Titelthema 1/2015

 

Der neue Stil

Eine wirkliche Revolution: Der neue Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats erklärt offen und frei, wie der Umbau der Finanzaufsicht und Immobilienverwaltung des Apostolischen Stuhls in schnellen Schritten vorangeht

von George Kardinal Pell

 

Kürzlich hat mich ein junger Spanier gebeten, ihm zu erklären, wie meine Arbeit als Präfekt des Sekretariats für Wirtschaft im Vatikan beschaffen ist, und ihm die frühere und heutige wirtschaftliche Lage des Heiligen Stuhls darzulegen.
Warum? Weil er als Mitglied des Opus Dei und als Student in seinem ersten Jahr an der Universität in der Lage sein wollte, die Fragen seiner Mitstudenten zu beantworten und die Kirche zu verteidigen.
Ein Mitglied einer Delegation des Britischen Parlaments hat es ein wenig anders formuliert: Wie konnten es die Verantwortlichen zulassen, dass die wirtschaftliche Situation des Vatikans trotz moderner Standards der Rechnungslegung so viele Jahrzehnte vor sich hingeschlingert ist?
Ich habe zunächst erklärt, dass seine Frage eine der ersten sei, die uns als Angehörigen des angelsächsischen Sprachraums dazu einfalle, dass sie jedoch bei Menschen einer anderen Kultur – wie  den Italienern – vermutlich erst sehr viel weiter unten auf der Liste stünde.
In der Kurie ist man Mustern gefolgt, die seit langem bestehen. So wie Könige den regionalen Herrschern, Fürsten oder Gouverneuren weitgehend freie Hand ließen, solange die Bücher stimmten, haben sich auch die Päpste gegenüber den Kurienkardinälen verhalten (und so verhalten sie sich immer noch gegenüber den Diözesanbischöfen).
Bedingt durch die Größe der katholischen Gemeinschaft – dreitausend Diözesen, die sich durch alle Kontinente ziehen – ist das Prinzip der Subsidiarität, also die lokale Verwaltung der Finanzen von Diözesen und Orden, die einzige Option.
Die Verantwortlichkeiten des Sekretariats für Wirtschaft und Finanzen beschränken sich auf den Heiligen Stuhl, den Vatikanstaat und die fast zweihundert Instanzen, die sich direkt dem Vatikan gegenüber verantworten müssen. Doch einige Kardinäle und Bischöfe haben sich bereits laut gewundert, ob die neue Reihe von Finanzverfahren und Kontenplänen, die im November dieses Jahres im Vatikan eingeführt wurden, an die Bischofskonferenzen geschickt werden könnten, um dort berücksichtigt und verwendet zu werden. Das ist etwas für die Zukunft.
Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Vatikan nicht bankrott ist. Abgesehen vom Rentenfonds, der aufgrund der Ansprüche, die in fünfzehn oder zwanzig Jahren an ihn gestellt werden, gestärkt werden muss, kommt der Vatikan über die Runden, weil er erhebliche Mittel und Anlagen besitzt.
Wir haben festgestellt, dass die Situation weitaus solider ist, als es schien, weil einige hundert Millionen Euro auf besonderen Unterkonten deponiert waren und in der Bilanz nicht auftauchten. Eine andere, unmöglich zu beantwortende Frage ist, ob der Vatikan über deutlich größere Reserven verfügen sollte.
Ich habe einmal gelesen, dass Papst Leo XIII. einen Apostolischen Visitator nach Irland gesandt hatte, um über die dortige katholische Kirche Bericht zu erstatten. Bei seiner Rückkehr lautete die erste Frage des Papstes: „Wie fanden Sie die irischen Bischöfe vor?“ Der Visitator antwortete, er habe keine Bischöfe finden können, sondern nur 25 Päpste.
So ähnlich verhielt es sich mit den Finanzen des Vatikans. Kongregationen, Räte und vor allem das Staatssekretariat erfreuten sich einer soliden Unabhängigkeit und verteidigten diese. Probleme wurden intern behandelt (wie das bis vor kurzem in den meisten weltlichen und religiösen Institutionen üblich war). Nur einige wenige waren versucht, der Welt draußen zu berichten, was passierte, es sei denn, sie brauchten spezielle Hilfe.
Viele werden sich an die Skandale der Vatikanbank (IOR) in den frühen Achtzigern erinnern, mit Erzbischof Paul Marcinkus und den beiden Laien und Bankern Michele Sindona und Roberto Calvi (der auf spektakuläre Weise unter der Blackfriars Bridge in London erhängt aufgefunden wurde). Der Vatikan war gezwungen, 406 Millionen Dollar (259 Millionen Pfund Sterling) Ausgleich zu zahlen. Dann kehrte wieder vergleichsweise Ruhe ein, bis die internationalen Gesetze gegen Geldwäsche im Vatikan zur Anwendung kommen sollten.
