Titelthema 4/2014

 

Exerzitien mit einem Heiligen

Zu Millionen von Menschen hat er gesprochen. Tausende von Kameras und Fotoapparaten haben sein Bild im Laufe der Jahre festgehalten. Woher nahm Johannes Paul II. angesichts dieses Rummels um seine Person die Kraft, authentisch zu bleiben? Eine kurze Reise in das Innere des polnischen Papstes

von Stefan Meetschen

 

Eigentlich wollte er Schauspieler werden, dann Karmelit – am Ende wurde er Papst. Eine biographische Entwicklung, die auf den ersten Blick wie eine Kette von falschen Plänen und Brüchen wirkt. Doch so wie Gott in jedem Menschen Teile zusammenfügen möchte, die scheinbar nicht zusammenpassen, tat er es auch bei Karol Wojtyła, der 1920 in dem polnischen Städtchen Wadowice bei Krakau zur Welt kam, 1978 zum ersten slawischen Papst gewählt wurde und mit seiner Wort- und Gesten-starken Kommunikation bewies: Auch ein Papst kann Popstar-Qualitäten besitzen und dabei die Wahrheit über den Menschen, über die Kirche, über Gott verkünden. Wojtyła gelang das, weil er – völlig unabhängig davon, ob er allein war oder nicht –  ein reiches kontemplatives Leben führte. Er besaß einen 24-Stunden-Direktkontakt zum Vater, Sohn und Heiligen Geist – die Gottesmutter Maria („Totus Tuus“) nicht zu vergessen. So erinnert sich der polnische Philosoph und emeritierte Professor der Katholischen Universität Lublin, Antoni Stępień, gegenüber dem Vatican-magazin an seinen früheren Arbeitskollegen, den Ethik-Professor Wojtyła: „Man hatte bei ihm das Gefühl, dass er ständig mit Gott in Verbindung stand. Manchmal versank er für kurze Momente ins Gebet, um bald darauf auf höchstem intellektuellem Niveau wieder präsent zu sein.“  Diese geniale Verbindung von vita activa und vita contemplativa hatte Wojtyła früh gelernt. Bei Pilgerreisen als Kind und Jugendlicher in das nicht weit von Wadowice gelegene Marienheiligtum Kalwaria Zebrzydowska, das er auch als Bischof und Kardinal regelmäßig für private Exerzitien aufsuchte. Entscheidend für das innere Leben war auch die Begegnung mit dem Schneider Jan Tyranowski in Krakau, der den jungen Schauspieler und Studenten zu den Treffen der Gebetsgruppe des „Lebendigen Rosenkranzes“ einlud und in Karol das Interesse für die Mystik des Johannes vom Kreuz einpflanzte, über den er später in Rom promovieren sollte.  
Nach dem Studium, als Wojtyła in der Pfarrei von Niegowić arbeitete, tuschelten die Bewohner des Dorfes darüber, dass der junge Priester viele Nächte vor dem Allerheiligsten verbringe – und zwar auf dem kalten Fußboden liegend. Schon damals war sein tägliches Arbeitspensum enorm, doch für das Gebet und geistliche Übungen fehlten nie Zeit und Kraft. Schließlich hatte sich Wojtyła („Ausruhen kann ich mich im Himmel“) mit dem heilige Pfarrer von Ars und Pater Pio, den er persönlich kennenlernte, große priesterliche Vorbilder ausgewählt. Wobei es nicht nur erstaunlich ist, wie souverän Wojtyła das aktive mit dem kontemplativen Leben verband, auch die Synthese anspruchsvollster philosophischer Reflexionen (Immanuel Kant, Max Scheler, Emmanuel Levinas) mit Elementen der Volksfrömmigkeit gelang ihm.   
