VATICAN-magazin

Die pilgernde Redaktionskonferenz

Von Mahl zu Mahl

Heute: Alla Rampa dei Gracchi
Via dei Gracchi, 82–92
00192 Roma
Tel.: (0039) 06 / 32 21 615

Giggi ist tot, den wir unseren Leserinnen und Lesern im letzten Sommer noch höchst lebendig vorgestellt haben. Sehr traurig. Der alte Filmstar, der zwischen Anna Magnani, Sophia Loren und Marcello Mastroiani und dem legendären Totò vielleicht in der zweiten Reihe stand, war dennoch seit langem die unangefochtene Nummer Eins in seinem kleinen Lokal in der Via Catone, vor dem der liebenswürdige letzte Römer letzte Woche einfach zusammengebrochen ist und sein Leben in den Armen Floriannas, seiner Tochter, ausgehaucht hat. Grausam.

Deshalb gehen wir heute zur „L’Antica Griglia Toscana“, wo wir vor elf Jahren schon einmal ebenso herrlich wie dämlich getafelt haben, als wir die sensationelle Geschichte der Wiederentdeckung der Bundeslade durch unseren Chef im fernen Äthiopien für unser Magazin eingetütet haben. Jetzt freuen wir uns deshalb schon auf das Wiedersehen mit Filippo, dem alten Kellner, der uns immer als erstes verraten hat, was es an dem Tag für die Familie selbst zu essen gab, und auf den Sohn des Hauses, der uns jedesmal treuherzig die Hand auf unsere Schulter legte, bevor er die nächste Bestellung entgegen nahm, sowie auf Gloria, die liebenswürdigste Gloria, die wie eine köstliche und Schinken gewordene Visitenkarte an der Kasse saß. Dann aber stehen wir plötzlich vor der alten Adresse hinter dem Kleinmarkt des Prati-Viertels an der Via Cola di Rienzo, und: nulla, nada, nitschewo. Der „antike Grill“ ist einfach nicht mehr da. Es ist, als habe er sich einfach aufgelöst – zusammen mit Filippo und dem Sohn und Gloria, die ganze wundervolle Familie! Alle und alles weg. Stattdessen wartet hier nun die „Rampa dei Gracchi“ mit neuen großen Fenstern und einer Pracht der Ausstattung auf uns, als wäre frisch gedrucktes Geld aus New York oder Kalabrien hierhin geschafft und investiert worden, oder von beiden Orten. Natürlich nehmen wir dennoch Platz an einem der tollen neuen großen Fenster, die armen Kellner können ja nichts für den Wechsel, und bestellen: für den Chef ein Caprese (Büffelmozarella mit Basilikum und Tomaten), danach einen Teller Miesmuscheln in Sud, parallel dazu frittierten Stockfisch plus einem Filetstück mit grünem Pfeffer und einem Teller Wegwarte aus der Pfanne daneben.

Alles köstlich. Da gibt es nichts zu meckern. Auch nicht an den Zutaten dieses Heftes. Mit einem Porträt Stefan Meetschens des Dadaisten Hugo Ball, des „katholischen Nietzsche“, einer rasiermessenscharfen Analyse der Kabbalen der Bischofskonferenzen, die Jesus, der Herr, und das Evangelium so noch nicht vorgesehen hatten. Dazu ein schrulliges Gedicht des Dichterfürsten Rilke zu den Engeln, mit einem Plädoyer Bertram Karl Steiners für dieselben Himmelsboten und einer Würdigung der heiligen Kapuziner Pio und Domenico, wie wir sie auch Deutschland wünschen möchten, das Heilige so nötig hätte in all seinem Streit und Mönchsgezänk, das mittlerweile – unter Zutun seiner Bischöfe – am Allerheiligsten angekommen ist. Der Gottesdienstbesuch ist dabei inzwischen bei Katholiken unter zehn Prozent gesunken und bei unseren evangelischen Brüdern und Schwestern um die drei Prozent. Offenbar gerade die rechte Zeit und Gelegenheit, um vom Zentralorgan der DBK mit „sprungbereiter Feindseligkeit“ Sperrfeuer eröffnen lassen gegen den 91-jährigen Papa emerito in der „Mater Ecclesiae“ als „Wegbereiter eines neuen Antisemitismus“, wie der irritierend sprunghafte Rabbi Homolka herausgefunden haben will. Na servus! Irgendwohin muss die Kriegskasse der Kirchensteuer ja verballert werden, und dieser alte Mann feuert nicht zurück. Das hat er noch nie getan, leider, der auch mit gescheiten bairischen Fußtritten in verschiedene preußische und andere Hintern Zeit seines Lebens allzu sparsam war. All diesen Streit überdauern wird dafür aber, was unser Doktor Weisbrod über den Codex georg. sin. 68 aus dem sechsten Jahrhundert herausgefunden und für uns aufgeschrieben hat. Auch der offene Brief unseres Markus Reder an Johannes Paul I. und sein Lächeln wird überdauern. Die Kirche Gottes wird überdauern. Das Filet ist phantastisch, doch zu groß. Deshalb lassen wir es – erstmalig in dieser Serie – für die hungrige Gemahlin daheim einpacken. Da klingelt das Telefon. Florianna ist dran, die Tochter Giggis, und sagt, dass es bei ihr heute venetianische Leber gäbe nach Art ihres papà. Da könnte ich am Schluss nun doch nur noch weinen.


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