Titelthema 10/2014

 

Aus Tradition modern

Mitten in der Welt: Den Glauben bezeugen, den Bedürftigen helfen. Eine kleine Reise durch die Welt der Malteser, des erstaunlichsten Ordens unter dem Dach der katholischen Kirche

von Guido Horst

Ein Orden mitten in der Welt. Bestehend aus Männern und Frauen, die Seite an Seite dafür arbeiten, Elend und Not in dieser Welt zu lindern. Die meisten von ihnen sind verheiratet, haben Familie und einen zivilen Beruf. Klingt eigentlich ganz modern. So als hätte das Zweite Vatikanische Konzil der Kirche ganz neue Formen des katholischen Ordenslebens geschenkt. Doch weit gefehlt. Die Rede ist von den Maltesern, dem „Souveränen Ritter- und Hospitalorden vom heiligen Johannes zu Jerusalem von Rhodos und von Malta”. Eine Gemeinschaft gottesfürchtiger Ritter, die aus dem tiefsten Mittelalter stammt. „Wie ein Dinosaurier“ habe sich der Orden durch die Geschichte bis in die heutige Zeit bewegt. Sagt Erich Prinz Lobkowicz. Er muss es wissen. Er ist der Präsident der deutschen Assoziation der Malteser.
Der Prinz empfängt uns auf Schloss Maxlrain. Mit seinen vier von Zwiebeldächern gekrönten Ecktürmen, dem hohen, roten Dach und der hellen Renaissancefassade erhebt sich der Sitz der Familie Lobkowicz über den grünen Wiesen, Feldern und Wäldern Oberbayerns wie ein Märchenschloss. Wie es sich gehört, zieren alte Gemälde und Ritterrüstungen das auslandende Foyer, doch Blickfang ist ein ausgestopfter Bär. Wer die Granden der Malteser aufsucht, der bekommt es mit dem Adel zu tun. Auch darüber reden wir. Doch zunächst geht es um etwas anderes.
Der Malteserorden erlebt seit einigen Jahren einen mächtigen Auftrieb. Die Zahl der Mitglieder ist auf 13.500 Ritter und Damen angestiegen. Nur etwa siebzig von ihnen, verstreut über die ganze Welt, leben nach den evangelischen Räten, das heißt ehelos, gehorsam und arm. Professritter nennen sie sich, und natürlich ist der Engländer Matthew Festing, der seit 2008 an der Spitze des Ordens steht, einer von ihnen. „Seine Hoheit und Eminenz, Fürst und Großmeister Fra’ Matthew Festing“ lautet sein offizieller Titel. Die allermeisten Herren und Damen im Ritterorden der Malteser sind jedoch verheiratet und gehen einer zivilen Arbeit nach, leben als Gleiche unter Gleichen. In den gewöhnlichen Umständen des Alltags geschieht das, was jedes Ordensmitglied bei der Aufnahme versprechen muss und was Prinz Lobkowicz im Gespräch sehr wichtig ist: die Heiligung des eigenen Lebens, der Familie und des persönlichen Umfelds.
Ein Sprung über die Alpen in den Süden, mitten ins Herz von Rom: Eigentlich kennt es jeder, der sich die Sehenswürdigkeiten der Ewigen Stadt erlaufen hat: das Schlüsselloch auf dem Aventin, das wohl berühmteste Schlüsselloch Roms – wenn nicht sogar der ganzen Welt. Man hat die uralte Basilika Santa Sabina bestaunt, mit ihrem im Jahr 432 geschaffenen Eingangsportal aus Zypressenholz, auf dem die älteste Kreuzigungsdarstellung zu sehen ist. Man ist über das Gelände des Kollegs von San Anselmo gestreift, dem Sitz des Abtprimas der benediktinischen Konföderation. Die Kirche ist kein Highlight, aber im Klosterladen kann man Tinkturen und Kräuterextrakte gegen alle möglichen Gebrechen erwerben. Und dann steht man, auf der anderen Seite des kleinen Platzes vor San Anselmo, vor einen hölzernen, grün schimmernden Tor, vor dem schon eine Schlange von Japanerinnen und Japanern wartet, von denen jeder Einzelne durch jenes Schlüsselloch schaut, das den Blick – von den Pflanzen einer Hecke wunderschön umrahmt – genau auf die Kuppel des Petersdoms freigibt. Die wenigsten nehmen zur Kenntnis, was sich hinter der Mauer und dem grünen Holztor mit seinem Schlüsselloch verbirgt: Die Villa Malta, auch Magistralvilla genannt, der Sitz des Malteserordens.
