VATICAN-magazin
Foto: Paul Badde

In der Geschichte der Kirche hat stets der „kleine Rest“ den Glauben bewahrt. Die wenigen Gläubigen, die Gott und Seinem Bund treu blieben, sind der Stumpf, der immer wieder aufblüht, um den Baum weiterleben zu lassen. Wie hilflos sie auch sein mag – eine kleine Herde wird immer übrigbleiben, als Mahnung für die Christen und die Welt. Die Heiligen haben Gott gefunden, sie haben das Wesentliche erfasst, sie sind der Grundpfeiler der Menschheit. Die Erde wird neu geboren und erneuert durch die Heiligen und ihre unerschütterliche Verbundenheit mit Gott und all jenen, die sie zum ewigen Heil führen wollen.

Keine menschliche Initiative – und sei sie noch so reich an Talenten und Großherzigkeit – kann eine Seele verwandeln und ihr das Leben Christi schenken. Allein die Gnade und das Kreuz Christi können die Seelen retten und heiligen und die Kirche wachsen lassen. Wenn wir die menschlichen Anstrengungen steigern und meinen, die Methoden und Strategien würden aus sich heraus wirken, dann werden wir nur Zeit verlieren. Allein Christus kann den Seelen Sein Leben geben; Er gibt es in dem Maß, in dem Er selbst in uns wohnt und uns an sich gezogen hat. So ist es bei den Heiligen; ihr ganzes Leben, all ihr Tun und Wollen ist beseelt von Jesus. Das Ausmaß der Bekehrung, welche durch einen Apostel gewirkt wird, hängt einzig von seiner Heiligkeit und der Intensität seines Gebetslebens ab.

Täglich sehen wir, wie eine unglaubliche Menge an Arbeit, Zeit und Mühen voller Eifer, doch ohne jegliche Wirkung verschwendet wird. Die Kirchengeschichte zeigt, dass ein einziger Heiliger genügt, um tausende von Seelen zu bekehren. Betrachten wir zum Beispiel den Pfarrer von Ars. Er war schlichtweg heilig, verbrachte viele Stunden vor dem Tabernakel und hat auf diese Weise Scharen von Menschen aus der ganzen Welt in ein kleines, unbekanntes Dorf gezogen. Die heilige Thérèse vom Kinde Jesu, die nach wenigen Jahren in einem Karmel auf dem Land an Tuberkulose starb, hat nichts Anderes getan, als einfach fromm zu leben und allein Jesus zu lieben; aber sie hat tausende von Seelen berührt. Die Hauptbeschäftigung aller Jünger Jesu muss die Heiligung sein. Das Gebet, die stille Kontemplation und die Eucharistie müssen die erste Stelle in ihrem Leben einnehmen; ohne sie ist alles andere nur eitles Treiben. Die Heiligen sind bestrebt, die Sünder zur Wahrheit Christi zu führen, die sie lieben und in der sie leben. Sie können diese Wahrheit nicht verschweigen oder auch nur das kleinste Wohlgefallen an Sünden und Fehlern bezeugen. Die Liebe zu den Sündern und Verirrten verlangt von uns, dass wir unbarmherzig gegen ihre Sünden und Irrtümer kämpfen.

Foto: dpa
Benedikt XVI. im Dezember 2011.

Heilige sind den Augen ihrer Zeit oft verborgen. Wie viele Heilige in den Klöstern werden von der Welt nie erkannt!

Ich bedauere, dass viele Bischöfe und Priester ihre Hauptaufgabe vernachlässigen, nämlich ihre eigene Heiligung und die Verkündigung des Evangeliums Jesu. Stattdessen engagieren sie sich für sozialpolitische Fragen wie Umwelt, Migration oder Obdachlose. Sich an diesen Diskussionen zu beteiligen, mag löblich sein. Wenn sie dabei jedoch die Evangelisierung und ihre eigene Heiligung vergessen, ist ihr Tun umsonst. Die Kirche ist keine Demokratie, in der die Mehrheit die Richtung vorgeben darf. Die Kirche ist ein Volk von Heiligen. Im Alten Testament erneuert ein kleines, stets verfolgtes Volk den Bund mit Gott immer wieder durch die Heiligkeit seines alltäglichen Lebens. In der Urkirche nannten die Christen sich „Heilige“, weil ihr ganzes Leben von der Gegenwart Christi und vom Licht Seines Evangeliums durchdrungen war. Sie waren in der Minderheit, doch sie haben die Welt verändert. Christus hat Seinen Anhängern nie versprochen, dass sie in der Mehrzahl sein werden.

