VATICAN-magazin

Editorial

Das Wendejahr 1978

von Guido Horst

Vor genau vierzig Jahren hat im Vatikan etwas stattgefunden, was einzigartig war. Am 6. August 1978 begann eine Achterbahnfahrt, die mit dem Tod Papst Pauls VI. ihren Anfang nahm, die wahlberechtigten Kardinäle in Rom zu einem der heißesten und stickigsten Konklave der Papstgeschichte versammelte und der Kirche und der Welt das Lächeln eines neuen Papstes schenkte. Dann wieder eine Todesnachricht, wieder ein Konklave und schließlich am 16. Oktober der Mann auf der Loggia des Petersdoms, der Geschichte schreiben sollte. Johannes Paul II. ist heiliggesprochen, Paul VI. wird ihm darin am kommenden 14. Oktober folgen und für Johannes Paul I. begann 2003 der Seligsprechungsprozess, im November 2017 erkannte Papst Franziskus den heroischen Tugendgrad Albino Lucianis an, was ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Ehre der Altäre ist.

Doch nicht nur drei heiligmäßige Päpste in einem Jahr waren das Besondere. 1978 ging als Wendejahr in die Geschichte der Kirche ein. Ab der Veröffentlichung von „Humanae vitae“, mit der 68er-Revolution und der Flucht der Jugend in die Pop-Kultur à la Woodstock hatte im Westen ein Popularitätsverlust der Päpste, Roms und der gesamten Kirche eingesetzt, den der feinnervige Montini-Papst genau registrierte. Dem Glaubensschwund innerhalb der Cattolica setzte Paul VI. 1968 das „Credo des Volkes Gottes“ entgegen – aber es nutzte nichts: Der Papst in Rom wurde nicht mehr so verehrt wie noch Pius XII., der „pastor angelicus“, oder Johannes XXIII., der „gütige Papst“. Sichtbarstes Zeichen: Als auf dem Petersplatz der schlichte Holzsarg mit dem Leichnam Montinis lag, begannen sich ab der Mitte des Kolonnadenrunds die Reihen zu lichten, der Platz war halbleer.

Dann 27 Jahre später. Wieder ein schlichter Holzsarg auf den Stufen zum Sagrado, wieder war ein Papst gestorben. Doch nun hatten sich dreieinhalb Millionen und meist junge Menschen auf den Weg gemacht, um von Johannes Paul II. Abschied zu nehmen. Der Platz vor der Basilika war zum Bersten voll, bis in die Via della Conciliazione drängten sich die Menschen, Massen lagerten weiträumig rund um den Vatikan. Die bewegte Geschichte des Pontifikats von Karol Wojtyla ist bekannt, sie muss hier nicht nacherzählt werden. Aber das Papsttum hat mit ihm eine Popularität wiedererlangt, die 1978 niemand vermutet hätte. Dabei hatte Johannes Paul II. nicht im Geringsten die Hemmschwellen der katholischen Glaubenslehre und Moral gesenkt, um die Kirche wieder attraktiv zu machen und verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Im Gegenteil. Er hatte es gewagt, vor allem für junge Menschen eine Vaterfigur zu sein – etwas, was nicht nur in der Kirche, sondern auch im kulturellen Mainstream der westlichen Gesellschaften fast verdächtig geworden war.

Das „Instrument“ hierfür, das sich zu Anfang des Pontifikats allmählich herausschälte, waren die Weltjugendtage und die vielen Auslandsreisen des Papstes. Und dort erlebten die jungen Menschen einen Vater, der die Richtung wies, der mit einer geistlichen Autorität auftrat und auch etwas forderte, zum Beispiel, den Weg einer religiösen Berufung einzuschlagen. Der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Junge Menschen suchen nicht nach dem Schilfrohr, das sich im Winde biegt, sondern nach jemandem, der Orientierung gibt. Heute, da sich die Austrittszahlen und die Verwässerung der Glaubenslehre nochmals dramatisch zu steigern drohen, versuchen viele Kirchenführer wieder, die Hemmschwellen zu senken, den christlichen Anspruch weichzuspülen und der Kirche die Alleinstellungsmerkmale zu nehmen. Ein verhängnisvoller Fehler. Wenn die Kirche so wird, wie die Welt, wozu braucht man sie dann noch – dann greift man lieber gleich zum Original. Auf die klare Ansage kommt es an. Ioannes Paulus docet.


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