VATICAN-magazin

Editorial

Die Not Gottes

von Guido Horst

Fünf Minuten hat er geschwiegen. Während der Predigt vor seinen Amtsbrüdern bei der jüngsten Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda legte Kardinal Rainer Maria Woelki eine Pause ein – Stille, kein Wort... „Ich möchte die mir noch zustehenden fünf Minuten meiner Predigt schweigen“, meinte der Kölner Erzbischof, „damit wir alle in dieser Zeit in uns gehen können und unsere Reue und unseren Vorsatz in demütigendem Gebet vor Gott und vor das ganze Volk Gottes tragen können.“ Zuvor hatte Woelki gesagt, dass ihn Erkenntnisse aus der Missbrauchsstudie fassungslos gemacht hätten. Er schäme sich für das, was durch die Kirche geschehen sei. Er selbst wolle nicht durch Wegsehen, Vertuschen oder Bagatellisieren ein Mittäter werden – und rief im hohen Dom zu Fulda zu Umkehr und Buße auf.

Zurzeit greifen die Bischöfe nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Vereinigten Staaten, in Chile, in Irland, Australien und anderen Ländern zu vielen Mitteln, um ihre Betroffenheit über die Verbrechen von Klerikern zum Ausdruck zu bringen, die man bis vor kurzem in höchsten Kirchenkreisen allzu oft auf die leichte Schulter genommen hat. Auch Papst Franziskus übt sich in diesem Ritual. Den Jugendlichen in Tallinn rief er erst vor kurzem zu, sie hätten ganz recht, wenn sie empört seien „über die Skandale sexueller und finanzieller Art, denen gegenüber sie keine klare Verurteilung sehen“. Das alles gehört zum Krisenmanagement, dass die Kirche jetzt überall betreibt, Auch der deutsche Missbrauchsbericht war der verständliche Versuch der Bischöfe, auf die Missbrauchskrise des Jahres 2010 zu reagieren. Und es gehört wohl auch zur Betroffenheits-Rhetorik, alle möglichen Gründe für das zu suchen, was Kleriker Schutzbefohlenen angetan haben. Ist es der Zölibat? Ist es der Klerikalismus? Ist es die unter Priestern weit verbreitete Homosexualiät? Sind es die fehlenden Frauen im Weiheamt? Sind es die Strukturen der Macht in der Kirche? Wie Regen prasseln nun Vermutungen und mehr oder weniger erleuchtete Forderungen auf die Gläubigen hinunter. Und die aberwitzigen Vorschläge selbst aus bischöflichen Mund, was nun alles „auf den Prüfstand“ müsse, lassen die Gläubigen an ihrer Kirche nur noch mehr leiden.

Ja, darum geht es: Es ist eine Zeit des Leidens an der Kirche. Der normale Kirchgänger hat keine Mittel, Missbrauchsstudien in Auftrag zu geben, Medienstrategien zu entwickeln, genau zu klären, wie Zölibat und Homosexualität denn nun genau mit Pädophilie oder Ephebophilie oder Parthenophilie zusammenhängen. Er leidet einfach, an einer Kirche, von der er erhofft hatte, dass sie ihn in einer Zeit der zerbröselnden Gewissheiten und des uferlosen Relativismus hält und trägt. Dass sie eben auch ein wenig „Haus voll Gorie“ sei, das „schauet weit über alle Land’“. Pustekuchen. Man leidet an den Sünden anderer, die ihrer Berufung untreu geworden sind und sich mit wehrlosen Opfern einen Kick besorgt haben.

Für die Sünden der Menschen ist Gottes Sohn am Kreuz gestorben. Er hat sich alle auf sich genommen, um die Welt von der Herrschaft der Sünde zu befreien. Er kennt sie alle und hat über sie geweint. Damit das Leiden an der Kirche einen nicht bitter und abspenstig macht, gibt es nur einen Weg: zu versuchen, mit den Augen Jesu Christi auf alle diese Untaten zu schauen. In dem Wissen, dass keine Missbrauchsstudie die Getauften erlösen kann, sondern nur die Nachfolge Jesu. „Alter Christus“ zu sein, ein anderer Christus zu sein, das wäre die Medizin. Dann gewänne auch der Kölner Kardinal zumindest seine innere Sprache zurück.


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