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Am Abend vor dem Allerheiligenfest, dem 31. Oktober 1517, soll Martin Luther seine 95 Thesen an das Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben. Mit dieser als Thesenanschlag in die Geschichte eingegangenen Tat setzte Luther die Reformation in Gang, die zur Trennung von der katholischen Kirche und zur Entstehung des Protestantismus führte. Im Oktober 1517 – manche Quellen nennen sogar den 31. Oktober –, rund tausend Kilometer südlich von Wittenberg, betrauerten die Mönche des Dominikanerklosters San Marco in Florenz ihren Mitbruder Fra Bartolomeo. Der Künstlerbiograf Giorgio Vasari berichtet von einer Magenverstimmung mit hohem Fieber, verursacht durch den Verzehr zu vieler Feigen, von der sich Bartolomeo nicht erholte und nach nur vier Tagen mit 48 Jahren starb.

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Die „Mystische Vermählung der heiligen Katharina von Siena“, Fra Bartolomeo, 1511, Louvre, Paris.

Wie der Augustinermönch Martin Luther war auch der Dominikaner Fra Bartolomeo nicht mit allem einverstanden, was da am päpstlichen Hof in Rom vor sich ging. Doch anders als Luther hat der Dominikanermönch die Malerei als Mittel gewählt, um seinem tief im Innern verwurzelten Glauben Ausdruck zu verleihen.

Seine Kindheit verbrachte Baccio – die im toskanischen Dialekt typische Koseform von Bartolomeo – in Prato und später in Florenz. Hier wohnte er in einem Haus an der Porta San Pier Gattolini. Daher ist Fra Bartolomeo als Künstler auch unter dem Namen Baccio della Porta bekannt. Als Zehnjähriger begann er seine Ausbildung bei Cosimo Rosselli, einem in ganz Italien bekannten und vom Florentiner Adel hoch geschätzten Malermeister. Rosselli war einer der Maler, die ab 1481 die Sixtinische Kapelle ausmalten. Doch auch Werke anderer Meister wie jene des Domenico Ghirlandaio und des großen Leonardo da Vinci studierte der junge Baccio aufmerksam. Besonders die frühen Bilder, wie die „Verkündigung“, Baccios erstes Werk von 1495 für den Dom von Volterra, zeigen deutlich den Einfluss der älteren Maler.

Zur selben Zeit machte in Florenz Girolamo Savonarola von sich reden. Seit 1491 stand er als Prior dem Konvent von San Marco vor und immer lauter und heftiger wurde über die Jahre seine Kritik am verschwenderischen und gottlosen Lebensstil von Adel und Klerus. Mit seinen inbrünstigen Mahnreden stieß er bei vielen auf offene Ohren und seine Anhängerschaft vergrößerte sich schnell.

Tumult im Kloster und ein frommes Gelübde.

Seit einiger Zeit schon war Baccio ein gern gesehener Gast im Konvent und pflegte zu vielen Mönchen eine enge Freundschaft. Gottesfürchtig und tief gläubig wie er war, lauschte auch er gebannt Savonarola. 1495 verbot ihm Papst Alexander VI. das Predigen, doch das beeindruckte Savonarola nur kurz. Aber die Liste der Feinde, die Savonarola aus dem Weg haben wollten, wurde immer länger.

Neben dem Papst – im Mai 1497 hatte ihn Alexander VI. exkommuniziert – und dem Adel wandten sich auch immer mehr Ordensmänner in Florenz gegen Savonarola. Am 8. April 1498 spitze sich die Situation dramatisch zu, als bewaffnete Truppen den Konvent von San Marco stürmten. Savonarola hatte sich hier mit rund fünfhundert Mönchen verschanzt, unter ihnen war auch Baccio, der an diesem Tag wie so oft den Konvent aufgesucht hatte. In dieser fast aussichtslosen Lage soll Baccio ein Stoßgebet zum Himmel geschickt und geschworen haben, sollte es ihm gelingen, dieser Hölle zu entkommen, werde er dem Konvent von San Marco beitreten und das Mönchsgewand anlegen.

Am 26. Juli 1500 trat Baccio dem Konvent von San Domenico in Prato bei. Im Dezember des darauffolgenden Jahres kehrte er nach San Marco in Florenz zurück. Aus dem frommen Baccio della Porta war der Dominikanermönch Fra Bartolomeo geworden. Savonarola hatte weniger Glück, er wurde nach seiner Verhaftung im April am 23. Mai 1498 auf der Piazza della Signoria in Florenz zuerst gehängt und dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Im selben Jahr, wohl noch zu Lebzeiten Savonarolas, hatte Baccio ein Porträt von ihm angefertigt. Das Gemälde, das heute im Museum von San Marco in Florenz aufbewahrt wird, zeigt Savonarola im Profil in schwarzer Mönchkutte vor einem ebenso tiefschwarzen Hintergrund. Allein die Gesichtspartie hebt sich vom übrigen Dunkel der Bildoberfläche ab. Savonarolas Blick ist eisern und entschlossen. Die lateinische Inschrift unter dem Porträt verrät die große Verehrung Fra Bartolomeos für den Bußprediger: „Hieronymus von Ferrara, von Gott gesandter Prophet“.

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Gottvater mit den Heiligen Maria Magdalena und Katharina von Siena, Fra Bartolomeo, 1509. Museo Nazionale di Villa Guinigi, Lucca.

Interessanterweise verehrte auch Martin Luther Savonarola sehr, bezeichnete ihn gar als heiligen Mann und sah in ihm eine Art Vorreiter seiner eigenen Sache. Nach vier Jahren Ruhepause, in denen sich Bartolomeo zurückgezogen ganz dem Mönchsleben verschrieben hatte, begann er wieder zu malen. Vielleicht gab das Zusammentreffen mit Raffel in Florenz den entscheidenden Anstoß, zur Malerei zurückzukehren. Für beide Maler war das Kennenlernen vor allem künstlerisch ein echter Glückfall. Raffel unterwies Bartolomeo in der Perspektive und lernte im Gegenzug von Bartolomeo eine ruhige und vor allem monumentale Darstellungsweise, die ihm besonders bei Bildwerken mit religiösem Inhalt von Nutzen war.

Nach einem Aufenthalt in Venedig zog es Bartolomeo um 1513 nach Rom. Doch Rom war nicht Florenz und lange hielt es der Mönch in der Papststadt nicht aus. Nach nur kurzer Zeit bat er daher seinen Freund Raffael darum, von ihm angefangene Bildnisse von Petrus und Paulus an seiner statt zu Ende zu bringen. Etwa zur gleichen Zeit wie Fra Bartolomeo war auch Luther in Rom. Beide kehrten in ihre Heimat zurück. Besonders in seinen letzten Werken wie der „Madonna della Misericordia“ von 1515 fand der Dominikanermönch zu seiner ganz eigenen Malweise. In seinen Bildern verbindet sich die Farbenpracht der venezianischen Malerei mit der harmonischen Ausgewogenheit Raffaels und der Plastizität der Figuren Michelangelos zu einer gewaltigen Gesamtkomposition. Doch es ist besonders die Religiosität, die Fra Bartoloemo in seine Bilder hineinbringt, in der ein wenig von Savonarolas Bußpredigten nachklingt, die Demut verlangt und die Allmacht Gottes über alles stellt. Die vor fünfhundert Jahren losgetretene Reformation und ihre Folgen hat Fra Bartolomeo nicht mehr erlebt. Man kann nur mutmaßen, wie er, der stille gottergebene Mönch, mit seinen „Waffen“ Farbe und Pinsel auf die dramatischen Veränderungen reagiert hätte.


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