VATICAN-magazin

Geistliche Paare

Der Schlangentöter und die weise Heilerin

Die Legende von Peter und Fevronia: Die heiligen Schutzpatrone der Ehe in der russisch-orthodoxen Kirche

von Barbara Wenz

Foto: Xpress
Die Heiligen Peter und Fevronia sind Patrone der Ehe und Familie und werden seit 2008 in der orthodoxen Kirche mit einem eigenen Festtag geehrt.

Bei jungen Moskauern wird die Wallfahrt ins über dreihundert Kilometer östlich gelegene Murom am Oberlauf des Don und am Fluss Oka immer beliebter. Doch nicht nur bei Hauptstädtern erfährt die Verehrung der orthodoxen Heiligen Peter und Fevronia enormen Zulauf. Denn am 26. März 2008 beschloss die Duma mit absoluter Mehrheit, künftig einen staatlichen Feiertag der „Familie, der Liebe und der Treue“ einzuführen. Und mit diesem Tag eng verknüpft ist die Verehrung der beiden heiligen russischen Schutzpatronen der Ehe – Peter und Fevronia, die im dreizehnten Jahrhundert in Murom gelebt haben sollen und dort, im Kloster der heiligen Dreifaltigkeit, gemeinsam begraben worden sind. Nicht nur ihre Reliquien werden verehrt, wie in der Moskauer Kirche „Kleine Himmelfahrt“, die sich glücklich schätzt, in einer der beiden Heiligen gewidmeten Kapelle Partikel der Überreste zu hüten, sondern Peter und Fevronia genießen auch in der Öffentlichkeit zunehmende Popularität: In Parks und städtischen Anlagen – wie zum Beispiel in Jaroslawl, Irkutsk oder Sankt Petersburg – finden sich ihre Statuen, fast immer hält sich das heilige Paar an der Hand und steht, ganz einander zugewandt, häufig auch unter einem orthodoxen Kreuz.

An dem vor zehn Jahren eingeführten Feiertag spielen aber auch ganz weltliche Attraktionen für Familien und junge oder alte Ehepaare eine Rolle: Mit Festen, Konzerten, Aktionen und Ausstellungen feiert das Land am 8. Juli eine Art Gegenstück zum westlichen Valentinstag. Der 8. Juli ist nach neuem Kalender auch der Festtag von Peter und Fevronia, die nicht als Märtyrer, sondern als heilige Eheleute mit ihrem Glauben, ihrer Liebe und ihrer Treue selbst die Fesseln des Todes überwanden.

Im Städtchen Murom wurden sie schon bald nach ihrem Tode im Jahre 1228 verehrt. Im Zuge eines entscheidenden Feldzuges gegen das von den Tataren beherrschte Kasan soll Iwan der Schreckliche nach Murom gekommen sein, um am Grab der beiden für den für Russland dringend nötigen Sieg zu beten. Er wurde ihm am 2. Oktober 1552 gewährt, die Russen konnten das sie jahrhundertelang bedrückende Tatarenjoch endgültig abschütteln und Zar Iwan ordnete die allrussische Verehrung des heiligen Fürstenpaares an und ließ ihnen in Murom eine Kathedrale errichten.

Vermutlich zu dieser Zeit oder auch kurz darauf schrieb der Mönch Hermolaus-Erasmus die Legende von Peter und Fevronia nieder – sie beruht auf mündlichen Überlieferungen und zählt seither zu einem bedeutenden Dokument der russischen Literaturgeschichte. Ihr Inhalt lässt sich wie folgt zusammenfassen:

Die Stadt Murom wurde einst vom Fürsten Paul regiert, einem guten Herrscher. Doch weil der Teufel gute Menschen am meisten hasst, schickte er eine Schlange in den fürstlichen Palast, um die Gemahlin des Fürsten zu erniedrigen und mit ihr Unzucht zu treiben, wobei die Schlange die Gestalt des Fürsten Paul annahm. Die Fürstin entschloss sich, alles ihrem Mann zu enthüllen, denn sie konnte dies nicht mehr ertragen. Paul hätte die Schlange gerne getötet, aber er wusste nicht wie. So entsann er eine List und riet seiner Frau, das nächste Mal die Schlange, die ja von teuflischer Art und somit allwissend sei, zu befragen, welchen Tod diese einmal sterben werden müsse. In seinem dämonischen Stolz ließ sich der große Schlingenleger von der demütigen Frau eine Falle stellen: Er antwortete ihr, ohne zu bemerken, dass er sich damit selbst preisgab, mit den Worten „Ich werde durch Peters Hand und Agriks Schwert sterben.“

Fürst Paul, der in der Tat einen Bruder namens Peter hatte, ging zu seinem Bruder und beriet sich mit ihm. Peter war daraufhin entschlossen, die Prophezeiung zu erfüllen und die Schlange mit eigener Hand zu töten – nur, er wusste sich keinen Reim auf das „Schwert von Agrik“ zu machen. Also ging er, wie es sonst auch seine gute Gewohnheit war, alleine in eine Kirche, um zu beten.

