Titelthema 12/2014

 

Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen

Wer zu Weihnachten die Menschwerdung des Gottessohns betrachtet, kommt an dem Land am Nil nicht vorbei. Den koptischen Christen ist noch ganz bewusst, dass der Weg des Heilands von Bethlehem nach Nazareth über ihre Heimat führte

von Joachim Schroedel

 

Während in Europa schon mit Tannenzweigen und Gebäck weihnachtliche Gefühle vermittelt werden, während in Rom, wo ich diese Zeilen schreiben darf, viele Hoteleingänge die Touristen auf dieses „Fest der Liebe“ einstellen wollen, ist drei Flugstunden von hier die christliche Welt anders – völlig anders.
Und doch ist es der heute so genannte „Nahe Osten“, auf den ein Christ blicken wird, wenn er nach „Weihnachten“ fragt. Der Nahe Osten, in dem es zumeist keinen Schnee gibt, keine Tannenbäume und keine „Glühweinromantik“ der Weihnachtsmärkte, die einen Gutteil des Profits von Schaustellern in Europa oder jedenfalls in Deutschland finanzieren.
Seit ich 1976/77 in Jerusalem studieren durfte, hat mich die fast völlig gegensätzliche Auffassung des Festes der Geburt unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus „in unserem Fleisch“ umgetrieben und in mir Fragen aufkommen lassen. Natürlich; man ist immer wieder geneigt, eine „andere Kultur“ als solche zu definieren und ihr Qualitäten zuzuschreiben, die sich mit der jeweils beobachtenden „Kultur“ vermeintlich nicht in Einklang bringen lassen. Wie schnell sind heute viele der Meinung, die orientalischen Christen bräuchten erst einmal eine „Aufklärung“, dann würden sie schon sehen, dass die normative Kraft des Faktischen auch sie auf den Müllhaufen der Zeit(-Geschichte) hebt.
Nun lebe ich seit 1995 in Ägypten, dem „orientalischen Kontext“ schlechthin, und ich kann den „Westchristen“ und ihrem manchmal geradezu stereotyp verwendeten Säkularisationsbegriff immer weniger abgewinnen. Schwerer wiegt dabei für mich die Tatsache, dass selbst auch katholische Christen Europas (oder „des Westens“, wie etwa in Ägypten immer wieder formuliert wird) in ihren Äußerungen immer weniger anzumerken ist, dass katholische Religion eben nicht nur ein besonderes Heilmittel bei Psychokrisen ist, sondern eine Wahrheit vermittelt, die zwar allein mit dem Verstand nicht zu erfassen ist, die sich aber dem wirklich erschließt, der sich „mit Herz UND Verstand“ den Geheimnissen des Glaubens nähert. Und dabei ist es heute gerade der Weg der „meditativen Versenkung“ im Einklang mit „gelassener Heiterkeit“ à la Dalai Lama, der die Menschen vermeintlich so anzuziehen vermag.
In der Adventszeit, die als „Vorweihnachtszeit“ oder manchmal bereits einfach als „Weihnachtszeit“ ihr bescheidenes Dasein fristet, bin ich froh und dankbar, den Blick in die Geschichte des Christentums heben zu dürfen. Einer Geschichte, die eben nicht einfach der Vergangenheit angehört, sondern lebendig ist, wenn auch, vor den Augen der Welt, so vielfach verschlossen. So lade ich Sie, liebe Leser, zu einem kurzen aber hoffentlich intensiven Spaziergang in die Welt der Orientalen ein. Und damit in eine Welt, von der heute so sehr viele Menschen glauben, in ihr lebten überhaupt keine Christen mehr. Gehen Sie, liebe Leser, den Weg von Bethlehem nach Ägypten, von Ägypten in die Welt und aus der derzeitigen Welt(-Geschichte) zurück in das Ägypten von heute. Und bei allen Wegen wünschen wir jetzt schon: wirkliche, frohe, gute, gesegnete Tage der Menschwerdung des Gottessohnes!


