Titelthema 8-9/2014

 

Der Exodus

Chaldäische Christen feierten bereits die Sonntagsmesse, als man zwischen Rhein und Elbe noch germanische Götter verehrte. Jetzt hat man sie aus Mossul verjagt

von Guido Horst

Es sind herzzerreißende Stimmen, die aus einer biblischen Landschaft in den Westen drangen, aus einer Region, in der das Christentum älter ist als in Europa nördlich der Alpen. „Plötzlich wurden wir überrascht...“, heißt es in einem Appell des Patriarchen der katholischen Chaldäer, Louis Raphael Sako, den das Hilfswerk „Kirche in Not“ international verbreitet hat. Niemand in den Regierungsetagen dieser Welt kann behaupten, dass er nichts gewusst hat von der „Katastrophe“, wie Patriarch Sako schreibt, von dem „Sturm“, der über die Kirche im Irak hereingebrochen ist. Die fanatisierten Kämpfer für ein sunnitisches Kalifat im Norden des Landes haben die Christen aus Mossul vertrieben, Kirchen und Klöster wurden zerstört. Doch es fehlten die Bilder. Bilder, von denen der Medienbetrieb nun einmal lebt. Hamas-Raketen und den Gaza-Beschuss durch die Israelis hat man im Westen wahrgenommen. Rund um die Uhr. Doch was im Irak geschah, lief wie hinter einem undurchsichtigen Schleier ab.
„Meine Diözese gibt es jetzt praktisch nicht mehr. Ich habe sie an die IS verloren“, sagt der katholische Erzbischof von Mossul, Amel Nona, im Gespräch mit der „Tagespost“. „Alle Gläubigen haben die Stadt verlassen. Wer weiß, ob sie jemals zurückkehren können.“ Noch im Jahr 2003, so der Erzbischof weiter, „lebten 35 000 Gläubige in Mossul. Anfang 2014 waren es noch dreitausend. Jetzt ist wahrscheinlich keiner mehr hier geblieben, das ist tragisch“, erklärt Nona resigniert. Die drei Millionen Einwohner zählende Stadt Mossul, die bereits als Ninive in der Bibel erwähnt wird, war über Jahrhunderte ein Ort christlicher Kultur gewesen. Hier wurden schon Sonntagsmessen gefeiert, als man zwischen Rhein und Elbe noch germanische Gottheiten verehrte.
Es waren am Ende nur noch knapp dreitausend – die letzten Christen, die nach dem Ultimatum der Dschihadisten Mossul verließen. Angaben darüber, wohin sie flohen, verdankt man Marzio Babille, einem Arzt aus Triest, der Leiter der Unicef im Irak ist. „Der Großteil von ihnen”, berichtete Babille gegenüber dem vatikanischen Pressedienst Fides, „richtete sich den Traditionen folgend gegen Norden, was von Mossul aus in Richtung der Städte Tilkif, Batnaya und Alqosh bedeutet. Ungefähr vierzig Familien sind gen Osten aufgebrochen, Richtung Qaraqosh, und um die dreißig wurden in der Provinz von Dohuk aufgenommen. Zwanzig Familien erreichten Erbil, die Hauptstadt der selbständigen Region des irakischen Teils von Kurdistan, in der in Zusammenarbeit mit der chaldäischen Erzdiözese ein kleines Auffangzentrum eingerichtet wurde.” Die Massenflucht der Christen ins kurdische Autonomiegebiet verursacht dort größte Probleme, denn auf eine erneute Flüchtlingswelle sind die Kurden nicht vorbereitet. Hier muss der Westen helfen.
Doch die Seiten dieser Titelgeschichte dienen nicht dazu, tagesaktuell zu berichten, das Panaroma der Flüchtlingsnot im Mittleren Osten zu entfalten und an die Großzügigkeit der westlichen Staaten und Hilfsorganisationen zu appellieren – oder die Hintergründe der grausamen Kämpfe im Irak oder in Syrien zu beschreiben, wo sich der Beginn eines „Dreißigjährigen Kriegs“ abzuzeichnen scheint. Es geht vielmehr darum, den chaldäischen Christen Solidarität zu zeigen, am besten mit den Worten von Papst Franziskus:
Seit den Anfängen des Christentums hätten Christen im Irak gelebt und dort wie in anderen Teilen des Orients einen wertvollen Beitrag zum Wohl der Gesellschaft geleistet, sagte der Papst nach dem Angelus des 20. Juli. Heute, so Franziskus weiter, „werden unsere Brüder und Schwestern verfolgt und weggejagt“. „Sie müssen ihre Häuser verlassen, ohne die Möglichkeit zu haben, irgendetwas mitzunehmen. Ich versichere diesen Familien und Menschen meine Nähe und mein andauerndes Gebet. Liebe Brüder und Schwestern, die ihr verfolgt werdet: Ich weiß, wie viel ihr leidet. Ich weiß, dass ihr von allem beraubt seid. Ich bin mit euch im Glauben an den, der das Böse besiegt hat.“ Dem kann man sich nur anschließen.