Diejenigen, die mit der Aufsicht über die Vatikanbank betraut waren, haben nicht schnell genug reagiert. Diverse Millionen Euro wurden von der italienischen Zentralbank eingefroren und viele europäische Banken weigerten sich, geschäftlich mit dem Vatikan zu verkehren. Die Lage war ernst, und das Schlimmste wurde knapp verhindert. Erst in diesem November wurden nach Jahren des Dialogs und guter Arbeit 23 Millionen Dollar (18,3 Millionen Pfund) freigegeben.
Ein Hauptgrund für die Normalisierung war die Schaffung der Vatikanischen Finanzinformationsbehörde (AIF – Autorità di Informazione Finanziaria), einer Behörde, wie es sie in allen westlichen Ländern gibt, die damit befasst ist, Geldwäsche zu verhüten und auszumerzen.
Der Schweizer René Brülhart ist der erste, der als erster Laie Direktor des AIF geworden ist. Das Gremium besteht hauptsächlich aus Laien und internationalen Fachleuten. Unregelmäßigkeiten oder vermutete Straftaten werden an die vatikanischen Behörden weitergeleitet, wenn sie innerhalb des Vatikans geschehen, und an andere, nationale Behörden – Italien etwa –, wenn das angebracht ist.
Wenn wir auf die letzten Jahre des Pontifikats von Benedikt XVI. zurückkommen, stellen wir fest, dass die Vatikanbank erneut in Schwierigkeiten steckte. Der Direktor der Bank, Ettore Gotti Tedeschi, wurde von dem aus Laien bestehenden Aufsichtsrat entlassen, und ein Machtkampf im Vatikan hatte das regelmäßige Durchsickern von Informationen zur Folge. Der Skandal platzte, als Paolo Gabriele, der Kammerdiener des Papstes, tausende von Photokopien privater vatikanischer Dokumente an die Presse gab.
Meine erste Reaktion war die Frage, wie ein Kammerdiener über Jahre hinweg regelmäßigen Zugang zu vertraulichen Dokumenten haben konnte. Ein Teil der Antwort ist, dass er sich ein einziges großes Büro mit den beiden päpstlichen Sekretären teilte.
Alles das hat dem Ruf des Heiligen Stuhls schwer geschadet und war ein schweres Kreuz für Papst Benedikt, der drei angesehene Kardinäle im Ruhestand bat, die Vorgänge zu untersuchen. Das haben sie getan und Benedikt XVI. einen vertraulichen Bericht vorgelegt. Er hat ihn dann nach seinem Entschluss zurückzutreten – der erste Rücktritt eines Papstes seit Papst Coelestin V. im Jahr 1294 –, an seinen Nachfolger, Papst Franziskus, weitergereicht.
In den Treffen vor dem Konklave, bei dem Papst Franziskus gewählt wurde, bestand praktisch einhelliger Konsens unter den Kardinälen, dass die kurialen und finanziellen Dinge im Vatikan reformiert und normalisiert werden müssten.
Seit seiner Wahl hat Papst Franziskus das Programm der Reformen im Finanzsektor ausdrücklich unterstützt, die jetzt in vollem Gange sind und bereits den Punkt überschritten haben, an dem eine Rückkehr zu den „schlechten alten Tagen“ noch möglich wäre.
Als Papst Franziskus klar wurde, dass sich die vatikanischen Finanzen auf eine Weise entwickelt hatten, so dass es niemandem mehr möglich war, sich ein genaues Bild von der Gesamtlage zu machen, ernannte er ein internationales Gremium von Laien und Fachleuten, um die Situation zu untersuchen und ein Reformprogramm vorzuschlagen.
Die Gruppe wurde bekannt als „Kommission für die Organisation der ökonomisch-administrativen Struktur des Heiligen Stuhls“ (COSEA) und von Joseph Zahra, einem hochrangigen Bankier aus Malta, geleitet. Erfahrene Fachleute, die nichts für ihre Dienste verlangten, sind über zehn Monate regelmäßig zusammengekommen und haben das Reformpaket geschnürt, das jetzt umgesetzt wird. Über Generationen hinweg wird die Kirche in ihrer Schuld stehen. Drei Grundprinzipien bilden das Herzstück ihrer Arbeit. Sie sind weder originell noch hyperkompliziert.
Das erste Prinzip besagt, dass sich der Vatikan – so wie überall auf der Welt – an moderne internationale Standards für Finanzgeschäfte halten sollte. Bis vor kurzem hatte der Vatikan keine festen einheitlichen Buchhaltungsverfahren.
Das zweite Prinzip besagt, dass Methoden und Vorgänge transparent sein sollten, mit Haushaltsberichten, die denen anderer Länder ähnlich sind. Die konsolidierten Jahresabschlüsse sollen von einer der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften eingesehen werden.
Das dritte wichtige Prinzip für den Vatikan war, dass es so etwas wie eine Gewaltentrennung und innerhalb des Finanzsektors verschiedene Verantwortungsbereiche geben sollte. Diese Organisationen seien miteinander zu koordinieren, doch jede sei von einem international erfahrenen Fachmann zu leiten, der eine wirkliche Kontrolle ausübe.