Der Weg von Bethlehem nach Ägypten

„Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ (Mt 2,15). Mit diesem Schriftzitat begründet die Christenheit in Ägypten, heute mit etwa zwölf bis fünfzehn Millionen eine „qualifizierte Minderheit“ (bei etwa 87 Millionen Einwohnern insgesamt) ihre Verbindung mit dem Messias. Bereits im Buch Hosea lesen wir: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, und ich habe aus Ägypten meinen Sohn gerufen.“ (Hos 11,1)
Der Evangelist Matthäus bringt mit dem Kindermord des Königs Herodes in Palästina genau die oben genannte Stelle in Verbindung. Man könnte formulieren: Jesus MUSSTE mit seiner Mutter und seinem Ziehvater nach Ägypten, damit sich das Schriftwort erfüllte! War im Buch Hosea wohl zunächst das Volk Israel als „Sohn Gottes“ beschrieben worden, so konkretisierte sich nun in Jesus all diese Verheißung: ER ist der WIRKLICHE Sohn Gottes, auf dem alle Last liegt. ER ist es, der mit dem Volke Israel aus der Sklaverei des Pharaos zieht, der durch Tod und Verderben in die Freiheit der Kinder Gottes geht! Nochmals, und mit anderen Worten, die freilich das Verständnis vieler Kirchenväter widerspiegelt: IN Jesus Christus hat sich die Sehnsucht der Völker erfüllt. Er, in Bethlehem geboren, wird von den Seinen verfolgt; ja: „...die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Joh 1,11). So wendet sich Christus von seinem Volk zu den anderen Völkern und geht schon als Kind zu den Völkern des tiefsten Heidentums. Die Stelle des Propheten Jesaja wird als Ausgangspunkt zitiert: „An jenem Tage wird der Altar des Herrn in der Mitte Ägyptens stehen, und die Säule des Herrn an seinen Grenzen.“ (Jes 19,19)
Die Tradition Ägyptens geht tief in die Geschichte des Landes. In Deir el Muharraq, etwa fünfhundert Kilometer südlich von Kairo, wird ein Altar gezeigt und verehrt, der nach der Tradition vom Jesuskind selbst erbaut und nach dessen Auferstehung von ihm geweiht worden ist. Und dieses Kloster ist auch heute noch Zentrum der Christenheit Ägyptens.
Wer in Europa oder sonst in der Welt realisiert, dass die biblische Überlieferung über die Geburt Jesu in Bethlehem eine zum Teil außerbiblische Tradition enthält, die nach Ägypten führt? Das Wort des Propheten Hosea: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen (Hos 11,1), wird zum Schlüsselwort christlicher Identität Ägyptens.


