Titelthema 2/2015

 

Abendland

Auf einmal wollen fremdenfeindliche Bewegungen das Abendland vor dem Ansturm des Islam verteidigen. Aber wissen die überhaupt, was das ist? Keine Demos und Lichterketten hüten das Erbe der tausend Jahre, in denen Europa christlich war. Sondern die katholische Kirche

von Paul Badde

 

Das Abendland ist kein Land. Es ist eine Geschichte. Im Grunde aber ist es ein geistlicher Kontinent und nicht nur ein kleiner Erdteil am westlichen Zipfel der eurasischen Landmasse. Die katholische Kirche war Ferment dieses Reiches. Die östliche Grenze des Abendlands kann man deshalb heute noch entlang der östlichsten gotischen Kathedralen ziehen. Dahinter begann und beginnt das Morgenland.  
Das Toleranzedikt Kaiser Konstantins aus dem Jahr 312, in dem Christen nach Jahrhunderten der Verfolgung erstmals freie Religionsausübung im gesamten Römischen Reich gewährt wurde, ist deshalb noch nicht die Geburtsstunde des Abendlands. Kurz danach wurden zwar die beliebten Kreuzigungen im gesamten Reich ebenso verboten wie die nicht minder beliebten Abtreibungen, Kindstötungen et cetera. Das Abendland ist es aber noch nicht, das wir da vor uns haben. Denn damals gehörte zum Reich Konstantins ja auch noch das Morgenland, etwa die heutige Türkei und Palästina. Er selbst verlegte seine Hauptstadt bald in das neue „Konstantinopel“.
Achtzig Jahre später legte sein Nachfolger Kaiser Theodosius I. den  Titel „Pontifex Maximus“ (Höchster Brückenbauer) ab, weil diese  Ehre eher den Päpsten als Stellvertretern Gottes zustehe, weshalb Papst Franziskus den Titel bis heute trägt, und erhob im Jahr 392 das Christentum zur Staatsreligion, wo sogar Irrlehrer mit dem Besuch der Polizei rechnen mussten. Für diese Gunst regierten sowohl Konstantin wie Theodosius aber auch tief in die Kirche hinein. Die wichtigsten Konzilien der Frühzeit kamen nur auf ihren Druck zustande, wobei sie sich selbst als „13. Apostel“ sahen. Nach Theodosius wurde das Riesenreich aus organisatorischen Gründen in zwei Herrschaftsbereiche aufgeteilt. Es war eine Reichsteilung. Die Zeitgenossen selbst nahmen es nur noch nicht wahr. Seit damals gab es jedenfalls Westrom und Ostrom. Das byzantinische Reich, das aus Ostrom hervorging, existierte noch 1058 Jahre, bis zur Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmet II. Der Geist Konstantinopels lebte danach in der kerzenknisternden orthodoxen Kirche weiter, mit göttlichem Gesang und heiligen Ikonen, später besonders in Russland, wo sich Fürst Wladimir „der Heilige“ am 28. Juli 988 in Kiew in byzantinischem Ritus hatte taufen lassen.
Die Geschichte Westroms endete hingegen kurz danach schon abrupt. Hier wurde im Jahr 476 Kaiser Romulus Augustulus durch Odoaker, einen römischen Offizier aus Thüringen, abgesetzt, was viele mit Schrecken erfüllte. Es war der Untergang Westroms, knapp achtzig Jahre nach der Reichsteilung. Es war aber nicht der Untergang des Abendlandes, sondern sein Beginn. Das weströmische Reich war an seinem Ende schon viel kleiner als Byzanz geworden. Die römischen Teile Germaniens und Gallien, Spanien oder Ungarn waren von germanischen Stämmen oder Hunnen überrannt worden. Hundert Jahre vorher hatte die Völkerwanderung begonnen. Für die marodierenden Völker stand das Territorium Westroms ab 476 völlig offen.  
Für die Verwaltung der Städte stand kein römischer Beamter mehr zur Verfügung. Vom alten Rom war nur noch die katholische Kirche intakt übrig geblieben. So wurde die Kirche Roms für die nächsten dreihundert Jahren zur letzten funktionierenden Ordnungsmacht in Europa. Bischöfe wurden zu Landpflegern und sprachen Recht. Papst Leo I. rettete Italien im Jahr 452 in Mantua vor dem Ansturm der Hunnen Attilas, drei Jahre später hielt er die Vandalen von der Plünderung der Hauptstadt ab. Klöster wurden zu Rettungsbooten der antiken Kultur.
