Titelthema 4/2015

 

Das Ur- Evangelium im Bild

Das Grabtuch von Turin: Ziel und Anfang eines Pilgerwegs, um den Auferstehungsglauben der Kirche wiederzugewinnen

von Markus van den Hövel

 

 

Es ist wieder so weit: Die bekannteste Reliquie der Christenheit wird im Frühjahr 2015 erneut öffentlich ausgestellt. Weit über eine Million Menschen werden von April bis Juni dieses Jahres nach Turin pilgern, um einen Blick auf das wundersame Abbild des Gesichts und Leichnams Christi zu erhaschen. Um die Bedeutung dieses Tuches zu erfassen, reicht hingegen ein kurzer Blick nicht aus. Es geht auch nicht um die in solchen Zeiten immer neu aufgewärmten Fragen der Echtheit oder Unechtheit der Reliquie. Da dürfen wir höchstens gespannt sein, welche neuen Fälschungstheorien einer staunenden Öffentlichkeit diesmal als letzte Weisheit präsentiert werden. Aufmerksamkeit ist ihnen, anders als bei Thesen ihrer Authentizität, immer sicher.
Als Professor Garlaschelli aus Pavia vor fünf Jahren in seinem Forschungslabor mit der bizarren These aufwartete, er habe den Gesichtsabdruck Christi nunmehr mit mittelalterlichen Substanzen auf altem Leinenstoff perfekt kopiert, widmete „Stern TV“ ihm höchst andächtig einen eigenen Beitrag bei RTL. Sender wie die BBC folgten mit ähnlich unkritischen Sendungen. Dass Garlaschelli tatsächlich keine einzige der spezifischen Eigenschaften des Tuches zu imitieren vermochte (angefangen vom Negativabdruck über das Fehlen von Farbe und organischen Substanzen bis hin zu den Blutspuren ohne Abdruck), interessierte in diesen Sendungen niemanden. Das Fazit der Sendungen: Das Turiner Grabtuch mag für Pilger interessant sein. Doch hier sei wieder einmal erwiesen,  dass es eine Produktion des Mittelalters ist.
Doch kein Fälscher konnte im Mittelalter diesen angeblichen „Abdruck“ frei von Farbe und organischen Substanzen hergestellt haben. Erst recht nicht als ein – damals ebenfalls unbekanntes – Foto-Negativ in vollkommener Farbumkehrung (mit exakt 65.536 Weiß/Grau beziehungsweise Hell/Dunkel-Schattierungen). Das schemenhafte „Bild“ auf dem Leinen in Turin mathematisiert den Abstand von Körper und Tuch derart unbestechlich, dass der in der Weltraumtechnik entwickelte VP-8-Image-Analyzer aus dem zweidimensionalen Abdruck präzise einen dreidimensionalen Körper entstehen lässt. Im Mittelalter hatte auch keiner die medizinischen und anatomischen Kenntnisse, die das geheimnisvolle „Bild“ auf dem Turiner Leinen offenbart. Keiner hätte damals den Blutfluss entlang der Unterarme so darstellen können, oder die Handnagelung durch Ellen- und Speichenknochen, und nicht durch die Handteller, wie es damals den künstlerischen Darstellungen entsprach. Der Bericht eines großen Privatsenders konstatierte zwar im Jahre 2014, dass sich mit Garlaschelli der Beweis der Fälschung nicht erbringen lasse. Das hätte man allerdings auch schon im Jahre 2010 bei bloßer Bewertung der Fakten erkennen können.
Aber um all das geht es nicht. Die wahre Bedeutung reicht in andere Sphären hinein. Da geht es um die Essenz unseres christlichen Glaubens. Um die Frage nach unserem Tod und Leben. Nach dem ewigen Leben. Dazu nimmt das Turiner Grabtuch Stellung wie eine antike Schriftrolle, die sich auf mindestens so wunderbare Weise erhalten hat wie die Schriftrollen aus Qumran. Dieses Leinentuch antwortet wie ein substanziell fast unbeschädigtes altes Pergament auf folgende Fragen: Was geschah mit Jesus unter der Folter bis zu seinem Tod? Was geschah vor Ostern in seinem Grab? Ist das eigentlich vollkommen Unmögliche und Unglaubliche hier wahr geworden? Hat Jesus den physischen Tod überwunden? Ist in seinem Grab die Uhr auf die Stunde Null gesetzt worden? Bei der nüchternen Betrachtung und Analyse dieses alten Leinens lautet die Antwort auf diese Frage sehr schlicht: Ja, so ist es!