 

 

Karfreitag in Ninive

Vom Apostel Thomas gegründet: Nach mindestens 1800 Jahren christlicher Präsenz läutet heute in Mossul keine Kirchenglocke mehr

von Stephan Baier

Mossul galt einst als Hochburg der irakischen Christen. Fünfzigtausend Gläubige verschiedener Konfessionen und Riten lebten vor dem Einmarsch der Amerikaner und dem Sturz Saddam Husseins 2003 hier, in der mit 2,8 Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt des Irak, der Metropole der Provinz Ninive. Jetzt aber macht eine sunnitische Terrorgruppe Mossul zum Modell für das, was sie für die ganze Region zwischen dem Persischen Golf und dem Mittelmeer wünscht: Mossul wird zum blutigen Experimentierfeld des erträumten homogenen „Islamischen Staats“.
Rund siebzig Prozent der einst siebenhunderttausend irakischen Christen bekannten sich zu der auf den Apostel Thomas zurückreichenden und mit Rom unierten Chaldäischen Kirche. Deutlich kleiner waren die syrisch-katholische, die syrisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische, die armenisch-katholische und die römisch-katholische Kirche. Die von Patriarch Louis Raphael Sako geleitete chaldäische Kirche zählt noch immer zweihundert Priester, doch die Hälfte wirkt bereits im Ausland, um die stetig wachsende Emigration zu betreuen. Im Irak selbst bestehen viele der zehn Diözesen nur mehr auf dem Papier. Lediglich im kurdisch kontrollierten Norden können sich die irakischen Christen heute sicher fühlen – nicht erst, aber spätestens seit der Einnahme der nordirakischen Metropole Mossul durch die Fanatiker des „Islamischen Staats“ (IS). Die Regierung der kurdischen Autonomiegebiete bietet seit einem Jahrzehnt den irakischen und seit drei Jahren auch vielen syrischen Christen Zuflucht.
Wie stark die Christen des Irak mit ihrer Heimat verbunden sind, zeigte sich Mitte Juli: Trotz der Besetzung durch sunnitische Terroristen harrten rund dreitausend Christen bis zum 19. Juli in Mossul aus. Dann wichen sie der Gewalt, denn der nun als „Kalif Ibrahim“ bezeichnete Führer der IS, Abu Bakr al-Baghdadi, stellte den Christen ein Ultimatum: Ihnen blieb nur die Wahl zwischen dem Übertritt zum Islam, der Unterwerfung unter die „Kopfsteuer“, und damit ein Leben als „Dhimmis“ der islamischen Herrscher, oder die Auswanderung. Die IS-Fanatiker raubten die Häuser von Christen und Schiiten, brannten viele Kirchen und den Bischofssitz der syrisch-katholischen Gemeinde nieder, machten die syrisch-orthodoxe Mar Afram-Kirche zur Moschee, plünderten schiitische Moscheen und vernichteten deren verehrte Schreine. Die Mönche des syrisch-katholischen Klosters Mar Behnam, das seit dem vierten Jahrhundert besteht und ein beliebtes Wallfahrtsziel ist, wurden vertrieben.
Nach 1800 Jahren christlicher Präsenz läutet heute in Mossul keine Kirchenglocke mehr, wird keine heilige Messe mehr gefeiert, kein „Vater unser“ gebetet. Die Häuser der geflohenen Christen wurden geplündert. Fünfzehn christliche Familien sollen zum Islam konvertiert sein. Es herrscht Karfreitag in Ninive.

 

 

 

Christen von Mossul: Wohin sollen wir gehen?

Der verzweifelte Appell des Patriarchen der Chaldäer im Irak

An alle im Irak und in der Welt, die ein lebendiges Gewissen haben
An unsere moderaten muslimischen Brüder, die eine Stimme im Irak und in der ganzen Welt haben
An alle, die darum besorgt sind, dass der Irak ein Land für all seine Kinder bleibt
An alle geistigen Führer und Meinungsführer
An alle, die die Freiheit des Menschen verkünden
An alle, die die Würde des Menschen und der Religion beschützen

 

Frieden und Gnade Gottes!