Denn zu eben jener Zeit landeten an der Küste Frankreichs immer wieder Boote mit merkwürdigen Männern, doch keine Piraten wie später die Wikinger. Es waren irische Wandermönche, die die Schätze der Kirche Irlands nach Europa trugen. Irland war nie eine römische Kolonie. Kein Legionär hatte jemals seinen Fuß auf die Insel gesetzt. Als die ersten christlichen Missionare dort eintrafen, fanden sie die Insel aufgeteilt in 150 Mini-Königreiche. Es gab keine Oberherrscher, mit deren Taufe die Christianisierung des Landes erledigt gewesen wäre. In Irland mussten die Missionare zuerst die Barden, die Sänger und Dichter überzeugen, in einem einmaligen Wettstreit mit der alten keltischen Gelehrtenelite. In diesem Wettstreit erblühte Irland wie ein Kirschbaum im April. So wurden die Iren ohne einen einzigen Märtyrer christlich. Bald verfassten sie auf Gälisch die neben dem Lateinischen und Griechischen größte Literatur des Frühmittelalters. Das einzige Volk Europas, das nie Eroberungszüge unternommen hatte, schickte jetzt Mönche über das Meer, wo sie einen Kranz von Klöstern, Kirchen und Siedlungen pflanzten, in denen irische Harfen und Wiegenlieder die neue Kindheit des Kontinents begleiteten.
Columban der Jüngere (540 – 615) hatte eine revolutionäre Erkenntnis zur Richtschnur seiner Mission in Europa gemacht: „Si tollis libertatem, tollis dignitatem“ (Wenn du die Freiheit nimmst, nimmst du die Würde). Das hatte bis damals noch keiner gehört. „Hier draußen,“ schrieb Heinrich Böll deshalb über tausend Jahre später in sein Tagebuch, „lag damals, weit außerhalb der Mitte, als ein Exzentrikum, tief in den Atlantik hineingerutscht, Europas glühendes Herz.“
Das kann man so sagen. Doch den entscheidenden Schritt zur Ausformung des Abendlands machten dann doch nicht die Wandermönche. Dazu kam es erst, als Papst Leo III. im Jahr 800 mit einem vorbildlos spektakulären Schritt in die Geschichte eingriff. Aus Aachen hatte ihn ein fränkischer König besucht, bei dem er im Jahr zuvor in Paderborn Zuflucht gesucht hatte, als römische Adlige ihm nach dem Leben getrachtet hatten. Karl, der damals schon ein Reich regierte, das sich mit den Kaisern von Byzanz ebenso messen konnte wie mit dem Kalifat der Abbasiden, wurde damit zum Schutzherren der Päpste. Im November tauchte er in Rom auf, um Leo III. zu besuchen. Natürlich nahm er auf einem Ehrensitz an allen päpstlichen Zeremonien teil – wo der Papst ihm zum Staunen der Welt in der Christmette 800 in der alten konstantinischen Sankt Peter Basilika eine Krone aufsetzte und ihn zum Kaiser und Imperator eines neuen Römischen Reiches ausrief – obwohl das oströmische Byzanz in der Blüte seiner Macht stand und das weströmische Reich seit über dreihundert Jahren erloschen war!
Mit diesem Akt der Krönung setzte sich aber die in den letzten dreihundert Jahren so selbstbewusst gewordene Kirche durch einen eher schwachen Papst in einer einmaligen Zeichenhandlung über die weltliche Macht. Der Akt wurde zum maßgeblichen Ritus der abendländischen Kaiserkrönungen. Und dieses Privileg wollten sich die Päpste danach nie mehr entreißen lassen. Gültig legitimiert wurden die Kaiser des neuen „Heiligen Römischen Reiches“ seitdem nur durch diesen päpstlichen Akt. Nur in Rom konnten deutsche Könige Imperatoren werden. Bis zum Reichsdeputationshauptschluss des Jahres 1803, als das Reich sich schließlich selber auflöste, gab es davon nur drei Ausnahmen. Ein Jahr später krönte sich Napoleon in Paris dann selbst zum Kaiser Frankreichs – wozu er Papst Pius VII. als Zuschauer nach Paris zitierte. Da hatte sich das römische Reich überlebt. Doch in den tausend Jahren davor hatte es die moderne Welt in die Welt gebracht.
Denn der Akt der Krönung aus dem Jahr 800 hatte Europa ja auch den Virus eines eifersüchtigen Konflikts zwischen den Kaisern und Päpsten eingepflanzt, der zur Hefe unserer Geschichte wurde.  Er ließ sich nur einhegen, nie wirklich beenden. Im Hochmittelalter gipfelte das Ringen zwischen geistlicher und weltlicher Macht im so genannten „Investiturstreit“ über die Frage, wie weit die Kaiser in die Kirche hinein regieren dürften. Gar nicht, befand Papst Gregor VII. (1025 – 1085), und seine Bischöfe wollten sich von den Herrschern auch nichts sagen lassen. Seinen spektakulären Höhepunkt erreichte dieser Kampf der „zwei Schwerter“ (der weltlichen und geistlichen Macht) im Bußgang König Heinrichs IV. nach Canossa, um der Exkommunikation durch den Papst zu entgehen. Gelöst hat das den Konflikt nicht. Diese Spannung drohte deshalb immer wieder das Reich zu sprengen. Der Konflikt mit zwei gleichsam „heiligen“ Gegenspielern hat aber auch dazu geführt, dass Opposition –  gegen den Kaiser oder Papst – seit der Zeit nicht mehr als gotteslästerlich galt. Es ist der Ursprung dessen, was wir heute unter Opposition verstehen. Dieses bipolare Modell wurde seit damals zur Unruh unserer Geschichte, und einem kraftvollen  Motor.