Der Blick durch das Schlüsselloch lässt den Sitz des souveränen Ordens und die Kuppel des Petersdoms auf gleicher Höhe über der Ewigen Stadt schweben, so als stellten sie die Endpunkte einer imaginären Achse dar. „Wir verstehen uns als einen ganz starken Arm der Kirche und sind dem Heiligen Vater sehr nah”, hatte uns Prinz Lobkowicz gesagt. Zwar im Heiligen Land geboren, gehört die Nähe zu den Päpsten dennoch zu den Genen der Malteser. Heute verbindet eine zusätzliche Gemeinsamkeit Vatikan und Orden: Beide haben ihr „Land“ verloren. Die römische Kirche den Kirchenstaat, nur mehr die Vatikanstadt ist den Päpsten als Heimstatt geblieben; die Malteser die Insel, die ihnen den heutigen Namen gab. Kampflos übergaben sie Malta 1798 den Truppen Napoleons, da es ihnen ihre Ordensregel verbietet, gegen Christen das Schwert zu erheben. Für beide – Malteser wie Vatikan – auch eine Art „Entweltlichung“, die, wie Benedikt XVI. 2011 in seiner berühmten Freiburger Konzerthaus-Ansprache, „das missionarische Zeugnis“ klarer zu Tage treten lässt. „Sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches“, so der deutsche Papst, „bedeuteten nämlich jedes Mal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt. Damit teilt sie das Schicksal des Stammes Levi, der nach dem Bericht des Alten Testamentes als einziger Stamm in Israel kein eigenes Erbland besaß, sondern allein Gott selbst, sein Wort und seine Zeichen als seinen Losanteil gezogen hatte.“ Was Papst Benedikt mit Blick auf die Entweltlichung der Kirche sagte, hätte er auch mit Blick auf die Entweltlichung der Malteser mit ihrer Vertreibung aus Malta sagen können.
Die Zeit der Heimatlosigkeit endete 1834, als Rom der Sitz des Ordens wurde: Im Magistralpalst in der Via dei Condotti, der bis dahin als Gesandtschaft der Malteser beim Heiligen Stuhl gedient hatte, und in der Magistralvilla auf dem Aventin, die – ganz ursprünglich einmal benediktinischer Besitz – dem Orden der Templer bis zu deren Untergang gehörte. Übrigens das einzige Bauwerk des genialen Kupferstechers Giovanni Battista Piranesi schließt sich an die Gärten der Villa an: Die Kirche Santa Maria del Priorato.
Der Orden nutzt die Villa Malta für feierliche Empfänge und die „großen Akte“ des Ordenslebens: Hier hat der Große Staatsrat der Malteser Matthew Festing zum 79. Großmeister gewählt, hier tagte auch am 31. Mai dieses Jahres das Generalkapitel des Malteserordens, das Albrecht Freiherr von Boeselager zum Großkanzler wählte, nachdem dieser schon, beginnend 1989, fünf Amtszeiten als Großhospitalier in der römischen Ordensleitung hinter sich gebracht hatte, eine Zeit, in der er für die Werke der Malteser in aller Welt zuständig war. Jetzt kümmert sich der Baron um die internen Angelegenheiten des Ordens und dessen auswärtigen Beziehungen. Wir treffen ihn im Magistralpalast der Malteser in der Via dei Condotti, der genau wie die Magistralvilla auf dem Aventin unter dem Schutz der Exterritorialität steht. Nicht Chrom, Stahl und Glas blinken hier. Der Palazzo aus dem siebzehnten Jahrhundert liegt in der elegantesten Einkaufsstraße Roms, deren Name, „Straße der Rohre (condotti)“ nicht ganz so edel klingt. In der Antike verliefen hier die Wasserrohre der „Aqua Vergine“, des „jungfräulichen Acquädukts“. Wie die meisten Häuser in dieser Gegend wurde auch der Palast im neunzehnten Jahrhundert um weitere Stockwerke erhöht. Aus dieser Zeit stammen auch zahlreiche Elemente der Inneneinrichtung des Gebäudes.
