VATICAN-magazin

Editorial

Österliche Menschen

von Guido Horst

Die Kirche ist jung. Das darf man gerade dann nicht vergessen, wenn Phänomene wie der Abschied von der flächendeckenden Volkskirche, die Verkrustung kirchlicher Strukturen, die Verweltlichung der Sprache der Amtsträger und das Unverständnis einer postchristlichen Gesellschaft ein bedrückendes Panorama schaffen. Und auch dann nicht, wenn man immer wieder einmal der Versuchung erliegt, das christliche Leben durch die Brille der Kirchenpolitik zu sehen. Das geschieht schnell. Ja, der Synodale Weg ist eine kirchenpolitische Veranstaltung – und man ist geneigt, auch das Präfix „kirchen-“ wegzulassen. Denn hier geht es vor allem darum, den Apparat zu retten. Die Kirche in Deutschland, so wie sie sich seit den siebziger Jahren entwickelt hat, lebt ganz und gar von der Kirchensteuer. Würde diese wegfallen, bräche das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Also muss diese Kirche von staatlichen Gnaden konsensfähiger gemacht werden, müssen die Ecken und Kanten abgeschliffen werden, die der Political correctness zuwiderlaufen. Statt sich auf kirchliche Kernthemen wie Neuevangelisierung, Katechese und Mission zu konzentriert, setzt sich der deutsche Gremienkatholizismus mit der ganzen Breitseite dem Druck der öffentlichen Meinung aus, wobei er doch ganz genau weiß, dass der gesellschaftliche Mainstream völlig gegenläufig ist zu dem, was die Kirche zum Glück des Menschen und zu dauerhaften Beziehungen sagt.

Aber der Start in ein neues Jahr, ein Wechsel von einem Jahrzehnt zum nächsten, ist auch eine Gelegenheit, die kirchenpolitische Brille abzunehmen, denn die hat Dioptrien, mit denen das immer wieder erfrischend Neue des christlichen Ereignisses gar nicht wahrgenommen werden kann. In diesen Tagen kommen nicht zwölftausend junge Menschen zur MEHR-Konferenz nach Augsburg, weil der kirchensteuerfinanzierte Apparat um seine Existenz fürchten muss und sich in einem zweijährigen Prozess mehr gesellschaftliche Akzeptanz aneignen will. Für die „österlichen Menschen“, von denen Kardinal Luis Antonio Tagle in unserer Titelgeschichte spricht, ist nicht eine Institution das Entscheidende, sondern die Auferstehung des Herrn Jesus Christus, deren Botschaft nicht irgendwann vor zweitausend Jahren verhallt ist, sondern in den Sakramenten der Kirche ihre lebendige Fortsetzung findet.

Gott sei Dank haben wir nicht nur einen Synodalen Weg, sondern das Kirchenjahr. Nach Weihnachten kommt Ostern. Zwei zentrale Feste, die klarmachen, dass das Christentum kein Menschenwerk, sondern Handeln Gottes an uns Menschen ist. Was gibt es Schöneres, als unseren Leserinnen und Lesern zum Neuen Jahr zu wünschen, mit Stolz und Freude „österliche Menschen“ zu sein, denen Geburt und Auferstehung des Herrn den umfassenden Sinn für das Leben schenken.


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