VATICAN-magazin
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Lernten sich 1950 in Krakau kennen: Die 29-jährige Wanda Półtawska und der dreißig Jahre alte Priester Karol Wojtyla.

Geistliche Paare

Die Frau, die Johannes Paul II. liebte

Karol Wojtyla und seine spirituelle Weggefährtin Wanda Półtawska

von Barbara Wenz

Ihr Briefwechsel umfasst einen Band von über sechshundert Seiten und trägt den Titel „Tagebuch einer Freundschaft“ – sie waren beide gebürtige Polen und jeder von ihnen trug sein eigenes, besonderes und manchmal, wie im Falle von Wanda Półtawska, auch sein schlimmes Schicksal. Denn Wanda Półtawska, die beste Freundin von Karol Wojtyla, den sie als Studentin an der Universität kennen gelernt hatte, ist auch eine Überlebende des KZ Ravensbrück. Dort musste die damals Zwanzigjährige Zwangsarbeit leisten, dort hat man medizinische Experimente an ihr durchgeführt und drohte am Ende, sie zu erschießen. Doch sie konnte fliehen, traumatisiert an Leib und Seele, und hat über diese entsetzlichen Erfahrungen ein Buch mit dem Titel „Und ich fürchte meine Träume“ geschrieben.

Nach der Befreiung Polens 1945 heiratete sie den Krakauer Philosophieprofessor Andrzej Półtawski und begann 1951 ein Studium der Medizin mit Schwerpunkt Psychologie und Psychiatrie. Viele ihrer Leidensgenossinnen hatten wie sie auch ein solches Studium aufgenommen, um gegen jene Ärzte ohne jegliche Moral und Ethik ein Zeichen zu setzen, unter denen sie im Lager hatten leiden müssen. In dem Nachwort zur deutschen Ausgabe aus dem Jahre 1993 ihrer Erinnerungen an Ravensbrück schreibt Półtawska im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung zur Tötung von alten Menschen und unschuldigen Lebens fassungslos: „Jene Ärzte, die damals töteten, erhielten bei den Nürnberger Prozessen die Höchststrafe, nämlich die Todesstrafe. Heute jedoch, fast fünfzig Jahre danach, hat ein Staat bereits das unmoralische Recht sanktioniert, und es besteht die Gefahr, dass andere ihm folgen werden.“ Und sie legt auch ihr persönliches Glaubensbekenntnis dort nieder, das Fazit eines Lebens voller Leid und voller Licht: „Ich habe niemals den Glauben daran verloren, dass der Mensch ein göttliches Geschöpf ist, fähig zur heroischen Tat; aber Ravensbrück hat mich auch gelehrt, dass der Mensch nicht automatisch ein Abbild Gottes ist, dass man sich darum bemühen muss – es gibt keine passive Heiligkeit! Der Mensch muss ständig dem Bösen widerstehen, nach innen und außen.“

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Mit dem heiligen Papst Johannes Paul II. verband sie eine enge Freundschaft: Wanda Półtawska mit ihrer Familie und Papst Johannes Paul II.

Von ihrem Vater hat Wanda, die 1921 in Lublin geboren wurde und immer noch am Leben ist – womit sie also wohl fast alle ihrer Peiniger in Ravensbrück überlebt hat –, eine reiche, tiefe marianische Spiritualität vorgelebt bekommen. Vor einem kleinen Marienaltar in ihrem Elternhaus betete man, sang Lieder ihr zu Ehren und häufig brachten sie von ihren gemeinsamen Spaziergängen frische Blumen mit, um die Statue der Madonna damit zu schmücken. Ihr Vater starb mit einer Hymne an die Gottesmutter, an den Lippen seine Mundharmonika, die er mit seinen letzten Atemzügen zu erklingen brachte, schreibt Wanda in ihren Erinnerungen. Der tägliche Besuch der heiligen Messe ist für die Studentin notwendig, und es wird für den Rest ihres ganzen Lebens so bleiben. Und sie erkennt, wie fundamental wichtig für ihre künftigen Patienten der Empfang des heiligen Sakramentes der Beichte sein könnte.