An diesem Tag verließ er Murom, um ein Kloster außerhalb des Stadtwalls zu besuchen, das Kloster zur heiligen Kreuzerhöhung. Dort begegnete ihm ein junger Mann, der ihn ansprach und fragte, ob er vielleicht das Schwert des Agrik zu sehen wünsche. Aber natürlich, wo ist es denn? – lautete die spontane Antwort Peters und der Jüngling führte ihn tatsächlich zum Altar, wo in einer Nische zwischen den Steinen ein Schwert lag. Peter nahm das Schwert an sich, berichtete seinem Bruder darüber, dass er es gefunden habe, und wartete auf eine Gelegenheit, die Schlange zu töten. Hierfür musste er eine List anwenden, denn die Schlange nahm ja immer, wenn sie zur Fürstin ging, die Gestalt seines Bruders Paul an. Letztlich gelang es ihm aber doch, die Schlange wandelte sich sterbend zu ihrer wahren Gestalt und bespritzte Peter mit ihrem giftigen Blut, der von diesem Moment an mit fürchterlichem Aussatz und zahlreichen Geschwüren bedeckt war.

Die Ärzte in Murom waren ratlos, Fürst Peter wurde immer schwächer und schwächer. Weil er davon gehört hatte, dass in der Region Rjasan – etwa dreihundert Kilometer entfernt von Murom – fähige Ärzte zu finden seien, schickte er seine Untergebenen aus, um dort nach kundigen Heilern zu forschen.

Einer seiner Männer kam in ein Dorf namens Laskowo – der Name bedeutet zu deutsch „Freundlichkeit“, „liebevolle Zuneigung“ –, betrat dort den Hof eines Hauses und begegnete einem jungen Mädchen, das in Rätselworten zu ihm sprach. Von ihm weiter befragt, legte die Maid ihm ihre Worte aus und brachte den Soldaten damit zum Staunen. „Du bist sehr weise!“, sagte er, und fragte nach ihrem Namen. Sie heiße Fevronia, antwortete die Jungfer, woraufhin der Mann ihr seine Mission erklärte. Als sie von der schweren Krankheit des Fürsten erfuhr, beschied sie dem Soldaten: „Der einzige Mensch, der euren Fürsten heilen kann, ist derjenige, der ihn dazu bringen kann, hierher zu kommen.“ „Was sollen diese Worte bedeuten? Sag mir einfach den Namen eines guten Arztes und wo ich ihn finden kann.“

Foto: Xpress
Blick auf die Kathedrale der Dreifaltigkeit im russischen Murom. Der Bau stammt aus dem 18. Jahrhundert.

„Bring den Fürsten zu mir. Wenn er freundlich, demütig und nicht zu stolz ist, meine Fragen zu beantworten, wird er geheilt werden.“

Fürst Peter kam also nach Rjasan, weil er sonst keine Hoffnung mehr hatte, glaubte Fevronia zunächst nicht, dass sie selbst ihn heilen könne – und ließ sich auf ihre Bedingung dafür ein: Wenn es ihr gelänge, müsse er sie zur Frau nehmen. Doch Fevronia ist nur die Tochter eines Holzsammlers, und so denkt der Fürst in Wirklichkeit gar nicht daran, sein Versprechen zu erfüllen, sogar, als er nach einer von ihr angeordneten Prozedur während eines Dampfbads tatsächlich geheilt wird. Zwar schickt er Fevronia Geschenke, doch reist er erleichtert wieder nach Murom zurück. Zuhause bricht die Krankheit erneut aus. Zerknirscht kehrt Peter nach Laskowo und zu Fevronia zurück, sie heilt ihn erneut und diesmal erfüllt er sein Versprechen. Die beiden Eheleute sind treugläubig und sie befolgen die Weisungen Gottes. Besonders Fevronia ist beliebt bei den Armen, denn sie ist gütig und mildtätig, gibt Almosen und Gebet für die Bedürftigen.

So hätten sie in Frieden leben können, wenn nicht Paul gestorben wäre und Peter somit seine Nachfolge als Herrscher von Murom hätte antreten müssen. Denn dies gefiel den Muromer Bojaren und vor allem ihren Bojarinnen nicht: Sie wollten nicht von einer Frau regiert werden, deren Vater ein Holzsammler gewesen war.