Die Kontrolle, die von den islamistischen Dschihadisten über die Stadt Mossul ausgeübt wird, und die Ausrufung eines Islamischen Staates nach mehreren Tagen der Ruhe und der abwartenden Beobachtung der Ereignisse, hat nun negative Auswirkungen auf die christliche Bevölkerung der Stadt und ihrer Umgebung.
Der Anfangspunkt lag in der Entführung von zwei Ordensfrauen und drei jugendlichen Waisen, die nach siebzehn Tagen freigelassen wurden. Zu diesem Zeitpunkt erlebten wir ein Aufstrahlen der Hoffnung und ein sich Auflichten des Himmels nach den aufgezogenen Gewitterwolken.
Plötzlich wurden wir überrascht von den jüngeren Ereignissen in Gestalt der Ausrufung eines Islamischen Staates und dem Aufruf an alle Christen, in dem sie eindeutig aufgefordert wurden, zum Islam zu konvertieren oder die Dschizya (eine Steuer, die alle Nicht-Muslime zu zahlen haben, wenn sie in islamischem Gebiet leben) – ohne dabei die genaue Summe festzulegen. Die einzige Alternative ist, die Stadt und die eigenen Häuser zu verlassen und nichts anderes mitzunehmen als die Kleidung, die sie am Leib tragen. Darüber hinaus sind die Häuser, die sie verlassen, gemäß islamischem Recht nicht mehr länger ihr Eigentum, sondern werden sofort als Eigentum des Islamischen Staates konfisziert.
In den vergangenen Tagen wurde der Buchstabe „N” auf Arabisch auf die Häuserfronten der christlichen Häuser geschrieben, der ,Nazara’ (=Christ) bedeutet. An die Frontmauer der schiitischen Häuser wurde der Buchstabe „R“ geschrieben, der ‚Rwafidh‘ bedeutet (Protestanten oder Zurückweiser). Wir wissen nicht, was in den kommenden Tagen geschehen wird, da in einem Islamischen Staat das Islamische Gesetz der Scharia stark ist und so interpretiert wird, dass neue Personalausweise für die Bevölkerung ausgestellt werden müssen, die auf religiöser oder konfessioneller Zugehörigkeit basieren.
Diese Kategorisierung, die auf Religionszugehörigkeit beziehungsweise auf der Zugehörigkeit zu religiösen Splittergruppen basiert, plagt auch die Muslime und verletzt die Regel des islamischen Denkens, die im Koran Ausdruck findet und besagt: „Du hast deine Religion und ich habe meine Religion“. Und eine andere Koranstelle sagt: „Es gibt in der Religion keinen Zwang“. Dies ist genau der Widerspruch im Leben und der Geschichte der islamischen Welt seit mehr als 1400 Jahren und im Zusammenleben mit anderen verschiedenen Religionen und Nationen im Osten und Westen.
Mit allem gebührenden Respekt vor dem Glauben und den Dogmen gab es ein brüderliches Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen. Wie viel haben die Christen seit den Anfängen des Islam hier im Osten geteilt! Sie haben jeden süßen und bitteren Lebensumstand geteilt; christliches und muslimisches Blut hat sich gemischt, wenn sie es vergossen haben, um ihre Rechte und ihre Länder zu verteidigen. Gemeinsam bauten sie eine Zivilisation, Städte und ein Erbe auf. Es ist wahrhaft ungerecht, die Christen nun abzulehnen, sie fortzujagen und für nichts zu erachten.
Es ist klar, dass das Ergebnis dieser rechtlich festgelegten Diskriminierung die sehr gefährliche Eliminierung der Möglichkeit eines Zusammenlebens zwischen Mehrheiten und Minderheiten sein wird. Es wird auch für die Muslime selbst sehr schädlich sein, sowohl in der nahen als auch in der ferneren Zukunft.
Sollte diese Richtung weiterverfolgt werden, wird der Irak mit einer menschlichen, zivilen und historischen Katastrophe konfrontiert sein.
Mit aller Kraft, die uns zur Verfügung steht, appellieren wir an Sie. Wir appellieren brüderlich und in einem Geist der menschlichen Brüderlichkeit an Sie. Wir appellieren dringlich an Sie und werden dabei gedrängt von dem Risiko, und wir tun es trotz des Risikos. Wir flehen insbesondere unsere irakischen Brüder an und bitten sie darum, die Strategie, die sie verfolgen, noch einmal zu überdenken und darüber nachzudenken, und wir fordern sie auf, die unschuldigen und wehrlosen Menschen aller Nationalitäten, Religionen und Denominationen zu respektieren.
Der heilige Koran hat die Gläubigen dazu aufgefordert, die Unschuldigen zu achten, und hat sie niemals dazu aufgerufen, die Besitztümer, das Eigentum und das Hab und Gut anderer gewaltsam an sich zu nehmen. Der Koran gebietet, den Witwen, den Waisen, den Armen und den Wehrlosen Schutz zu gewähren und „den siebten Nachbarn“ zu respektieren.
Wir rufen alle Christen in der Region dazu auf, mit Verstand und Klugheit zu handelt und alles in bestmöglicher Weise zu überdenken und zu planen. Mögen sie verstehen, was für diese Region geplant ist, um Solidarität in Liebe zu üben, die Realitäten gemeinsam zu untersuchen und so in der Lage zu sein, gemeinsam einen Weg zu finden, Vertrauen zu sich selbst und zum Nächsten aufzubauen. Mögen sie nahe zu ihrer eigenen Kirche stehen und sie umgeben und standhalten in der Zeit der Prüfung und beten, bis der Sturm vorüber sein wird.

† Louis Raphael Sako
Patriarch von Babylon der Chaldäer

 

 

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