Gerade jedoch die eigene Berufung, das Priestersein, durchleuchtete er im Laufe der Jahrzehnte mit großem Ernst, wovon das Buch „Ich bin ganz in Gottes Hand“ Zeugnis gibt, das Anfang dieses Jahres in Polen erschienen ist und bald im Herder-Verlag auf Deutsch herauskommt. Es sind die persönlichen Notizen Wojtyłas alias Johannes Pauls II. aus über vierzig Jahren zu verschiedenen Exerzitien. Notizen, deren Vernichtung der Papst seinem langjährigen Sekretär, dem jetzigen Metropolit von Krakau, Kardinal Stanisław Dziwisz, per Testament angeordnet hatte. In diesem Fall muss man für den posthumen Ungehorsam dankbar sein.  „Das Priestertum und das Opfer sind am tiefsten in die Realität der Schöpfung: der Welt und des Menschen eingeschrieben“, heißt es zum Beispiel bei den Exerzitien des Jahres 1973. Und weiter: „Obwohl diese Realität in der Existenz von allem, was existiert, die Abhängigkeit vom Schöpfer ausdrückt – drückt sie auch die Beziehung des Geschenks, des Sich-Gebens, das typisch für den Menschen als Person ist, aus und erneuert sie.“ Das eigene Leben als Opfer, als weiterzugebendes Geschenk. Wojtyła in Nahaufnahme. Dazu erfährt man sehr diskret, wie manche Priester Wojtyła das Leben schwer machten und welchen Theologen (Küng!) er mit Skepsis begegnete. Ferner: Wie real für Johannes Paul II. Himmel, Fegefeuer und Hölle waren. So real, dass in nahezu jedem Eintrag die tiefe Sorge um die Kirche und um die Menschen mitschwingt. Christus war für Wojtyła schließlich niemals eine Privatangelegenheit. So bestätigt sich in den persönlichen Notizen, was der emeritierte Papst Benedikt XVI. unlängst über seinen großen polnischen Vorgänger gesagt hat: „Christus zu den anderen zu bringen, war im Kern seiner Frömmigkeit als Auftrag verankert.“ Um diesem Auftrag gewachsen zu sein, konnte es auch schon mal vorkommen, dass Wojtyła auf ungewöhnliche Exerzitien-Plätze zurückgriff.
Sławomir Oder, der Postulator des Seligsprechungsprozesses von Johannes Paul II., berichtet darüber in seinem aktuell erschienenen Buch „Darum ist er heilig“. Dort heißt es: „Im Mai 1992, vor dem Gottesdienst im Messegebiet von Pordenone, ging der Papst auf die Toilette. Jedoch nach einiger Zeit, als sich seine Rückkehr an den Ort, der für die Sakristei genutzt wurde, verzögerte, machte sich einer seiner Mitarbeiter besorgt auf die Suche, um die Situation zu klären. Durch die halboffene Tür des Badezimmers sah er Johannes Paul II. beten, er kniete und stützte sich auf das Waschbecken. Ein anderer Zeuge, öffnete während seines Aufenthalts in Castel Gandolfo zufällig die Abstellkammer und entdeckte dort den ins Gebet vertieften Papst.“
Auch Wanda Półtawska, welche zusammen mit ihrem Ehemann über viele Jahrzehnte zum engsten Freundeskreis des Papstes zählte, hat in ihrem bislang leider noch nicht auf Deutsch erschienenen Buch „Geistige Übungen in den Beskiden“ dokumentiert, wie Johannes Paul II. bereits als Studentenseelsorger Zeit für Gott und für die Menschen fand, wie eng für ihn die geistige und körperliche Erholung zusammenlagen. Gerade auch im Einklang mit der Natur, beim Wandern, Skifahren und Kajakfahren.  Woher also nahm der polnische Papst die innere Kraft und Souveränität trotz all des Rummels um seine Person? Die einfache Antwort lautet: Durch ein ausgewogenes Leben und einen radikalen Glauben.

