Titelthema 4/2016

 

Leben im Krieg

Stehen wir am Beginn eines Dritten Weltkriegs? Papst Franziskus warnt davor – ebenso wie der Regierungschef Russlands, Dmitri Medwedew. Der Krieg im 21. Jahrhundert hat viele Gesichter und Akteure, viele Fronten und Schlachtfelder, viele Ursachen und Motive.

von Stephan Baier

 

Da übertreibt er aber doch, der liebe Papst! So mag mancher gedacht haben, als Franziskus am 6. Juni vergangenen Jahres in seiner Predigt in Sarajevo sagte: „Auch in unserer Zeit kollidieren das Streben nach Frieden und der Einsatz, ihn aufzurichten, mit der Tatsache, dass in der Welt zahlreiche bewaffnete Konflikte im Gang sind. Es ist eine Art Dritter Weltkrieg, der ‚stückweise‘ geführt wird; und im Bereich der globalen Kommunikation nimmt man ein Klima des Krieges wahr.“ Der Papst wandte sich in Sarajevo an Menschen, denen der vor zwanzig Jahren zu Ende gegangene Krieg um ihre Heimat noch in Mark und Bein steckt. Und er begründete seinen düsteren Blick in die Zukunft mit den Plänen jener, „die ein solches Klima absichtlich schaffen und schüren wollen, insbesondere jener, die den Zusammenstoß zwischen verschiedenen Kulturen und Zivilisationen suchen, und auch jener, die mit den Kriegen spekulieren, um Waffen zu verkaufen“.
Von einem Ende der Kriege und Konflikte, von einem Zeitalter des großen Friedens und steter Demokratisierung träumten manche nach dem Zerfall des Ostblocks und dem Untergang der Sowjetunion. Der US-Politologe Francis Fukuyama landete mit seinem „Ende der Geschichte“ einen illusionsreichen Bestseller. Heute sind die Tagträume von der einen Welt – mit den Vereinten Nationen als globaler Legislative und den Vereinigten Staaten von Amerika als weltweiter Ordnungsmacht – längst ausgeträumt. Stattdessen führen zahlreiche Welt- und Regionalmächte, staatliche wie nichtstaatliche Akteure blutige Kriege: um Macht und Deutungsmacht, um Einflusszonen und Dominanz, um Rohstoffe und Bodenschätze, um konfessionelle oder ethnische Vorherrschaft.
Das tragischste Beispiel, in dem sich alle diese Dimensionen spiegeln, ist der seit fünf Jahren währende Krieg um Syrien, in dem bereits Hundertausende ums Leben kamen und Millionen heimatlos wurden. Hier kämpfen die konkurrierenden Regionalmächte Saudi-Arabien und der Iran um die Vorherrschaft über den Nahen Osten. Der Iran bastelt an einem „schiitischen Halbmond“ vom Westen Afghanistans bis zum Mittelmeer, wobei das Assad-Regime in Damaskus als Teherans Brücke zur libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah dient. Saudi-Arabien will das mehrheitlich sunnitische Syrien von der schiitischen Alawiten-Diktatur „befreien“. Wenn dadurch auch die letzten religiös toleranten und christlich mitgeprägten Länder des Nahen Ostens, der Libanon und Jordanien, durch den nicht endenden Flüchtlingsstrom und die wachsenden gesellschaftlichen Spannungen ins Wanken geraten, dann kann das den Prinzen in Riad und ihren wahhabitischen Ideologen nur Recht sein: Wenn nach Syrien auch Jordanien und der Libanon in „Bürgerkriege“ rutschen und zu gescheiterten Staaten werden, kann sich die saudische Spielart des Islam – der totalitäre, intolerante Wahhabitismus – im gesamten Orient ausbreiten. Mit der auf die Apostel zurückreichenden Präsenz der Christen ist es in den Ländern der Bibel dann vorbei.
Beim Krieg der Regionalmächte geht es um Macht und Vorherrschaft, aber auch um einen Krieg der Konfessionen: um die dreizehn Jahrhunderte währende Konkurrenz zwischen Sunna und Schia. Was heute in Syrien und im Jemen in blutigen Kriegen ausgetragen wird, hat das Potenzial, die gesamte islamische Welt in einen Konfessionskrieg zu stürzen – in einen Dreißigjährigen Krieg mit globalen Auswirkungen. Bereits heute exportiert Saudi-Arabien, Amerikas engster Verbündeter in der Region, nicht nur Öl, sondern auch ideologischen Islamismus und Terrorismus – unter anderem dank Waffenimporten aus Deutschland. Seinen geschichts- und kulturfeindlichen Wahhabitismus liefert das ölreiche Riad heute ebenso nach Europa wie nach Asien und Afrika. Dort wird der vielfältige, traditionelle Volksislam immer mehr zurückgedrängt, während sich die unduldsame Ideologie Abd al-Wahhabs rasant ausbreitet: Salafisten in Deutschland und Frankreich, Wahhabiten in Bosnien, Boko Haram in Nigeria und Kamerun – alles geistige Kinder Riads. Wie der Namensgeber des Wahhabitismus bekämpfen sie die kulturelle Blüte und Vielfalt des Islam, um seine Wurzeln freizulegen.
