VATICAN-magazin

Europa im Sinkflug

Gehört das Christentum noch zu Europa?

Bei der Integration von Muslimen ist der politisch und gesellschaftlich dominierende Laizismus das eigentliche Problem. Europa muss seine Identitätskrise überwinden und seine christliche Identität freilegen, um integrationsfähig zu werden

von Stephan Baier

Die wechselseitige Aufregung über Politiker-Postulate „Der Islam gehört zu Deutschland“ versus „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ hat nichts zur Erhellung beigetragen. Vermutlich weil es gar nicht um Forderungen, Ziele und gesellschaftliche Visionen ging, sondern um eine vorsätzliche Hysterisierung zur Verschleierung inhaltlicher Leere. Wir dürfen ja wohl davon ausgehen, dass Horst Seehofer mit seinem Satz „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ nicht andeuten wollte, er strebe eine Abschaffung der Religionsfreiheit, ein Verbot von Moscheen und islamischen Verbänden oder die Vertreibung von Millionen Muslimen aus Deutschland an. Umgekehrt dürfen wir annehmen, dass Christian Wulff mit dem Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ 2010 nicht die These aufstellen wollte, der Islam habe in Mitteleuropa eine dem Christentum vergleichbare geistesgeschichtliche Prägekraft entfaltet und sei aus Deutschlands kulturellem Erbe nicht wegzudenken.

Wulffs These und Seehofers Antithese sind Ausdruck einer intellektuellen Hilflosigkeit im Umgang mit der Tatsache, dass die rasch wachsende Präsenz des Islam in Europa integrationspolitische Herausforderungen aufwirft, die allzu lange unterschätzt oder gar ignoriert wurden. Harmonisierung und Hysterisierung sind für Politiker vielleicht wahltaktisch praktikable Wege, tragen zu einer Klärung der großen gesellschaftlichen Fragen aber rein gar nichts bei. Verhindert es die Festigung von Parallelgesellschaften mit alternativem Rechtsverständnis oder die mafiose Clanbildung von Jugendlichen ethnischer Minderheiten, wenn ein Bundespräsident der islamischen Community suggeriert, er sei auch ihr Präsident? Fördert es die Integration, Lernbereitschaft oder Toleranz, wenn ein Innenminister seinem nach Alternativen Ausschau haltenden Wählerreservoir suggeriert, er verstehe seine Ängste und teile seine Ressentiments?

Die heute nicht bloß in Deutschland oder Österreich, sondern in vielen Ländern Europas zutage tretende Überforderung im politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Umgang mit dem Islam hat aktuelle Gründe und tieferliegende Ursachen. Die Gründe sind bekannt: Während Millionen Muslime in Europa friedlich und fleißig das Bild unserer Städte nur optisch bunter machen, verweigert ein Teil der islamischen Community die Anpassung an unsere Normen und trägt das innerislamische Ringen um den „wahren Islam“ in unsere Städte und ihre Schulen. Jene unübersichtliche Mischung tribaler und ethnischer, religiöser und kultureller Konflikte, die Europa im Zuge der Aufklärung überwunden zu haben meinte, ist mit viel Gewalt und einem globalen Hintergrund machtvoll zurückgekehrt.

Weniger bekannt als die Gründe sind die tieferliegenden Ursachen unserer Hilfslosigkeit im Umgang mit dem Islam: Die gesellschaftliche Marginalisierung und staatliche Domestizierung der Religion ist unser eigentliches Problem. Das Christentum wurde in laizistisch verfassten Ländern wie Frankreich brutal aus dem öffentlichen Leben verdrängt und in den privaten Andachtswinkel verbannt, in kooperativ orientierten Staaten wie Deutschland und Österreich zur karitativen und kulturellen Bereicherung weichgespült. Die gesellschaftspolitische Sprengkraft des christlichen Glaubens wird in Europa kaum noch wahrgenommen. Die Debatte um die Präambeln der EU-Grundrechtecharta und der „Europäischen Verfassung“ (aus der dann der Vertrag von Lissabon wurde), waren zeichenhaft dafür: Laizisten verhinderten eine „invocatio Dei“ (Anrufung Gottes), wie sie die Tradition vieler Verfassungen in Europa kennt, Linke und Liberale stemmten sich gegen eine Referenz an das christlich-jüdische Erbe Europas. Am Ende stand ein Bezug auf das „kukturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas“, der ebenso nichtssagend und inhaltfrei wirkt wie Politikerreden über „die Werte Europas“. Welche Werte sind gemeint? Worin besteht das kulturelle, religiöse und humanistische Erbe Europas – und wie wollen wir es im Sinne unserer Erblasser mehren?

