Titelthema 1/2017

 

„Nur die Kinder werden eingehen“

Das Leben scheint kompliziert zu sein, aber im Grunde ist es so einfach wie die drei kleinen Hirten von Fatima, die ihrer himmlischen Mutter ohne Wenn und Aber einfach vertrauten

von Sigrid Grabner

Warum machen sich Menschen auf den Weg nach Fatima? Um an den Gräbern der Hirtenkinder in der Rosenkranzbasilika zu beten, deren Anrufung Wunder bewirkt haben soll? Um die 1920 nach den Angaben der Seherin Lucia entstandene Marienstatue zu verehren? Wegen des allabendlichen Rosenkranzgebets und der Lichterprozession auf dem großen Platz? Um den Erscheinungen von Fatima nahe zu sein? Um Heilung, Tröstung zu erfahren?
Diese Fragen gingen im August 2016 auch an mich. Von einer Pilgerreise nach meinem Verständnis konnte man schwerlich sprechen, da wir die Annehmlichkeiten von Flugzeug und klimatisiertem Bus in Anspruch nahmen. Um sechs Uhr morgens noch in Berlin, zu Mittag in Lissabon und nach der dortigen Stadtbesichtigung am Abend im Pilgerhotel in Fatima.
Der Dichter Reinhold Schneider, der Fatima wenige Jahre vor seinem Tod besuchte, schrieb: „Hier ist kein Beistand, keine Weisung. Es sei denn der Glaube. Er müsste sich niederwerfen, ringen, fragen, warten. Die grellen Bilder des Kreuzwegs, dessen Bogengang den Platz abschließt, vermögen nichts, und von dem hochüberwölbten Kirchenraum geht keine Tröstung aus. Was Menschen hier getan haben, ist kein Zeugnis, nur Absicht, Anlage, Szenarium. Aber vor nicht langer Zeit noch war hier nichts als arme Natur. Und in ihr verloren sich Kinder. Dies ist das Wort von Fatima: nur die Kinder werden eingehen.“ Und weiter: „Nicht das Gewoge der abertausend Stimmen, der Glocken und Fahnen wird die Kindschaft bewirken. Die gemeint ist, aber vielleicht die Einsamkeit und das Ausgeliefertsein zwischen Steinen und Tieren, in kargem Schatten, unter unerbittlicher Sonne, Sturm und Regenflut. Diese Einsamkeit war hilfreicher als die des leeren Platzes.“
Was würde Schneider heute schreiben, käme er mehr als ein halbes Jahrhundert später nach Fatima?
Er sähe „Absicht, Anlage, Szenarium“, seit jenen Tagen ergänzt durch Funktionsgebäude, Denkmäler und eine 2007 eingeweihte überdimensionale Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die fast neuntausend Menschen Platz bietet und durch ihre Seelenlosigkeit verstört. Um das eigentliche Heiligtum mit dem großen Platz, mindestens doppelt so groß wie der Petersplatz in Rom, durchschritte er eine Stadt aus Pilgerhotels mit zehntausend Betten bei achttausend Einwohnern und mit allem, was dazu gehört, um heutige Pilger zu versorgen und zufrieden zu stellen.
Er erführe, dass im Februar 2016 ein Auto mit hoher Geschwindigkeit in die Erscheinungskapelle gerast ist und sie teilweise beschädigt hat; der Fahrer habe vergeblich mit einem Hammer auf den Glasschutz der Marienstatue eingeschlagen, bis ihn die Polizei festnehmen konnte.