Längst aber haben sich die Radikalsten unter den Islamisten von ihren alten Meistern losgerissen: Die Drahtzieher von 9/11, die Netzwerke der Al-Kaida, der Islamische Staat und seine Filialen in Nahost und Nordafrika lassen sich von keiner islamischen Autorität und keinem Staat mehr steuern. Aus dem Stellvertreterkrieg der Regionalmächte ist in Syrien und im Jemen längst ein Krieg um die Deutungshoheit über den „wahren Islam“ geworden. Einst aus der arabischen Halbinsel heraus gefördert, bedrohen die Terrornetzwerke auch die Herrschaft der reichen, korrupten Potentaten Saudi-Arabiens und Katars.
Die islamistischen Terroristen machen keine Gefangenen: Sie entführen, um zu ermorden; sie erobern, um zu zerstören. Ihnen geht es nicht um strategisch relevante Ziele, um Vorherrschaft und Macht, sondern um die Vernichtung des anderen. Dieser Krieg akzeptiert keine Spielregeln, keine geografischen oder moralischen Grenzen. Das macht den islamistischen Terror so gefährlich. Gleichzeitig offenbart sich darin die tiefe Identitätskrise des Islam: Wer mit so viel Hass alles Andersartige attackiert – nicht nur heilige Stätten anderer Religionen, sondern auch Moscheen und schiitische Schreine, Emire und Imame – der braucht diesen Hass zur Selbstvergewisserung. An der ohnmächtigen Wut der gedemütigten Feinde vergewissert sich der Schwache seiner Stärke und Identität. Dem Starken genügt es, seinen Machtraum zu erweitern und sich für Feinde unbesiegbar zu machen. Der in seiner Identität Unsichere aber braucht den Hass der anderen, um der eigenen Gefolgschaft vorzugaukeln, es gebe ein Wir mit einer Mission und Identität.
Die nicht endende Gewalt in der islamischen Welt ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche. Sie offenbart eine tiefe Identitätskrise: Weder der arabische Nationalismus noch die aus dem Westen importierten Leitbilder (Sozialismus, Liberalismus, Modernismus, Demokratie) haben in der arabischen Welt identitätsstiftend gewirkt. Und so ist der Orient zum Kampfplatz eines blutigen Ringens geworden – um islamische Identität und die Definition von Fortschritt. Die vierhundert Millionen Menschen zählende arabische Welt transportiert über den Islam ihre Krise wie die Motive ihrer Kriege in eine 1,6 Milliarden Muslime umfassende islamische Welt.
Zwischen Orient und Okzident, zwischen dem arabischen und dem europäischen Kulturkreis liegt die Türkei, wo Präsident Erdogan mit schwindendem Erfolg und wachsender Brutalität versucht, gleichzeitig Erbe Atatürks und der Sultane zu sein: Seine neo-osmanische Außenpolitik zielte auf ein friedliches, aber doch dominierendes Verhältnis gegenüber den Nachbarn der Türkei. Nach dreizehn Jahren AKP-Herrschaft lässt sich bilanzieren, dass diese Vision überwiegend gescheitert ist: Erdogan gelang weder die Versöhnung mit Armenien oder auf Zypern noch eine dominante Stellung auf dem Balkan noch eine Führungsrolle in der sunnitischen Welt. Seine einstigen Freundschaften mit Wladimir Putin und Baschar al-Assad sind in blutige, rachsüchtige Feindschaft umgeschlagen. Seine Unterstützung der ägyptischen Muslimbruderschaft wurde zur Blamage. Wenn es Erdogan nun nicht einmal gelingt, Assad zu stürzen und einen zweiten Kurdenstaat auf dem Boden Syriens zu verhindern, droht die Gewaltwelle in der Türkei zum Bürgerkrieg zu eskalieren: In der Türkei leben mindestens fünfzehn Millionen Kurden, mehr als in den Kurdengebieten Syriens und des Irak zusammen. Mehr als die sunnitischen Fanatiker fürchtet Erdogan, dass die kurdischen Autonomiegebiete jenseits der türkischen Grenze den alten Traum von „Großkurdistan“ beflügeln – und die Türkei in einen endlosen Bürgerkrieg ziehen könnten.


