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Editorial

Die letzten Dinge

von Guido Horst

Der Monat November, der Monat der Heiligen und Verstorbenen, der Erlösten, aber auch der Unerlösten führt die Gläubigen an ein menschlich nicht zu durchdringendes Geheimnis an. Nur einigen Mystikern und Sehern war es vergönnt, einen kurzen Blick hinter den Vorhang des Todes zu werfen, der die geschaffene Natur von den letzten Dingen trennt. Was Freude und Leid hier auf Erden sind und was ewige Freude und ewiges Leid im Leben nach dem Tode sein werden, und was es bedeutet, wirklich frei und kein Tier, kein Roboter, kein in seiner Willensfreiheit eingeschränktes Wesen zu sein, all das sieht Gott in klarer, der Mensch jedoch in höchst unvollkommener Weise.

Es gibt im Matthäus-Evangelium ein Gleichnis, in dem der Gutsherr einer Landwirtschaft (ein Bild für Gottvater) seinen Knechten untersagt, das Unkraut auf den Feldern zu jäten, und sie stattdessen anweist, Unkraut und Weizen bis zur Ernte zusammen aufwachsen zu lassen, um dann aber beide zu trennen und den Weizen in die Scheune, das Unkraut aber ins Feuer werfen zu lassen. Es ist vielleicht das Gleichnis Jesu, das am schwersten zu verstehen ist. Am Ende, das ist eindeutig, muss das Unkraut verbrennen. Bis zum Ende aber darf es wachsen, sich entfalten, denn würde es herausgerissen, sagt der Gutsherr im Gleichnis, „reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus“.

Der menschlichen Logik widerspricht das vollkommen. Doch es ist halt nur die Logik eines Wesens, das nicht über den Tellerrand hinausblicken kann. Man stelle sich ein Tierchen vor, für das es nur zwei Dimensionen gibt. Es kann sich vorwärts, rückwärts, nach links und nach rechts bewegen. Stößt es aber auf eine Barriere aus Streichhölzern, weiß es nicht mehr weiter, es ist gefangen. Dass es eine Höhe und Tiefe, das heißt eine dritte Dimension gibt, ist dem zweidimensional denkenden und empfindenden Tierchen vollkommen unbekannt.

Derjenige, der von dieser dritten Dimension weiß und sich in ihr bewegt, würde das zweidimensionale Wesen zwar gerne über die Streichholzbarriere hinwegheben, doch würde er damit zugleich gegen dessen Natur verstoßen und das Tierchen zerstören. Bedenkt man nun, dass Gott im Vergleich zum Menschen, der drei Dimensionen kennt, nicht nur vier, fünf oder sechs, sondern alle existierenden Dimensionen sieht, erfährt und über sie verfügt, dann kann man den Unterschied erahnen, der zwischen der Sichtweise des Menschen und der göttlichen Weisheit besteht.

Neben dem allgemeinen Gericht am Jüngsten Tag glaubt die Kirche an ein persönliches Gericht, das jeder Einzelne sofort nach dem Tode erfährt. Mit dem Ende des irdischen Lebens ist die Zeit abgelaufen, in der der Mensch über seine Ewigkeit entscheidet. Dass seine Seele diesen Augenblick bewusst erlebt, ist es auch ohne tiefgründige theologische Forschungen einsichtig, da so etwas wie eine Bilanz, wie ein Schlussstrich gezogen wird, wovon das Evangelium in vielen Gleichnissen und Reden Jesu spricht. Wie das geschieht, weiß niemand. Dass es geschieht, ergibt sich direkt aus der Erfahrung des christlichen Lebens, das keine Wiedergeburt, keine Reinkarnation kennt. Der November ist mit dem Blick auf das Ende des Kirchenjahrs der Monat des Innehaltens, um sich dieser letzten Dinge wieder bewusst zu werden und sich erneut dem anzuvertrauen, den die Kirche am Christkönigsfest feiert.


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