Die Haushaltspläne der einzelnen Kongregationen und Räte seien zu verabschieden und die Kosten im Laufe des Jahres anhand dieses Haushaltsplans zu kontrollieren. Doch jede dieser Institutionen wäre für ihre eigenen Ausgaben verantwortlich und im folgenden Jahr abzumahnen, falls es zu Überschreitungen kommen sollte.
Am 24. Februar hat Papst Franziskus das Sekretariat für Wirtschaft und Finanzen eingerichtet, das über alle wirtschaftlichen und finanziellen Vorgänge die Aufsicht führt. Es erstattet nicht mehr dem Staatssekretariat Bericht, sondern direkt dem Papst. Dies stellt eine wesentliche Aufteilung  von Befugnissen dar.
Ebenso neu ist die Tatsache, dass das Sekretariat die Richtlinien umsetzt, die der Rat für Wirtschaft beschließt, dessen Mitglieder acht Kardinäle oder Bischöfe sowie sieben hochrangige Experten im Laienstand sind, die alle aus verschiedenen Nationen stammen. Letztere haben keine Aufsichts-Funktion, aber gleiches Stimmrecht wie die Kardinäle (eine Person, eine Stimme). Beschlussfassende Laien auf dieser Ebene stellen für den Vatikan ein Novum dar.
Weder der Staatssekretär noch ich selbst, als Präfekt des Wirtschaftssekretariats, sind Mitglied des Rats, dessen Rolle dem eines Hochschulsenats oder Fakultätsrats in der englischsprachigen Welt ähnlich ist, wo der Rektor den Senat von der Tauglichkeit seiner Vorschläge überzeugen muss.
Das IOR wird weiter von einem Gremium von Laien-Experten geführt, die von einer Kommission von Kardinälen eingesetzt werden. Jedoch technisch gesehen wird das IOR nicht die Vatikanbank sein, da es mit Geldern der Diözesen, der Orden und der Vatikanangestellten zu tun haben wird.
Die Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls (APSA) wird die Zentralbank des Vatikans werden. Sie wird weiter mit den Zentralbanken – wie der Bank of England – in Verbindung stehen und zusammenarbeiten. Schließlich werden alle Investment-Geschäfte durch ein „Vatican Asset Management“ getätigt werden, das von einem Expertenkomitee kontrolliert wird. Es wird eine Reihe von Optionen für ethische Investments mit verschiedenen Rendite-Risiko-Graden vorschlagen, die von einzelnen Agenturen und Kongregationen ausgewählt werden. Besonnenheit wird dabei an erster Stelle stehen, nicht hohe, risikoreiche Renditen, damit in turbulenten Zeiten übermäßige Verluste vermieden werden können.
Im Neuen Jahr soll ein Bilanzprüfer ernannt werden, der dem Heiligen Vater gegenüber verantwortlich ist, aber selbstständig arbeitet und jederzeit jedes Amt des Heiligen Stuhls überprüfen kann. Auch dieser Bilanzprüfer wird ein Laie sein.
Diese Reformen sind dazu bestimmt, alle finanziell tätigen Einrichtungen des Vatikans erfolgreich, aber auch langweilig zu machen, so dass sie seitens der Presse wenig Aufmerksamkeit verdienen. Dieses Bestreben kann nicht garantieren, dass es im nächsten Jahr oder so nicht noch zu gewissen Störungen kommen kann.
Doch wir sind auf dem richtigen Weg. Eine deutsche Prinzessin sagte mir einmal, dass viele sich den Vatikan als eine alte Adelsfamilie vorzustellen pflegten, die langsam in den Bankrott abrutscht – inkompetent, extravagant und leichte Beute für Diebe. Diese falsche Auffassung verschwindet allmählich.
Spender erwarten, dass mit ihren Spenden effizient und ehrlich umgegangen wird, so dass die besten Renditen erwirtschaftet werden, um die Arbeit der Kirche zu finanzieren, vor allem die Arbeit, die die Verkündigung des Evangeliums und die Hilfe für die Armen zum Ziel hat. Eine Kirche für die Armen sollte nicht armselig gemanagt werden.
Kürzlich war eine Delegation aus den Vereinten Staaten hier – vor allem Evangelikale –, um mit uns über unsere Arbeit zu reden. Einer von ihnen erklärte am Ende, er bete für den Erfolg der Finanzreformen, weil er wolle, dass der Vatikan ein Vorbild für die Welt sei, und nicht ein Stein des Anstoßes. Das ist auch unser Ziel.

Kardinal George Pell ist Präfekt des Vatikanischen Sekretariats für Wirtschaft und Finanzen. Dieser Artikel erschien am 5. Dezember 2014 in „The Catholic Herald“. Wir danken der britischen Zeitung und dem Autor für die Einverständnis, den Beitrag zu übersetzen und auf Deutsch zu veröffentlichen.

 

Artikel kostenlos als PDF herunterladen