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Die pilgernde Redaktionskonferenz

Von Mahl zu Mahl

Heute (wieder einmal): Dal Toscano
Via Germanico, 58
00193 Roma
Tel.: (0039) 06 / 39 725717
Montags (leider) Ruhetag

„Gott, der Retter ist da! Wir wissen es seit 2000 Jahren“, hieß es zu Beginn unserer Kolumne für das Weihnachtsheft 2013, als wir uns zum letzten Mal für unsere Mahlkonferenz im Dal Toscano an diesem selben Tisch in der Nähe des Feuers niederließen, an dem schon Federico Fellini mit seiner zauberhaften Giuletta die schönsten Szenen seiner und ihrer Filme austüftelte. Das kann man wohl laut sagen, dass er da ist, auch wenn der Herr, wie es zuletzt aussah, sich eine Zeit lang in den Nebelbänken über Sankt Peter und einer weltweiten Gottesfinsternis nicht mehr hat blicken lassen, wie wir in dem Disputa-Stück des Chefs nachlesen können. Doch dann zeigt er sich plötzlich, wo ihn keiner mehr erwartet hat, wie wir in diesem Heft auch nachlesen können, in einer Geschichte, die kein Fellini oder Pasolini sich hätte ertüfteln oder erträumen können, auch nicht mithilfe einer Anderthalb-Liter Flasche roten Fiascos und einem kiloschweren Fiorentiner Steak. Diesmal sind wir mit den Dottores Weisbrod und Udwari hierhin zurückgekommen, um bei ihnen ein wenig mit unserem erlesenen Geschmack anzugeben. Es sind zwei jungen Hirsche aus unserem neuen Autorenstamm, von denen Dr. Weisbrod, unser diplomierter Spökenkieker und Zeichendeuter, gleich eine Geschichte über den heiligen Philip Neri alias Malachias und seine unverständlichen „Prophezeiungen“ mitbringt und für uns zu entschlüsseln versucht. Ein bisschen fellinesk.

Doch dies zum Angeben bei den Jungs: Als Vorspeise kommen zum knusprigsten Brot frisch gare Artischocken auf den Tisch und eine Vorspeisenplatte mit Prosciutto, Fenchel-Salami, Käse und einer Art Florentiner Schwartenmagen plus gerösteten Croutons mit passierter warmer Leber. Danach lassen wir uns gleich noch ein Tartar mit Kapern, Senf und dem ganzen Kram kommen und zwei Involtini: fleischgewordene Sinnbilder für die durch den Fleischwolf gedrehte und verwickelte und höchst pikante Situation der Kirche. Und Bohnen in Öl für das Papsttum natürlich und Linsen aus Norcia und Puntarella, den ultimativ römischen Salat mit Anchovis für unseren ominösen „Petrus Romanus“. Die jungen Hirsche kriegen ein Filetto Haché Imperiale, gefüllt mit Pinienkernen und Minze, die in Berlin, wenn schon, nur als Buletten über den Tisch gingen, im Rest der Heimat als Frikadellen, Fleischpflanzerl etc. pp. Dazu stoßen wir auf das alte Abendland an, auf dessen karolingischem Erbteil in den fünfziger Jahren durch die Signori Adenauer, Schumann und de Gasperi das neue Europa mit seiner bis dahin nie erlebten Friedenszeit hervorging – und auf die neunzig Jahre alten Lateranverträge, mit denen der Papst und Bischof von Rom aus seiner Gefangenschaft befreit wurde. Und noch einmal auf unseren Stefan Meetschen in Warschau und Alexander Solschenizyn und die Wahrheit!

Beim letzten Mal in diesem Lokal hatten wir für das Weihnachtsheft 2013 das zweite Glas gezielt auf den neuen Heiligen Vater gehoben, „nachdem das erste Glas, einer weisen Anleitung des seligen John Henry Newman zufolge, natürlich wieder zur Ehre des Gewissens durch unsere Kehlen ging.“ So halten wir es auch jetzt wieder, mit dem dritten und vierten Glas. So viel hat sich also gar nicht geändert in diesem Pontifikat. Immer noch lässt sich der Wohlgeschmack der Inkarnation kaum irgendwie sonst in Rom so sehr auf der Zunge zergehen lassen wie im Dal Toscano.

Zum Schluss Crème brulée, weil sie so gut ist, gleich zwei Mal, flankiert von einer Tiramisù, und einer Kippe vor der Tür für den Chef. Unsere Junghirsche sind platt. Wir lassen unseren Blick vom Tisch in die Küche zum Grill hingleiten und unsere Augen ausruhen in der Glut. „Gli ultimi anni devono brusciare“, hatten wir auch schon von Papst Franz zu Beginn seines Pontifikats als seine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung seiner unbegreiflichen Energie erfahren: „Die letzten Jahre müssen brennen!“ Da sind wir ebenfalls dabei, auch wenn sich das Feuer immer wieder mal wie ein Grill anfühlt, auf dem wir sitzen. Aua. Vielleicht sollten wir deshalb das nächste Mal, wenn wir wieder ganz unter uns sind, ja wirklich in der Trattoria Pommidoro im Bahnhofsviertel tafeln, wohin wir es leider trotz aller guten Vorsätze bis heute nicht geschafft haben, in das ehemalige Lieblingslokal des genial zwielichtigen Pierpaolo Pasolini.


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