VATICAN-magazin

Synodaler Weg

Die Quadratur des Kreises

Man kann nicht zwei Herren dienen: Dem Glauben und der Praxis der Weltkirche – und gleichzeitig dem Anspruch von Pressure-groups, die bei Weihe, Amt und Sexualmoral deutsche Allein­gänge wollen. Doch genau darauf steuert der „Synodale Weg“ zu

von Guido Horst

Gingen schon bei der Satzung des „Synodalen Wegs“ getrennte Wege: Die Kardinäle Reinhard Marx und Erich Maria Woelki.
Foto: Paul Badde

Diesmal ist Kardinal Reinhard Marx nicht mit einer Aktennotiz aus Rom zurückgekommen, die Papst Franziskus mit seinem kleinen „F“ abgezeichnet hat. Als der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz seinen Stuhl im Rat der sechs Kardinäle mit dem des Vorsitzenden bei der Vollversammlung in Fulda vertauscht hatte, konnte er seinen Mitbrüdern nur versichern: „Den Brief der Kongregation für die Bischöfe vom 4. September 2019 an mich habe ich beantwortet und dann in einem Gespräch mit dem Präfekten der Kongregation am 18. September 2019 geklärt“, heißt es zumindest in seinem Schlussbericht von Fulda. Auch mit Papst Franziskus habe er am Tag darauf ausführlich über den „Synodalen Weg“ gesprochen. „Es gibt keine Stoppschilder aus Rom für den Synodalen Weg und wir werden daher weitergehen. Das waren die Ergebnisse der Gespräche in Rom“. Den Vatikan werde man über den weiteren Fortgang des Wegs kontinuierlich informieren. So Kardinal Marx.

Foto: Xpress
Ein symbolischer Ort: Der „Synodale Weg“ wird im Bartholomäus-Dom in Frankfurt tagen, der Wahl- und Krönungskirche der deutschen Kaiser in Frankfurt, der Stadt, in der 2021 der Ökumenische Kirchentag stattfinden wird.

Ob und inwieweit man die Statuten für den „Synodalen Weg“ entsprechend den kritischen Anfragen der Bischofskongregation und vor allem des Gutachtens des Päpstlichen Rats für die Gesetzestexte geändert hat, dazu sagte der Konferenzvorsitzende nichts. Jetzt, so Marx, müsse sich erst einmal der Hauptausschuss des Zentralkomitees der deutschen Katholiken mit den Statuten befassen. Bis dahin also blieben sie unter Verschluss.

Sein Kölner Amtsbruder äußerte sich weniger zufrieden. „Ich konnte der Satzung in dieser Form nicht zustimmen, aber ich will mich dem Gespräch nicht verweigern. Versuchen wir gemeinsam, die Kirche zu erneuern. Dies muss aber eine Erneuerung im Glauben sein, eine Erneuerung unserer Beziehung zu Christus“, kommentierte Kardinal Rainer Maria Woelki am letzten Tag der Fuldaer Vollversammlung auf Twitter. Deutlicher noch wurde der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer zum „Synodalen Weg“: „Ich möchte, dass zu Protokoll gegeben wird, dass es zumindest eine Minderheit von Bischöfen gibt [und aus der Perspektive der Geschichte, die einmal darauf schauen wird, dass es wenigstens eine Minderheit ,gab’], die von der Sorge erfüllt ist, dass die wahren Probleme nicht angegangen werden und durch das Wecken von bestimmten Erwartungen und Hoffnungen nur noch mehr Frustration erzeugt wird. Dass es kein Forum ,Evangelisierung’ gibt, ist ebenso ein Mangel wie die Tatsache, dass es beim Thema ,Laien’ von vorneherein nur um Partizipation geht, statt um eine Theologie einer in Taufe und Firmung gründenden Sendung in alle weltlichen Lebensbereiche hinein (vgl. die Rede vom ,Weltcharakter’ der Berufung der Laien im Zweiten Vatikanischen Konzil), um nur zwei der Forumsthemen herauszugreifen.“

Und Voderholzer machte in der am Ende der Vollversammlung in Fulda veröffentlichten Erklärung seine Meinung deutlich, „dass an der Wiege des Synodalen Prozesses eine Unaufrichtigkeit steht. Aus den Fällen des sexuellen Missbrauchs den Schluss zu ziehen, dass es bei der Erneuerung um die genannten Themen ,Ehelosigkeit’, ,Machtmissbrauch’, ,Frauen in der Kirche’ und ,Sexualmoral’ gehen müsse, ist angesichts fehlender wissenschaftlicher Studien in anderen Institutionen, also ohne wirklichen ,Institutionenvergleich’, nur als pseudowissenschaftlich anzusehen. Die wissenschaftliche Diskussion der MHG-Studie und auch der neuerlichen Studien von Prof. Dressing stehen noch aus. Mein Verdacht, dass es sich angesichts dieser Weichenstellungen um eine ,Instrumentalisierung des Missbrauchs’ handelt, ist nicht ausgeräumt.“ Auch Voderholzer hatte bei der Vollversammlung wie Wölki und zehn weitere deutsche Bischöfe gegen die Satzung für den „Synodalen Weg“ gestimmt. 51 Bischöfe waren – bei einer Enthaltung – dafür.

