VATICAN-magazin

Volto Santo

Aus der Zeit gefallen

Im dritten Jahrtausend das Vera Icon malen

„Das Volto Santo ist die Ikone eines erweiterten Kunstbegriffes. Es ist wahrhaft göttliche Kunst.“ Zu diesem Schluss kommt der Kölner Künstler Ulrich Moskopp, nachdem er sich mit dem der Vera Icon auseinandergesetzt hat. Hier berichtet er über seine Erfahrungen.

von Ulrich Moskopp

Foto: Ulrich Moskopp
„Auf einmal schaute ER, mit meinen Farben und Händen erzeugt, mich an, Dank der unfassbaren Qualität der Vorlage“

Seit 2006 begleitet mich das Volto Santo von Manoppello, wie es genannt wird. Ich nenne es mittlerweile anders, da ich mich zu seiner Echtheit, Wahrheit und Tiefe auch namentlich bekennen möchte, wie ich mich auch im Leben, zum Namen Christi bekenne. Ich nenne das Volto Santo nun das Vera Icon. Das wahre Bild. Eingefasst in seinen Silberrahmen, zwischen zwei Glasplatten, durchsichtig schimmernd, im Licht prismatisch das Antlitz des soeben aus dem Tod Auferstandenen erzeugend, ist es das Bild der Bilder Christi, für das es kein anderes Vorbild gibt als IHN selbst.

Soweit, so gut, nur, die sogenannte Kunstwelt, die sogenannte zeitgenössische Hochkultur, nimmt keine Notiz von diesem Wunder in Manoppello. Es wird nicht ernstgenommen, es wird nicht wahrgenommen, es wird verkannt - ein Kollege, ein zeitgenössischer, sogenannter „radikaler Farbmaler“, nannte es mir gegenüber einmal einen „Eierkopf“. Eine renommierte Galeristin meinte zu mir: „Der schaut an mir vorbei“, Hans Belting, ein bedeutender Kunsthistoriker, sagte: „Ich bin nicht nach Manoppello gefahren, habe es nie im Original gesehen. Ich hätte Angst, nicht weiter über Ikonen schreiben zu können.“ (Was ja auch wiederum eine gewisse Anerkennung beinhaltet). Ich selbst hatte, als ich es in einer Reproduktion, 2006, das allererste Mal sah, ein minimales gedankliches Flackern verspürt: „Zweite Reihe, 15. Jahrhundert, ungelenk“, dachte ich unterschwellig, zweifelnd, einen Moment lang, während gleichzeitig, das Bild sofort, den Zweifel auflösend, zu mir sprach und begann, mich, permanent in Bewegung, sich verändernd, anzuschauen. Danach habe ich an diesem Bild nicht wieder gezweifelt und als ich es endlich im Original in Manoppello sah, war er es selbst, der Christus, der liebste und tiefste Freund, den ich mir denken kann, der mich lieber, tiefer und freundlicher ansah, als ich es vermag zurück zu schauen.

Dieser Effekt, dass ein Bild mehr den Augenblick bannt, als seine malerische Qualität leisten kann, hatte ich schon so manches Mal erlebt; vor den Lebensstufen von Caspar David Friedrich, vor Jan Vermeers Ansicht von Delft, vor den Fenstern von Chartres, war es mir, als sähe ich nicht nur gute Malerei oder Kunst, sondern als transportiere das Bild mich in die Ewigkeit, die im Augenblick ruht. Doch das Volto Santo in Manoppello ist anders und unendlich viel mehr. Es ist nicht die Gestaltungsgenialität, welche mich hier in einen ewigen Augenblick befördert, wie bei Friedrich oder Vermeer, sondern es war Gott selbst, der als Mensch von Angesicht zu Angesicht zu mir spricht, mich ansieht und dies in einer vollkommen malerischen Art und Weise. Das Volto Santo ist die Ikone eines erweiterten Kunstbegriffes. Es ist wahrhaft göttliche Kunst.

