlichen Beratungen in der Synodenaula des Vatikans.
Wenden wir uns also zuerst einmal der tatsächlich stattgefundenen Synode zu. Das hat leider den Nachteil, dabei auch einige Texte zitieren zu müssen. Denn die außerordentliche Synode vom Oktober diente ja vor allem der Vorbereitung der ordentlichen Bischofssynode im Herbst kommenden Jahres, die dann zur Ehe- und Familienpastoral Beschlüsse fassen soll, die dem Papst – eine Synode ist ein rein beratendes Organ – als Vorschläge vorgelegt werden sollen. Der Abschlussbericht der diesjährigen Versammlung, die „Relatio synodi“, ist zugleich also die Arbeitsgrundlage, das „Instrumentum laboris“, für das Bischofstreffen im Herbst 2015.
Nimmt man den Text zur Hand, ist das kein großer Wurf. Es kreißte der Berg – und gebar eine Maus. Einerseits. Der Text ist ein Arbeitspapier, das entscheidende Fragen offen lässt. Stattdessen erzeugt es den Verdacht, dass ein guter Teil der Synodenväter die Kirche in eine Richtung drängen will, die nun gar nicht der Lehre von Paul VI. – und erst recht nicht der von Johannes Paul II. – entspricht.
Man kann es deshalb drehen und wenden wie man will: Die Synode zu Ehe und Familie hat viele verunsichert. Nicht nur katholische Ehepaare und nicht nur junge Leute, die sich auf einen Lebensbund nach den Maßgaben der Kirche vorbereiten. Auch Teilnehmer der Synode selbst, die mit dem Ablauf der Versammlung gar nicht zufrieden waren. So etwa der australische Kardinal George Pell, den der Papst erst in diesem Jahr zum Präfekten des vatikanischen Wirtschaftssekretariats ernannte. In einer Predigt nach der Synode meinte Pell zum Verlauf der Bischofsversammlung, auf der man viel von der „Weiterentwicklung der Lehre“ gesprochen hatte: „Die Lehre kann sich entwickeln, wir verstehen die Wahrheit tiefer, doch in der katholischen Geschichte gibt es keine Kehrtwendungen. Die apostolische Tradition, zuerst von Christus verkündet und in der Schrift begründet, ist der Prüfstein für Wahrheit und wahre pastorale Praxis.“ Die seelsorgerliche Praxis und Lehre könne nur durch Konsens geändert werden. Das Bischofskollegium und alle Synoden „arbeiten mit dem Konsens“. Bis zum nächsten Oktober sollten Katholiken daran arbeiten, „aus den gegenwärtigen Spaltungen“ heraus einen Konsens aufzubauen. In den kommenden zwölf Monaten bis zur Fortsetzung der Familiensynode müsse man „die Notwendigkeit der Umkehr“ und „das Wesen der Messe“ erklären sowie „die Reinheit des Herzens, welche die Schrift von uns verlangt, wenn wir die heilige Kommunion empfangen“. Welche Spaltungen meint  aber der Kardinal?