Foto: DPA
Kirchen zu Kunsthallen? Die Abbildung zeigt eine Lichtinstallation in der evangelischen Katharinenkirche an der Frankfurter Hauptwache.

Das staatskonforme Verhalten mancher Kirchenvertreter und die religiöse Erschlaffung breiter Massen hat dazu beigetragen, dass ein Gutteil der politischen Klasse Europas davon ausging, der Islam würde durch Integration irgendwann genauso harmlos und angepasst agieren wie die traditionellen Kirchen. Religionsfreiheit bedeutet im Verständnis solcher politischer Granden, dass privat jeder glauben dürfe, was er wolle, während Politik und Recht zunehmend einer religionsfreien, allerdings nicht weltanschauungsfreien Agenda unterworfen werden. Nicht erst die Gesetzgebungen zur Abtreibung oder zur Ehe für Homosexuelle zeigen, dass sich das staatliche Menschenbild und Rechtsverständnis vom christlichen längst um Lichtjahre entfernt hat. Die „Aufklärung“ dient seit Jahrzehnten als Chiffre für ein laizistisches Identitätsverständnis in Europa. Und lange vor der heute in Europa dominierenden Ideologie des Relativismus waren es andere widerchristliche Ideologien, die – jenseits der Wirkkraft der Kirchen – der Gesellschaft ihre ideologische Identitätsdeutung aufzwangen: der Kommunismus und der Nationalismus.

Alle diese in wissenschaftlicher oder aufklärerischer Verkleidung daherkommenden Ersatz-Religionen dienten zur Verdrängung des Christentums. Dadurch jedoch wurden den Europäern die Grundlagen ihrer eigenen Identität unverständlich. Genau das ist heute das Hauptproblem bei der Integration von Muslimen: Die Identitätskrise Europas blockiert uns Europäer, sie macht uns unfähig, Regeln und Normen des Zusammenlebens zu begründen, Recht und Grenzen zu definieren. Die laizistische Idee, Integration durch Aufgabe oder Verwässerung der religiösen Identität und ihres gesellschaftlichen Anspruchs zu bewirken, wird sich am Islam die Zähne ausbeißen.

Wie also sollen wir Muslime aus Afghanistan, Pakistan oder Tschetschenien an die ihnen fremden Spielregeln des Rechtsstaates und das Gewaltmonopol des Staates heranführen, wenn uns das christliche Verständnis von der Würde des Menschen und der Dienstfunktion des Rechts abhanden gekommen ist? Wie sollen wir das verengte Frauenbild von Salafisten zugunsten einer Kultur der Dame aufbrechen, wenn wir die Würde der Frau im Säurebad des Feminismus und der Gender-Ideologie zersetzt haben? Wie sollen wir die traditionell Frommen im Islam in ihrem Ringen mit den radikal Politisierten gewinnen, wenn unsere Gesellschaft die frommen Christen nur mit Spott und Hohn überschüttet? Wie können wir der islamischen Community helfen, die Toleranz- und Koexistenz-Potenziale ihrer Religion zu heben und zu entfalten, wenn glaubenstreue Christen im Medienmainstream niedergemacht und in der Gesellschaft marginalisiert werden?

Foto: Xpress
Bundeskanzlerin Angela Merkel posiert für das Selfie eines syrischen Muslims.

Gerade weil es das Christentum war, das Europas Geistigkeit – einschließlich seines Staats- und Rechtsverständnisses – geprägt hat, lautet die Schlüsselfrage für die Integration von Muslimen in Europa: Gehört das Christentum noch zu Europa? Gestehen wir dem christlichen Glauben jene politische, rechtliche und gesellschaftliche Wirkmacht zu, die Europa inmitten einer chaotischen Welt zum Leuchtturm der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte machte?

Wer jedoch meint, den Islam in Europa in den Griff nehmen zu können, indem er – diskriminierungsfrei – jegliche Religion in immer engere Schranken weist und aus der Öffentlichkeit verbannt, der wird nicht Integration fördern, sondern ihr Gegenteil. Das Streben nach öffentlicher Sichtbarkeit und Vernehmbarkeit gehört zum Wesen einer missionarischen Religion – des Christentums ebenso wie des Islam. Wo eine laizistische Ideologie dies verunmöglicht, bahnt sie den Weg ins Ghetto oder in die Katakombe, im Fall des Islam in Parallelwirklichkeiten im Untergrund.


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