Trotz all ihrer missionarischen Bemühungen hat die Kirche die Welt nie beherrscht.

Denn die Mission der Kirche besteht in der Liebe und die Liebe beherrscht nicht. Die Liebe ist da um zu dienen und zu sterben, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben. Johannes Paul II. hatte also Recht, als er sagte, dass wir noch ganz am Anfang der Evangelisation stehen. (...)

In einer Ansprache vor den Mitgliedern der Kurie am 22. Dezember 2011 kam Benedikt XVI. zu folgendem Schluss: „Der Kern der Krise der Kirche in Europa ist die Krise des Glaubens. Wenn wir auf sie keine Antwort finden, […] dann bleiben alle anderen Reformen wirkungslos.“ Wenn er von einer „Krise des Glaubens“ spricht, müssen wir richtig verstehen, dass es sich nicht in erster Linie um ein intellektuelles oder theologisches Problem im akademischen Sinn handelt. Es geht um einen „lebendigen Glauben“, einen Glauben, der das Leben durchdringt und verändert. Weiter sagte Benedikt XVI. an jenem Tag: „Wenn Glaube nicht neu lebendig wird, tiefe Überzeugung und reale Kraft von der Begegnung mit Jesus Christus her, dann bleiben alle anderen Reformen wirkungslos.“ Dieser Verlust des Gespürs für den Glauben ist die eigentliche Wurzel der Krise unserer Gesellschaft. Wie damals in den ersten Jahrhunderten der Christenheit, als das Römische Reich zusammenbrach, scheinen die menschlichen Institutionen sich auch heute auf dem Weg in den Abgrund zu befinden. Die zwischenmenschlichen Beziehungen – seien sie politischer, sozialer, ökonomischer oder kultureller Art – werden schwierig. Wir haben das Fundament der gesamten menschlichen Zivilisation untergraben und der totalitären Barbarei die Tore geöffnet, indem wir den Sinn für Gott verloren haben.

Um was es geht, erklärte Benedikt XVI. wunderbar in seiner Generalaudienz am 14. November 2012: „Der von Gott getrennte Mensch [ist] auf eine einzige Dimension – die horizontale – reduziert, und eben dieser Reduktionismus ist eine der wesentlichen Ursachen für die Totalitarismen, die im letzten Jahrhundert tragische Folgen hatten, ebenso wie für die Wertekrise, die wir in der gegenwärtigen Wirklichkeit erfahren. Durch die Verdunkelung des Gottesbezuges hat sich auch der ethische Horizont verdunkelt, um dem Relativismus und einem zweifelhaften Freiheitsverständnis Raum zu geben, das nicht befreiend ist, sondern den Menschen am Ende vielmehr an Götzen bindet. Die Versuchungen, denen Jesus in der Wüste vor seinem öffentlichen Wirken ausgesetzt war, zeigen jene ,Götzen’ auf, die den Menschen anziehen, wenn er nicht über sich selbst hinausgeht. Wenn Gott die zentrale Stellung verliert, dann verliert der Mensch den ihm zukommenden Ort, findet er nicht mehr seinen Platz in der Schöpfung, in den Beziehungen zu den anderen.“