Der Weg des menschgewordenen Gottessohnes in Ägypten und hinaus in die Welt

Ägypten ist in der Tat ein Palästina „naheliegendes“ Land. Und es ist nach der Tradition der Ägypter der Evangelist Markus, der als erster wohl schon um das Jahr 50 nach Christus die Botschaft des Heilands nach Ägypten gebracht haben soll. Die Tradition weiß, dass Markus das Martyrium um Christi Willen in Ägypten erlitten hat; auf den Straßen Alexandrias wurde er an eine Kutsche gebunden, zu Tode geschleift. Doch bald schafft die Geschichte der frühen Entwicklung der Kirche neue Fakten. Im Konzil von Chalzedon im Jahre 451, bei dem es um die wahre Gottheit und die wahre Menschheit in Jesus Christus ging, kam es zu Missverständnissen – und freilich auch zu politischen Entscheidungen. Die „koptische (=ägyptische) Kirche“ vollzog die Entscheidungen des Konzils nicht mehr mit. Verkürzt gesprochen könnte man sagen: Die Ägypter standen gegen ein Konzept der Lehre von Jesus, die in ihm einen „vorbildlichen Menschen“ sahen. Er musste, in deren Lehre, GOTT und GOTTES SOHN bleiben, frei von vielen menschlichen Bedingtheiten und Fesselungen.  Jahrhunderte lang nannte man die Kopten auch „Mono-Physitisten“, also Leute, die nur an die göttliche Natur in Christus glauben und die menschliche Natur ablehnten. Seit Gesprächen von Paul VI. und dem damaligen Bischof und späterem Patriarchen Shenuda von Ägypten 1964 sind diese Fragen nicht mehr aktuell – und dennoch sind die ökumenischen Gespräche von diesen Fragen geplagt.
Mit dem neuen Papst Thawadros und dem ebenfalls neuen Patriarchen der koptisch-katholischen Kirche, Ibrahim, sind die Gespräche wieder vorangekommen. Und vielfach überholt die Praxis die Theologie. Katholische und orthodox-koptische Christen „glauben an den Einen Gott, der Mensch geworden ist aus Maria, der Jungfrau, der gekreuzigt wurde für unsere Sünden, der gelitten hat und begraben wurde. Und der auferstanden ist von den Toten, zu richten, die Lebenden und die Verstorbenen. Und dessen Reiches kein Ende sein wird. Und wir glauben an die eine, heilige, katholisch-allumfassende Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches, und an das ewige Leben, Amen.“


