VATICAN-magazin

Editorial

Die Kinder-Frage

von Guido Horst

Neben der Totenbett-Frage von Manfred Lütz, die einem helfen kann, die wesentlichen Fragen des Lebens von den unwichtigen zu trennen („Was beschäftigt mich wirklich, wenn die letzte Stunde naht?“), haben wir jetzt noch die Kinder-Frage, die Bernhard Meuser in diesem Heft formuliert: Wie kann ich meinen Kindern erklären, „warum sie noch in dieser Kirche bleiben sollen, deren Leitungsebene immer neue Nachrichten von Doppelmoral, Misswirtschaft, Missbrauch und Vertuschung produziert?“ Das mag jetzt wie eine rhetorische Floskel klingen, oder sogar als polemische Unterstellung. Ist es aber nicht. Gerade Heranwachsende, die wie jeder junge Mensch danach fragen, wie sie es denn mit der Religion halten sollen, haben ein feines Gespür dafür, wie echt, wie glaubwürdig und überzeugend die Experten in Sachen Transzendenz ihr Angebot verkaufen. Und wie sie das vorleben, wozu sie auch die Nachwachsenden gewinnen wollen.

Wenn Papst Franziskus beim Flug zurück von Tokio nach Rom mehrere Journalistenfragen nutzt, um ausführlichst zu erklären, worum es im Vatikan Ermittlungen gegen ranghohe Mitarbeiter gibt, warum der Chef der Finanzaufsicht jetzt gehen musste, warum man mit dem Peterspfennig sehr wohl auch in Anlageobjekte investieren kann und dass bei dem laufenden Verfahren der vatikanischen Staatsanwaltschaft trotzdem erst mal die Unschuldsvermutung gilt, dann werden die Berichterstatter durchaus dankbar sein – haben sie doch den Standpunkt des Papstes erfahren. Jetzt möchte man aber auch die Version der Gegenseite hören. Skandale dieser Art hat es in der Kirche immer gegeben, auch in Rom. Aber dann gab es ja noch das Eigentliche, das, was die Kirche als nicht verhandelbare Grundlage ihrer eigenen Existenz der Welt zu verkünden hat: den Einbruch Gottes in die Menschheitsgeschichte mit der Fleischwerdung des Logos vor zweitausend Jahren. Wenn schon auf der Amazonas-Synode kaum etwas davon zu hören war – wir haben es wohl überhört vor lauter Gebrüll vor der Pachamama –, dann wird dazu vielleicht etwas in dem postsynodalen Papstschreiben stehen, das uns noch in diesem Jahr erreichen soll. Oder?

Wenn man dann nach Deutschland weiterschaut, dreht sich in den kommenden beiden Jahren alles um die Macht- und Frauenfrage, um den Zölibat und die Segnung homosexueller Paare. Herrschaftszeiten – wie soll man das jetzt alles den Kindern erklären? Man streitet sich um die Höhe der Entschädigungszahlen an Missbrauchsopfer, zerrt lebende und tote Verantwortungsträger vor die Tribunale der Öffentlichkeit, weil sie vertuscht und geschwiegen haben – und schielt beständig auf das Goldene Kalb, auf dass es den morschen Apparat weiter mit dem Nieselregen namens Kirchensteuer wässern möge. Was hat diese Institution Kirche in den letzten Jahrzehnten nur gemacht? Und da, wo Gemeinden noch lebendig sind, soll es in Zukunft Mega-Pfarreien geben, in denen Priester nichts mehr zu sagen haben.

Ja, die Kirche braucht eine Reform. Es herrschen Zustände wie vor dem Umsturz vor fünfhundert Jahren, aus dem die Kirchen der Reformation hervorgegangen sind. Nur besteht Reform in der Kirche immer darin, Überflüssiges wegzunehmen und sich wieder das Wesentliche (siehe Weihnachten und Ostern) auf die Fahnen zu schreiben. Das würden dann auch die Kinder und Jugendlichen verstehen.


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