Inzwischen würde Reinhold Schneider die drei Geheimnisse von Fatima kennen. Die ersten beiden wurden 1942, also noch zu Lebzeiten des Dichters, vom Vatikan veröffentlicht, das dritte erst lange nach seinem Tod, im Jahr 2000. In dem kurzen Text Schneiders über Fatima weist nichts darauf hin, dass er von den ersten beiden Geheimnissen Kenntnis hatte. Er spricht nur von dem „trostreichsten“ und zugleich „furchtbarsten“ Wort der Schrift: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder..., denn das Kind „steht noch im Glanze seines Engels, der Gott schaut.“
Am ersten Abend nehme ich an dem internationalen Rosenkranzgebet und der anschließenden Lichterprozession auf dem Platz teil, spreche ein Gesätz aus dem glorreichen Rosenkranz ins Mikrofon. Ich schaue in das Dunkel, erhellt von den Lichtpunkten der vielen Kerzen, höre meine fremde Stimme. Später wird die beleuchtete Marienstatue aus der Kapelle und um den Platz getragen, es sieht aus, als schwebe sie über den Köpfen der Menschen. Aus einem Lautsprecher ertönen Gebete und Gesänge. Ich schließe mich dem Zug an, aber in mir ist absolute Leere. Liegt es daran, dass ich seit achtzehn Stunden unterwegs bin oder an dem Widerstreben, hinter einer beleuchteten Figur herzulaufen, die ich nicht mit der Gottesmutter Maria identifizieren kann.
Nach dem Schlusssegen, es ist inzwischen 22.30 Uhr, strömen die Menschen den Ausgängen zu.
Ich erwische den falschen Ausgang. Der Weg vom Hotel zum Sanktuarium dauerte vorhin nicht länger als zehn Minuten. Doch jetzt laufe ich und laufe durch die Hotelstadt, eine halbe Stunde, eine Stunde und finde nicht den richtigen Weg. Kein Handy dabei, wie üblich, wenn ich es brauche. Inzwischen sind die Straßen leer und die Fenster der Gebäude dunkel. Nur das Kreuz über der Rosenkranzbasilika leuchtet unverdrossen. Nach unserer Ankunft in Fatima sah ich es vom Fenster meines Hotelzimmers in nächster Nähe. Aber im Dunkel der Nacht ist die Lage der Basilika nicht erkennbar. Wo ist Westen, wo Osten? Der leicht bewölkte Himmel verdeckt die Sterne. Die Straßen gleichen sich wie die Hotels. Kein Mensch nirgends. Endlich sehe ich im Eingang eines Gebäudes eine betagte Nonne stehen. Ich stürze auf sie zu. Den Namen meiner Unterkunft, die wir vor wenigen Stunden bezogen haben, weiß ich: Casa Sao Nuno. Die freundliche Nonne versteht kein Englisch, ich kein Portugiesisch. Sie zeigt in eine Richtung. Das kann nicht sein, denke ich, dort war ich doch schon. Aber für Besserwisserei bin ich zu erschöpft. So folge ich der Weisung. Endloser Weg durch eine fremde Umgebung. Die Armbanduhr zeigt auf kurz vor Mitternacht, seit zwanzig Stunden bin ich unterwegs. Ich möchte mich auf der Stelle fallen lassen und warten, bis es tagt. Am tiefsten Punkt meiner Verlorenheit erblicke ich in der Ferne eine rote Leuchtschrift, die einzige weit und breit: Casa Sao Nuno. Ich beschleunige meine Schritte. Mit heftig schlagendem Herzen erreiche ich mein Hotelzimmer und falle ins Bett. Doch ich kann nicht einschlafen. Immer wieder trete ich ans Fenster und schaue auf  das erleuchtete Kreuz auf der Rosenkranzbasilika. Jetzt steht ein fast voller Mond am Westhimmel. Dann steigt ein klarer sonnenblauer Morgen über den bewaldeten Höhen um Fatima auf. Schwalben jagen durch die Luft.
Was wollte mir der stundenlange Irrweg durch die Nacht sagen? Bin ich in allem zu ungeduldig, zu wenig aufmerksam? Warum habe ich nicht die Jungfrau Maria um Hilfe angerufen?
