VATICAN-magazin

Editorial

Medjugorje lebt weiter

von Guido Horst

Fragezeichen werden Medjugorje auch weiterhin anhängen. Zum einen ist es ein Wallfahrtsort, zu dem jährlich Millionen pilgern. Wo sich Menschen bekehren, beichten, ihre Berufung finden. Von dem ein Impuls ausgegangen ist, der zur Gründung junger geistlicher Gemeinschaft führte, die heute segensreich wirken. Zum anderen ein Heiligtum Mariens, bei dem man nicht weiß, ob die von den sechs Sehern bezeugten Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter wirklich echt und glaubwürdig sind. Diese Zweideutigkeit hat die Weisung des Papstes, ganz offizielle Wallfahrten von Diözesen und Pfarreien in den bosnischen Wallfahrtsort zuzulassen, ohne dass damit die Anerkennung der Authentizität der Visionen verbunden ist, auf unabsehbare Zeit verfestigt. Diese Entscheidung von Franziskus haben der Apostolische Visitator für Medjugorje, der polnische Erzbischof Henryk Hoser, und der Apostolische Nuntius in Bosnien-Herzegowina, Erzbischof Luigi Pezzuto, bei einer Messfeier in dem Wallfahrtsort bekannt geben. Dabei handelt es sich nicht um eine Anerkennung der Echtheit der Marienerscheinungen, mit denen Medjugorje ab 1981 bekannt und zu einem Magnet für Pilgernde und Marienverehrer aus aller Welt geworden ist, sondern um eine pastorale Entscheidung, die eine bessere Begleitung der Besucher des Heiligtums ermöglichen soll.

Die Pilgerfahrt nach Medjugorje ist damit päpstlich approbiert, ohne dass der eigentliche Kern der Wallfahrten, die Erscheinungen der „Gospa“, das kirchliche Gütesiegel der Echtheit erhalten hätte, wie es etwa für Lourdes, Fatima oder Guadalupe gilt. Die von Benedikt XVI. im Jahr 2010 eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des italienischen Kardinals Camillo Ruino war 2014 zu dem Ergebnis gekommen, dass bei den Erscheinungen Mariens zu unterscheiden ist. Die ersten sieben vom 24. Juni bis 3. Juli 1981 könnten echt sein. Dafür sprachen sich dreizehn Kommissionsmitglieder aus, bei einer Gegenstimme und einer Enthaltung, was die Medien erst 2017 enthüllten. Wesentlich skeptischer war man, was alle folgenden Erscheinungen angeht, als die Seher und die Marienerscheinungen in den harten Konflikt zwischen dem Ortsbischof und den Franziskanern hineingezogen wurden, die die Pfarrei von Medjugorje betreuten. Allerdings sprach sich die Ruini-Kommission mit großer Mehrheit dafür aus, das Verbot offizieller Wallfahrten nach Medjugorje aufzuheben – eine Empfehlung, der Franziskus jetzt gefolgt ist.

Auch wenn Zweifel an der Echtheit der bis heute anhaltenden Erscheinungen und Botschaften der Gottesmutter bestehen, auch wenn es dort Skandale gegeben hat – immerhin wurde ein früher geistlicher Begleiter der Seher laisiert und verließ den Franzsikanerorden –, auch wenn die Ortsbischöfe stets strikte Gegner der Echtheit der Erscheinungen waren: Wer guten Willens ist und beste Absichten hat, darf also gerne nach Medjugorje fahren, jetzt auch über den Weg kirchlich ganz offiziell organisierter Wallfahrten – und das Heiligtum so erleben, wie es der überwiegenden Mehrzahl von Millionen von Pilgern nun bald vierzig Jahre lang in Erinnerung geblieben ist: als Ort der Gnade, der Umkehr, der eucharistischen Anbetung und der Beichte.

Das im Siechtum begriffene Christentum in Europa hat nur noch wenige geistliche Brennkammern. Medjugorje ist eine davon – und nicht wie Notre Dame als Abglanz einer großartigen katholischen Vergangenheit, sondern als lebendiges Zentrum des Glaubens. Franziskus hat pragmatisch entschieden. Und Medjugorje vor dem Aus bewahrt.


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