Nachdem der Generalrelator der Synode, Kardinal Peter Erdö aus Budapest, sozusagen als Notar der Debatte in der ersten Synodenwoche einen Zwischenbericht vorgelegt hatte (die so genannte „Relatio post disceptationem“), schimpfte der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki in das Mikrophon von Radio Vatikan: Die Relatio hinterlasse „den Eindruck, dass die kirchliche Lehre bisher unbarmherzig gewesen sei und als ob man erst jetzt beginne, die Barmherzigkeit zu lehren“. So Gadecki. Tatsächlich aber hätten gar Spuren einer gegen die Ehe gerichteten Ideologie Eingang in den Text gefunden. Dagegen halte er: „Unsere Hauptaufgabe ist es, die Familie pastoral zu unterstützen, nicht aber, auf sie einzuschlagen“. Auch der südafrikanische Kardinal Wilfrid Fox Napier fand bei einer Pressekonferenz im Vatikan einige Formulierungen des Zwischenberichts regelrecht ärgerlich. Das Dokument erwecke zudem den Eindruck, diese Positionen seien Konsens der gesamten Synode. Die aber sei, so der Kardinal aus Afrika, „nicht sehr hilfreich bei der Verkündigung der Lehre der Kirche!“
Was war also passiert auf der Bischofsversammlung, die in genau der Zeit stattfand, in der hunderttausende christliche Familien, die aus Syrien und dem Norden des Irak fliehen müssen, das Drama der Spaltung, der Verfolgung, des Hungers, Leids und Tods erleben müssen? Ein Beispiel sind drei Abschnitte in Kardinal Erdös Zwischenbericht über Menschen mit homosexuellen Neigungen, wo zu lesen war, dass Homosexuelle „der christlichen Gemeinschaft Gaben und Qualitäten anzubieten hätten: Sind wir in der Lage, diese Personen aufzunehmen, indem wir ihnen einen Raum der Brüderlichkeit in unseren Gemeinschaften anbieten?“ Die Frage der Homosexualität, so dort weiter, „drängt uns zu einer ernsthaften Reflexion darüber, wie man realistische Wege des affektiven Wachstums und der menschlichen Reifung erarbeiten kann, die die sexuelle Dimension integrieren“. Und: „Ohne die moralische Problematik homosexueller Partnerschaften leugnen zu wollen, kann man doch feststellen, dass es Fälle gibt, in denen die gegenseitige Unterstützung bis hin zum Opfer eine wertvolle Hilfe für den Partner ist. Darüber hinaus sorgt sich die Kirche besonders um die Kinder, die mit Paaren des gleichen Geschlechts leben...“. Dass man Homosexuellen mit Achtung und Takt begegnen soll, ohne sie ungerecht zurückzusetzen, steht aber schon im „Katechismus der katholischen Kirche“. Was wollten die Synodalen also zum Ausdruck bringen, als sie in der Aussprache der ersten Synodenwoche diese Feststellungen zu Protokoll brachten?
Die Bischofsversammlung nahm danach jedenfalls einen turbulenten Verlauf. Es folgte in der zweiten Woche die Arbeit in zehn Sprachzirkeln. Nach deren Abschluss kam es zum Aufstand in der Synodenaula. Mit teilweise heftigen Wortmeldungen erzwangen einige Kardinäle, dass die zusammenfassenden Berichte über die Debatte in den Sprachzirkeln der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Nun zeigte sich, dass ein guter Teil der Synodenväter gar nicht einverstanden war mit dem Verlauf, den die Aussprache in der ersten Woche genommen hatte. Als dann am Ende der Abschlussbericht, die „Relatio synodi“, auf dem Tisch lag, konnte man über den pastoralen Umgang mit homosexuellen Personen folgendes lesen: „Einige Familien machen die Erfahrung, dass Personen mit homosexueller Orientierung in ihrer Mitte leben. Diesbezüglich hat man sich gefragt, welche pastorale Fürsorge angesichts dieser Situation angemessen sei, indem man sich auf das bezog, was die Kirche lehrt: ,Es gibt keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn’. Dennoch ist Männern und Frauen mit homosexuellen Tendenzen mit Achtung und Takt zu begegnen. ,Man hüte sich, sie in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen’ (Kongregation für die Glaubenslehre, Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen, 4).“ Auch die Abstimmungsergebnisse zu den einzelnen Paragrafen des Abschlussberichts wurde veröffentlicht: Für diesen Abschnitt stimmten 118 Synodalen mit „placet“, dagegen stimmten 62: „non placet“. Weil ihnen diese von der Kirche seit langem vertretene Position zu weit ging? Oder weil sie sich eine stärkere Öffnungen gegenüber den homosexuellen Paaren wünschten? Man weiß es nicht. Was man nur weiß, ist, dass sich die Synode offenbar gespalten hat.