Benommen von Müdigkeit und nachdenklich gehe ich in den Tag. Es ist Sonntag. Ab zehn Uhr Rosenkranz und Messe auf dem Platz, dessen Mitte die Menschen wegen der heißen Sonne meiden. Sie drängen sich am Rand in den Schatten der umliegenden Gebäude, stehend, auf dem Boden oder auf mitgebrachten Klappstühlchen sitzend. Von Sammlung kann keine Rede sein. Kinder und Erwachsene wuseln durcheinander, unterhalten sich, sind dann wieder still und ganz bei der Sache. Ich kann mich nicht konzentrieren, verstehe kein Wort, der Altar ist weit entfernt, ich weiß nicht, an welcher Stelle die Messe gerade angekommen ist. So verzichte ich auch auf die Kommunion an diesem heiligen Ort, weil ich mir wie eine Betrügerin vorkäme. Auf der gegenüber liegenden Seite des Platzes steigt Rauch von den Kerzen auf, die Gläubige als Opfer in loderndes Feuer werfen. Heidnische Opferriten fallen mir ein.
Gütiger Gott, bete ich leise, lass es hellen Tag werden in meinem Herzen, damit ich nicht in die Irre gehe, sondern auf dem Weg deiner Gebote bleibe.
Nach der Messe wird die Statue der Gottesmutter zurück in die Kapelle getragen. Viele Gläubige winken ihr mit weißen Tüchern zum Abschied nach. Hingebungsvoll und lange. Es gibt sie noch, die Volksfrömmigkeit in Fatima, allen Professoren der Theologie zum Trotz. An den nächsten Abenden sehe ich Männer, Frauen, selbst Kinder auf Knien über den Platz zur Erscheinungskapelle rutschen. Weil sie ein Gelübde abgelegt haben oder weil sie ein dringendes Anliegen an die Jungfrau Maria haben. In ihrem Glauben sind sie den Hirtenkindern von Fatima ganz nah.
Doch mir, der Nordeuropäerin, kommt bei der Jungfrau von Fatima nur der Gedanke, dass sie vielen Menschen hier bis heute Arbeit und Auskommen verschafft hat. Ich danke, aber ich bitte nicht. Weil ich zu wenig glaube, zu wenig vertraue?
Nach dem Mittagessen begibt sich unsere Pilgergruppe auf den nahen Ungarischen Kreuzweg. Er verdankt seinen Namen den Spenden von Ungarn, die nach den blutigen Ereignissen von 1956 aus ihrem Heimatland in alle Welt geflohen waren. Schon 1964 konnten die vierzehn Stationen aus weißem Kalkstein eingeweiht werden. 1992 entstand auf dem Loca do Cabeco der Kalvarienberg mit der Kapelle des heiligen Stephan von Ungarn, gestiftet für die „Auferstehung“ Ungarns vom Kommunismus. Über 2400 Meter hügelaufwärts erstreckt sich der Kreuzweg. Es ist der Weg, den die Hirtenkinder von Aljustrel, ihrem Heimatweiler, zur Cova da Iria, dem Erscheinungsort der Jungfrau Maria und heutigen Heiligtum, zurücklegten.
Wir steigen langsam auf, wir beten, wir verweilen – bei 34 Grad im Schatten. Leider ist da kaum Schatten, nur hartes Gesträuch, da und dort eine Steineiche, ein paar Olivenbäume, Kiefern oder ein schmaler Eukalyptusbaum. Ein wirklicher Kreuzweg im gleißenden Sonnenlicht. Doch es stellt sich keine Ungeduld ein, nicht einmal Erschöpfung. Mit jeder Station gleiten die Teilnehmer, unter ihnen auch über Achtzigjährige, immer tiefer in die Meditation. So weiß ich nicht, wie viel Zeit vergangen ist, als wir auf der anderen Seite des Hügels in Aljustrel ankommen.
Die Häuser, in denen die Seherkinder aufwuchsen, sind niedrig, solide aus Feldsteinen gebaut und mit allem Notwendigen versehen. Häuser von damaligen Kleinbauern und Landarbeitern. Der Mensch braucht gar nicht so viel, wie uns heute eingeredet wird. Betten zum Schlafen, Tische und Stühle, eine Kochgelegenheit, ein paar Regale fürs Geschirr, Haken für die Kleider, Truhe oder Schrank, eine Waschschüssel mit Wasserkrug.