Auch die Bibel behauptet das. Doch viele Menschen können das in der tradierten Form nicht mehr akzeptieren – und auch nicht mehr glauben. Damit sind vorrangig nicht einmal die Agnostiker, Atheisten oder Andersgläubigen gemeint. Dies gilt wesentlich und insbesondere für viele Katholiken, die das Neue Testament nicht mehr als das Buch der Bücher, sondern allenfalls als eine Quelle von Gleichnissen und metaphorischen Bildern akzeptieren. Bei einer Erhebung der „Bertelsmann-Stiftung“  vor fünf Jahren erwies sich, dass nur noch 16,2 Prozent der westdeutschen Katholiken an den allmächtigen Gott als ein personales Gegenüber glauben. Alle anderen Katholiken setzen Gott gleich mit einer gesichtslosen Vorsehung. Mit dem anonymen Schicksal. Mit einer Urkraft. Oder sie leugnen ihn schlicht. Seit dieser Untersuchung ist der Anteil der Glaubenden in Deutschland nicht angewachsen. Im Gegenteil. Ich habe das selbst vor kurzem bei einem Vortrag vor grundsätzlich überzeugten Katholiken erlebt: Der Auferstehungsglaube ist diffus geworden. Die Kernbotschaft wird nicht mehr verstanden.
Christi Kreuzestod wird als reales Geschehen gerade noch akzeptiert. Konzediert wird auch, dass es „irgendetwas zu Ostern schon gegeben habe“. Dann aber verwischen sich die Spuren im Nebel der Geschichte und vermutlich auch der eigenen Gedanken. Wörtlich dürften die Auferstehungstexte selbstverständlich nicht verstanden werden. Die Jünger hätten sicherlich durch eine Art von „Erscheinungen“ neue Glaubenskraft in sich gespürt, die sie die Hoffnungslosigkeit des Todes zu Ostern habe überwinden lassen, hielt man mir entgegen. Die von mir daraufhin bewusst provokativ gestellte Gegenfrage, ob wir dann nicht richtigerweise von „kollektiven Wahnvorstellungen“ der Apostel ausgehen müssten, die eher als potentielle Patienten der Psychiatrie taugen denn als glaubwürdige Zeugen der Auferstehung, blieb substantiell unbeantwortet. Vage wurde darauf verwiesen, „so weit könne man sicherlich nicht gehen“. Sondern?
All dies zeigt aber, dass die biblische Schrift der Verifizierung bedarf. Es verdeutlicht, wie wichtig es ist, gerade das Bilddokument des Grabtuchs für unsere Zeit neu als eine Art „Ur-Evangelium“ zu entdecken und wahrzunehmen. Besser als sonst lässt sich dies in den kommenden Wochen erfahren, wenn diese Ur-Reliquie wieder einmal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Das Tuch verdeutlicht die Passion Christi in einem Realismus, einer Eindringlichkeit und Evidenz, wie dies kein Text sonst und kein Film „von Menschenhand“ je vermöchte. Die Passion und Kreuzigung sind historische Realität. Je tiefer und sorgfältiger wir aber dieses geheimnisvolle „Abbild“ auf dem Leinentuch wissenschaftlich analysieren – wie dies seit 1898 geschieht, als das erste Fotonegativ Secondo Pias aus Turin das Positivbild des Grabtuchs enthüllte (das sich zunächst auch dem Fälschungsvorwurf ausgesetzt sah, bis im Jahre 1931 das Foto Guiseppe Enries das kaum für möglich erachtete Ergebnis verifizierte), um so tiefer reift die Erkenntnis göttlicher und nicht menschlicher Schaffenskraft hinter dem Grabtuch Christi in Turin.
Daran änderte auch Garlaschelli nichts. Wir können ordentlich imitierte Kopien schaffen. Aber wir können kein „Ur-Bild“ Christi erstellen. Klarer lässt sich die Überschneidung von Wissenschaft und Meta-Physik nirgendwo aufzeigen. Dennoch bleibt zu konstatieren: Das Turiner Grabtuch zeigt den gestorbenen Herrn, nicht den auferstandenen Christus. Am physischen Tod des Gekreuzigten ist in diesem Bilddokument nicht zu rütteln. Das belegen die im Detail analysierten (Leichen-) Blutbestandteile ebenso wie die vier Zentimeter breite Stichwunde, durch die eine Lanze alle lebenswichtigen Organe verletzte. Diesen Stich hätte keiner überlebt.