Das betrifft auch die Frage der Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion. Auch hier ging die Synode aus wie das Hornberger Schießen. Nochmals ein ausführlicheres Textzitat. Abschnitt 52 der „Relatio synodi“ behandelt direkt die Frage des Sakramentenempfangs von Wiederverheirateten: „Es wurde über die Möglichkeit nachgedacht, die geschiedenen Wiederverheirateten zu den Sakramenten der Buße und der Eucharistie zuzulassen. Verschiedene Synodenväter haben kraft der konstitutiven Beziehung zwischen der Teilnahme an der Eucharistie und der Gemeinschaft mit der Kirche und ihrer Lehre über die unauflösliche Ehe auf der derzeitigen Regelung bestanden. Andere haben sich für eine nicht zu verallgemeinernde Aufnahme an den eucharistischen Tisch ausgesprochen – in einigen besonderen Fällen und unter ganz bestimmten Bedingungen –, vor allem, wenn es sich um irreversible und an moralische Verpflichtungen gegenüber den Kindern gebundene Fälle handelt, die zu Unrecht leiden müssten. Der möglichen Zulassung zu den Sakramenten müsste ein Weg der Buße unter der Verantwortlichkeit des Diözesanbischofs vorausgehen. Die Frage muss noch vertieft werden, wobei die Unterscheidung zwischen einer objektiven Situation der Sünde und mildernden Umständen gründlich zu bedenken ist, da ‚die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwortung für sie … durch … psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein’ können (Katechismus der Katholischen Kirche, 1735).“  
Auch hier ging die Synode ohne überzeugende Mehrheiten auseinander: 104 Synodenväter stimmten mit „placet“, 74 mit „non placet“. Wieder dieselbe Frage: War die hohe Zahl der Nein-Stimmer ein Zeichen, dass ihnen der Text zu weit oder nicht weit genug ging? Man weiß es nicht. Man müsste jeden Kardinal oder Bischof, der an der Versammlung teilgenommen hat, einzeln befragen. Sicher ist nur, dass die römische Bischofssynode als ehrwürdigstes Beratungsorgan des Papstes ein Fass aufgemacht hat, das in den kommenden Monaten bis Oktober 2015 noch für manche Aufregungen und Gärungen sorgen wird.
Wobei man wieder bei der anderen Synode, der Synode der Medien wäre: Der „synodale Weg“ zur Klärung einiger strittiger Fragen in der Ehe- und Familienpastoral, der nun beschritten, aber noch lange nicht zu Ende ist, kann mühsam werden und die zu Ende gegangene Synode hat allenfalls Ausgangspunkte geschaffen, auf deren Grundlage die Auseinandersetzung weitergeht. Es war beeindruckend, wie stark der Druck der öffentlichen Meinung auf der Synode lastete. Das Thema der Homosexuellen war ursprünglich kein zentraler Punkt auf der Agenda. Aber dann haben es die Medien hochgeschaukelt, einige rührende Interviews von Kardinälen kamen hinzu – und für manche Zeitungen endete die Synode nicht auf dem Petersplatz, sondern auf dem Kapitolshügel in Rom, wo Bürgermeister Ignazio Marino am letzten Arbeitstag der Bischofsversammlung in einem symbolträchtigen, aber rechtlich völlig wertlosen Akt sechzehn homosexuelle Paare, die im Ausland geheiratet hatten, als Eheleute in das Personenstandsregister der Stadt Rom aufnahm.
Angesichts dieser zwei Wochen unter starker medialer Beobachtung hat die Informationspolitik des Synodensekretariats die völlig falsche Politik gewählt: Die Redebeiträge der Synodenväter blieben geheim, aber jedem Teilnehmer war es gestattet, beliebig Interviews zu geben. So hob jenes babylonische Stimmengewirr an, das dann auch zum Aufstand in der Synodenaula führte, als es darum ging, doch zumindest einmal die Ergebnisse der Beratungen der zehn Sprachgruppen zu veröffentlichen. Dass sich die Synodenleitung den Vorwurf zugezogen hat, die Versammlung von oben in ihrem Sinne leiten und lenken zu wollen, daran ist sie selber schuld.