Wir gehen durch das niedrige Haus von Lucia (1907–2005), der Jüngsten von sieben Kindern der Bauern und dem ältesten der Seherkinder, zur Zeit der Marienerscheinungen zehn Jahre. Nahebei das Haus von Lucias Verwandten, ebenfalls einfache Bauern, in dem als achtes und neuntes Kind Francesco (1908-1919) und Jacinta (1910-1920) lebten. Viele Fotos, der Kinder, ihrer Eltern, der Anwesen von damals, nicht so gepflegt wie heute, da sie dem Sanktuarium von Fatima gehören.
Als ich die Kammer mit dem Bett betrete, in dem der elfjährige Francesco an den Folgen der Spanischen Grippe gestorben ist wie ein Jahr später seine Schwester Jacinta in einem Krankenhaus in Lissabon, stehen die drei Kinder plötzlich vor mir: ernst, sehr ernst, ja mit finsteren Gesichtern, wie ich sie von den Fotos kenne.
Wie klein sie doch noch sind, denke ich. Mussten die Erscheinungen und die Botschaften Marias sie nicht überfordern! Sie würden bald sterben, hatte sie Francesco und Jacinta prophezeit, sie hatte ihnen die Hölle gezeigt und von der Bedrohung der Welt durch Russland gesprochen, wenn das Land nicht an ihr unbeflecktes Herz geweiht würde. Was wissen die Kinder von Russland, in dem bald die Bolschewiken die Macht ergreifen werden? Maria hatte ihnen ihren mütterlichen Beistand versprochen und Lucia in ihrer Traurigkeit getröstet, dass sie nicht wie Francesco und Jacinta bald für immer zu ihr kommen dürfte, sondern noch lange Zeugnis ablegen müsse von den Botschaften der Jungfrau.
Die Kinder bewahren über die Erscheinungen des Engels Stillschweigen, sie beten mehr als früher, fasten, wirken oft abwesend. Da sind sie, 1916, neun, acht und sechs Jahre alt. Vielleicht fallen den Eltern die Veränderungen auf, aber sie bedrängen die Kinder nicht. Hauptsache, sie sind gesund und tun, was man ihnen sagt. Und viel zu beten, hat noch nie geschadet.
Nach der ersten Marienerscheinung im Mai 1917 kann die kleine Jacinta nicht mehr an sich halten und erzählt von dem Engel und den Gebeten, die er sie gelehrt hat, und von der „Dame“. Überschießende kindliche Phantasie, meinen die Eltern, das gibt sich. Doch schließlich glauben sie ihr und dem stillen entschiedenen Francesco. Lucias Mutter bleibt bei ihren Bedenken, weist die Tochter hart zurecht, droht ihr Schläge an, um sie zur Besinnung zu bringen.
Ist das Mädchen krank? Verliert es den Verstand? Die Mutter spricht mit dem Pfarrer. Das könne Teufelswerk sein, befindet der und rät, der Tochter die Flausen auszutreiben. Er befürchtet Schwierigkeiten mit der weltlichen Obrigkeit, denn inzwischen haben sich die Erlebnisse der Kinder unter den Dorfbewohnern herumgesprochen.
Lucia, Jacinta und Francesco lassen sich nicht beirren. Was sie gesehen und gehört haben, haben sie gesehen und gehört. Die Sache zieht auch außerhalb von Fatima Kreise. Können so kleine Kinder Erscheinungen und Gebete wie diese erfinden?
In Portugal jener Jahre wollen die Regierenden aus liberalen Bürgertum und Arbeiterbewegung das Land zu einer Republik nach französischem Vorbild umformen. „Weder Gott noch Religion“ proklamiert man in den intellektuellen Zirkeln. Die Beziehungen zum Vatikan sind abgebrochen, Priester und Ordensleute werden vertrieben, katholische Schulen geschlossen, Kirchenvermögen eingezogen. Der „Fortschritt“ marschiert in Portugal, während auf den Schlachtfeldern  des Ersten Weltkrieg Soldaten sterben, auch portugiesische.