Ich möchte diesen Gedanken unterstreichen: Gott die Möglichkeit zu verweigern, in alle Bereiche des menschlichen Lebens einzudringen, verbannt den Menschen letztlich in die Einsamkeit. Was bleibt, ist ein isoliertes Individuum, ohne Ursprung, ohne Ziel. Es ist dazu verdammt, wie ein wilder Nomade in der Welt umherzuirren, ohne zu wissen, dass er Sohn und Erbe eines Vaters ist, der ihn aus Liebe erschaffen hat und ihn beruft, an Seinem ewigen Glück Anteil zu haben. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Gott beschränke unsere Freiheit oder beraube uns ihrer womöglich ganz. Im Gegenteil: Gott kommt, um uns aus der Vereinzelung zu befreien und unserer Freiheit einen Sinn zu geben. Der moderne Mensch hat sich zum Gefangenen einer Vernunft gemacht, die in einem solchen Ausmaß autonom ist, dass sie zu Isolation und Autismus führt. „In der Offenbarung Gottes [geht] es gerade darum, dass er, der Lebendige und Wahre, in unsere Welt einbricht und so auch den Kerker unserer Theorien aufbricht, mit deren Gitterstäben wir uns selbst gegen dieses Kommen Gottes in unser Leben absichern wollten. […] Die Not der Philosophie, das heißt die Not, in die sich die positivistisch fixierte Vernunft hineinmanövriert hat, ist zur Not unseres Glaubens geworden. Er kann nicht frei werden, wenn die Vernunft selbst sich nicht neu öffnet. Wenn die Tür zu metaphysischer Erkenntnis verschlossen bleibt, wenn die von Kant fixierten Grenzen menschlichen Erkennens unüberschreitbar sind, dann muss der Glaube verkümmern: Es fehlt ihm einfach die Atemluft“, schrieb Joseph Ratzinger in dem Aufsatz „Zur Lage von Glaube und Theologie heute“.

Der Niedergang unserer Zivilisation geht weit zurück. Er erreichte einen kritischen Punkt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Auseinandersetzung der Kirche mit der Moderne hat im Westen bei vielen Priestern und Christen Leiden und Zweifel hervorgerufen. Bei seiner Rede auf dem Katholikentag 1966 in Bamberg sprach Joseph Ratzinger sehr klare Worte. Um die Situation der Kirche in der heutigen Zeit darzustellen, führte er als Metapher die neugotische Kathedrale von New York an, die von Stahlriesen und Wolkenkratzern überragt ist. Früher waren die Kirchturmspitzen höher als alle Häuser der Stadt und erinnerten an den Ewigen; heute aber ist das heilige Gebäude umstellt von mächtigeren Bauwerken und wirkt in seiner Umgebung wie verloren. Die anbrechende Moderne verachtete die Kirche, die Intellektuellen verstanden die Lehre nicht mehr; es entstand der Eindruck eines unausräumbaren Missverständnisses. Dies führte – besonders in den Jugendbewegungen – zu dem Wunsch, sich von gewissen alten, überholten Details zu verabschieden. Für viele wurde das Herzstück des christlichen Lebens unverständlich, denn sie schauten nur noch auf diese nebensächlichen Kleinigkeiten.

Als Beispiel führte Joseph Ratzinger den altmodischen Stil einiger vorkonziliarer Traktate an, die Äußerlichkeit der römischen Kurie und die übertriebene Zurschaustellung von Prunk und Pracht in den barocken Pontifikalämtern. Es galt, die Ursachen dieser Missverständnisse und der unnötigen Skandale auszuräumen. Der Kern des Evangeliums musste in einer Sprache zum Ausdruck kommen, welche die modernen Menschen verstehen konnten.

