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Titel-Thema

Notre Drame

Die Schöne erscheint in der Asche: Notre Dame in Flammen. Gebete und Tränen. Ein Feuer, das die Welt bewegt

von Freddy Derwahl

Notre Dame
Foto: Dpa

Noch während der Nacht schickt mir ein Freund ein altes Foto. Es zeigt eine Muttergottes-Statue, die von Feuerwehrmännern getragen wird. Nur der von schwarzen Schutzhandschuhen umfasste Kopf ist zu sehen. Die Zuflucht der Sünder wird jetzt selbst gerettet. Die Mutter der schönen Liebe, die Hoffnung der Verlorenen, die Jungfrau der Betrübten in den Händen helfender Menschen, die Stabat mater in hilfloser Schräge.

Und jetzt ein anderes Inferno: Notre Dame, Unsere Liebe Frau von Paris. Aus dem Innern steigen Rauchwolken in den Nachthimmel, es ist kein Weihrauch. Zwischen den lodernden Flammen sprießen die Wasserfontänen der Wehrleute, es ist kein Weihwasser. Um Mitternacht lässt der Erzbischof alle Glocken der Stadt läuten, jeder weiß, was es bedeutet, es ist Sturmgeläut. Eine Mutter mit vier Kindern kniet an der Seine-Brücke nieder.

Ave am Boulevard St. Michel

Diese Stunden sind voller Symbole. Sie reichen von apokalyptischen Drohungen bis zu Horror-Szenarien. Feuer über die verdorbene Stadt Sodom wird befürchtet. Andere sehen im stürzenden Turm das Ende des Christentums. Junge Beter haben sich unter der Statue des Dämonentöters Saint Michel versammelt. Auch das zeichenhaft: Dort, wo die Auswüchse der 68er-Revolution aufflammten, richten sich die Bitten an den heiligen Erzengel, den „Satan und die anderen bösen Geister“ in den Abgrund zu stürzen. Am Boulmich, mitten im Quartier latin ertönt das Ave Maria in jener Melodie, wie es im Mai Zehntausende Studenten auf den Spuren von Charles Péguy unterwegs zur anderen Maria, der schwarzen Madonna von Chartres singen.

Foto: Dpa
Jugendliche in Paris beten in der Nacht des Brandes vor einer Statue der Gottesmutter.

Der Vergleich mag gewagt sein, aber in dieser surrealistischen Wirklichkeit greift man nach jedem Strohhalm des Trostes. Erschien die Muttergottes nicht auch beim historischen Sonnenwunder am 13. Oktober 1917 in Cova da Iria bei Fatima als Feuer vom Himmel? In unserer Gott vergessenden Zeit haben sich die Dinge ins Absurde umgekehrt: Jetzt erscheint die Schöne in der Asche. Sie spricht nicht zu drei kleinen Kindern, sondern schweigt vor einem zusammenzuckenden Weltpublikum. Ihr strahlender Mantel besteht nur noch aus verbrannten Fetzen. Keine Krone mehr, kein Lächeln: Die Schmerzensmutter weint. Ist Gott tot?

Für Stunden sind die politischen Spielregeln außer Kraft gesetzt. Präsident Macron verzichtet auf seine Rede an die Nation. Es ist die Stunde der Machtlosigkeit. Die erschütterten Menschen spenden nicht ihm Beifall, sondern den vierthundert Feuerwehrleuten. In seiner Ahnungslosigkeit twittert Präsident Trump aus den Vereinigten Staaten, seine Anteilnahme für das bedrohte „Museum“, Marx und Lenin hoffierend... Die Franzosen, selbst die Nichtgläubigen und Sucher haben das immer ganz anders gesehen. Notre Dame war die große Vermittlerin zwischen allen Fronten. Stolz nennt sich die Nation „älteste Tochter der Kirche“. Kaiser, Könige, Staatsmänner jeder Couleur drängten durch die Portale. General de Gaulle marschierte 1944 nach der Befreiung von Paris zunächst zur „Lieben Frau“, wo noch geschossen wurde. Für die Résistance wurde ein Te Deum gesungen. Selbst der genüssliche Präsident Mitterand wollte auf dem Sterbebett auf ein Requiem nicht ganz verzichten: „Vielleicht eine Messe“, flüsterte er, bis zuletzt zögerlich. Sein Nachfolger Hollande besuchte die Gedenkmesse für den von zwei IS-Kämpfern in St. Etienne-des-Rouvray erstochenen Pfarrer Jacques Hamel. Sogar für die Opfer des sarkastischen „Charlie Hebo“ ließ der Erzbischof die Notre-Dame-Glocken läuten.

Kaddish am Marien-Portal

Voller Intensität die Präsenz der Päpste unserer Zeit. Der heilige Johannes Paul II. erinnerte 1980 die Franzosen in Notre Dame an die Treue zu ihrem Taufversprechen. Benedikt XVI. beeindruckte im benachbarten „Collège des Bernardins“ Frankreichs aufgeklärte Künstler und Intellektuelle mit dem „Schweigen der Mönche“. Ergreifend die Abschiedsmesse für den aus einer jüdischen Familie stammenden Kardinal Jean-Marie Lustiger am 10. August 2007. Bevor man ihn in das Innere trug, wurde an seinem Sarg das kaddish für seine Heiligung gebetet. In Notre-Dame, wo 1996 das Auferstehungsamt für die sieben in Algerien ermordeten Trappisten gefeiert wurde, schrieb ein Unbekannter ins ausliegende Kondolenzbuch: „Man kann sieben Blumen zertreten, aber man kann den Frühling nicht hindern, wieder aufzublühen“. Wann blüht auf der Seine-Insel „die schönste aller Frauen“ wieder auf?

Foto: Xpress

Seitdem im Mittelalter das gotische Meisterwerk aufgetürmt wurde, haben Dichter, Künstler und Musiker der Madonna die Ehre gegeben. „Nichts ist erschütternder als die aufbrausende Orgel von Notre Dame“, sagen die Menschen, die lange vor den drei Rosen-Glasfenstern ihre Augen erhoben. Der große Dominikaner Lacordaire predigte von der mächtigen Kanzel. Victor Hugo schrieb mit dem „Glöckner von Notre Dame“ einen Klassiker der Weltliteratur. Der junge verirrte Paul Claudel schlich während einer Weihnachtsvesper in die Kirche und wurde an der Säule unter der Marien-Statue von einer plötzlichen Bekehrung ergriffen. Trug die Gottesmutter einen „seidenen Schuh“?

Notre Dame, Notre Drame

Am Tag nach dem Großfeuer titelte die linke Tageszeitung „Libération“ sechspaltig nur zwei Worte: NOTRE DRAME, unser Drama. Der geniale Einfall lässt tief blicken. Zu Beginn der Karwoche leuchtete über dem zerstörten Hochalter ein großes goldenes Kreuz, das nachdenkliche Beobachter an den Wahlspruch der Kartäuser erinnerte: Stat crux dum volvitur orbis, das Kreuz steht fest in der jagenden Welt. Als erstes wurde die Dornenkrone Christi vor den Flammen gerettet, die im Mittelalter aus dem Heiligen Land hierhergebracht wurde. Leiden und Blut, Zeichen um Zeichen. Der Soziologe Denis Pelletier schrieb in dem Weltblatt „Le Monde“: „Notre Dame ist das schlagende Herz von Paris, es eint die Menschen in schwieriger Zeit“. Das Abendland ist nicht tot. Unter der Asche glüht Notre Dame.


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