Wenn es nun so wäre, dass überall in der Welt wiederverheiratete Geschiedene mit eucharistischem Heißhunger in den Kommunionbänken hängen und auf die römische Entscheidung zur Kommunionzulassung warten würden, müsste man sich angesichts solcher Synoden ernste Sorgen machen. Papst Franziskus zufolge ist die Kirche auch ein Feldlazarett. Warum lassen sich dann die Ärzte so viel Zeit, um über die rechte Medizin zu entscheiden?
Aber es geht natürlich um mehr. Die katholische Kirche ist die letzte kompakte und international gut aufgestellte Institution, die in der westlichen Welt für die Ideale der traditionellen Familie eintritt, die auf der Ehe von einem Mann und einer Frau basiert. Es gibt durchaus Passagen in der Schlussbotschaft der Synode, die das thematisieren, und auch vor dem Druck internationaler Organisationen warnen, die für eine hegemoniale Ausbreitung des Gender-bestimmten Menschenbilds des westlichen Relativismus arbeiten. Da muss die Kirche tapfer sein und ihre Positionen mutig und klug erklären und verteidigen. Gleichzeitig muss sie aber auch deutlich machen, dass es ihr ja gar nicht darum geht, Menschen auszugrenzen. Sie will ihrem Herrn Jesus folgen, der sich nicht zu schade war, mit Zöllnern, Sündern und Huren zu speisen. Gerade die Gescheiteren, die Sünder und Schwachen bedürfen einer barmherzigen Pastoral.
Was das bedeutet, welchen Stellenwert dabei der Kommunionempfang hat – das ist auf der außerordentlichen Synode nicht genügend klar geworden. Die schwache Schlussabstimmung in den entscheidenden Diskussionspunkten ist dafür der beste Beleg. Und wo steht Papst Franziskus? Wenn auch die kommende ordentliche Bischofssynode bei der Frage der Kommunionzulassung der Wiederverheirateten nicht zu einer geschlossenen Einheit zurückfindet, wird er entscheiden müssen. Dass er dazu auch bereit ist, hat er zum Schluss der Versammlung sehr deutlich gemacht. Er scheute sich nicht, in seiner Ansprache nach dem Ende der Abstimmungen recht trocken das Kirchenrecht zu zitieren: „Die Kirche gehört also Christus – sie ist Seine Braut – und alle Bischöfe haben gemeinsam mit dem Nachfolger Petri die Aufgabe und die Pflicht, sie zu hüten und ihr zu dienen, nicht als Herren, sondern als Diener. Der Papst ist in diesem Zusammenhang nicht der oberste Herr, sondern eher der oberste Diener – der ,servus servorum Dei’; der Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche, indem er jeden persönlichen Willen zurückstellt, auch wenn er – auf den Willen Christi hin –, oberster Hirt und Lehrer aller Gläubigen’ (can. 749) ist und obwohl er ,über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt“ (vgl. can. 331-334) verfügt.“
Es war ein deutlicher Rekurs auf Papst Gregor den Großen (590-604), der den Titel des „Dieners der Diener Gottes“ zu seiner Zeit für die Päpste eingeführt hat. Mit dem Selbstbewusstsein von Papst Franz ist hier in Rom aber auch kein Papst seit Innozenz III. (1198-1216) mehr aufgetreten. Und vielleicht war das auch ja die tiefere Bedeutung der Seligsprechung von Paul VI.! So wie sich der Montini-Papst bei seinem Nein zur künstlichen Empfängnisverhütung nicht von der Mehrheit einer von ihm selbst eingesetzten Studienkommission überzeugen ließ, sondern dem Rat eines gewissen Karol Wojtyla aus Krakau und dem Votum einer kleinen Minderheit von Kardinälen folgte, so könnte auch Papst Franziskus schon ahnen, dass er „als oberster Hirte und Lehrer der Gläubigen“ irgendwann alleine eine Entscheidung treffen muss. Denn dazu war, das ist in diesem Oktober in Rom sehr deutlich geworden, die erste Synode seines Pontifikats zu Ehe und Familie nicht imstande gewesen.

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