Baron Boeselager ist ein nüchterner Mann. Darauf angesprochen, dass der Orden wie der Vatikan zwar über kein ausgedehntes Territorium verfügt, dafür aber als anerkanntes völkerrechtliches Subjekt eine gut funktionierende Diplomatie und Botschafter in über hundert Staaten, reagiert er bescheiden: „Wir haben natürlich nicht das Gewicht und die Bedeutung des Vatikans.” Aber dennoch: Der diplomatische Status ermöglicht es den Maltesern, etwa in afrikanischen Ländern Hilfsgüter für sehr viele katholische Orden einzuführen. „Das ist eine riesige logistische Organisation und geht eben nur über den diplomatischen Status.“ Auch im ersten Libanon-Krieg spielte das eine Rolle. „Unser Botschafter“, erzählt der Baron, „hat hunderte von Geiseln freiverhandelt. Man hat im Westen nur von den vielen westlichen Geiseln gehört. Es waren aber viel mehr Libanesen, die als Geiseln genommen worden waren.“  
Dass die Arbeit des Ordens bisweilen sehr diskret geschieht, liegt nicht an den Maltesern. Baron Boeselager erzählt ein Beispiel: „In einem zentralafrikanischen Land hat unser Botschafter entdeckt, dass im Zentralgefängnis keine Trennung zwischen Männern und Frauen bestand. Man kann sich vorstellen, was da los war. Die Regierung hat sich einerseits nicht sonderlich darum gekümmert, andererseits war sie doch peinlich berührt über diese Zustände und hat deswegen auch das Rote Kreuz nicht hereingelassen. Unser Botschafter ist zur Regierung gegangen und hat gesagt, erlauben Sie uns, etwas zu tun, wir garantieren Ihnen, dass keiner etwas erfährt. Er hat dann mitten durch das Gefängnis eine Mauer gebaut, Männer und Frauen getrennt und noch eine kleine Klinik hineingebaut.“ Bei allen Sofortmaßnahmen in Krisengebieten, wie zurzeit in Erbil im Norden des Irak, in Syrien, Uganda, im Südsudan, Kongo und in Zentralafrika, was im Rampenlicht der Öffentlichkeit geschieht, besteht der Großteil des humanitären Engagement des Malteserordens und seiner Hilfsdienste in stetiger Arbeit: In Heimen, Hospitäler, Schulen und so weiter.
Der Baron kam 1949 als Sohn von Philipp von Boeselager auf die Welt, einem der wenigen überlebenden Verschwörer des 20. Juli 1944. Als Malteser hat Philipp von Boeselager in Deutschland die Lourdes-Krankenwallfahrten des Ordens aufgebaut (siehe Seite 22 dieses Heftes). Grund genug, den Sohn nach der Bedeutung des Marienwallfahrtsorts in den Pyrenäen für den Orden von heute zu fragen. „Lourdes hat eine ganz zentrale Bedeutung für den Malteserorden, die in ihrem ganzen Umfang gar nicht beschrieben, sondern nur erlebt werden kann“, meint der Baron. „Zum einen ist es der jährliche internationale Treffpunkt des Ordens. Es kommen ungefähr achttausend Mitglieder und Helfer zusammen, mit zwölfhundert Kranken aus allen Kontinenten. Und es ist der Ort, wo die Mitglieder den Orden und sich selbst in der Tätigkeit des Ordens am besten erfahren. Es ist der Punkt, wo beide Seiten des Charismas, die Bezeugung des Glaubens und die Hilfe für die Bedürftigen, untrennbar zusammenkommen. Das ist etwas, was man eigentlich nicht beschreiben, sondern wo man nur sagen kann: Kommt und seht.“