Hier ist kein Raum, alle Krisen und Kriege aufzuzählen, bis es nach den Verwüstungen der Religionskriege in der Zeit des Barock schließlich zur Trennung von Kirche und Staat kam, weil diesen Konflikten anders nicht mehr beizukommen war. Erst die Konfessionskriege haben aus dem Totalitätsanspruch des Staates und der Kirche heraus geführt. Danach wurde gegenseitig anerkannt: Beide sind souverän. Der Staat regiert nicht in die Kirche hinein, die Kirche nicht in den Staat. Beide folgen eigenen Gesetzen. Chemisch rein ließ sich das natürlich nie umsetzen, doch der Anspruch ist seit damals in der Welt. Deshalb ist – extrem gemildert – auch die alte Spannung immer noch da. Vor allem aber auch eine neue Freiheit, die sich ganz diesem Konflikt verdankt. Der fast kosmische Wettbewerb zwischen geistlicher und weltlicher Macht ist ihr Mutterboden. In dieser Freiheit ist die Demokratie in die Welt gekommen, in der Schweiz schon früh, in Deutschland eher spät. Denn der „quasi heilige Konflikt“, hatte ja auch dazu geführt, dass sich immer mehr Katholiken gegen das kaiserliche Regime der Habsburger oder gegen den Papst (und die Autorität der Kirche überhaupt) auflehnten. Ein Martin Luther wäre in der byzantinisch orthodoxen Welt undenkbar gewesen. Auch Wilhelm Tell. Es ist dieser Hintergrund, auf den der Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde mit seinem berühmten Satz anspielt, wo er sagt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht  garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“
Aber auch dieser neuen der Freiheit mussten nach grauenhaften Exzessen schon bald selbst die totalitären Ansprüche ausgetrieben und Verantwortung eingepflanzt werden. Gelungen ist es bis heute nicht ganz. Und dennoch. Christlichen Ursprungs schrieb Gilbert Keith Chesterton zu Anfang des letzten Jahrhunderts, sei auch, „was ganz und gar antichristlich aussieht. Christlichen Ursprungs ist die Französische Revolution. Christlichen Ursprungs ist die Zeitung. Christlichen Ursprungs sind die Anarchisten. Christlichen Ursprungs ist die Naturwissenschaft. Christlichen Ursprungs ist auch der Angriff auf das Christentum.“ Das stimmt und hier müssen wir den großen Dichter trotzdem korrigieren. Es handelt sich hier nicht einfach um einen christlichen Ursprung, sondern um den lateinisch-christlichen Ursprung in der Geschichte das Abendlandes. In Moskau sieht die Sache ganz anders aus.
Deshalb müssen wir hier nicht ausführen, dass die Errungenschaften des Abendlandes für andere Kulturen nicht gleichsam von Haus aus gelten. Keine Geschichte lässt sich kopieren. Das machte den Versuch, die Demokratie nach Bagdad zu exportieren, so absurd. Unsere Freiheit ist aus Jahrhunderten des Scheiterns und der Konflikte hervorgegangen. Heute aber entfaltet der Raum dieser Freiheit eine Sogwirkung wie vielleicht noch nie zuvor. Längst beflügelt er die Phantasie der Menschen aus aller Welt. Auch der Chinesen, der Afrikaner, der Koreaner. Auch darum fliehen Menschen in hellen Scharen durch die Wüsten und über das Meer – koste es, was es wolle, und koste es das Leben – in das freie Europa. Der Geist des Abendlands, ist ja längst, radikal säkularisiert, seinem alten Gehäuse entwichen und erfüllt die ganze Welt mit seinem Aroma. Die Freiheit der Christenmenschen ist zur Sehnsucht aller geworden – auch jener, die das Christentum leidenschaftlich hassen. Macht nichts. Auch die Freiheit der Atheisten, furchtlos glauben zu dürfen, dass es Gott nicht gibt, verdankt sich dieser Freiheit. Diese Freiheit ist das Erbe der Geschichte des Abendlandes, als dessen kostbarste Frucht.

 

Artikel kostenlos als PDF herunterladen