Danach beschloss ich, neben meiner Tätigkeit als Maler, das Volto Santo in einer Videoinstallation einzusetzen, um es auch in der sogenannten Kunstwelt wahrnehmbar zu machen. Es gelang mir zwischen 2007 und 2009, an sieben Orten, die Volto Santo Installation betitelte Video-Sound-Raum-Intervention zu realisieren: In einer Münchener Kunstgalerie, in der Krypta von St. Gereon in Köln, in der vollkommen, eigens für die Installation, leergeräumten, ausschließlich in der Dunkelheit geöffneten St. Paulus Kirche in Düsseldorf, der Krypta des Quirinus-Münsters in Neuss, der Katholischen Akademie in Bayern, der Kunsthalle Erfurt und dem Gartenhaus der Kunstakademie München. Zahlreiche Menschen konnte ich erreichen und mehr noch: Wenn ich den teilweise erschütternden, zutiefst herzlichen Kommentaren in den Büchern, die in den Installationen auslagen, glauben darf, habe ich mit der Volto Santo Installation tatsächlich Christus vielen Besuchern in einer völlig neuen Form gegenwärtig werden lassen können. Die Akzeptanz und Resonanz der Installation in der Kunstwelt fiel jedoch bescheiden aus.

So widmete ich mich wieder, wie mein ganzes Leben schon, dem Malen selbst. Ich fuhr 2010 nach Turin und sah das erste Mal das Leichentuch, das ich für das reinste und tiefste Zeugnis des Todes Jesu halte und das schon einen Vorschein des auferstehenden Christus wunderhaft in sich trägt. Dann, 5 Tage nach meiner Rückkunft aus Turin, wurde unser erster Sohn, Luc, geboren. Ich war endlich, mit 48 Jahren, Vater und damit begann ein neues Leben und Licht für mich.

Zusehends bemerkte ich, dass ich einem in meinen Augen vormals verpönten Verfahren Zulass zu meinem Wirken als Maler verschaffen sollte, das es mir ermöglichte, Abstände und Details genauer zu messen und zu zeichnen, als es in der Betrachtung mit dem bloßen Auge vor dem Gegenstand möglich ist. Ich (wieder-)entdeckte die Fotografie als Hilfsmittel der Malerei. So begann ich die Vorzeichnung mittels eines Beamers auf den Bildtträger zu projizieren.Als ich dieses Verfahren aber nun auf das Volto Santo anwandte, schaute auf einmal, mit meinen Farben und Händen erzeugt, ER mich an, nicht zuletzt Dank der unfassbaren Qualität der Vorlage! Die Durchsichtigkeit, das Wunderhafte der Stofflichkeit des Tuches in Manoppello aber kann man selbstverständlich dabei nicht übertragen. Kein Mensch erreicht annähernd eine solche Materialität, wie sie in dem perlmutten schimmernden durchsichtigen Gewebe des Volto Santo zu beobachten ist.

Foto: Ulrich Moskopp
Ulrich Moskopps Vera Icon in der Theophanu-Kapelle von Sankt Pantaleon in Köln. Theophaneia heißt Gotteserscheinung.

Außerdem beobachtete ich, dass ein Laserdruck, ein Hologramm oder andere fotografischen Techniken, zwar eine getreue Wiedergabe des Blickens des Dargestellten erzeugen, jedoch in ihrer Materialität kalt, technisch und reproduzierbar blieben. Wie anders aber ist eine sinnlich, schimmernd-schmelzige, handgefertigte, über Monate aufgebaute Harzöllasur! In meinen Augen wie geschaffen, die Tiefe des Gesichtes Christi mit meinen beschränkten Mitteln zu treffen, unter Verwendung der exakten Vorzeichnung durch die fotografische Projektion des Volto Santo.