Dass immer mehr kommen und sehen möchten, zeigt im deutschsprachigen Raum die „Gemeinschaft junger Malteser von der heiligen Elisabeth“, kurz GjM genannt. Noch vor Jahren war dies eine kleine, etwa ein Dutzend Leute umfassende  Jugendkommission bei der deutschen Assoziation des Malteserordens. Inzwischen ist die Gemeinschaft auf hundert Mitglieder angewachsen, die nach dem Charisma des Ordens leben möchten und dies bei der Aufnahme auch feierlich versprechen. Eine Frucht dieser jungen Form maltesischen Lebens ist das Libanon-Projekt. In den neunziger Jahren hatte der Hilferuf eines libanesischen Abtes den jungen Freiherrn Franziskus Heereman erreicht. Es ging um Behinderte und 1997 fuhr der Student nach Beirut, wo ihn der Besuch des größten Heims für Behinderte zutiefst erschütterte. Inzwischen nutzen junge Malteser und weitere Freiwillige jedes Jahr die Sommerzeit, um Camps für Behinderte in den Bergen bei Beirut zu organisieren. Wer uns das alles erzählt, ist Clemens Graf von Mirbach-Harff, der Leiter des Libanon-Projekts.
Trotz der politischen Unruhen im Nahen und Mittleren Osten waren es im vergangenen August wieder zwei gut dreißigköpfige Teams von jungen Leuten, die, begleitet von einem Koch, Ärzten und einem Priester, hintereinander jeweils drei Ferienlager für Menschen mit geistig und körperlich schwer behinderten Menschen veranstaltet haben. Der Ablauf der insgesamt sechs Camps im Libanon ist genau geregelt: Drei Tage wird das Lager vorbereitet, für fünf Tage kommen dann dreißig bis vierzig „Schützlinge“, zwei Tage wird schließlich aufgeräumt. Für die Kranken und Behinderten ist es nur eine kurze Zeit. Aber die Zuwendung, die sie in diesen Tagen erfahren, kann ihrem Leben eine neue Richtung geben. Doch dasselbe gilt auch für die Betreuer. Auch sie verändern sich. „Die Gucci-Sonnenbrille zählt nach drei Tagen im Camp nicht mehr“, meint Mirbach lächelnd.
Nach dem Wirtschaftsstudium hat der Graf den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern übernommen. Bei ihm, auf Gut Ingenfeld in der Nähe von Grevenbroich, endet unsere kleine Reise durch die Welt der Malteser. Beim Gang durch die Räume des Gutshofs zeigt der junge Graf auf die Gemälde der Ahnen vergangener Jahrhunderte: Viele der Mirbachs haben das achtspitzige Kreuz der Malteser im Familienwappen. Als Ritterorden waren es viele Adelsfamilien, die den „Dinosaurier“ Malteser bis in die Gegenwart getragen haben.
Bei der Überarbeitung der Verfassung und des Codex des Ordens hat dessen Generalkapitel 1997 den zweiten Stand der Malteser, den der Oboedienzritter, für Damen und für Mitglieder geöffnet, die nicht aus der Aristokratie stammen. In Deutschland galt der relativ homogene, katholische und loyal zur Kirche stehende Adel lange Zeit als natürliches Reservoir für den Ordensnachwuchs. „Aber dass es ein natürliches Reservoire gibt, heißt ja nicht, dass der Nachwuchs auf dieses Reservoir beschränkt ist“, hatte uns Baron Boeselager in der Via dei Condotti gesagt. Heute jedenfalls steht der Orden allen offen, die sich vom Ideal der Gemeinschaft angezogen fühlen. „Die Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft sind grundsätzlich für alle gleich“, so Boeselager. „Wir erwarten, dass sich jemand aktiv in den Werken des Ordens eingesetzt und dort bewährt hat. Dann kann er von Mitgliedern vorgeschlagen werden.“ Die Malteser haben ein Zukunft.