Fevronia wisse sich an der Tafel nicht zu betragen, verlasse den Tisch vor den anderen und sammle dazu noch die Brotkrümel mit der Hand auf, als ob sie nicht satt geworden wäre. Fevronia, die dies von Kind auf gewöhnt war, um kein Brot zu verschwenden, tat dies also wieder im Beisein von Peter, der sie aufforderte, die Hand zu öffnen, um zu sehen, ob sie wirklich Brotkrumen gesammelt hatte. Fevronia tat, wie ihr geheißen, doch statt Brot fanden sich darin Myrrhe und Weihrauch.

Die Bojaren murrten weiter und drängten Peter, seine Frau aus der Ehe zu entlassen und eine andere zu seiner Fürstin zu machen, wenn er weiter über sie und die Stadt Murom herrschen wolle. Doch Peter weigerte sich und ging lieber mit Fevronia ins Exil, als das heilige Sakrament der Ehe zu brechen und gegen Gottes Gebote und Jesu Weisung aus dem Evangelium zu verstoßen: Ich sage euch, wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch.

Fevronia tröstete ihn während dieser Zeit oft mit den Worten, dass der barmherzige Gott, der Schöpfer, der ihrer beider Leben lenke und führe, sie niemals verlassen werde.

Und bald darauf geschah es, dass die Bojaren zerknirscht ihren exilierten Fürsten aufsuchten mit der Bitte, doch wieder zurückzukehren und über Murom zu herrschen, denn es sei ein fürchterlicher Streit ausgebrochen unter ihnen, und sie wünschten sich nur noch ein Leben in Frieden unter einem guten und frommen Herrscherpaar wie Peter und Fevronia es seien.

Und so regierten sie in Murom als wahrhaft christliche Herrscher, demütig und gerecht. Sie liebten die Armen, gaben den Pilgern Obdach, speisten die Hungrigen und bekleideten die Bedürftigen.

Fotos: Xpress
Eine überlebensgroße Bronzeplastik der beiden Heiligen ziert das Gelände der Kathedrale des Dreifaltigkeitsklosters.

Nachdem sie ihre irdischen Aufgaben erfüllt und ihrer Verantwortung nachgekommen waren, traten sie beide ins Kloster ein und legten ihre Gelübde ab. Aber sie legten auch fest, dass sie gemeinsam begraben werden sollten, zusammen in einem Sarg. Außerdem beteten sie um eine gemeinsame Todesstunde, denn keiner wollte den anderen allein zurücklassen.

Als Peter seine Stunde nahen fühlte, ließ er nach Fevronia schicken, dass sie käme. Diese war jedoch gerade damit beschäftigt, eine Altardecke zu besticken und ließ ihm ausrichten, dass es jetzt nicht ginge, sie müsse dieses Werk zur höheren Ehre Gottes erst fertigstellen. Die nächste Botschaft war dringlicher: „Ich kann nur noch kurze Zeit auf dich warten.“ Fevronia stickte voll Gottvertrauen weiter. Bis sie eine dritte Botschaft erreicht: „Es bleibt keine Zeit mehr.“ Da steckte sie ihre Nadel weg, eilte zu ihrem Ehemann und legte sich neben ihm nieder, um gemeinsam mit ihm zu beten und – zu sterben.

Entgegen ihrer beider Willen wurden sie zunächst getrennt voneinander beigesetzt, am nächsten Morgen fand man sie in einem Steingrab vereint vor, das sie zu Lebzeiten vorbereitet hatten. Man versuchte noch mehrmals, sie nach ihrem Tode wieder zu trennen, doch am nächsten Morgen lagen die sterblichen Überreste von Peter und Fevronia wieder gemeinsam in ihrer Gruft.

Eigenwillig und gottgefällig, wie sie zu Lebzeiten waren, so waren sie im Tod.

Literaturgeschichtlich ist diese Legende überraschend „westlich“, man kennt das Motiv des Drachentöters, hier als Schlangentöter, des verwundeten und verletzbaren Helden, der weisen Jungfrau, auch Anklänge an „Tristan und Isolde“ sind enthalten, das Weihrauchwunder erinnert an das Rosenwunder der heiligen Elisabeth von Thüringen. Die russisch-orthodoxe Kirche sieht am Festtag der Heiligen einen besonderen Akathistos vor – einen Hymnus, der „im Stehen zu singen“ ist: „Freut euch, ihr Nachahmer dieser würdigen Ehe habt bei Gott nun mächtige Fürsprecher; freut euch, diese Liebe erwärmt euch und befeuert uns.“

Der Tag der „Familie, Ehe und Treue“ am 8. Juli und die Verehrung von Peter und Fevronia als russische Schutzpatrone der ehelichen und gottesfürchtigen Liebe, fast will dem Beobachter die Prophezeiung von Fatima einfallen. Ob Russland sich bekehrt hat? Darüber wird in manchen Kreisen heute noch gestritten.


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