VATICAN-magazin

Die pilgernde Redaktionskonferenz

Von Mahl zu Mahl

Heute: Ai Balestari dal 1862
Dal 1862 Cucina tipica Romana
Piazza dell’Unità, 27
00193 Roma, Prati
Tel.: (0039) 06 / 321 115 70

„Kirche“ wird in diesen Tagen zu einem Synonym für „Missbrauch“. Kirchenaustritte werden endemisch. Der Riss geht durch Familien und reißt Generationen auseinander. An Jesus Christus, das „Lamm Gottes“, das „hinwegnimmt die Sünden der Welt“, erinnert keiner mehr. Die Verheerung soll uns dem Ratschluss der Hölle zufolge wohl zur Verzweiflung treiben.

Medial hingegen sieht die Sache für uns wieder einmal ganz anders aus. Bei unserem Heft im Februar hatten wir mit Kardinal Müller die Titelgeschichte des Monats unter den deutschen Zeitschriften auf dem Cover unseres kleinen feinen Magazins, bevor der Kollege Mayr vom „Spiegel“ demselben Kardinal für sein Magazin bahnbrechende Aussagen entlockte zum Zustand der Una Sancta und ihrer Kurie. Bei uns aber haben einige Leser danach ihr Abo gekündigt, weil Papst Franziskus Kardinal Müller doch im Jahr 2017 als Präfekten der Glaubenskongregation gefeuert hatte. Da müssen wir durch. Denn wurde nicht auch schon Athanasius der Große (300–370) viermal verbannt, bevor der Glaube, den er vertrat, sich gegen die flächendeckende Irrlehre des Arius als wahre Lehre durchsetzte? Ja, so war es.

Und seit dem Jahr 1666 ist Athanasius (neben Augustinus, Ambrosius und Chrysostomos) einer der vier Kirchenlehrer, die in der Apsis des Petersdoms die „Cathedra Petri“ Berninis in ihren Händen halten. Ein anderer Kirchenlehrer hingegen, der Jesuit Robert Bellarmin (1541–1621), einer der direkten Vorgänger Müllers im „Heiligen Uffizium“, wurde dreimal aus Rom versetzt, bevor sein „kleiner Katechismus“ als Orientierungshilfe der katholischen Kirche in den Stürmen der Reformation anerkannt wurde.

Die neue Titelgeschichte fällt uns deshalb diesmal quasi vom Himmel in den Schoß, nachdem Kardinal Müller nur zehn Tage, nachdem er die Welt und Kirche mit dem wahren Antlitz Christi gesegnet hat, ein „Manifest des Glaubens“ veröffentlichte, das vor allem den Katechismus der Katholischen Kirche skizziert. Dennoch bescheinigte ihm Kardinal Kasper nur einen Tag später auf der Website der Deutschen Bischofskonferenz, in seinem Mitbruder sei wohl Martin Luther wieder auferstanden. Tja. Eine neue Göttliche Komödie? Es ist der Zustand der Kirche heute. Und ein Schuss vom zweiten in den vierten Stock an der Piazza Città Leonina 1, wo Kardinal Kasper schon vor zwanzig Jahren gegen Kardinal Ratzinger zu Felde zog. Damals erregte es den Zorn Kaspers, dass der damalige Chef der Glaubenskongregation das Dokument „Dominus Iesus“ veröffentlichte. Genau diese Worte aber – „Jesus ist der Herr!“ – bilden seit der Weihe Gerhard Müllers auch den Wahlspruch dieses Oberhirten. Da sind seine Gegner heute gut beraten, sich warm und mit starken Schutzwesten zu versehen, bevor sie gegen den sanften Zweimetermann erneut ihre Lanzen fällen.

Als wir uns im Balestrari aber niederlassen, sind es genau sechs Jahre her, dass Benedikt XVI. zurückgetreten ist, und der Schock sitzt uns immer noch in den Gliedern. Er sei „il gran rifiuto“ aus Dantes Göttlicher Komödie, hat uns heute Morgen ein Monsignore aus dem Vatikan in der Bar zugeflüstert. Und gerade haben uns zuverlässige Nachrichten erreicht, dass Benedikt bei seinem Kuba-Besuch im März 2012 extrem vom Zustand der Kirche geschockt war, die sich dort mit gezielter Förderung Fidel Castros in ein Schwulenparadies auf der Macho-Insel verwandelt hatte. Vor dieser Raffinesse des „Maximo Líder“ habe Papst Benedikt endgültig resigniert. Der Chef hatte davon damals auch nichts mitbekommen. Jetzt nimmt er einen Vorspeisenteller mit verschiedenen Würsten und einem Klatsch Ricotta in der Mitte als Kontrast zu einem Teller frittierter Salbeiblätter im Teigmantel.

„Ai Balestrari“ befindet sich seit einigen Jahren in Prati, und keiner kann uns erklären, warum es den Armbrustschützen gewidmet ist. Dazu ist das Personal des Lokals zu jung, das in höchst stürmischen Zeiten am Campo de’Fiori eröffnete, bevor es später an der Porta Pia seine erste Filiale eröffnete, wo die Truppen Garibaldis in den Kirchenstaat der Päpste eindrangen. Alte Fotos historischer Schmecklecker bedecken die Wände, die uns für den zweiten Gang zu Polpette und einer Wurst und Kalbsrippenstückchen in Tomatensoße verführen, zu knusprigem Brot. Dazu als Beilage: Schwarzkohl mit Kartoffeln, sehr bitter, sehr lecker, sehr einfach und so römisch, wie Rom nur sein kann. Als Nachtisch: Tiramisu, frisch und fett. Dazu einen Strauß herrlicher Kirchengeschichten und Gertrud von le Forts Hymnen an die Kirche: „Du hebst dein Haupt bis an den Himmel, und dein Scheitel wird nicht versengt, / Du schreitest bis zum Rande der Hölle nieder, und deine Füße bleiben unversehrt!“


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