Die pastorale Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils „Gaudium et Spes“ über die Kirche in der Welt von heute wollte das Erbe abstauben, um es stärker zur Geltung kommen zu lassen. Als es jedoch darum ging, die Beziehung der Kirche zur Welt von heute in anderen Worten auszudrücken, merkte man, dass die Probleme weit über das bloße Streichen veralteter Ausdrucksweisen hinausgingen. Es ist legitim, neue Formen der Evangelisation zu suchen, welche die moderne Welt aufnehmen und begreifen kann, aber es ist naiv und überflüssig, die Kirche um jeden Preis mit der Welt in Einklang bringen zu wollen. Schlimmer: Es ist ein Anzeichen theologischer Blindheit. Joseph Ratzinger erklärte in seiner Ansprache vor der römischen Kurie beim Weihnachtsempfang im Dezember 2005: „Auch in unserer Zeit bleibt die Kirche ein ,Zeichen, dem widersprochen wird’ (Lk 2,34) – diesen Titel hatte Papst Johannes Paul II. nicht ohne Grund noch als Kardinal den Exerzitien gegeben, die er 1976 für Papst Paul VI. und die Römische Kurie hielt. Es konnte nicht die Absicht des Konzils sein, diesen Widerspruch des Evangeliums gegen die Gefahren und Irrtümer des Menschen aufzuheben. Zweifellos wollte es dagegen Gegensätze beseitigen, die auf Irrtümern beruhten oder überflüssig waren, um unserer Welt den Anspruch des Evangeliums in seiner ganzen Größe und Klarheit zu zeigen. Der Schritt, den das Konzil getan hat, um auf die Moderne zuzugehen, und der sehr unzulänglich als ,Öffnung gegenüber der Welt’ bezeichnet wurde, gehört letztendlich zum nie endenden Problem des Verhältnisses von Glauben und Vernunft, das immer wieder neue Formen annimmt.“

In der Tat bemühten einige den Begriff der Menschwerdung, um zu behaupten, dass Gott der Welt entgegengekommen sei und sie geheiligt habe. Folglich musste die Kirche nach ihrer Auffassung mit der Welt versöhnt werden. Naiv glaubten sie, Christsein bestünde darin, fröhlich in die Welt einzutauchen. Im Gegensatz zu diesem pubertären Irenismus verwies Joseph Ratzinger darauf, dass die Inkarnation im Neuen Testament nur im Licht der Passion und der Auferstehung verstanden werden kann. In den Predigten der Apostel nimmt die Verkündigung der Auferstehung, die untrennbar mit dem Kreuz verbunden ist, eine zentrale Stellung ein. In seiner Rede auf dem Katholikentag in Bamberg erklärte Joseph Ratzinger: „Eines aber kann auf jeden Fall gesagt werden: Eine Weltzuwendung der Kirche, die ihre Abwendung vom Kreuz darstellen würde, könnte nicht zu einer Erneuerung der Kirche, sondern nur zu ihrem Ende führen. Der Sinn der Weltzuwendung der Kirche kann nicht sein, den Skandal des Kreuzes aufzuheben, sondern allein der, ihn in seiner ganzen Blöße wieder zugänglich zu machen, indem alle sekundären Skandale weggeräumt werden, die sich dazwischengeschaltet haben und leider oft genug die Torheit der Liebe Gottes mit der Torheit der Eigenliebe der Menschen verdecken und so feindlich einen falschen Anstoß geben, der sich zu Unrecht hinter dem Anstoß des Meisters verschanzt. Anders ausgedrückt: Der christliche Glaube ist für den Menschen aller Zeiten ein Skandal. Dass der ewige Gott sich um uns Menschen annimmt und uns kennt, dass der Unsterbliche am Kreuz gelitten hat, dass uns Sterblichen Auferstehung und Ewiges Leben verheißen ist: das zu glauben, ist für den Menschen eine aufregende Zumutung. Diesen christlichen Skandal hat das Konzil nicht aufheben können und wollen. Aber wir müssen hinzufügen: Dieser primäre Skandal, der unaufhebbar ist, wenn man nicht das Christentum aufheben will, ist in der Geschichte oft genug überdeckt worden von dem sekundären Skandal der Verkündiger des Glaubens, der durchaus nicht wesentlich ist für das Christentum, aber sich allzu gerne mit dem Glaubensskandal verwechseln lässt und sich in der Pose des Martyriums gefällt, wo man in Wahrheit nur das Opfer der eigenen Engstirnigkeit ist.“

Ich halte an diesem zentralen Punkt fest: Jesus Christus ist durch Sein Kreuz die einzige Quelle des Heils und der Gnade. Durch das Opfer Seines Todes, im Sieg über die Sünde, schenkt Er uns das übernatürliche Leben, das Leben der Freundschaft mit Ihm, das zum Ewigen Leben führt. Um in Jesus Christus das uns geschenkte göttliche Leben zu finden, gibt es keinen anderen Weg als das Kreuz, welches die Kirche „spes unica – die einzige Hoffnung“ nennt.


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