Ein befreundeter Priester empfiehlt ihr einen gewissen Karol Wojtyla, nur ein Jahr älter als sie, den man während der Naziherrschaft zur Zwangsarbeit in Steinbrüchen und einer Chemiefabrik eingezogen hatte und der seine Studien regelrecht im Untergrund fortführen musste. An der Jagiellonen-Universität, an der Wanda studiert, ist er besonders in Studentenkreisen bekannt und beliebt für seine meditativen Gebetsstunden, seine tiefen und berührenden Predigten – und seine Sportbegeisterung. Das Ehepaar Półtawski freundet sich schnell mit dem jungen Priester an, man geht gemeinsam wandern, Ski fahren, picknicken und zelten. Don Karol wird Beichtvater und Seelenführer der jungen Mutter – der Kontakt wird ihrer beider Leben lang nicht mehr abbrechen. Am 28. September 1958 wird Wojtyla zum Bischof geweiht, am 16. Januar 1964 wird er Nachfolger des Erzbischofs von Krakau.

Immer wieder fliegen niedergeschriebene geistliche Gedanken, Meditationen, Gedichte, Kompositionen zu zwei, drei Psalmenzeilen oder einfach nur Skizzen zwischen den Freunden hin und her. Noch herrschen die Kommunisten in Polen, denen Karol entschlossen die Stirn bietet – unvergessen sind seine Mitternachtsmessen in der Arbeiterstadt Nowa Huta, wo er für die Errichtung einer Kirche kämpfte, seine Predigten, in denen er sich für die freie Religionsausübung im Lande einsetzte sowie seine Initiative für einen Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtskollegen anlässlich des tausendsten Jahrestages der Christianisierung Polens mit der Bitte und dem Aufruf um Aussöhnung der beiden Völker. Nach Italien hält er ebenfalls viel Kontakt, immerhin hatte er am Angelicum in Rom über den heiligen Johannes vom Kreuz promoviert. In dieser Zeit, also um das Jahr 1947, ist er auch dem stigmatisierten Padre Pio, der bereits zu Lebzeiten als Heiliger verehrt wurde, begegnet, und der soll ihm Großes vorhergesagt haben – nämlich, dass er einmal die Geschicke der Weltkirche leiten würde, und auch das Attentat auf ihn des Jahres 1981.

Als die spirituelle Weggefährtin des Polen Anfang der sechziger Jahre die Diagnose auf unheilbaren Krebs erhielt – Wandas Buch über die furchtbare Zeit im Lager Ravensbrück war gerade erschienen –, schreibt ihr ein zutiefst erschütterter Karol: „Ich möchte mit Dir Hand in Hand durch einen Wald gehen“. Er zögert nicht, durch einen Boten einen Brief ins Kapuzinerkloster von San Giovanni Rotondo schicken zu lassen mit der Schilderung seines dringenden Anliegens um Fürbitte und Heilung seiner „Schwester“, wie er sie immer wieder bezeichnet hat. Padre Pio, der gerade die Mitte seines siebten Lebensjahrzehnts erreicht, selbst unter vielen Schmerzen zu leiden hat, soll schon unendlich vielen geholfen haben.

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Wanda Półtawska wird gemeinsam mit ihrem Ehemann Andrzej Pòłtawski vom Papst empfangen.

Als der lebende Heilige im fernen Italien den Absender des Bittbriefes liest, soll er gesagt haben „Ihm kann ich nichts abschlagen.“ Das Unfassbare geschieht – Wanda Półtawska erfährt eine Wunderheilung, von der sie zunächst glaubt, es handle sich schlicht um einen Irrtum der Ärzte. Doch es ist ein Geschenk Gottes, das Padre Pio für sie erwirkt hat – davon ist sie später überzeugt, vor allem, nachdem sie im Mai 1967 zum ersten Mal San Giovanni Rotondo besucht und dem charismatischen Kapuziner selbst begegnet, mit dem sie die Messe feiert. In einem Interview berichtet sie davon, wie er sich damals einen Weg durch die Menschen bahnte, bei ihr stehen blieb, ihr in die Augen sah und ihr über den Kopf strich, so dass alle um sie herum sie bestürmten, wer sie sei und was es damit auf sich habe. Doch sie verstand kaum Italienisch zu diesem Zeitpunkt – heute ist sie Mitglied in der Päpstlichen Akademie für das Leben, vorher war sie im Päpstlichen Rat für die Familie und Mitarbeiterin beim Päpstlichen Rat für die Pastoral im Krankendienst sowie Trägerin des Gregorius-Orden.