Foto: Xpress
Ist mit der Deutschen Bischofskonferenz der Träger des „Synodalen Wegs“: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Richtig Fahrt aufgenommen hatte die Debatte um den „Synodalen Weg“ mit dem Brief des Papstes vom 29. Juni an das Gottesvolk in Deutschland. Darin mahnte Franziskus mehrfach den „sensus ecclesiae“, die kirchliche Gesinnung, und die Notwendigkeit einer neuen Evangelisierung in Deutschland an. Auf die Themen, die Anlass des „Synodalen Wegs“ sind, ging er erst gar nicht ein. Stattdessen hieß es, dass noch geklärt werden müsse, was ein „Synodaler Weg“ überhaupt sei. Einem deutschen Sonderweg jeweils erteilte der Papst eine Absage: „Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten.“ Und Franziskus warnt vor dem Gnostizismus, das heißt der Arroganz einer Elite, die sich als „erleuchtete Gruppe“ sieht, den Glauben der einfachen Leute missachtet und vermeintliche „Reformen“ durchsetzen will, die den Leib der Weltkirche zerstückeln würden.

Fotos: Xpress
Haben so ihre Bedenken: Papst Franziskus und Kardinal Marc Ouellet, der Präfekt der Bischofskongregation.

Doch das schien Rom nicht zu reichen. Anfang September kam wieder Post aus dem Vatikan, diesmal direkt an Kardinal Marx, vom Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet. Beigefügt war jenes Gutachten des Rats für Gesetzestexte, das festhielt, dass der „Synodale Weg“ keine verbindlichen Beschlüsse zu Themen fassen kann, die nur auf weltkirchlicher Ebene behandelt werden können. Frauenverbände, Maria 2.0, kirchliche Medien, Zentralkomitee, Theologen und auch säkulare Stimmen drängen aber den „Synodalen Weg“ dazu, die sattsam bekannten Themen aufzugreifen und eigene Wege zu gehen: Aufnahme von verheirateten Männern in den Priesterstand, Zugang für Frauen zu Weiheämtern, eine Sexualmoral, die sich etwa bei der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren den Lebenswirklichkeiten in der Gesellschaft von heute anpasst. Das alles sind Themen, bei denen eine Ortskirche nicht vorpreschen kann. Jedoch genau diesem Druck sehen sich die deutschen Bischöfe jetzt zwei Jahre lang ausgesetzt. Sie werden sich in der Öffentlichkeit nicht an dem Brief von Papst Franziskus und dem Schreiben der Bischofskongregation messen lassen müssen, sondern an dem, was eine von den oben genannten Gruppen aufgeheizte Stimmung von ihnen verlangt. Auch wenn Marx meint, die Bischofskongregation oder den Papst von jetzt an nur noch locker informieren zu müssen, wie es mit dem „Synodalen Weg“ weitergeht, und keine Stoppschilder des Vatikans mehr zu erwarten seien, kann er die Kirche nicht in zwei Jahren auf den Kopf stellen. Sehr wohl werden die zuständigen Stellen in Rom – und dazu gehört auch der Apostolische Nuntius in Berlin – aufmerksam verfolgen, wie es mit dem vermeintlichen „Reformeifer“ nördlich der Alpen weitergeht. Jeder deutsche Bischof weiß das. Rom nicht zu verärgern und gleichzeitig die innerkirchlichen Pressure-groups zufriedenzustellen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Genau in diese Quadratur des Kreises führt der „Synodale Weg“ jetzt hinein.

Foto: dpa
Behält es sich vor, aus dem „Synodalen Weg“ auszusteigen: Bischof Rudolf Voderholzer aus Regensburg.

Es sind aber nicht nur der Vatikan, der Papst, die Bischofskongregation und die für die Glaubenslehre, die den „Synodalen Weg“ mit Sorgen sehen. Vielerorts in der Weltkirche nimmt man ebenfalls die Stimmung wahr, die diesen Weg trägt. Bei der Vollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda legten Kardinal Woelki und der Münsteraner Bischof Felix Genn den Papstbrief vom vergangenen Juni aus und Woelki erwähnte seinen kürzlichen Besuch der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten: „Häufiger hat man mir während dieser Reise die Sorge vor einem deutschen Sonderweg vermittelt, der schlimmstenfalls hin zu einer deutschen Nationalkirche führen könnte.“ Natürlich beruhige es ihn zu einem gewissen Grad, wenn ranghohe katholische Laien nun versichern, niemand strebe dies an. „Die im selben Atemzug vorgebrachte Forderung“, so der Kardinal weiter, „eine universalkirchlich verbindliche, autoritative dogmatische Definition, die laut Glaubenskongregation unfehlbar ist, über kurz oder lang zur Disposition zu stellen, nagt allerdings kräftig an der Glaubwürdigkeit dieser Aussage und stimmt mich doch etwas skeptisch. Auf diesem Hintergrund bitte ich Euch, mir nachzusehen, dass ich gemeinsam mit dem Heiligen Vater nochmals davor warne, einen inhaltlichen und auch formalen Sonderweg einzuschlagen, der uns aus dem weltweiten Leib Christi ausscheren ließe. Angesichts unserer Einbindung in den Glauben der Universalkirche, deren Integrität nicht zuletzt wir selbst im bischöflichen Amt dienen, schließt eine Verhandlung und eine Abstimmung über Glaubensfragen aus. Das gilt auch hinsichtlich der kirchlichen Disziplin, soweit diese in den gesamtkirchlichen Kontext eingebettet ist.“ Damit beschreibt Woelki genau den Dauerkonflikt, der jetzt zwei Jahre oder vielleicht länger auf den deutschen Bischöfen lasten wird.


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