Fatima liegt weit weg von den fiebernden Städten mit ihren Weltverbesserern. Von denen da oben erwarten die Leute nichts außer neuen Steuern. Aber was sich auf der Cova da Iria abspielen soll, bewegt die Menschen. Seit Mai 1917 erscheint den Kindern an jedem 13. des Monats die Jungfrau auf dem Feld, wo sie die Schafe hüten. Immer mehr Menschen aus der Umgebung finden sich dort ein. Doch sie sehen und sie hören nichts. Die Bauern und Landarbeiter schreiben das ihrem Unvermögen zu; die Gebildeten gießen Hohn und Spott über sie und die Kinder aus. Der Bürgermeister von Fatima lässt Lucia, Francesco und Jacinta am 13. August festnehmen und steckt sie für zwei Tage ins Gefängnis, damit das Spektakel ein Ende findet. Die staatlichen Behörden üben Druck auf die Kinder und ihre Eltern aus, schüchtern sie ein. Die Eltern sind verzweifelt, die Kinder bleiben bei ihren Aussagen.
Statt am 13. August erscheint ihnen die Jungfrau dann am 19. August. Nach wie vor halten die  Kinder peinlichen Befragungen stand, sie können nichts anderes sagen, als was sie sehen und hören. Es geht ihnen wie einst der vierzehnjährigen Bernadette Soubirous in Lourdes vor 58 Jahren, der auch niemand glaubte. In höchster Bedrängnis bittet die zehnjährige Lucia die Dame, die ihnen in einem hellen Licht an der Steineiche erscheint, um Hilfe. Sie möge ein Wunder zu tun, damit die Leute ihnen glauben. Maria verspricht es ihnen für den 13. Oktober.
Verständlich, dass die Kinder auf den Fotos jener Tage so ernst dreinschauen. Noch sind sie in dem Alter, da sie die Sprache der Engel verstehen und in Maria ganz selbstverständlich ihre Mutter erkennen. Sie schauen, staunen, nehmen alles für immer in ihrem Gedächtnis auf. Nicht die Angst macht ihre Gesichter so finster, sondern das Trotzdem, mit dem sie Unglauben, Drohungen und Ängsten ihrer Umwelt standhalten müssen. Die Erwachsenen wollen einfach nicht verstehen. Sie zerren an ihnen herum, beschimpfen sie, lachen sie aus, bestaunen sie wie exotische Tiere und das nun schon seit Monaten. Maria hilf!
Der 13. Oktober 1917 ist ein Samstag. Zehntausende von nah und fern strömen auf das weite Feld der Cova da Iria. Damalige Zeitungen sprechen von siebzigtausend. Seit der Nacht regnet es in Strömen, der Boden ist schlammig, es weht ein kalter Wind. Die einen erwarten das angekündigte Wunder, die anderen sind skeptisch, wieder andere erhoffen einen Reinfall. Journalisten aus der Hauptstadt haben sich mit Fotoapparaten eingefunden, um den Zusammenbruch des Aberglaubens zu dokumentieren.
Die Eltern der Hirtenkinder fürchten eine Katastrophe und möchten am liebsten daheim bleiben. Aber es gibt kein Zurück, da wollen sie ihren Kindern wenigstens beistehen. Um die Mittagszeit bahnen sie sich einen Weg durch die Menge bis zur Steineiche. Wieder erscheint Maria den Kindern im gleißenden Licht. Sie bittet um das tägliche Rosenkranzgebet, um den Bau einer Kapelle für Unsere Liebe Frau vom Rosenkranz, so nennt sie sich nun, und verheißt das baldige Ende des Krieges.