Ein Machtmensch im Kreml

Es gibt noch einen zweiten großen Krisenherd in der Nachbarschaft Europas. Und auch hier äußert sich eine Identitätskrise in Gewalt und Krieg. In Russland ist der einstige KGB-Offizier Putin angetreten, mit Gewalt zu korrigieren, was er selbst einmal als „die größte geopolitische Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts“ bezeichnete: den Zerfall der Sowjetunion. Damit meint er weniger die Ideologie als die Macht: Von Anfang an wollte Putin nach den schwachen Jelzin-Jahren den Russen einen starken Staat zurückgeben. Die Oligarchen hatten die Wahl, sich ihm zu unterwerfen oder mit Verfolgung, Exil und Tod rechnen zu müssen. Die Opposition ist marginalisiert und eingeschüchtert. Putin stoppte die Privatisierung von Wirtschaft und Kriminalität: Wie in Sowjetzeiten ist die Staatsmacht die Spinne im Netz von Korruption, Wirtschaft und Schattenwirtschaft. Putin will keinen Rechtsstaat westlicher Prägung: Es gilt der Wille Putins, garniert mit einer Staatsideologie, die Sowjetnostalgie mit orthodox gefärbtem russischem Nationalismus verbindet.
Nicht weniger einschneidend ist die Wende in der Außenpolitik: Wladimir Putin ist überzeugt, dass Russland durch Kriege zurückgewinnt, was es im Frieden verloren hat – die Kontrolle über viele unmittelbare Nachbarn und den Respekt als global agierende, gefürchtete Weltmacht. Natürlich ging es beim Krieg in Tschetschenien auch um den Kaukasus, beim Krieg gegen Georgien auch um Abchasien und Süd-Ossetien, beim Krieg gegen die Ukraine auch um die Krim – und sogar um Kiew, weil von hier die Christianisierung des gesamten Raumes ausging. Noch mehr aber ging es dem Machtmenschen im Kreml um Russlands Rolle in der Region wie in der Welt. Putin beurteilt seinen Platz in den Geschichtsbüchern danach, dass er das amerikanische Jahrzehnt beendet, die europäische Einigung torpediert, die Karten in Nahost neu gemischt und Russland wieder zur Weltmacht gemacht hat.
Deshalb ist Russland militärisch in den Krieg um Syrien eingestiegen: Nicht um Syriens Christen vor islamistischen Mördern zu retten, wie manche naive Christen im Westen meinen, sondern um Russlands Militärbasis am Mittelmeer zu sichern, um sich nach dem Krim-Desaster und der weitgehenden Isolation auf die weltpolitische Bühne zurückzubomben, um mit Assad den letzten Gefolgsmann in der arabischen Welt zu retten. Die bittere Wahrheit ist, dass Wladimir Putin diesen Krieg bereits gewonnen hat – ganz unabhängig davon, wie lange der Krieg um Syrien noch währt, wie viele Menschen noch ums Leben kommen und wie der Krieg endet. Putin hat erreicht, was ganz oben auf seiner Agenda steht: Russland wieder zur Weltmacht zu machen – mehr gefürchtet denn geliebt, aber von Freund und Feind respektiert. Deshalb konnte er sich vom Schlachtfeld zurückziehen und bequem als Friedensengel am Verhandlungstisch Platz nehmen. Vor zwei Jahren verspottete Obama Russland noch als „Regionalmacht“, deren „militärisches Vordringen“ auf der Krim „nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche“ resultiere. Heute ist der amerikanische Präsident eine „Lame Duck“, während der russische Präsident alle Trümpfe in der Hand hält.