 

 

„Die Wurzel: Das Elend dieser Welt“

Ein Gespräch mit Erich Prinz von Lobkowicz, dem Präsidenten der deutschen
Assoziation des Ordens, über die Geschichte und die heutige Mission der Malteser

von Guido Horst

Präsident der deutschen Assoziation des Malteserordens zu sein, ist sicherlich etwas anderes, als den Bundesvorsitz des Deutschen Alpenvereins zu führen. Wie erleben Sie das ganz persönlich, den Gliederungen eines religiösen Ordens in Deutschland vorzustehen?
Wir haben zwei Gliederungen des Ordens in Deutschland, das Subprioriat, wo sich die Oboedienzritter und -damen versammeln – und die Assoziation. Der Präsident steht der Assoziation vor. Das ist eine besondere Art von Aufgabe, weil es sich tatsächlich um einen religiösen Orden handelt, so dass der Präsident nie nur um die vereinsmäßige Organisation seiner Mitglieder besorgt sein muss, sondern auch um ihr geistig-geistliches Fortkommen. Das ist eine besonders schöne Aufgabe, die aber sicherlich nicht unvorbereitet angegangen werden kann.

Was meinen Sie hier mit „nicht unvorbereitet“?
Beim Eintritt in unseren Orden sind wir meist von unseren Familien katholisch geprägte Durchschnittskatholiken. Im Verlaufe unserer Ordensmitgliedschaft beschreiten wir, wenn es gelingt, einen geistlichen Weg, der uns dann nach einigen Jahren oder Jahrzehnten formt und prägt, auch als Gemeinschaft. An diesem Punkte sind Ordensmitglieder dann geeignet für Ämter im Orden.

Wer steht in Deutschland den Oboedienzrittern und -damen vor?
Unserem Subpriorat steht als Regent Johannes Freiherr Heereman von Zuydtwyck vor, dem ein eigener Rat des Subpriorates zur Seite steht.

In welchem Verhältnis stehen Sie zum Regenten?
In der Ordens-Hierarchie steht der Regent über dem Präsidenten und funktional ist es so, dass der Präsident für alle Mitglieder und alle Werke zuständig ist und der Regent für das geistliche Leben im Subpriorat.

Was hat Sie persönlich am Malteserorden angezogen, was hat Sie bewegt, sich ihm anzuschließen?
Ein sehr geliebter Onkel lud mich ein, dem Orden beizutreten. In manchen Familien hat die Mitgliedschaft im Orden eine lange Tradition. Mir persönlich hat sich der Orden als geistliche Heimat erst über die Jahre erschlossen.

Was sind die Augenblicke, in denen Sie wirklich glücklich sind, Malteser zu sein?
Am Aufnahmewochenende dazustehen und in die frischen Gesichter von 20, 25 jungen Leuten zu schauen, die sich bewusst entschieden haben, im Orden einen Weg zu gehen, das ist einer der frohsten Momente im Jahr. Ein weiterer Bereich der wirklich tiefen Befriedigung ist der, wenn wir Begegnungen haben mit den Leuten, denen wir helfen dürfen. Seien es Alte, Kranke, Leute, die aus ihren Häusern vertrieben worden sind. Das sind Momente, in denen wir erleben, dass es ein großes Geschenk ist, in einem Orden zu sein dürfen, der das Helfen zu seiner Aufgabe gemacht hat.