Die Menschen auf dem Feld nehmen seltsame Phänomene wahr. Es hört plötzlich auf zu regnen, die Sonne zeigt sich als silberfarbene Scheibe. Ein Reporter von „O Século“, der vor dem Ereignis die „Volksverdummung“ gegeißelt hatte, schrieb: „...Dann beginnt sie sich zu drehen und in allen Regenbogenfarben zu glänzen, so dass Landschaft und Menschen einmal grün, dann rot, violett oder gelb erscheinen. Nach wenigen Minuten hört das Schauspiel auf, gerade um den Menschen eine Besinnungspause zu geben, beginnt dann aber von neuem und schließlich ein drittes Mal. Zuletzt verwandelt sich die Sonne in einen feuerroten Ball, beginnt zu tanzen und sich im Zick-Zack der Erde entgegen zu stürzen. Ungeachtet des in Morast verwandelten Bodens fallen alle auf die Knie, beginnen zu schreien, zu beten und schließlich auszurufen: Ein Wunder, ein Wunder!“ Auch noch in mehreren Kilometern Entfernung bemerkt man das abnorme Geschehen am Himmel.
Nach zehn Minuten endet das Naturschauspiel, der aufgeweichte Boden und die durchnässte Kleidung der Menschen sind getrocknet. Wie erstarrt sind die Menschen, verängstigt auch, viele beten.
Noch am selben Tag und die Tage danach werden die Kinder von staatlichen und kirchlichen Stellen verhört. Sie erzählen, was sie gesehen und gehört haben, nur die Geheimnisse, die ihnen die Frau am 13. Juli anvertraut hat, behalten sie für sich: die Vision der Hölle, die Ankündigung des Zweiten Weltkriegs, die Bekehrung Russlands und die Verfolgung und Leiden der Kirche. Francesco und Jacinta nehmen sie mit sich ins Grab, Lucia schreibt auf Drängen des Bischofs später auf, was sich ihr unverlierbar ins Gedächtnis gebrannt hat.
Was wundert da der Ernst in den Gesichtern der Kinder, die, weit über ihr Alter hinaus gefordert, das ihnen Anvertraute nicht ohne himmlischen Beistand hätten tragen können.
1930 werden die Erscheinungen kirchlich anerkannt. Aber das Volk glaubt auch ohne administrative Erlaubnis.Schon einige Monate nach dem Oktoberereignis errichten die Gläubigen eine Kapelle am Ort der Marienerscheinungen. Der Bischof verbietet, dort Messen zu feiern. Die Menschen kommen dennoch von überall her, bringen Blumen und Spenden und beten. Ab 1924 feiern sie die Messen mit bischöflicher Erlaubnis. Von nun an wächst das Sanktuarium stetig und mit ihm die Pilgerzahl.
Es fällt schwer, sich den Platz vorzustellen, wie er zur Zeit der Marienerscheinungen ausgesehen hat. Jetzt ist er von Beton und Steinen domestiziert. In der Sonne blendet der weiße Kalkstein der umliegenden Gebäude die Augen, nur der Blick auf das sparsame Grün der Bäume am Rande gewährt Erholung. Steine überall.
Während seiner Flucht vor Esau bettet der erschöpfte Jakob zum Schlafen seinen Kopf auf einen Stein. Im Traum sieht er eine Erde und Himmel verbindende Leiter, auf der die Engel auf- und niedersteigen und hört Gottes Verheißungen von Land und vielen Nachkommen.
Der Stein ist geblieben, aber was ist aus dem Traum geworden? Offenbar liegt es in der Natur des Menschen, seine Träume in Stein verewigen zu wollen, und so hat er, je nach der Qualität seiner Träume, architektonische Wunderwerke oder Scheußlichkeiten errichtet. Wenn der Traum verfliegt, bleibt nur der Stein. Von den Kirchen nur die Hülle. Wenn die Beter ausbleiben, „die lebendigen Steine“, wie Petrus schreibt (1.Petr 2,5), und das geistige Haus nicht mehr aufgebaut wird „zu einer heiligen Priesterschaft“, kommen nur noch Touristen, die im Vorübergehen „Selfies schießen“. Zwar haben auch Steine ein Gedächtnis, aber sie antworten nur dem, der fragt.