 

 

Der Weg des Menschenfischers

Auf den Spuren Karol Wojtyłas, der zum Jahrhundert-Papst wurde

von Christoph Hurnaus

Wer einen Dichter verstehen will, muss sich in dessen Land begeben.“ An diese Worte von Johann Wolfgang von Goethe erinnerte Papst Benedikt XVI., als er sich 2006 auf die Spuren seines Vorgängers nach Polen begab. Man müsse, um das Leben und den Dienst Johannes Pauls II. zu verstehen, in seine Geburtsstadt kommen. In der Basilika von Wadowice befindet sich das Taufbecken, in dem Karol Wojtyła am 20. Juni 1920 getauft wurde. Hier legte er auch seine erste Beichte ab, empfing die heilige Kommunion und war viele Jahre lang Messdiener. Der Vater des kleinen Karol nahm 1920 als Leutnant der polnischen Armee an dem heldenhaften Kampf der jungen Republik Polen gegen die Rote Armee teil, der als das „Wunder an der Weichsel“ in die Geschichte eingehen sollte. Zuvor diente er einige Jahre als Unteroffizier in der Österreich-Ungarischen Armee. Als Zeichen der Verehrung an den letzten österreichischen Kaiser Karl gab er seinem jüngsten Sohn den Namen Karol.
Schon in sehr jungen Jahren sollte sich für den kleinen Karol das Drama seines Lebens ereignen. Im Alter von acht Jahren verstarb seine Mutter Emilja, und mit zwölf Jahren verlor er auch seinen älteren Bruder Edmund. Später schrieb er in einem seiner Jugendgedichte an seine Mutter, die gemeinsam mit seinem Bruder Edmund am Krakauer Rakowicki Friedhof ruht.
Während seines letzten Besuchs in Wadowice im Jahr 1999 sprach Johannes Paul II. tief bewegende Worte: „Die Stadt meiner Kindheit, das Elternhaus, die Pfarrkirche, die Kirche meiner heiligen Taufe. Ich möchte diese gastfreundlichen Schwellen überschreiten, mich vor der heimatlichen Erde und ihren Bewohnern verneigen und die Worte sagen, mit der sich die Mitglieder einer Familie nach der Rückkehr von einer langen Reise begrüßen: ‚Gelobt sei Jesus Christus!‘“ Damals legte er sein Manuskript zur Seite und ließ seine Gedanken durch die Jahre seiner Kindheit und Jugend schweifen. Dabei erinnerte er sich an die Cremetörtchen, die er gemeinsam mit seinen Mitschülern nach dem Maturaexamen in der Konditorei am Stadtplatz verzehrte, und die seither in ganz Polen Berühmtheit erlangt haben.
Karol war in seiner Kindheit und Jugend ein begeisterter Schauspieler und Sportler. Mit seinem Vater unternahm er gerne Wanderungen in der Hohen Tatra und in das nahe von Wadowice gelegene Marienheiligtum Kalwaria Zebrzydowska. Die Besuche an diesem Gnadenort sollten seine tiefe Marienfrömmigkeit prägen, die durch sein „Totus Tuus“ zum Programm seines Pontifikats wurde.
Neben Wadowice, das er in seinem Testament als „Stadt seiner Liebe“ bezeichnete, empfand Karol Wojtyła auch eine große Zuneigung zur polnischen Königsstadt Krakau. Dorthin übersiedelte er 1938 mit seinem Vater, um an der Jagiellonen-Universität Philosophie und Polnische Literatur zu studieren. Während des Zweiten Weltkriegs und der Besetzung Polens durch die Nationalsozialisten leistete der junge Student Zwangsarbeit in einem Steinbruch und später in einer Chemiefabrik. Während dieser Zeit reifte auch sein Entschluss Priester zu werden. Am Tag nach seiner Priesterweihe, am 2. November 1946, feierte er seine erste heilige Messe in der Krypta der Wawel-Kathedrale.
Im Alter von 38 Jahren wurde der Professor für Moraltheologie zum Weihbischof und mit 43 Jahren zum Erzbischof von Krakau berufen. 1978 sollte sich die prophetische Vision des polnischen Dichters Julius Słowacki in Karol Wojtyła erfüllen und ihn auf den Stuhl des heiligen Petrus nach Rom führen. Während seiner Regentschaft als Papst besuchte er neun Mal seine geliebte Heimat, ein letztes Mal im August 2002, um das „Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit“ in Krakau einzuweihen. Er wollte, dass dieses Gotteshaus zum „Weltzentrum“ der Barmherzigkeit Gottes wird. Die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit hat, wie er einmal sagte, sein Pontifikat entscheidend mitgeformt. „Dem Boot“, seinem polnischen Lieblingslied, folgend, ist er damit in die Welt hinaus gezogen, um zum größten Menschenfischer seit den Zeiten der Apostel zu werden.

 

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