VATICAN-magazin

Europa im Sinkflug

Bewusst Europäer sein!

Heimat ist ein mehrschichtiges Wort. Es hat nicht nur mit Herkunft – die für jeden von uns Vorgabe ist – zu tun, sondern auch mit bewusster Beheimatung und willentlicher Entscheidung

von Stephan Baier

Anders als das „Vaterland“ und die „Muttersprache“ ist der Begriff „Heimat“ schillernd, vieldeutig, mehrschichtig. Das macht ihn so sympathisch, denn die Verortung der eigenen Identität in der Eindeutigkeit nötigt uns zum Bekenntnis und führt erwiesenermaßen in Ideologisierungen. Nationalisten lieben solche Uniformierungen, die an Rasse, Sprache oder Boden festgemacht werden. In der Französischen Revolution etwa gab es Pläne zur Ausrottung der Elsässer, weil sie „nicht die republikanische Sprache“ sprachen.

Im zwanzigsten Jahrhundert führten uniformierende Nationalismen zu Bruderkriegen und Weltkriegen, „ethnischen Säuberungen“ und massenmörderischen Vertreibungen. Millionen griechischer und armenischer Christen wurden einst aus Kleinasien vertrieben, Millionen deutschsprachiger Altösterreicher aus Böhmen und Mähren, weil nationalistische Ideologen meinten, ethnisch homogene Räume schaffen zu müssen. Besonders tragisch war die „Option“, die zwei Anbeter von Nation und Rasse, Benito Mussolini und Adolf Hitler, den Südtirolern auferlegten: Sie sollten entweder ihre sprachliche Heimat wählen und die geografische Heimat verlassen – oder die geografische wählen, aber die sprachliche verraten.

Um den Heimat-Begriff zu retten, müssen wir ihn zunächst von geschichtswidrigen ideologischen Nationalismen reinigen. Heimat ist nun einmal vielschichtig. Eine dieser Schichten hat mit Herkunft zu tun. Ich buchstabiere es einmal am eigenen Schicksal durch: 1965 im Osten Bayerns geboren, lernte ich als Kind zu differenzieren, denn meine Eltern und Großeltern waren Heimatvertriebene. „Dahoam“ war für die mütterliche Seite das Egerland, für die väterliche der Böhmerwald – obgleich alle im Bayerischen Wald integriert waren und die autochthonen Oberpfälzer damals nur mehr selten von „d‘ Flichtling“ (den Flüchtlingen) sprachen. Bevor ich zur Schule kam, hatte mir meine böhmische Großmutter das Liedgut von „dahoam“ beigebracht: „Der Kaiser ist ein lieber Mann, er wohnt im schönen Wien…“, und anderes. Heimat als Herkunft: Das ist mir persönlich Bayern durch Geburt, Böhmen und das alte, das größere Österreich durch Abstammung.

Foto: Xpress
Wollte im Himmel ein Chinese sein, der heilige Südtiroler Josef Freinademetz.

Heimat ist aber mehr als Herkunft, nämlich auch Beheimatung. Mir wurde die katholische Kirche solchermaßen Heimat von Kindesbeinen an. Und obwohl man das Latein als Liturgiesprache ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung fahrlässigerweise zur toten Sprache verdammt hat, fühle ich mich beheimatet, wenn ich heute auf Reisen irgendwo in der Welt eine katholische Messe besuche. Ja, gerade dort, wo die katholische Kirche eine marginalisierte oder gar verfolgte Minderheit ist, hatte ich bei Messbesuchen besonders stark das Gefühl, in eine Familie aufgenommen zu werden: etwa im muslimischen Norden Nigerias, bei den katholischen Dalits im hinduistisch bedrängten Odisha-Gebiet oder im Orient. Da ist ein „Wir“, das nicht mit Herkunft, Genen oder Abstammung zu tun hat. Dass ich mich – wie viele Katholiken unterschiedlicher Sprache und Nationalität – in Rom beheimatet fühle, hat mit meinem Lebens- und Glaubensweg zu tun, aber dass ich bei Kurzbesuchen in Baku, in Amman oder in Alexandria erfolgreich auf Heimatsuche gehen konnte, hat mit der Beheimatung in einer globalen Glaubensgemeinschaft zu tun.

Heimat ist aber mehr als Herkunft und Beheimatung, nämlich auch Entscheidung und Wahl: Wer Katholik ist von Kindesbeinen an, der teilt das Heimatrecht in seiner Kirche mit allen Konvertiten. Viele werden als Säuglinge katholisch getauft, entfremden sich dann aber – aus ganz unterschiedlichen Gründen, oft aus tragischen oder traumatisierenden Erlebnissen, mitunter aber höchst banal – ihrer Kirche. Sie werden Fremde und verweigern sich der Beheimatung. Wer dagegen als Erwachsener ganz bewusst zur Taufe schreitet, braucht oft einen längeren Weg der Beheimatung. Die Kirche nennt das Katechumenat. Was für inkulturierte Katholiken in Kirchenjahr und Liturgie oft allzu selbstverständlich ist, muss für sie erst verstehbar gemacht werden.

Wie Entscheidungs-Christen ihr Christsein oft ernster nehmen und gründlicher studieren als viele Kultur-Christen, so geschieht dies mitunter auch bei der geografisch-kulturellen Lebenswahl. So war der heilige Josef Freinademetz ein Südtiroler, der als Missionar nach China aufbrach, die chinesische Kultur bis in die Poren kennen und lieben lernte – um seine geliebten Chinesen zu Christus zu führen. Im Himmel wolle er Chinese sein, ist von diesem Heiligen überliefert. Ähnlich die aus dem Kosovo stammende, in Skopje geborene Albanerin Agnes Gonxha Bojaxhiu: Sie verließ als junge Frau ihre geografische wie ihre sprachliche Heimat, um als Mutter Teresa zum Engel der Armen Kalkuttas zu werden. Als ein indischer Nationalist sie beschimpfte, sie sei ja gar keine echte Inderin, meinte sie schlagfertig: „Ich bin mehr Inderin als Sie. Ich habe mich dafür entschieden, Inderin zu sein. Sie hatten gar keine Wahl.“ Nicht der Zufall der Geburt, sondern eine von Liebe und Berufung getragene Entscheidung hatte sie zur Inderin werden lassen.

Solchermaßen geweitet, von nationalistischen Verengungen und geschichts- wie kulturwidrigen Uniformierungen gereinigt, kann der Heimat-Begriff neuerlich fruchtbar werden: Wir brauchen ihn heute dringend, weil auf dem Boden aller Krisen, die Europa seit vielen Jahren erschüttern und verwirren, die ungelöste Frage nach unserer Identität ruht. Um die politische und gesellschaftliche Gestalt Europas krisenfest zu machen, müssen wir unsere Identitätskrise als Europäer überwinden. Wenn wir wieder lernen, unsere Identität mehrschichtig und plural zu verstehen, können wir schmerzfrei dem dörflichen, regionalen und nationalen Patriotismus einen europäischen hinzufügen. Dann können wir auch die nicht zu übersehenden Schwächen und Konstruktionsmängel der Europäischen Union weniger emotional und pauschalisierend kommentieren, sondern als Handlungsauftrag zur Restaurierung dieser Europäischen Union verstehen. Gerade angesichts der Globalisierung und der Bedrohung des europäischen Lebensstils von außen könnten, ja sollten wir Europa als unsere Heimat verstehen lernen – aus Herkunft, aus Beheimatung und aus Entscheidung.


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