Der physische Tod Christi allein begründet aber noch nicht unseren Glauben. Paulus hat unmissverständlich darauf hingewiesen: Es ist die Auferstehung, auf die seit zweitausend Jahren unsere permanent wachsende Weltreligion gründet und ruht (woran kein deutscher Unkenruf etwas ändert). Und wir sehen: Die unerklärliche Entstehung des „Bildes“ Christi auf dem Tuch in Turin verifiziert einen göttlichen Schöpfungsakt. Sie „dokumentiert“ aber nicht seine Auferstehung von den Toten.
Johannes redet im Kapitel 20, 3-7 seines Evangeliums explizit von zwei Tüchern im leeren Grab: von Leinenbinden und einem „Soudarion“ daneben (das gemeinhin als Schweißtuch übersetzt wird). Deshalb kann das Turiner Grabtuch nicht allein „gelesen“ werden. Denn auch das Schweißtuch hat überlebt, ebenso wie die Leinenbinden. Die Betrachtung des Leinens in Turin findet ihre Vollendung darum erst in der Lektüre des Schweißtuchs. Auch dieser Schleier ist ein Bilddokument und die zweite Seite dieses optischen „Ur-Evangeliums“.
In allen Jahrhunderten ist immer wieder – evident, nicht grundlos, nur um etwa eine schöne Geschichte zu erzählen – in Texten und Legenden überliefert worden, dass es ein nicht von Menschenhand gemachtes „Wahres Abbild“  Christi gebe. Das war dieses Bild. Im dreizehnten Jahrhundert ist diese Bezeichnung des „vera icon“ zur Legende eines „Schweißtuchs der Veronika“ mutiert, nachdem die heilige Brigitta von Schweden im Jahr 1370 von einer Pilgerfahrt aus dem Heiligen Land zurückkam, von wo sie dieses Erklär-Modell der unerklärlichen Entstehung des wunderbaren Schweißtuchs nach Rom zurück brachte.
Das Evangelium hingegen kennt keine Veronika. Es kennt nur die trauernden Frauen Jerusalems entlang des Kreuzwegs Christi. Die westliche Kunst kannte deshalb bis zum vierzehnten Jahrhundert auch keine VI. Station des klassischen Kreuzweges mit seinen vierzehn Gebets-Stationen. Und die Ikonenschulen der orthodoxen Christenheit kennen dieses Bild bis heute nicht. Es gab keine „Veronika“, die Jesus unterwegs zur Hinrichtung ein Tuch reichte, in dem er sein blutiges Gesicht abtrocknete. Das „Bild“ in dem Schweißtuch ist auch kein Abdruck. Es ist unerklärlich.
Doch so können wir erst heute sprechen, wo wir im Lichte der Wissenschaft und in der Zusammenschau aller Informationen, die uns jetzt zur Verfügung stehen, erstmals das Schleierbild von Manoppello in den Abruzzen als jenes zweite Grabtuch identifizieren und deuten können, das Johannes in seinem Evangelium „Schweißtuch“ nannte. Kein Objekt der Erde ist so deutlich mit diesem „Soudarion“ identifizierbar wie jenes kürzlich wiederentdeckte Schweißtuch aus feinster Muschelseide. Muschelseide ist nicht bemalbar. Untersuchungen mit dem Raman-Spektroskop zeigten im Jahre 2007, dass der Schleier frei von Farbe und organischen Substanzen ist. Die deutsche Ordensschwester Blandina Paschalis Schlömer hat entdeckt, dass das geheimnisvolle Antlitz in dem Tuch in allen maßgeblichen Punkten kongruent zum Gesichtsabdruck auf dem Turiner Leinen ist – auch in Details, die auf dem Turiner Tuch mit dem bloßen Auge nicht ansatzweise wahrnehmbar sind. Dies lässt etwaige Fälschungstheorien zwar nicht verstummen, nimmt ihnen aber jegliche Signifikanz.
Dieses Schweißtuch zeigt das Antlitz des Auferstandenen – mit Wunden und Verletzungen des Turiner Abdrucks. Es ist dasselbe Gesicht, aber geheilt und lebendig. Turin und Manoppello stellen, komplementär betrachtet, Passion, Tod und Auferstehung Christi dar. Juristisch formuliert wäre nach dem vorliegenden Untersuchungsbefund also im Grabtuch die Auferstehung schon indiziert, als „Anbeweis“ – aber noch nicht als „Voll-Beweis“. Es ist ein Leichentuch, aber geht schon weit darüber hinaus. Denn normal Sterbliche hinterlassen nicht solch ein Bild. Dank der Wissenschaft und nicht aufgrund naiven Wunderglaubens haben wir im Turiner Grabtuch also zum „Ur-Evangelium“ gefunden, das in der Grabkammer Christi geschrieben worden ist.