Der Malteser-Orden hat eigentlich immer dramatische Entwicklungen verkraften müssen. In der Neuzeit waren das auf deutschem Boden unter anderem die Reformation mit der Abspaltung der Balley (Ordensprovinz) Brandenburg, das heißt der Johanniter, die Säkularisation – und das nach der Vertreibung des Ordens von der Insel Malta durch Napoleon –, sowie die beiden Weltkriege, die Vereinigung der beiden Zweige der schlesischen und der rheinisch-westfälischen Malteser-Ritter. Was hat dem Orden geholfen, diese Wechselfälle der Geschichte zu überleben?
Unser Gründer hat den schönen Satz geprägt: Unsere Gemeinschaft wird von Dauer sein, weil der Boden, auf dem sie ruht, das Elend dieser Welt ist und da es, so Gott will, immer Menschen geben wird, die dieses Elend lindern und den Menschen helfen wollen. Es war tatsächlich dieses Charisma unseres Ordens, das ihn über alle Wechselfälle der Geschichte lebendig und vital gehalten hat.

Nach diesen Wechselfällen kam dann im vergangenen Jahrhundert etwas Neues: Lourdes, das heute aus dem Bild des Ordens nicht mehr wegzudenken ist. Welche Bedeutung haben die Krankenpilgerzüge nach Lourdes für die Malteser von heute?
In Lourdes pflegt der Orden selber. Die Ordensmitglieder, die sonst oft damit befasst sind, zu organisieren, Menschen zu führen, Nöte technisch in den Griff zu bekommen, dürfen dort auch persönlich pflegen. Natürlich gibt es auch bei uns Pflegefälle in der Familie oder Hilfe im Pflegeheim. Aber Lourdes ist ein Erlebnis des gelebten Ordenscharismas in Gemeinschaft und deswegen für uns sehr wichtig.

Aber nochmals zurück ins Mittelalter, in die Gründungszeit des Ordens. Auch ein seliger Bruder Gerhard, auf den die Malteser zurückgehen, fiel nicht vom Himmel. Was war damals, Ende des elften Jahrhunderts, der Nährboden, aus dem der Orden erwachsen ist?
Diese Entstehungsgeschichte ist relativ gut erforscht. Die pflegende Gemeinschaft der Kaufleute aus Amalfi, deren Vorsteher der selige Gerhard war, wirkte ja schon vor dem ersten Kreuzzug in Jerusalem. Was die Blüte des europäischen Adels dazu gebracht hat, sich dem Orden anzuschließen, waren das sprachlose Entsetzen und die Schuldgefühle über das Gemetzel der Kreuzzüge, besonders der Eroberung Jerusalems. Die Ritter waren aufgebrochen, um Christus zu dienen und die Heiligen Stätten zu befreien, und fanden sich wieder knietief in blutigem Schlachtengetümmel. Die Religiösen und Sensiblen aus dieser Ritterschaft wurden daraufhin Mitglieder des Ordens vom heiligen Johannes zum Hospital in Jerusalem.

In Rom spricht man fleißig heilig, das geht auch unter Franziskus weiter.  Man denke an Johannes XXIII. oder Johannes Paul II. Warum ist Gerhard „nur“ ein Seliger? Es genügte ein Dekret des Papstes, um ihn zum Heiligen zu machen...
Die Unterscheidung in Selige und Heilige ist ein Beschluss des Konzils von Trient, zur Ausweitung der Verehrung regionaler Heiliger. Bei den alten Heiligen gibt es keinen Unterschied zwischen selig und heilig. In unserem Ordensgebet heißt es etwa auch: die selige Jungfrau Maria vom Berge Philermos. Auch die Mutter Gottes ist selig und somit befindet sich der selige Gerhard dort in guter Gesellschaft.

