VATICAN-magazin

Editorial

Das Martyrium – im Einzelfall

von Guido Horst

Keine Sorge! Wir bleiben katholisch, und zwar römisch-katholisch. Auch wenn das Koptische seit zwei Nummern prägend unser Heft durchzieht. Im vergangenen Monat mit der Titelgeschichte über die 21 Märtyrer und das Buch dazu von Martin Mosebach. Und diesmal mit einer ausführlichen Dokumentation der geheimnisvollen Erscheinungen Mariens über einer koptischen Kirche im Kairoer Vorort Zeitoun. Doch warum soll man nicht einmal eine katholische Verbeugung vor der koptischen Orthodoxie machen, die sich in harten Jahren als Minderheit in einem weitgehend muslimischen Staat nicht nur ihren Glauben bewahrt hat, sondern seit Jahrzehnten ein unglaubliches Aufblühen erlebt. Unter Kopten-Papst Kyrill VI., einem charismatischen Mönchsvater, der von 1959 bis 1971 die Kirche Ägyptens führte, kam es zu einer Neubesinnung auf die Wurzeln des Glaubens. Der Katechismusunterricht in den Gemeinden wurde neu organisiert, die Jugend, die Ehevorbereitung und die Berufungen gerieten wieder in den Blick und in der Kairoer Müllvorstadt Manshiet Nasr erstand eine gewaltige Höhlenkirche, in der es allein zwanzigtausend Sitzplätze gibt. Seit den fünfziger Jahren einfach in den „Muqattam“ gegraben, in den „Felsen“, den der heilige Sem’an im zehnten Jahrhundert allein durch die Kraft des Gebets in die Höhe gehoben haben soll, um die Muslime von der Wahrheit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Und dann im April 1968 jene Erscheinung Mariens im Licht in Zeitoun, von der dieses Heft berichtet.

Ökumenisch-theoretisch stehen die Dinge zwischen der katholischen und der koptischen Kirche Ägyptens eigentlich ganz gut. Seine erste Auslandsreise führte den frisch gewählten Papst Tawadros II. 2013 nach Rom, wo er mit Papst Franziskus betete. Bereits 1973 hatte es eine vatikanisch-koptische Konsenserklärung gegeben, in der die seit dem Konzil von Chalcedon des Jahres 451 bestehende Uneinigkeit in der Christologie endgültig überwunden wurde. Kopten und Katholiken können gemeinsam das Große Glaubensbekenntnis beten – die Zeiten, in denen man die Kopten als Monophysiten beäugte, sind endgültig vorbei.

Ökumenisch-praktisch könnten die Dinge besser stehen: Die Kopten sind wie man so schön sagt „Wiedertäufer“, katholische Christen in Ägypten, die einen Kopten heiraten möchten, stellen auf einmal mit Erschrecken fest, dass die Hardliner auf der anderen Seite die nochmalige Taufe verlangen, diesmal aber mit dem ganzen Köper unter Wasser. Da muss unser Ökumene-Minister Kurt Kardinal Koch nochmals ran.

Aber wir waren da, wir haben gesehen, wie lebendig die koptische Kirche ist. Wenn sie freitags an dem Tag, an dem die Muslime in die Moscheen strömen, lange Gottesdienste feiern, ihre Babies taufen und die Kinder den Katechismusunterricht erhalten. Sonntags, wenn in Ägypten gearbeitet wird, dürfen sie morgens dagegen nur ganz kurz in die Messe gehen. Auch die vier Klöster im Wadi Natrun, zwischen Kairo und Alexandria, sind voller pulsierendem Leben. Es ist die Wiege des Mönchtums, wo es nach dem vierten Jahrhundert Dutzende von Klöstern gab. Sie verfielen, nur vier blieben übrig, aber auch hier wieder das gleiche Bild: Seit Jahren schon ist der Nachwuchs groß, die Ordensleute müssen bauen, bis über hundert koptische Mönche bewohnen ein Kloster – und finden dennoch Zeit, Besucher und Pilger zu betreuen und zu beköstigen.

Und dann die Blutzeugen. Während die satte katholische Kirche im Westen mit Einzelfall-Lösungen ihre pastorale Praxis aufweicht – Zulassung Wiederverheirateter zu den Sakramenten im Einzelfall, Segnung homosexueller Beziehungen im Einzelfall, die Kommunion für den nichtkatholischen Ehepartner im Einzelfall –, kann die Christusnachfolge für einen koptischen Christen heute das Martyrium bedeuten – im Einzelfall. Doch die Toten bei den Anschlägen auf koptische Kirche oder bei den Hinrichtungen durch islamistische Fanatiker scheinen der Kirche Ägyptens neues Leben eingehaucht zu haben.


Sie lesen die Vorschau

e-paper-abo

Schließen Sie jetzt ein E-Paper-Abo ab, um vollen Zugriff auf alle Artikel zu erhalten

Abonnieren

print + e-paper-abo

Schließen Sie jetzt ein Printabo ab mit E-Paper-Zugriff auf alle Artikel.

Abonnieren

einzelausgabe

Kaufen Sie diese Ausgabe als E-Paper-Einzelheft und bezahlen Sie bequem per PayPal.

kaufen

Sie lesen die Vorschau

abonnieren

Schließen Sie jetzt ein E-Paper-Abo ab, um vollen Zugriff auf alle Artikel zu erhalten

Abonnieren

einloggen

einzelausgabe

Kaufen Sie diese Ausgabe als E-Paper-Einzelheft und bezahlen Sie bequem per PayPal.

kaufen