In dieses Leinentuch wurde Jesus nach seinem Tod gelegt. Ohne jedes Leben und über und über mit Blut bedeckt. Sein Blut hinterlässt als erstes Spuren in dem Gewebe. Später, im zeitlichen Kontext zu dem unerklärlichen Auferstehungsgeschehen, entsteht der Körperabdruck Christi. Manche sprechen von einer „Auferstehungsenergie“, die den Abdruck in das Leinen „gebrannt“ habe. Dieser Begriff erklärt allerdings seriös nichts. Er ist bloße Metapher für das Unerklärliche – und eigentlich irreführend. Denn wir wissen ganz einfach nicht, wie das „Bild“ in dieses Leinen kam. Keiner weiß es. Ganz unspekulativ und plausibel begründbar ist allein der zeitliche Kontext. Da sich unter den Blutspuren kein Abdruck gebildet hat, war das Blut früher da. Das schattenhafte „Bild“ ist ohne Blut entstanden. Darum muss Turin weitergelesen werden, und das ist nur in dem Schweißtuch möglich, dessen lebendiges Gesicht den „An-Beweis“ der Auferstehung vollendet und dokumentiert.
Darum finden wir auch heute in dem Antlitz Christi auf dem Muschelseidentuch von Manoppello exakt das Antlitz des Grabtuches von Turin wieder, aber völlig frei von Blutspuren. Darum sind  beide Tücher nur komplementär zu verstehen – und darum vollendet Manoppello Turin. Denn auch Manoppello hat allein keinen vollständigen „Beweiswert“. Vollständig wird diese Erkenntnis erst in der Entdeckung, dass beide Tücher ein und dasselbe Gesicht zeigen, eins tot, eins lebend. Johannes erwähnt beide. Darum müssen wir sie auch beide zusammen lesen, als untrennbares Ur-Evangelium. Nur diese einzige Denkfigur wird dem Zusammenspiel aller dieser unerklärlichen Phänomene gerecht. Es handelt sich in Turin – und in Manoppello – um ein acheiropoietos, um „nicht von Menschenhand geschaffene“ Abbildungen Christi. Die wissenschaftliche Vernunft führt unablässig auf diese Spur.
Schön und gut, ließe sich abschließend noch einwenden, aber brauchen wir die Tücher für unseren Glauben? Diese Frage wird dem Verfasser nach Vorträgen immer wieder gestellt. Die Antwort ist uneingeschränkt: Ja! Denn die Relativierung des Auferstehungsglaubens und die Entmythologisierung der Schrift als Quelle symbolhafter Bilder bedürfen der Korrektur. Die Rückkehr zur Essenz des christlichen Glaubens führt – heute wie nie zuvor – über die Grabtücher Jesu. Deshalb ist es gut, dass das Turiner Grabtuch durch die Ausstellung in wenigen Tagen wieder in das Bewusstsein abertausender Pilger rückt. Der Pilgerweg ist aber in Turin nicht zu Ende. Im Grunde beginnt er dort. Wer die Essenz des Christentums ausschöpfen will, muss weiterpilgern, bis er in den Abruzzen zur „Dauerausstellung“ des wahren Schweißtuchs Christi gelangt, das den von der Passion gezeichneten Christus, wie wir ihn in Turin noch vor uns sehen, dort in einem verborgenen Winkel Italiens als einen von den Toten Auferstandenen zeigt: als Lebenden für immer. Johannes hat dies wie kein anderer beschrieben. Es sind nur vier Worte, die für immer gelten. Johannes hat sie über sich selbst gesprochen, als er Petrus in das leere Grab Christi folgte, wo der Augenzeuge des Todes Jesu vor diesen Tüchern zum Kronzeugen der Auferstehung Christi wurde:  „Er sah und glaubte.“

Der Autor ist Vorsitzender Richter am Landgericht Bochum und hat sich in vielen Jahren intensiv mit der juristischen Beurteilung des „Falls der Grabtücher Christi“ befasst..

 

 

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