Der ursprüngliche Auftrag der Malteser-Ritter – tuitio fidei et obsequium pauperum – steht heute wieder ganz im Mittelpunkt des Ordens. Die Sorge für die Bedürftigen erkennen wir heute in den internationalen Einsätzen, den Werken und Hilfsdiensten der Maltester. Wie sieht es aus mit der Bewahrung des Glaubens? Was tut der Orden da?
Da ist zunächst ein weiterer lateinischer Spruch hervorzuholen, nämlich verba docent exempla trahunt. Indem die Malteser die Liebe Christi zu den Menschen vorleben, schützen sie den Glauben und machen ihn plastisch, für die Menschen anfassbar. Des Weiteren betreibt der Orden inzwischen in vielen Teilen der Welt Schulen. Denn dort, wo die jungen Menschen nicht mehr früh und auf sympathische Weise in Kontakt mit dem Christentum kommen, wird das Christentum sterben. Ein weiterer Punkt: Es geht auch und zunächst um die Heiligung der Ordensmitglieder selbst und ihrer Familien und des Umfeldes. Und dafür wird auf breiter Basis Jugend- und Glaubensarbeit betrieben.

Eng ist das Verhältnis des Malteserordens zu den Päpsten. Man erhielt Schutz und Privilegien aus Rom, es gab aber auch Bedrängnisse. Wie hält man es heute mit dem Vatikan? Sucht man das völlige Einvernehmen, wahrt aber auch ein wenig Distanz?
Wir suchen keine Distanz. Wir verstehen uns als einen ganz starken Arm der Kirche und sind dem Heiligen Vater sehr nah. Der Vatikan verwendet unser diplomatisches Netzwerk und unser social network gerne zur Erfüllung von Aufgaben, die im beiderseitigen Interesse liegen.

Der Boden, auf dem der Orden wurzelt, so hat der Gründer, Bruder Gerhard gesagt, ist das Elend dieser Welt. Klingt nach Papst Franziskus, der oft von den Randgebieten der menschlichen Existenz spricht und dort auch hingeht. Wie stehen Sie persönlich zum jetzigen Papst?
Mein Verhältnis zu Franziskus ist sprachlose Bewunderung, wie feinfühlig er unsere Zeit trifft und die ewige Botschaft des Christentums befreit von Spinnweben und Belastungen, die die Strahlkraft dieser Botschaft eingeschränkt haben.

Warum gibt es bei den Maltesern nur noch so wenige Profess-Ritter?
Das hat eine Vielzahl von Gründen. Aber man muss sagen, dass wir heute weltweit mehr Profess-Ritter haben als zu irgendeiner Zeit seit der Vertreibung des Ordens von Malta. Im frühen neunzehnten Jahrhunderts waren es zwölf, dreizehn, vierzehn, im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts dann fünfundzwanzig oder dreißig. Jetzt gehen wir in Richtung siebzig. Das ist schon eine hohe Zahl. Die Frage, die Sie vielleicht auch stellen wollen, ist die, wie ein Orden mit dreizehntausend Mitgliedern nur siebzig Mitglieder haben kann, die streng nach den evangelischen Räten leben. Das mag auch daran liegen, dass für die Aufgaben, die unser Orden in der Welt wahrnimmt, verheiratete Familienvorstände, Väter und Mütter, ideal geeignet sind.

Was heißt das heute, dass der Orden im Elend der Welt wurzeln muss? Wie man hier, auf Schloss Maxlrain sieht, leben Sie nun sicherlich nicht im Elend dieser Welt. Wie verwirklichen Sie für sich diese Grundregel des Ordens?
Die Aufgabe des Ordens wurzelt im Elend dieser Welt, und zwar in dem Sinne, dass der Orden dazu berufen ist, dieses Elend zu erleichtern, abzubauen und erträglicher zu machen. Das ist unsere Aufgabe in unseren Werken und ganz persönlich. Papst Franziskus hat klargestellt, dass die Hirten nach ihren Schafen riechen sollen. Nach einer Woche in Lourdes ist das wahrscheinlich auch der Fall. Im Gleichnis vom reichen Jüngling des Evangeliums ging der Jüngling traurig weg, denn er hatte ein sehr großes Vermögen. Der Malteserorden ist gewissermaßen das Nadelöhr, durch welches auch Reiche, deren Gut bekanntlich im Winde verweht, eine Hoffnung finden können, in den Himmel zu kommen. Als ein solches Nadelöhr sind wir schon seit vielen Jahrhunderten in Europa und inzwischen in der ganzen Welt sehr wichtig.