Putins Kriegsführung kann man aber nicht erwähnen, ohne die Dimension der Propagandakriege zu nennen: Wie die Sowjetunion, der er nachtrauert, im Westen ihre bezahlten Agenten und ihre willigen Sympathisanten hatte, so hegt und pflegt auch der heutige Herr im Kreml rechte wie linke Splittergruppen und Parteien im Westen. Die einen halten ihn für den Retter des christlichen Abendlands und gehen der Vision des rassistischen Ideologen Aleksandr Dugin auf den Leim, der in einer russisch-orthodoxen Dominanz über Europa die Rettung der Christenheit sieht; die anderen sehen in Putin den legitimen Erben von Lenin & Genossen. Auf den Propaganda- und Desinformationskrieg verstehen sich freilich auch andere: Viele Zeitgenossen glauben bis heute, der Westen kämpfe gegen Assad aus moralischer Empörung über dessen tyrannische Untaten, obgleich Washingtons engster Partner in diesem Krieg, die saudische Königsdiktatur Saudi-Arabien, weit totalitärer agiert. Und selbst seriöse Nachrichtenagenturen schreiben über die „Bürgerkriege“ in Syrien, in Libyen und im Jemen – und berichten in denselben Nachrichten von vielen involvierten ausländischen Akteuren.
Im Schatten aller sichtbaren und blutigen Kriege hat eine uralte Macht den Aufstieg zur neuen Weltmacht geschafft: China, das Reich der Mitte. Das bevölkerungsreichste Land der Welt ist auf allen Kontinenten hochaktiv – auf der unersättlichen Suche nach Rohstoffen und nach immer neuen Absatzmärkten. Mit gewaltigen Finanzmitteln und einer Außenpolitik im Dienst seines aggressiven Staatskapitalismus hat sich China viele Länder Afrikas und Asiens gefügig gemacht. China ist still und heimlich zur Kolonialmacht neuen Stils geworden. Es macht sich aber auch als Wirtschaftspartner Amerikas, Europas oder der Weltbank unumgehbar. China erinnert die Welt daran, dass die Kriege der Zukunft nicht allein um Territorien ausgetragen werden, sondern um Rohstoffe, um Wasser und um Absatzmärkte.


Der Zerfall Europas

Und was ist mit Europa? Die Kriege und Krisen unserer Tage führen nicht dazu, dass die in immer größere Gefahren taumelnden Europäer näher zusammenrücken, sich ihrer Identität vergewissern und gemeinsame Strategien entwickeln. Im Gegenteil: Mit jedem neu auftauchenden Problem werden die Dissonanzen und Konfliktlinien sichtbarer, die Zentrifugalkräfte und Streitereien größer. Nicht die objektiven Probleme allein, sondern der sich beschleunigende Zerfall des vereinten Europa veranlasste den aus Polen stammenden EU-Ratspräsidenten Donald Tusk Ende Februar, vor dem Europäischen Parlament in Brüssel zu bekennen: „Wir stehen in der gefährlichsten Phase der europäischen Geschichte.“ Noch schärfer hat es Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew im Februar im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ formuliert, als er davor warnte, „einen neuen Weltkrieg auszulösen“. Und bei der Münchner Sicherheitskonferenz konstatierte er: „Wir sind in einen neuen Kalten Krieg abgerutscht.“ Vielerorts leider auch in einen überaus heißen.

 


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