Dieses fotorealistische Verfahren war den so genannten Meistern der Veronika im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert nicht möglich, da es keine Fotografie des Volto Santo und auch keine Möglichkeit, diese zu projizieren, gab. Sie mussten vom Hörensagen, nach Zeichnungen oder anderen Bildern nach dem Original arbeiten. Sie taten das Beste, was man unter solchen Gegebenheiten tun kann und abstrahierten von dem Gesicht. Stellten einen Aspekt des Christusbildes heraus und transponierten es, angereichert mit ihrer Gestaltungskraft. So entstanden die großen Christusportraits. Die Züge des Heilandes tragen in der zweitausendjährigen Tradition der Christus-Darstellung eine dem jeweiligen Künstler, beziehungsweise der Zeit geschuldeten Gestaltungswillen, sollten sie auch direkt dem Volto Santo gefolgt sein. Das Antlitz Christi wurde so in der Malerei verschönert (nach Schwester Faustynas Beschreibung), idealisierend-abstrahierend vereinfacht (Pantokratormosaiken in der Hagia Sophia, Christus-Pantokrator-Ikone auf dem Sinai), naturalisiert (Roger van der Weyden, Robert Campin, Jan van Eyck), schematisiert (russische Ikonen) und vieles mehr, folgen aber nicht millimetergetreu der Zeichnung, das heißt den Abständen der Augen, des Mundes zur Nase, zum Mund und so weiter der wahren bildlichen Vorlage, dem Vera Icon, das uns als Volto Santo bekannt ist. Das war bis zur Erfindung der Fotografie und der Möglichkeit diese lichtstark zu projizieren, auch nicht möglich. Mit diesem Mittel aber wird man am stärksten der unfassbaren Anmutung dieses Gesichtes gerecht. Meiner Kenntnis nach wurde noch nie zuvor derart nach dem Volto Santo gemalt.

Der Unterschied des fotorealistischen Gemäldes zu einer Fotografie erschließt sich sofort: Befreit von der technischen, reproduzierbaren Bedingtheit der Fotografie ist das handgemalte, sinnlich präsente, mit einer Oberflächenstruktur und molekularen Energie angereicherte Gemälde ein handgemachtes Einzelwerk und entfaltet eine einmalige Präsens, die der Fotografie, als aus einem maschinellen Prozess hervorgegangenem Objekt, fehlt.

Daher war es notwendig und der Zeitpunkt gekommen, das Bildnis Christi mit den Hilfsmitteln des sogenannten Fotorealismus zu malen. Gerade bei dem Vera Icon macht dieses seit den fünfziger Jahren entwickelte Verfahren einen neuen Sinn. Das Vorbild, das Volto Santo, für das es wiederum nur Christus selbst als Vorbild gibt, wird in seiner Gestaltungsanmutung genau übertragen und nicht transponiert, abstrahiert und umgewandelt, so wie es früher geschehen ist und kann seinen Blick so auf den Betrachter entfalten wie in Manoppello.

Malerei verwandelt Materie in geist-gelenktes Licht. Die Substanz, das woraus etwas besteht, hat ein Motiv, ein prägendes Element, einen Umstand, einen Grund. Das Motiv der Substanz ist Gott. Sein Bild ist das menschliche Antlitz als Christus. Das Vera Icon, vormals das Volto Santo genannt, das heilige Antlitz, ist das wahre Bild Christi. Das von mir hiernach geschaffene Gemälde stellt dieses Bild des Bildes Gottes dar, so wahr, wie es mittlerweile möglich geworden ist. Dieses Verfahren lässt jedoch das Gemälde, VERA ICON, aus der Zeit fallen, in der wir leben. Genau das Aus-der-Zeit-fallen aber ist Kennzeichen einer notwendig gewordenen neuen Besinnung und Bestimmung unserer Kultur, die in ihrem nicht enden wollenden Nachglimmen einstiger Avantgarden, sich im (teilweise trotzdem wunderschönen) Erlöschen befindet.

Das Bild befindet sich mittlerweile in der Taufkapelle von Sankt Pantaleon in Köln. Ein möglicher bleibender Ort könnte in Zukunft die sogenannte Theophanu-Kapelle, ebenda, werden, wobei hier der Name der Kaiserin seine Entsprechung fände: Theophaneia heißt Gotteserscheinung. Ob die „Kunstwelt“ dieses Bild annimmt, ist offen. Einstweilen ist eine Kirche der bessere Ort. Seit Jahrhunderten lernt die Kirche von und durch die Kunst. Nun, zu Beginn des dritten Jahrtausends kann es sich wenden und die „Hochkultur“ kann wieder von Gottes geistigem Haupt, dem Christus lernen, so wie sie es als Hülle, Form und Schmuck des geistigen Leibes, der heiligen Kirche, über Jahrhunderte davor getan hat.


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