Der Weg des Heilands in und zurück nach Ägypten

Der Weg des Christentums war der Weg in die Welt. Markus findet seinen Weg nach Ägypten. Petrus nach Rom, Andreas nach dem, das damals noch Byzanz und erst ab 330 nach Christus Konstantinopel genannt wurde. Und Ägypten wurde durch Markus das erste christianisierte Land der Welt! Noch vor wenigen Wochen erzählten mir stolz Nubier in Assuan, sie wären ja auch einmal Christen gewesen – aber durch Muhammed hätten sie dann doch den letztlich richtig-wahren Glauben empfangen...
Natürlich machen mich diese Aussagen betroffen-traurig. Aber zugleich erlebe ich auch die Rückkehr Jesu in das alte Ägypten. Ich will nicht davon reden, dass die ersten Christen mit großem Mut die heidnischen Tempel von der Last des Heidentums befreit haben. Mir ist es ein Anliegen, den vielen Millionen in Ägypten lebenden Christen ein wenig Luft und Gehör zu verschaffen.
Vor Weihnachten bereiten sich die Christen sehr bewusst auf das Fest der Geburt des Gottessohnes vor. Für sie ist es wirklich die „Realisierung Gottes“ – und dieses Gefühl ist überall gleich. Wenn auch unsere muslimischen Freunde genau davor zurückschrecken. Gott, so sagen sie, würde sich nicht in die Begrenztheit des Menschen begeben. Gott ist Gott! Gott ist derjenige, vor dem Himmel und Erde im buchstäblichen Sinne ihre Knie beugen müssen. Das mehrfach-tägliche Gebet des Islam macht die Gläubigkeit des Islam überdeutlich und hilft gewiss manchem, der ohne jede Religion ist, über die Wertigkeit menschlichen Tuns nachzudenken.
Dennoch bleibt für den Christen, im Westen oder Osten: Gott wird für den Menschen klein! Er erniedrigt sich. Er nimmt unsere Sünden auf sich. Und – wenn es recht verstanden wird: Er wird „solidarisch mit uns“. Wenn wir in Ägypten Weihnachten feiern, dann werden wir zuerst fasten! Gänzlich anders als bei uns im Westen ist die „Adventszeit“ wirklich eine „Fastenzeit!“. Ja, wir kennen wohl das Violett der liturgischen Gewänder, wenden uns aber, so schnell wie es geht, bald den Plätzchen und Süßigkeiten zu, die eben (vermeintlich) die Adventszeit bereit hält. Adventzeit ist und bleibt aber eine Fasten- und keine Plätzchenzeit! Die Adventszeit ist in Ägypten eine Zeit des Fastens, und das nicht erst ab dem so genannten ersten Adventssonntag, sondern über mehr als vierzig Tage vor Weihnachten. Vom 25. November bis zum 7. Januar fasten die koptischen Christen, um sich auf das Kommen des Herrn vorzubereiten.
Und für Menschen des Orients, deren Hoffnung ohnedies nur von Christus kommen kann, die unter der Bedrohung anderer, feindlich gesinnter Religionen und Gruppierungen stehen, ist eines klar: Uns steht die Krone des Martyriums bereit! Die ägyptische Kirche ist die  „keniset es – Salib“, die „Kirche des Kreuzes“. Sinngemäß sagte mir ein koptischer Freund unlängst: „Gott wird Mensch. Das feiern wir zu Weihnachten. Und für Muslime ist das so etwa das Schlimmste, was man sich vorzustellen vermag. Warum sollte der große, allmächtige, einzige, allerheiligste Gott Mensch werden? Das ist alles Verlust und Enttäuschung. Dagegen sagen wir als Christen: Wenn Gott den Menschen wirklich liebt und ihm die Freiheit geben will, sich allenfalls sogar gegen ihn zu entscheiden, dann ist erst dies GOTT! Denn, für uns gilt: Gott ist die Liebe! Eine Liebe, die hingibt und schenkt, nicht eine Liebe, die Anbetung einklagt und Niederfallen und Verehrung!“
Die Kopten in Ägypten, Orientale und Katholiken zugleich, sind erfüllt von großer Hoffnung und zugleich freudiger Ergebung in den Willen Gottes. Wenn wir in Ägypten Weihnachten feiern, dann wissen wir uns vor allem beschenkt von dem Einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat und der uns in Jesus Christus, dem Kind in Betlehem, Bruder und Freund geworden ist. Unsere Brüder und Schwestern, die Ägypter, die im Glauben an den Einen Gott leben, wollen wir überzeugen, dass sie keine Angst vor ihm haben müssen. Die Muslime sagen: „Allah, rahman w-rahhim“ – „Gott, der Barmherzige und Allerbarmer“. Wir als Christen sagen unsren muslimischen Freunden: Ja, er ist gnädig und barmherzig, und als Zeichen dieser Liebe kommt ER SELBST zu uns, der sich klein macht, wie wenn er uns dienen möchte. Nein; der sich klein macht, WEIL er uns dient.
Jeden Freitag, der in Ägypten die Stelle unseres Sonntags einnimmt, da er ein freier Tag ist, kommen Hunderttausende Kopten, unter ihnen besonders viele Jugendliche, des Morgens in die Kirchen, um der Liebe des Gottessohnes zu gedenken und sie leibhaftig zu spüren! Und nach den Messen treffen sie sich, um sich selber näher kennen- und manchmal auch lieben zu lernen. Die Kraft des Menschgewordenen erfüllt sie, um in einer gänzlich anderen Welt mutig Christen zu sein, und ihr oftmals auf dem Handgelenk tätowiertes Kreuz nicht nur als Zeichen, sondern ganz lebendig und risikofreudig in die Welt zu tragen. Wie sehr wünschte ich mir diese Glaubensstärke auch für unser müde gewordenes Christentum!
Wir wünschen allen Menschen guten Willens seine Liebe und seinen von Herzen kommenden Frieden! Ja, Weihnachten ist das Fest des Friedens und der Liebe. Warum? Weil Gott, der Eine, sich klein gemacht hat, Kind wurde, um uns zu besuchen und uns selbst zu Kindern Gottes zu machen.
Frohe Weihnachten aus Ägypten!

Der Autor dieses Beitrags arbeitet als Seelsorger für deutschsprachige Katholiken in Ägypten und anderen Ländern des Orients.

 

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