Nur vier Tage nach seiner Wahl im Oktober 1978 schreibt der nun amtierende polnische Papst an seine geistliche Freundin: „Der Herr hat beschlossen, dass all das, worüber mehrmals gesprochen wurde und was Du in bestimmter Weise nach dem Tod von Papst Paul VI. vorausgesagt hast, Wirklichkeit geworden ist. Ich danke Gott, dass Er mir diesmal sehr viel inneren Frieden gegeben hat, der mir im August sicherlich fehlte, und dies hat mir erlaubt, diese Zeit ohne Spannung zu erleben. (…) In all dem denke ich an Dich. Ich war immer überzeugt davon, dass du im Lager in Ravensbrück auch für mich gelitten hast. (…) Und mit dieser Überzeugung entstand der Gedanke, dass ihr meine Familie seid und Du meine Schwester bist.“

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Im Dezember 2017 wurden Wanda Półtawska im kleinen intimen Kreis in ihrer Krakauer Wohnung die Schlüssel von Pietrelcina verliehen.

Die weltliche Presse hat versucht, in allen möglichen Verrenkungen diese zutiefst menschliche und in jedem einzelnen Wort, das zwischen Johannes Paul II. und Wanda Półtawska gewechselt wurde, tiefe spirituelle Beziehung auf ein Niveau herunterzubrechen, das sie verstehen konnte, ja, sie zu benutzen, um die Heiligsprechung des polnischen Papstes zu torpedieren. Doch das ist nicht gelungen. Pater Adam Boniecki, Chefredakteur der Krakauer Zeitschrift „Tygodnik Powszechny“, beschrieb es einmal so, dass uns dieser Briefwechsel die bisher unbekannten Seiten der Person des Pontifex zeigten. „Aber Liebe ist kein Synonym für Sünde.“ Die Tatsache, dass Wojtyla sich die Fähigkeit zu Freundschaft und Liebe erhalten habe, zerstöre in keiner Weise das Bild seiner Heiligkeit, sondern ergänze es vielmehr.

Der Briefwechsel liegt vor – derzeit leider nur auf Polnisch, Italienisch und Spanisch. Jeder kann sich davon überzeugen, dass es hier um einen Austausch in Liebe und Freundschaft im Hinblick allein auf Jesus, unseren Herrn und Erlöser ging. Sie ist die Frau, diese Frau, seine Schwester, die zuletzt an seinem Sterbebett gemeinsam mit anderen Wache halten wird. In ihrem leider nicht auf Deutsch erhältlichen „Tagebuch“ einer Freundschaft versichert sie, dass der Heilige Vater jede Seite des Buches gelesen und genehmigt habe. Karol Wojtyla pflegte im Übrigen zahlreiche Freundschaften zu Männern und Frauen, sein ebenfalls sehr intensiver Austausch mit der polnisch-amerikanischen Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka umfasst an die dreihundert Briefe, die in der polnischen Nationalbibliothek in Warschau aufbewahrt werden und bisher nicht veröffentlicht wurden. Doch bleibt das Schicksal von Wanda Półtawska einzigartig verknüpft mit dem Leben zweier Heiliger, mit Padre Pio, dem sie noch begegnen durfte und bei dessen Heiligsprechung durch Johannes Paul II. sie anwesend war – und als geistliches Kind und Seelenfreundin mit einem wunderbaren Priester, einem bemerkenswerten und letztlich heiliggesprochenen Papst.


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