Könnten Sie den sehr hohen Anteil an Adligen im Orden erklären? Sind die Malteser ein Elite-Orden?
Es kommt darauf an, was Sie als Elite empfinden. Dass es so viele Adlige sind, hat rein historische Gründe. Viele der Familien – aus dem deutschen Raum etwa Freyberg, Rechberg, Leiningen – waren schon beim ersten Kreuzzug dabei. Es gibt da eine historische Zugehörigkeit. Ein Elite-Orden in dem Sinne, dass es sich immer um Mitglieder der Gesellschaft eher vom oberen als vom unteren Rand handelt, hat auch historische Gründe. Es ist eben ein Ritterorden, ein adliger, militärischer Ritterorden. Ob das heute in unserer Zeit ein gutes Modell ist, darf man sich fragen. Ich glaube, es gibt kaum einen Orden in der katholischen Kirche, der so wächst, dessen Werke so wachsen und der die Nöte der Menschen so gut trifft wie der Malteserorden.

Man könnte meinen, man lebt in apokalyptischen Zeiten. Grausame Christenverfolgung im Irak. Syrien, der Nahe Osten, Chaos in Nordafrika, siehe Libyen. Dauerkrisen in Zentralafrika. Die Welt leidet, leidet der Orden mit?
Am 29. August war ein Ordenstag des Fastens und Gebetes, um durch unser Fasten und Beten die Christen im Irak zu stützen. Und in Verfolgung seines Auftrages ist der Orden jetzt schon im Norden des Iraks auf verschiedensten Wegen tätig, mit Hilfslieferungen, medizinische Betreuung, Wasseraufbereitung, Unterkünften und so weiter. Unsere Art mitzuleiden war immer, mitzuhelfen. Es gibt fast keinen Brennpunkt auf der Welt, an dem der Orden nicht mit Hilfe zugegen ist.

Die Werke der Malteser in Deutschland sind von hervorragenden Hilfsdiensten anderer Träger umgeben. Wie versuchen Sie, das Proprium des Ordens in den Werken sichtbar zu machen?
Zunächst einmal kann man nicht katholisch operieren oder evangelisch oder säkular, sondern nur gut oder schlecht. Das ist uns bewusst. Aber was wir wollen, ist, dass es in jeder unserer Einrichtungen einen betenden Kern gibt, einen Lavakern katholischen Lebens, und unsere Erfahrung ist, dass das auf das Wunderbarste in die Werke hinein ausstrahlt. Früher neigte man auch seitens der Pfarrer in Deutschland dazu zu sagen: Ja, aber gute Katholiken gibt es doch auch beim Roten Kreuz und bei den Arbeiter-Samaritern. Das ist ganz gewiss der Fall, wir freuen uns mit denen auch darüber. Gleichzeitig ist es so, dass es bei uns zum engeren Ziel der Organisation gehört, das Glaubensleben unserer Mitarbeiter zu fördern und in unserem Handeln sichtbar zu machen.

Außer Spenden: Was kann man tun, um die Arbeit der Malteser zu unterstützen?
Wir haben in Deutschland über siebzigtausend Ehrenamtliche. Wer die Arbeit der Malteser in Deutschland unterstützen möchte, kann bei uns als Ehrenamtlicher in einer Vielzahl von Feldern mitarbeiten. Wir suchen immer Ehrenamtliche. Es gibt Bereiche, für die eine besondere Ausbildung notwendig ist. Es gibt aber auch Bereiche, wie den Besuchsdienst oder den Begleitdienst, die sehr schnell zugänglich sind. Natürlich sind wir auch auf Spenden angewiesen. Wir haben in Deutschland eine Million Fördermitglieder, ohne diese könnten wir unsere Aufgabe nicht erfüllen.

 

 

Artikel kostenlos als PDF herunterladen