Reinhold Schneider hat recht, hier sind kein Beistand, keine Weisung, keine Tröstung. Nur die Kinder, die Unglaubliches gesehen haben. Sie begleiten mich den Rest des überwachen Tages hindurch. Am nächsten Tag sehe ich sie am Himmel über der unvollendeten Kapelle des Klosters Batalha und in der Wallfahrtskirche „Unserer Lieben Frau von Nazareth“ auf dem Felsvorsprung über dem Atlantik, in der Vasco da Gama vor seiner Ausfahrt nach Indien himmlischen Beistand erbat. Selbst in der Templerburg von Tomar kommen sie mir auf den langen Gängen entgegen, ernst und mit wissenden Augen.
Im Matthäus-Evangelium (18,3) mahnt Jesus seine Jünger: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Und wenig später: „Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf.“
Es sind die Gesichter der drei Kinder von Fatima, die mich die Botschaft Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz verstehen lassen, heute, in dieser nach wie vor und immer wieder von schrecklichen Kriegen gepeinigten Welt.
Werden wie ein Kind – anspruchslos, arglos, staunend, vertrauend, klaren Auges sehend, unverstellt hörend. Rufen wie das Kind in „Des Kaisers neuen Kleidern“, dass der doch gar nichts anhabe. Umkehren, bevor wir in den Höllenschlund taumeln. Geht das denn?
Die Kinder blieben standhaft, Jacinta und Franceso bis zu ihrem frühen Tod, Lucia bis ins hohe Alter. Gegen Unglauben, Spott und Hohn.
Wie 1917 gilt auch heute die Beobachtung des Propheten Jesaja: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden / und mit ihren Ohren hören sie nur schwer / und ihre Augen halten sie geschlossen, / damit sie mit ihren Augen nicht sehen / und mit ihren Ohren nicht hören, / damit sie mit ihrem Herzen / nicht zur Einsicht kommen / damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.“
Nun endlich begreife ich, warum Reinhold Schneider  von dem „trostreichsten“ und zugleich „furchtbarsten“ Wort der Schrift spricht: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...“ Es sind immer nur wenige zu Umkehr und Buße bereit, die das Leid Christi auf sich nehmen, weil sie sich in Gott geborgen wissen. Die Mehrzahl, auch der Gläubigen, werden vom Strom des Alltags und des Zeitgeistes fortgerissen, verlieren dabei sich selbst und die Hoffnung auf Christus.
Am letzten Tag in Fatima nehme ich noch einmal am abendlichen Rosenkranzgebet und der Lichterprozession teil. Während ich durch die Dunkelheit auf das erleuchtete Kreuz über der Basilika zugehe, frage ich mich, warum die Vorsehung mich hierher geführt hat, und finde die Antwort: Die Tage und Nächte in und um Fatima sind mir zum Gleichnis auf mein irdisches Leben geworden.
„Willst du die Quelle finden, / musst du hinaufsteigen gegen den Strom“,  schrieb der heilige Papst Johannes Paul II. in seinem „Römischen Triptychon“. Dieses Leben war und ist eine Pilgerreise gegen den Strom, durch Helligkeit und Finsternis, mit Irrungen und Wirrungen trotz Wegweisern, mit Zweifeln, mit Kreuzwegen, die endlos bergauf führen.
Jetzt, am letzten Abend, bete ich mit den anderen auf dem weiten Platz, den die Nacht verhüllt, höre die Gesänge, sehe die erleuchtete Statue der Jungfrau über den Köpfen der Menschen schweben. Ich gehe nicht mehr um mit Dingen, die mir zu wunderbar und zu hoch sind. Meine Seele ist ruhig und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir. (Ps 131).
Das Leben scheint kompliziert, aber im Grunde ist es so einfach wie die Hirtenkinder von Fatima, die ihrer himmlischen Mutter ohne Wenn und Aber einfach vertrauten.


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