VATICAN-magazin

Die pilgernde Redaktionskonferenz

Heute: Velavevodetto ai Quiriti
Osteria con Cucina
Piazza dei Quiriti, 5
00192 Roma
Tel.: (0039) 06 / 360 000 009

Von Mahl zu Mahl

Westlich von der Via Germanico, die nicht zu Ehren der Deutschen so heißt, sondern zu Ehren von Nero Claudius (15 vor bis 19 nach Christus), der als Germanenbezwinger den Ehrentitel „Germanicus“ erhielt, liegt die Piazza dei Quiriti. Wir sind hier im neuen Rom, das ganz das heidnische alte ist, bevor die Apostelfürsten die Hauptstadt der Welt neu gegründet haben. Den Ursprung des Namens Quiriti leitet Plutarch von dem sabinischen „curis“ für Speer oder Spieß ab. Die Quiriten dürfen wir uns deshalb als frühe Spießbürger vorstellen, die zu den Volksversammlungen zugelassen waren, im Gegensatz zum populus vulgaris. Wir sind aber hierhin gekommen, um vor dem Lokal auf der Terrasse zu sitzen und die Basilika San Gioachino zu bestaunen, über die unser Avvocato Udwari für dieses Heft ein Schlüsselstück beisteuert. Doch es schüttet, als wir ankommen, sodass wir gleich nach innen stürzen.

Hier ist es kuschelig und plüschig mit Spiegeln an den Wänden und den Decken, als wären wir in einem alten Freimaurer-Salon in Turin, wo die neuen Italiener herkamen, die unter Garibaldi 1871 den Kirchenstaat überrannt und aufgelöst haben, der der Einigung der italienischen Republik unter Cavour noch im Weg stand. Irgendwie sitzen wir hier also schon mitten in unserem neuen Heft, das uns diesmal als eine einzige Symphonie entgegenkommt. Bevor wir auch nur sitzen, steht schon eine Flasche prickelnden Wassers aus den etruskischen Quellen von Nepi vor uns, gleich dazu ein Körbchen mit Brot und eine Schale mit der Tomatensauce, in der die Kalbsrouladen geköchelt wurden. Wir tunken unser Brot da hinein und lassen den Weißwein des Hauses kommen.

Näher als Italien in seinem Aggregatzustand, das gerade schon wieder einmal keine Regierung hat, sind uns aber natürlich wieder unsere alte Heimat und die Debatten, die von dort über die Alpen schwappen, etwa im Besuch seiner zerstrittenen Bischöfe im Palast der Glaubenskongregation, der ausgegangen ist wie das Hornberger Schießen, doch mit dem Unterschied, dass der Heilige Vater die Söhne des heiligen Bonifatius wie Schuljungen, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, zurück nach Hause schickte zum Nachsitzen. Ob da aber nicht besser die gute alte Prügelstrafe der Mönche noch einmal aus dem Keller geholt werden sollte – natürlich auch bei den Bischöfen aus Chile, die gerade vor Papst Franziskus stramm stehen müssen? Wir lassen die Speisekarte kommen und bestellen. Zuerst eine feine Frittata für den Chef, also ein saftiges Stück Omelette mit geschmorten Zwiebeln und Kürbisblüten, und frittierte Bällchen aus Linsenmus. Die Frittata sei köstlich, sagt der Chef, der gleich danach die Kalbsroulade mit roter Soß‘ ordert. Dazu kommt noch ein Teller mit drei Rindfleischscheiben in Sardellensauce mit Kartoffeln auf den Tisch. Gewagte Entscheidung. Gar nicht gewagt dafür ist ein Teller geschmorter Endivie (Scarola) daneben mit Kapern und so weiter, einfach nur gut.

Draußen in der Welt geben gerade die Ereignisse im Heiligen Land unserer Titelgeschichte vom Januar Recht. Freuen darf uns das nicht. Es ist zum Heulen. Ein bisschen Prophetie ist kein Grund zum Feiern. Auch die Debatten um das Allerheiligste in Deutschland kommen uns wie ein „Déjà vu“ vor, zu dem wir im Jahr 2003 zum Katholikentag schon einmal alles gesagt hatten – wie wir damals dachten. Es hat dann doch nichts genutzt. Auch in dieser Hinsicht sitzen wir in diesem Lokal also goldrichtig: „Hab ich es euch nicht gesagt“ heißt der Name auf deutsch. Deshalb widerstehen wir auch der Versuchung, das alte Stück (trotz seiner knusprigen Zitate) hier noch einmal zu recyclen und heben stattdessen das unfassbare Geheimnis der Brotwerdung Gottes in einem einzigen Foto auf den Titel und beauftragen unseren Dirk Weisbrod aus Bonn, für uns einmal auszubreiten, was er in seinen Bibliotheken zum „Iconic Turn“ des Mittelalters herausgefunden hat. Markus Büning lässt es dazu ein wenig zur „Lehrautorität der Bischofskonferenzen“ krachen und Barbara Wenz zu Pjotr und Fevronia, den Schutzpatronen einer gescheiten russischen Ehe. Da geht der Chef aber schon wieder eine rauchen und der Kellner bringt noch ein Schoko-Tartufo aus der Küche, zu dem er selbst uns überredet hat, mit herausquellender flüssiger Schokolade, als gäbe es keine Waage im Bad. „War‘s denn teuer?“, werden Sie nun fragen. Na ja, es waren wohl Freimaurerpreise. Mit anderen Worten: gut bürgerlich.


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